Lösch mir die Augen aus

20.01.2006 um 01:25 Uhr

Fischen im Nebel

von: AiHua

Gestern waberte ich so über Musikseiten hinweg, habe natürlich nicht das gefunden was ich finden wollte, allerdings habe ich wahrscheinlich schon auf der ersten Seite vergessen was ich gesucht habe.

Dafür habe ich aber eine Rezension, samt einem Lied als MP3 gefunden. Bin drüber gestolpert und staunend liegen geblieben. Nach dreimal hören konnte ich mein Glück immer noch nicht fassen und konnte mich aus der Benommenheit noch gar nicht lösen, welche das Lied ausgelöst hatte. Ich fühlte mich wie im Nebel, eingehüllt in ein warmes Schafsfell (oh, dazu übrigens noch an anderer Stelle mehr!), und ich hatte überhaupt gar keine Lust wieder auf zu stehen. Liegen bleiben und noch mal hören erschien mir viel sinnvoller.

Das Lied hat dann auch den Namen early summer, bietet sich also dazu an draußen rum zu liegen, wobei immer noch eine Briese weht und die Sonne noch weich durch frisches, zartes Grün scheint. Das Lied befindet sich auf dem Album ephemerl und ist das zweite Album von piana. Die Japanerin arbeitet unter verschiedenen Pseudonymen, aber bei so bekannten Internetanbietern für Unterhaltungsmedien findet man beide Alben unter dem Namen Piana.

Die Musik besteht aus elektronischen und akustischen Klangbildern, ist (zumindest bei diesem Lied) fein, zierlich, fragil. Schon nur das erste Einsetzen der Streicher erinnert an múm, und wenn die Stimme einsetzt und auch leicht, säuselnd und durch die Aussprache (sie singt auf Japanisch) irgendeine besondere Seite bei mir anschlägt, dann scheint der Vergleich noch passender. Dabei will ich aber jetzt nicht sagen, dass Piana múm auf Japanisch ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass Menschen mit Gefallen an der einen Musik auch Gefallen an der anderen finden könnten. Wie ich gerade gelesen habe bin ich mit dieser Meinung auch nicht allein, wobei die Rezension auch noch Tujiko Noriko als Vergleichsbeispiel nutzt und ich das bei den wenigen Liedern die ich kenne nicht nachvollziehen kann.

18.01.2006 um 00:27 Uhr

übrigens

von: AiHua

Ich verlange Satisfaktion!

17.01.2006 um 20:12 Uhr

nochmals Rilke

von: AiHua

Ja, wenn man Zeilen aus ihrem Kontext reißt, dann können sie plötzlich ein ganz anderes Bild abgeben. Das rufe ich mir mal selbst ins Gedächtnis und gebe das ganze Gedicht wieder, nach dem mein Blog seinen Namen hat.

Rilke hat es in seinem Stundenbuch veröffentlicht, welches schon durch diesen Namen in den christlichen Kontext gebracht wird und auch durch die Einordnungen der drei Bücher: Vom Mönchischen Leben, Von Der Pilgerschaft und Von der Armut Und Vom Tod. Das Gedicht wurde aber auch an seine damalige Geliebte Lou Andreas-Salomé verfasst. „In zahlreichen Gedichten Rilkes findet sich ein Echo dieser Begegnung, oftmals im Ton einer fast religiösen Anbetung“,[1] dieses Gedicht soll ein Beispiel dafür darstellen.

 

LÖSCH mir die Augen aus: ich kann dich sehen,

wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,

und ohne Füße kann ich zu dir gehn,

und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.

Brich mir die Arme ab, ich fasse dich

Mit meinem Herzen wie mit einer Hand,

halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,

und wirfst du in mein Hirn den Brand,

so wird ich dich auf meinem Blute tragen.



[1] Aufsatz zu Andreas-Salomé, Lou. Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003 © 1993-2002 Microsoft Corporation.

17.01.2006 um 03:04 Uhr

Aus meinem noch handschriftlichen Archiv

von: AiHua

Roter Backstein. An ihm haftet alter Zement. Im Radio spricht der Typ vom Flockenfieber, aber draußen scheint die Sonne, heiß, glühend, verheerend. Eine gelbe Wüstenlandschaft. Schlangenspuren in dieser gelben Welt. Es ist so hell, dass die Angst vorhanden ist zu erblinden. Und diese Hitze, die langsam alle Flüssigkeit aus einem heraus zieht. Später liegt man nur noch als helles, ausgeblichenes Gerippe da, vom Sand umspült, versenkt.

Ein Fenster im roten Backstein schwingt auf, weiß, mit stumpfen Scheiben. Flechten hängen herab. Braune Strähnen, die einen Blick verbergen. Wie Algen im Wasser schwimmen sie um einen offenen Mund, aus dem Lachen blubbert. Langsam steigen sie nach oben zur Sonne. Die feuchten Blasen zerplatzen schmatzend durch die Hitze der Sonne. In der Wüste hört man es lachen.

Die Hitze sticht wie eine Nadel in einen roten Luftballon.

Türkise Wände hinter stumpfen Glas. Die Sonne bricht in ihm, blendet einem und verwehrt den Blick auf das Mädchen mit dem Haar, das sich ins Innere zurückgezogen hat.

Es wird wohl dasitzen, am Auge des Lehrers hinweg schielen, so tun, als würde es verstehen, wissen was er tut, verstehen warum es da sitzt, verstehen wozu das Ganze ist. Verstehen, dass dies alles Sinn hat.

Doch Kamele ziehen mit ihrem gemächlichen Gang an dem Blick des Mädchens vorbei. Dabei kauen sie ewig, langsam, zäh.

Alle kauen heute Kaugummi, selbst Respektspersonen.

 

(08.02.2001)

17.01.2006 um 02:36 Uhr

Wüste der Gedanken

von: AiHua

Zuhören kann so anstrengend sein.

Das habe ich mal wieder gemerkt, als ich mich heute Morgen in einem Hörsaal wieder fand, der sinniger Weise total beheizt war.

Wieso war ich da, das habe ich mich schon nach einer Stunde gefragt? Und dabei hatte ich noch einige Stunden vor mir. An sich schnell gesagt, eine interdisziplinäre Tagung in Kunstgeschichte und Philosophie mit dem schönen Thema Bild und Zeit. Temporalisierung in der bildenden Kunst und Kunsttheorie um 1800 und seitdem.  Ja, also an sich ganz nett, doch meine persönlichen interdisziplinären Erfahrungen hätten mich warnen sollen und vor allem meine Erfahrungen mit dem Fach Philosophie, welches ich nach drei Semester im Nebenfach aufgegeben habe. Als schließlich nach dem ersten, für mich verquasten Vortrag die Fragen kamen wusste ich auch wieso. Nur dass ich heute weiß, dass ich früher nicht zu blöde für die Fragen der Hörenden war, sondern einfach nicht mit der Subjektivität des Faches zu recht kam (wobei nicht auszuschließen ist, dass ich zudem auch noch zu blöde bin).

Aber beginnen wir mit dem ersten Vortrag: Die Referentin hat erstmal gleich versucht Gemeinsamkeiten der beiden Fächer zu finden. Ja, ich sag mal, das zeigte gleich auf, dass es da große Schwierigkeiten in der Auffassung gibt. Die gute Frau, bestimmt eine Kapazität ihres Faches, meinte, dass Philosophie und Kunst die Gemeinsamkeit hätten bildend, neu schaffend zu sein. Damit hat sie auch bestimmt recht, aber damit hat sie es geschafft eine Aussage über ihr eigenes Fach zu machen, nicht aber über die Kunstgeschichte, denn ein Kunsthistoriker bildet nicht, er bearbeitet nur die bildende Kunst. Der Philosoph hingegen kann und macht auch meistens beides. Was die Referentin auch gleich gezeigt hat. Dabei erschien mir das alles doch unwissenschaftlich. Nicht, dass ich es nicht toll finde, das ein universitäres Fach es sich herausnimmt auch sinnstiftend, bildend zu sein, aber es sollte doch eine klare Trennung vollziehen, wenn es wissenschaftlich arbeitet und da nicht die philosophischen Ansichten zu vermischen.

Nicht nur das hat die Annäherung zur Kunstgeschichte erschwert, die bestimmt irgendwie möglich ist, wenn man nur ganz fest daran glaubt, sondern eben noch solche Annahmen, dass es über die Zeit hinaus feste Ideen gibt. Ich glaube, dass würde an sich kein Kunsthistoriker mehr so richtig, total wissenschaftlich überzeugt, sagen. Nicht nur, dass das irgendwie schon in unserem Fach benannt ist (ich habe mich wohl gerade geoutet), nein, seit der Postmoderne sind da doch die Geisteswissenschaftler anderer Meinung. Gut, vielleicht etwas desillusioniert, aber nicht weniger idealistisch.

Ja, ich könnte noch mehr über meine Qual an diesem Tag schreiben, ich konnte mich nur schwer vom Einschlafen abhalten, aber ich glaube, dass so schon ein ermüdender Einblick geboten wurde.

17.01.2006 um 01:16 Uhr

Puppenaugen

von: AiHua

Um es gleich zu Anfang zu sagen:

Das hier ist kein Rilke-Blog, noch werde ich andauernd schreiben, dass ich mich wie das lyrische Ich von Rilke, als Puppe fühle, mich in ihr zurückziehe oder aber vor der Puppe Angst habe, oder was man da noch so sagen könnte. Vielleicht kommt es manchmal vor, so genau weiß ich das nicht; aber jedenfalls nicht nur.

Wobei die Darstellung der Augäpfel natürlich auch in die Richtung gedeutet werden können!

Trotzdem habe ich aber zuerst bei der Gestaltung des Blogs, und vor allem bei der bildlichen Darstellung daran gedacht, dass ich schildere was mir so durch die Sinne geht und gedanklich verarbeitet wird. Darum so viele Augen, die jeweils in verschiedene Richtungen ausgerichtet sind. Immer wieder Eindrücke sammeln und dabei wahrscheinlich durch die Vielheit vollkommen die Übersicht und der Verstand verlieren.

Aber hey, wer strebt nicht etwas Irrsinn an? Wenn wir schon mit Rilke begonnen haben, können wir zum Abschluss auch im angenehm schaurigen fin de siècle schwelgen,

 

Stimme eines jungen Bruders

Ich verinne, ich verinne

Wie Sand, der durch die Finger rinnt.

Ich habe auf einmal so viele Sinne,

die alle anders durstig sind.

Ich fühle mich an hundert Stellen

Schwellen und schmerzen

Aber am meisten mitten im Herzen.

 

Ich möchte sterben. Laß mich allein.

Ich glaube, es wird mir gelingen,

so bange zu sein,

dass mir die Pulse zerspringen.