In Ordnung, ich muss den
Handschuh aufnehmen, schließlich habe ich ihn
erfreut aufgehoben und das, obwohl er mir noch nicht mal durch das
Gesicht gezogen wurde.
Ja, also wo anfangen, wo weiter
machen und vor allem, wo aufhören? Ja, ich mach dann mal einfach, mal sehen wo
ich stecken bleiben werde.
Der Handschuh wurde mir übrigens
in folgender Formulierung/Frage virtuell rüber geworfen:
Bin zwar kein Kunsthistoriker - aber als
interessierter Laie kann man sich trotzdem auch Gedanken machen. Mir ist bei
der Differenz zwischen Moderne und sogenannter Postmoderne immer unklar
geblieben, ob es sich um eine stilistische oder um eine chronologische
Differenzierung handelt. Mir scheint, dass die Moderne nicht aufhören kann, und
deshalb muss auch die Postmoderne eine Spielart der Moderne bleiben.
Schließlich ist das Zitat des Prämodernen in der Postmoderne immer nur Zitat
geblieben, meiner Meinung nach gibt es nichts, was beweisen könnte, dass die
Postmoderne neue Regeln, Anweisungen, Normen für die Architektur erzeugt hätte.
Dazu ist sie offensichtlich auch ungeeignet, denn mehr als die prätentiöse Behauptung
der Individualästhetik des Architekten hat sie dem Material und den Prinzipien
der Moderne nicht hinzufügen können (und diese Behauptung war den modernen
Klassikern bereits ein Anliegen, auch wenn es ihnen nicht immer bewusst war).
Also, liebe AiHua, wo liegt denn Deiner Meinung nach der gigantische
Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne? (von Wegen)
Also ich fang dann mal mit meiner
Eröffnung an (wahrscheinlich würde ich mich mit einem Degen lächerlich in
meinen eigenen Hemdfalten verheddern). Die Postmoderne ist durchaus nicht nur
eine chronologische Absetzung zur Moderne, sondern stark von ihr stilistisch zu
unterscheiden. Jedenfalls was die Architektur anbelangt, von der wir ja
angefangen haben. Was beispielsweise das readymade anbelangt oder ähnliches in
der Malerei muss man etwas aufpassen, da ist das gar nicht so einfach zu
beantworten (jedenfalls von mir). Aber was die Architekturgeschichte anbelangt,
kann man das ganz gut trennen, soweit man eben auch die Gotik von der
Renaissance trennen kann (Dürer wurde lange Zeit durchaus gotisch verstanden,
etwas was ihn wahrscheinlich sehr gekränkt hätte).
Zum Ende der Moderne wurde die
Architektur immer dogmatischer, so dogmatisch, dass es eigentlich nur noch
Bauten im Stile von Mies van der Rohe gab oder von Le Corbusier (und ich meine
nicht Ronchamp, was seiner Architekturtheorie ja vollkommen zuwider lief. Weiß
der Teufel, was ihn da geritten hat!). Sie nannten es funktionalistisch, aber
auf eine ganz schön abgedreht logische Art. Mies van der Rohe baut ein Büro
genau gleich wie eine Uni oder aber ein Wohnkomplex, äußerlich ist da kein
Unterschied zu sehen. Eine ganze Stadt mit Mies van der Rohe-Bauten wäre
sicherlich sehr verwirrend. Außerdem ist gar nicht alles so funktional wie sie
gerne behaupten, da ist unheimlich viel Materialästhetik. Nehmen wir
beispielsweise von Mies van der Rohe das Seagrambuilding in New York, welches
etwa 1950 gebaut wurde. Wirklich ein Paradebeispiel für einen klassisch
modernen Bau.

Ein Hochhaus (natürlich gab es
nicht nur Hochhäuser) mit Hilfe von Stahlbeton, besser gesagt Skelettbauweise
hoch gezogen (übrigens, ich mag van der Rohe). Am unteren Geschoss demonstriert
van der Rohe, dass es sich bei den Wänden um keine tragenden Wände handelt,
sondern um eine curtain wall, ansonsten hat es im unteren Geschoss eigentlich
keinen funktionalen Sinn, dass es nur von schmalen Rundpfeilern getragen wird.
Gegner der klassischen Moderne unterstellen dem gerne eine ausgekotze
Rechthaberei, Vorheucheln von forms and function, denn nach postmodernen
Ansprüchen ist die Architektur alles andere als funktional. Eine Uni kann nicht
genau die gleiche Architektur haben wie ein Wohnhaus, mehr gesagt es muss irgendeine
Kennzeichnung geben. Bei den klassischen Bauten ist das Einfachste
verschwunden, weil alles reduziert wurde. Hart gesagt, man weiß nicht wo vorne
und hinten ist, natürlich weil sie nichts „heucheln“ wollen wie im Historismus.
Die Modernen merkten an, dass man mit der Sprache eindeutig damals übertrieben
hätte. Wenn man die Architekturtheorien liest, beispielsweise von Le Corbusier,
dann fällt einem auf, dass alles vorangegangene negiert wird. Alles Vorherige
ist schlecht. Die moderne Architektur ist im Vergleich zu allen anderen Epochen
vollkommen absolut, losgelöst, ohne Zitat, ohne Klang des Alten. Nicht nur im
Aussehen zeigt es kein Zitat, kein Aufnehmen, schon nur im Standortbau zeigt es
keine Kommunikation. Die klassische Moderne passt sich nicht ein, erwidert kein
Platzgefüge, weshalb gibt es denn auf einmal diese großen Rasenflächen? Da ist
eine alte Straße? Egal, wir haben um das Haus eine große Rasenfläche, wir
brauchen für das Gebäude also keine Ausrichtung zum alten Stadtgefüge.

LeCorbusier: Villa Savoye. Vorne oder hinten? Und klar, wieder auf der Rasenfläche.
In der
Stadtplanung geht es eben soweit, dass die gesamte Stadt einfach nieder
gerissen werden soll. Es gibt von Corbusier Pläne für München und Paris, alle
gleich. Alles wird plan gemacht und dann werden im Quadrat Hochhäuser
errichtet, die im Grün stehen, zueinander führen nur Straßen mit Kreuzungen.
Plätze, Räume im Freien gibt es in solchen Plänen nicht. Denn ein Platz
entsteht ja durch den Umraum, der in der Moderne nicht existiert. Man guckt
sich da z.B. den modernen Potzdammer Platz an, ein Ort, den man einfach nur
überquert, kein Platz zum Verweilen. Früher hingegen ein Ort, ein Ort an dem
etwas stattfand.

LeCobusiers Plan für Paris. Duraus zum Verlaufen geeignet.
In Europa war das Problem
natürlich nicht so schlimm. Hier war ja alles voll von Straßen, die belebt
waren, von Plätzen und Außenräumen. Und das, was nach dem Krieg neu gebaut
wurde (übrigens hat die Moderne mehr an der alten Substanz „zerstört“ als der
Krieg) war noch neu und erst „an“gelebt. In Amerika sah das ganz anders aus. In
Amerika gab es ganze Städte, die keine Plätze mehr aufwiesen (Canberra in
Australien war eine Ausnahme, die auch so empfunden wurde, übrigens von einem anthroposophischen
Architekten geplant…). Die Stadt der 50er hatte in Amerika keinen Kern, keine
Plätze, sondern nur noch diese ewig gleich aussehenden Wohnsiedlungen mit
gerasterten Straßen und Grundstücken. Es ging so weit, dass Venturi den berühmten
Satz aussprach/schrieb: „You must pay for your public life!“ Und dabei den
Strip und vor allem Disneyland meint. In Disneyland wurden Plätze anhand von
Fassadenumbauten geschaffen. Es gab dort Plätze, an denen man sich aufhalten
konnte, einen Umraum. Las Vegas bot auf moderne (das andere moderne) eine
Variation einer traditionellen Straße. Nicht nur eine Straße zur Fortbewegung
von Punkt A zu B, sondern umsäumt von Fassaden. Die sahen zwar auch alle gleich
aus, aber dafür waren überall diese Schilder, die einem informierten was sich
hinter der jeweiligen Fassade verbarg. Nach dem Las Vegas Prinzip entstand der decorated shelt. Der Bau sah zwar immer gleich aus, aber er hatte Las Vegas-mäßig
ein riesiges Schild welches sagte was es eigentlich ist. Mies van der Rohe
hätte nie groß drauf geschrieben was denn eigentlich sein Bau ist.

Venturi hat zwar hier nicht mehr nur einen einfachen Schuppen gestaltet,
aber das Prinzip ist fast noch das selbe, vor allem durch das Wappen
(Schild) wird klar was los ist.
Aber nachdem haben die
Postmodernen nicht einfach historistisch gebaut, sie zitierten zwar, ahmten
aber nicht nach.

Micael Graves: humanabuilding, 1986.
Hier wird zitiert, erinnert an Pilaster ohne wirklich welche zu sein,
stellt Bekanntes an decorumunmögliche Orte auf, erinnert, spielt mit
dem Wissen des Betrachters und macht sich durchaus gewollt lustig.
Imposant, aber irgendwie auch wie ein Bauklotzhaus. Aber man weiß, dass
ist kein Wohnhaus, man weiß wo vorne ist...
Sie bezogen sich auf die Bauten in der Umgebung in Material,
Bauweise und Stil, aber sind ganz klar als solches erkennbar. Ein Ferienhotel
am Meer würde sich beispielsweise an etwas orientieren, was Menschen mit
Strandurlaub assoziieren würden. Ein italienisches Seestädchen vielleicht?
Klar, aber natürlich auch ironisiert.

Michael Graves:
(nur ein Bild, hätte so aber auch gebaut worden sein) es erinnert an die italienische Renaissance ist es aber auf keinen Fall.
Ohne Spaß an der Sache, ohne Ecken und
Kanten geht es nicht ab. Übrigens war die Hollywoodfassadenbauweise sehr
beliebt, Anspielungen lassen sich in der Postmoderne darauf andauernd finden.

Venturi: (linker Anbau) Sainsburywing, Nationalgallery of Art in London.
Der Anbau bezieht sich an den Bau dem er angehört, spielt aber mit der
Tradition. Die Säulen spielen in der Entfernung zueinander, nehmen die
Rundung de Gebäudes auf (umso stärker gerundet umso näher stehen die
Säulen). Dabei sind die Pilaster wieder nicht richtige Pilaster im klassischen Sinne, nach ihren Gesetzen...
Reicht das erstmal? Ich könnte
jetzt noch weiter machen, aber dann finde ich wahrscheinlich nie ein Ende.