Lösch mir die Augen aus

05.03.2006 um 23:01 Uhr

Erinnerung an das Ich-bin-Ich

von: AiHua

Nach Dylan Thomas jetzt Ingeborg Bachmann, ich habe sie früh in der Schule mal kennen gelernt, musste etwas von ihr auswendig lernen, habe aber erst sie für mich entdeckt, als ich einen Mitschnitt einer Lesung von ihr gehört habe. Man kann nicht sagen, dass sie wirklich gut gelesen hätte, sie hat manchmal an vollkommen falschen Stellen Luft geholt, die Betonung… na ja, auch die brüchige Stimme; doch eben das machte alles zum Erlebnis. Ich kann nicht mehr Erklär mir Liebe ohne ihre Stimme lesen. Trotzdem hier aber ein anderes Gedicht.

Wie soll ich mich nennen?

Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.

Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.

Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm .
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?

Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden - und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.

Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein . . .
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.[1]



[1] Bachmann, Ingeborg: Sämtliche Gedichte. München: Piper 2000, S. 30.


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