"I lock the door upon myself"
[1]
Es ist Montag, es sind keine
Getränke mehr in der Wohnung, also mal wieder einkaufen… Ai Hua denke daran,
schleppe nicht zu viel, auch wenn der Schnee fast weg ist, man könnte immer
noch fallen…
Aber bevor ich noch an Fallen mit
dem Einkauf denken kann, stehe ich an der Kasse, mein Einkauf ist noch nicht
auf dem Fließband, da rückt mir der Mann hinter mir total auf die Pelle. Er
riecht widerlich, nach zu viel Alkohol und zu viel Zigarettenqualm. Mir könnte
richtig schlecht werden. Ich versuche ihn zu ignorieren, denn wenn man nur guckt,
wird er einem ansprechen. Ich weiß aber, dass er nur zwei, drei Sachen hat… ich
könnte ihn vorlassen, dann wäre ich ihn schneller los. So verschanze ich mich
neben meinen Einkaufswagen, denn er rückt immer weiter, berührt mich andauernd
so ganz „unabsichtlich“. Ich versuche ihm weiter auszuweichen und dabei zu
ignorieren. Während ich meinen Einkauf auf das Fließband stelle kommt natürlich
trotzdem seine lallende Stimme. Von wegen, ich hätte ihn ja vor lassen können.
Worauf ich meine, dass er ja immer noch vor könne. Was er darauf erwidert lässt
mich fast aufschreien. Er hätte ja Zeit und könnte warten. Arrrrgh!
Und weil man ja schon gerade so
entspannt miteinander redet kann man ja weiter machen.
„Hast du sehr lange Haare?“
Ich blicke ihn nur noch irritiert
an, der Mann vor mir (er hat einen sehr sympathischen Einkauf) guckt auch
mitleidig zu mir, wendet sich dann aber um (Wichser, na ja, was soll er machen.
Wirklich sexuell belästigt hat der Typ mich noch nicht).
„Du trägst ja einen Dutt… wieso
trägst du einen Dutt?“
Ich überlege, ob ich ihm sage,
dass ihn das gar nichts angeht, weil das privat ist… Aber hey, das ist doch
noch blöder… Aber bevor ich da noch was halbwegs Passendes sage kommt fast das
Beste am Gespräch.
„Schläfst du mit offenen Haaren
im Bett, oder trägst du da auch einen Dutt?“
Hallo, wieso kann ein Mensch so
eklig sein. Nicht nur, dass der mich vor mindestens fünf Menschen bedrängt hat
und somit super blamiert hat, nein, er hat die Frechheit mich wissen zu lassen,
dass meine Frisur ihn dazu animiert daran zu denken, wie ich aussehe, wenn ich
schlafen gehe… Das ist sooo eklig. So ein Widerling und der stellt sich mich…
oh Mann, bäh!
Ich räume meinen Einkauf in
meinen Rucksack, der Typ kommt, nachdem er die Verkäuferin genervt hat
natürlich noch mal zu mir persönlich vorbei um sich bis zum nächsten Mal zu
verabschieden. Aber egal, er ist endlich weg!
Ich lasse mir jetzt endlich viel
Zeit mit dem Einpacken. Leider hat das den Typen nicht aufgehalten draußen zu
warten. Verdammtes Schwein. Also biege ich einfach rechts um, anstatt links,
wie sonst. Aber hätte ich einfach nicht ausgehalten. Er scheint deprimiert zu
sein, hat damit doch nicht gerechnet. Er ruft mir noch ein „Auf wieder sehen“
zu, aber ich versuche so schnell wie möglich um die Hausecke zu verschwinden.
Leider folgt er mir natürlich. Er
ist besoffen, ich werde trotz Getränke wohl schneller sein als er. Ich verkürze
auch noch mal den Weg, indem ich über ein Gelände gehe, so dass es für ihn
womöglich so aussieht, dass ich in einem dieser Häuser wohne. Ich könnte es
nicht ertragen, wenn der Typ weiß wo ich wohne. Es ist dunkel und in dieser
ganzen Wohngegend ist niemand außer der ätzende Typ und ich. "On ne a
que soi“,[2]
denke ich an den Empfangstorsruch von Khnopff und muss zynisch und leicht verzweifelt
lächeln und dem Künstler recht geben.
In meiner Wohnung außer Atem angekommen, blicke ich in der dunklen
Wohnung aus dem Fenster, in der Hoffnung niemanden zu sehen. Und da habe ich
mir geschworen, dass ich mich nicht nur von dem Leitspruch Khnopffs halten
würde, sondern auch an die Zeile von Rossetti und Knophhs Bild: "I
lock the door upon myself".
[1] Eine Gedichtzeile von Christina Rossetti, oder eben das gleichnamige Bild von Fernand Khnopff
[2] Was soviel bedeutet wie: Man hat nichts als sich selbst.


Und dann ist es Zeit mein Mitleid auszusprechen. Ich kann das nur schwerlich (oder leider viel besser als andere...) nachvollziehen, aber es gehört einfach zu den Dingen die im Leben nicht sein müssen.
Generell bin ich kein Freund offener Konfrontation, aber in diesem Fall bin ich davon überzeugt das die \"Flucht\" mehr als sinnig war.
Wünsche dir das du so ein Theater nicht nochmal erleben musst!
Aber danke für den Zuspruch.