Lösch mir die Augen aus

30.05.2006 um 03:00 Uhr

Jeder hat irgendwie Familie

von: AiHua

Erinnert ihr euch noch, dass ich meine Familie abgeben wollte? Eine Person habe ich da doch glatt vergessen. Mag daran liegen, dass ich sie über zehn Jahre nicht gesehen habe. Meine Mutter übrigens auch nicht und es handelt sich da um ihren Bruder.

„all the bridges in the world
won’t save you
if there is no other side
to cross to”

Was lässt sich über A. sagen? Er war schon als Kind am Scheitern, dabei das geliebte Kind. Er hörte andauernd Rubinstein und er war eine Zeit lang bei der Marine. Er ist mit dem Fahrrad mal ohne jeden Verstand von Hamburg nach Soltau gefahren, nur weil er mal meine Mutter sehen wollte, dabei hatte er am gleichen tag noch am Stützpunkt zu sein… Er hat meinen Bruder als Kind in der Alster mit dem Kinderwagen versenkt (aus Versehen), weil er Mobby, dem Dackel-Mischling meiner Familie retten wollte, die gerade in die Speichen eines Fahrrads lief. Er liebte die Hündin sehr. Er war und ist drogenabhängig, weshalb ich ihn ab einem gewissen Zeitpunkt wohl nicht mehr gesehen habe. Früher war er charmant. Ich dachte immer an ihn, als den jüngeren Bruder meiner Mutter, um den sie sich kümmern musste, dabei ist er nur ein Jahr jünger.

„when your world’s not feeling ugly
and the world’s not too much
take the world upon your shoulders
and burn, burn, burn, burn, burn”

Als seine Mutter starb, hat meine Mutter ihm seinen Erbanteil gebracht, es war gar nicht so einfach ihn zu erreichen. Als fünfjährige wusste sie, wo sie ihn suchen musste, wenn er mal wieder abgehauen war. Damals liebte er Rolltreppen. Und die Alster, er wurde mehrfach von Hubschraubern aus dem brechenden Eis geholt, ein paar Mal von meiner Mutter.

„half full glasses
lost in empty houses”

Jetzt hat er sich wieder an seine Schwester erinnert (mal abgesehen zu Weinachten, nachdem sie ihm geschrieben hatte kam doch tatsächlich eine Antwort und die Bitte um Geld). Aber nicht persönlich hat er sich an sie gewandt, sondern einen Justizvollzugsbeamten bemüht. Meine Mutter soll ihn herauslösen, denn wenn sie nicht zahlt sitzt er ein. Weshalb weiß sie nicht, denn das darf sie nicht erfahren, außer sie bezahlt einen Anwalt dafür die Akten einzusehen…
Ich würde es nicht zahlen. Aber ich habe ihn auch nie geliebt.

„violent, big and violent
like a thing that’s big, big
and violent”[1]



[1] Silverchair: world upon your shoulders, aus: diorama. Sony: Atlantic Recording 2002.

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