Judas und das Böse
Für mich selber ist es eigentlich
mehr als nur sekundär, inwiefern die biblischen Gestalten eigentlich historisch,
also wirklich waren. Viel interessanter finde ich die Interpretation des
Ganzen, die Ausarbeitung und Tragweite biblischer Symbole, Figuren und
Vorstellungen in der Kultur. Beispielsweise finde ich die Figur Jesu so interessant,
weil sie historisch gerade so wenig greifbar ist, so dass man sie immer wieder
in jeder Zeit anders interpretieren konnte. Sie ist interessanterweise am
wandelbarsten. Einmal überwiegt der gelehrte Jesus, dann der brutale
Revolutionär, der die Händler aus dem Tempel scheucht, dann der liebevolle
Jesus und der Jesus, der mit seinem Schicksal so unendlich menschlich hadert. Man
denke an die Szene im Johannesevangelium in dem er sich weigert das Wunder zu tun.
Bei der Hochzeit zu Kana:
„Und als der Wein ausging,
spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus spricht zu ihr: Was geht’s
dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
Aber er schickte sich trotz
seiner Menschlichkeit eben in sein Schicksal. Egal ob christlich religiös oder
nicht, ein starkes Motiv.
Biblische Prägung z.B. in der
Literatur ist einfach stark, man denke an Ernst Toller, der seine eigene
Verhaftung in einem Stil schreibt, die der Verhaftung Jesu nahe kommt…
Aber zurzeit geistert die Figur
Judas durch die Medien, ein Beispiel stellt der Artikel Klaus Berger in der Welt
dar. Der Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität
Heidelberg befasst sich in dem Artikel vor allem um die historische Figur, aber
auch hier finde ich für mich die Verwertung einer Figur, die Gestaltung weitaus
spannender. Es ist mir egal, ob das „Judasevangelium“ welches „gerade“ gefunden
wurde andere Tatsachen darstellt, auf jeden Fall werden die Figuren etwas
verrückt, anders positioniert. Judas als Lieblingsjünger Jesu, dabei Johannes stillschweigend
wegschubsend (das stellt eine ganze Bildertradition in Frage, was sage ich
Vorstellung…), Lieblingsjünger, weil er durch seinen Verrat es erst möglich
macht, dass wie Jesus im Evangelium sagen würde: „Denn du hast mich befreit von
der Menschennatur, die mich bekleidet.“
Hört sich nach Jesus an, bleibt
auch weiterhin ein Verrat, nur dass er durch das Evangelium mehr erklärt wird.
Aus dem Schurken Judas wird wenigstens ein guter Jude, aber selbst in diesem
neuen Evangelium scheint er doch klar ein Verräter zu bleiben, oder sehe ich
das falsch?

