Lösch mir die Augen aus

13.04.2006 um 00:23 Uhr

Judas und das Böse

von: AiHua

Für mich selber ist es eigentlich mehr als nur sekundär, inwiefern die biblischen Gestalten eigentlich historisch, also wirklich waren. Viel interessanter finde ich die Interpretation des Ganzen, die Ausarbeitung und Tragweite biblischer Symbole, Figuren und Vorstellungen in der Kultur. Beispielsweise finde ich die Figur Jesu so interessant, weil sie historisch gerade so wenig greifbar ist, so dass man sie immer wieder in jeder Zeit anders interpretieren konnte. Sie ist interessanterweise am wandelbarsten. Einmal überwiegt der gelehrte Jesus, dann der brutale Revolutionär, der die Händler aus dem Tempel scheucht, dann der liebevolle Jesus und der Jesus, der mit seinem Schicksal so unendlich menschlich hadert. Man denke an die Szene im Johannesevangelium in dem er sich weigert das Wunder zu tun. Bei der Hochzeit zu Kana:
„Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
Aber er schickte sich trotz seiner Menschlichkeit eben in sein Schicksal. Egal ob christlich religiös oder nicht, ein starkes Motiv.
Biblische Prägung z.B. in der Literatur ist einfach stark, man denke an Ernst Toller, der seine eigene Verhaftung in einem Stil schreibt, die der Verhaftung Jesu nahe kommt…
Aber zurzeit geistert die Figur Judas durch die Medien, ein Beispiel stellt der Artikel Klaus Berger in der Welt dar. Der Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg befasst sich in dem Artikel vor allem um die historische Figur, aber auch hier finde ich für mich die Verwertung einer Figur, die Gestaltung weitaus spannender. Es ist mir egal, ob das „Judasevangelium“ welches „gerade“ gefunden wurde andere Tatsachen darstellt, auf jeden Fall werden die Figuren etwas verrückt, anders positioniert. Judas als Lieblingsjünger Jesu, dabei Johannes stillschweigend wegschubsend (das stellt eine ganze Bildertradition in Frage, was sage ich Vorstellung…), Lieblingsjünger, weil er durch seinen Verrat es erst möglich macht, dass wie Jesus im Evangelium sagen würde: „Denn du hast mich befreit von der Menschennatur, die mich bekleidet.“
Hört sich nach Jesus an, bleibt auch weiterhin ein Verrat, nur dass er durch das Evangelium mehr erklärt wird. Aus dem Schurken Judas wird wenigstens ein guter Jude, aber selbst in diesem neuen Evangelium scheint er doch klar ein Verräter zu bleiben, oder sehe ich das falsch?


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