Lösch mir die Augen aus

24.04.2006 um 14:34 Uhr

„Obacht, wir stehen mal wieder direkt vor dem Nichts“

von: AiHua

Ich las die begeisterte Kritik Stefan Grunds in der Welt (alle Zitate nach dieser Quelle) und wünschte mich mal wieder in den Norden. In den Norden, Hamburgs Möwen, das Thalia Theater, die zu große Buchhandlung mit dem kitschigen Deckengemälde…
Doch zurück zum Thalia Theater, dort spielen sie Sartre. Sartre, wie er sich selbst sein Stück die schmutzigen Hände gar nicht vorgestellt hat, aber Grund meint, es hätte ihm gefallen. Aus der reinen Tragödie wird eine Tragikomödie, es wird ein „todkomischer Mordsspaß“.
Der Regisseur Kriegenburg übersetzt das Stück nicht nur in die eigene Zeit, lässt es aber auch in seiner Zeit, nein er führt auch die Zeitlichkeit des Thalia Theaters selber ein, indem er die kommunistische Vergangenheit mit Brecht aufrollt, indem er die Figur Olga das Lied von der Einheitsfront grölen lässt.
Das Wichtige ist die Situation des Stückes, wie Sartre selber sagt und meint weiter, Theater ist immer Volkstheater, „Das Verlangen nach Distanz, das wir beim Zuschauer selbst antreffen, erklärt auch den Spaß, den man immer gehabt hat, Theater im Theater zu sehen.“ Die Figuren sind nicht so wichtig wie die Personen.
Die Figuren sind trotzdem anscheinend sehr gut gezeichnet, da ist Hugo, der von Löw zum „Prototyp des leicht naiven, aufrichtig liebenden und hassenden, keinen Alkohol vertragenden, bemitleidenswerten, von keinem Proletarier jemals ernst genommenen, permanent labernden Schwächlings, der gern stark wäre [gemacht wird]. Der schlaksige Löw setzt seinen Körper traumwandlerisch sicher ein, taumelt, schwankt, rutscht und fällt ungelenk durch sein privates und sein politisches Chaos. Diesem sympathischen Möchtegern-Anarchisten gehört unser ganzes Mitleid, mit ihm können wir verzweifelt auflachen. In seinem Jungengesicht spiegelt sich die ganze Verzweiflung an der eigenen Existenz.“ Auf der anderen Seite ist Jessica, seine Frau, Hoffmann spielt sie so gut, dass Grund nicht entscheiden konnte, ob Jessica alles aus Berechnung macht, oder aus wirklich, weiblich, kindlicher Spielsucht.
Am Ende steht die Feststellung und der Zuruf: „Obacht, wir stehen mal wieder direkt vor dem Nichts.“


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