Lösch mir die Augen aus

02.03.2006 um 18:16 Uhr

Weil ich eigentlich arbeiten muss

von: AiHua

Während ich meiner Mutter über das Telefon versuche zu erklären wie sie Word bedient krame ich weiter nach Anfangssätzen.
Ich verwirre meine Mutter, als ich bei dem ersten Satz lachen muss. Die weiß ja nicht, dass ich zwischenzeitlich noch lese und mit Sorge auf meine kunstgeschichtliche Methodenarbeit schiele.
„Genau genommen gibt es >die Kunst< gar nicht“[1] Aufgrund des zweiten Satzes ticke ich aber nahezu ganz irre aus, denn da schreibt doch der gute Gombrich, dass es nur Künstler gäbe. Hallo! Und ich schreibe gerade über zwei Vertreter der Kunst nach Aufgaben, Kunstgeschichte ohne Künstler, Kunsteinteilung in Epochen… Aber ich beruhige mich auch wieder (meine Mutter sagt mir gerade, dass sie kein Blatt vor sich sieht…).
„Als Peter Glück zehn Jahre alt war, sagten ihm die Erwachsenen manchmal, er sei ein >>schwieriges<< Kind.“[2] Da mein Bruder schwieriger war, sagte man mir das nicht. Vielleicht würde meine Mutter mich dann heute nicht mit dem Schreibprogramm löchern.
Bei dem nächsten Satz komme ich von den Erinnerungen ins Schmunzeln. Ein guter Anfang.
„Manche Dinge beginnen vor anderen.“[3] Was mich gleich auf das nächste Buch vorbereitete, welches mit einer Vorbemerkung des Autors beginnt: „Dieses Buch ist entstanden, weil ich hungrig war.“[4] Der Roman selber beginnt zwar auch mit einer Selbsterkenntnis, aber doch von anderer Art: „Ich hatte so viel gelitten, ich war ein finsterer und trauriger Mensch geworden.“[5] Schwere Worte für jemanden, der Hunger hat. Meine Mutter ist wütend, wenn sie Hunger hat. Jetzt anscheinend nicht. Obwohl sie mich nicht versteht ist sie ganz ausgelassen…
„Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge“[6] Ahhhh, haben sich die Bücher gegen mich verschworen? Schon wieder der Künstler im Mittelpunkt von Kunstbetrachtung! Na ja, Wilde war vor Wölfflin. Mich schockt also auch gar nicht mal mehr der nächste Anfangssatz. Ich empfinde ihn sogar als unheimlich schön fürsorglich: „Wenn du gern Geschichten mit Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen.“[7] Ähnlich betrüblich, aber weitaus beklemmender griff meine Hand nach dem nächsten Buch. Das Buch, welches mich tatsächlich in einen Zustand von Nervenfieber gestürzt hat (um mal romantisch zu sprechen). „Der Schnee in den Bergen schmolz schon, und Bunny war seit ein paar Wochen tot, ehe uns der Ernst unserer Lage allmählich dämmerte.“[8]
Ich beruhigte mich also erstmal wider mit dem Satz: „In unserer Familie gab es keine klare Trennungslinie zwischen Religion und Fliegenfischen.“[9] Nachdem ich das Buch wiederholt nach langer zeit wieder gelesen hatte, habe ich es gleich dem Fanatiker vorgelesen. Ich wusste, dass es ihm gefallen würde. Es hat Humor, weil es gelebt erscheint, aber eben auch Tiefe, weil es gelebt erscheint.
Meine Mutter hat es tatsächlich geschafft den Text auszudrucken, er sieht sogar so aus, wie sie es sich vorstellt… Ich will vergessen.



[1] Gombrich, E. H.: Die Geschichte der Kunst, überarbeitete, erweiterte und neu gestaltete 16. Ausgabe Berlin: Phaidon 2001, S. 15.
[2] McEwan: Der Tagträumer. Erzählung, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Zürich: Diogenes 2000, S. 9.
[3] Pratchett, Terry: Kleine freie Männer. Ein Märchen von der Scheibenwelt, aus dem Englischen von Andreas Brandhorst. München: Goldmann 2005, S. 7.
[4] Martel, Yann: Schiffbruch mit Tiger, aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Frankfurt a. M.: Fischer 2004, S. 7
[5]Martel 2004, S. 17.
[6] Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray und andere Erzählungen. München: Trautwein (das verdammte Buch gibt nicht an, wann es erscheienen ist!!!!), S. 9.
[7] Snicket, Lemony: Der schreckliche Anfang 8erste Band von eine reihe betrüblicher Ereignisse), aus dem Amerikanischen von Klaus Weinmann. München: Goldmann 2004, S. 9.
[8] Tartt, Donna: Die geheime Geschichte, aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. München: Goldmann 1995, S. 9.
[9] Maclean, Norman: Aus der Mitte entspringt ein Fluss, aus dem Amerikanischen von Bernd Samland. Frankfurt a. M.: Fischer 1999, S. 7.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. To01 schreibt am 02.03.2006 um 22:54 Uhr:ehrlichkeit auf allen pfaden: gegen pratchett hatte ich mich bisher gewehrt, nun scheint mir das dumm zu sein; auch mich | vielmehr meine umwelt plagt meine wut, wenn ich hungrig bin. ein wahrhaft ehrliche haut ist auch snicket; mit anderen worten: verpiss\' dich, wenn du auf schund stehst. hach. danke!
  2. AiHua schreibt am 03.03.2006 um 00:59 Uhr:wehre Dich nicht mehr gegen pratchett, das ist gar nicht sinnvoll. Wenndumit einem der Märchen anfangen willst, dann nimm Maurice den Kater... wobei, nimm dir irgendein Buch der Scheibenwelt. Hauptsache Scheibenwelt, denn bei den anderen muss man tatsächlich hin und wieder abwägen...
  3. To01 schreibt am 03.03.2006 um 01:17 Uhr:wer hat die welt in scheiben geschnitten? ich mag sie eher am stück, in streifen | gänzlich verinnerlichen...
  4. AiHua schreibt am 03.03.2006 um 01:22 Uhr:ich möchte sehen wie Du sie im Ganzen schluckst...
  5. To01 schreibt am 03.03.2006 um 01:41 Uhr:so großmäulig bin ich wahrscheinlich wirklich nicht...
  6. AiHua schreibt am 03.03.2006 um 01:55 Uhr:Hach, das wollte ich gar nicht sagen... jedenfalls nicht so...



    Dabei fällt mir aber ein, dass es tatsächlich so größenwahnsinnige Menschen gab. \"nec pluribus impar\", Ludwig XIV. als Sonne, der mehrere Planeten überstrahlen konnte mit seiner so wohltuenden Wärme... Äh, wie bin ich jetzt ach so...



    To01, wenn Du schon kein Breitmaulforsch bist (der dreibeinig übrigens in der chineischen Mythologie im Mond wohnt oder es selber ist), dann bist Du wenigstens eine strahlende Sonne. Das ist doch auch was.



    (Hm, ist cshon spät, da ist mir die Logik egal).
  7. To01 schreibt am 03.03.2006 um 02:08 Uhr:wenn schon gestirn, dann möcht ich ein fixstern sein, auf dem weg zum schwarzen loch, welcher ihm vorbestimmt scheint...
  8. AiHua schreibt am 03.03.2006 um 02:16 Uhr:wie war das nochmal? hawking hat doch nicht recht, oder aber eben doch mit den schwarzen Löchern? Dann nimm Dir eben einen Fixstern, der natürlich auch nicht fix ist und steuer guten Mutes in das nächste schwarze Loch. Sowas dauert ja Ewigkeiten, da sehe ich das Elend nicht... :)
  9. To01 schreibt am 03.03.2006 um 02:24 Uhr:*lach* auch wieder wahr...

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