ich hasse das Telefon, schon immer
Für mich ist es nicht zu fassen.
Da werde ich von einem wirklich schlechten Gewissen geplagt, weil ich jedem Tag
nur ein oder zwei Mal ans Telefon gehe und selbst das ist ätzend. Heute,
pünktlich zu meiner ersten Mittagspause (nicht dass ich viel geschafft hätte) ruft
mein Bruder an. Ich bin mindestens drei Mal nicht ran gegangen wenn er mich
versucht hat anzurufen. Wenigstens ruft er nicht abends bei einem Film oder
Essen an (wie oft habe ich beim Telefonieren gegessen ohne zu merken was ich da
eigentlich gerade tue?). Ich nehme also ab, getrieben vom schlechten Gewissen,
er klingelt schon so stürmisch, er klingelt nach Hilfe, oder wenigstens einen
Menschen der ihm gewogen ist (um Brecht mal wieder zu bemühen). Ich bin ihm ja
im Grunde genommen sehr gewogen, wieso habe ich sonst so ein schlechtes
Gewissen? Aber ich wünsche mir die Zeit zurück in der wir nur alle paar Monate
telefoniert haben, wann hat er entdeckt, dass seine Kleine so wichtig für ihn
ist? Und seit der Zeit, als ich dachte, dass ich jetzt irgendwie ganz schnell
durchs halbe Land fahren muss um mal in seiner verrauchten Wohnung die Fenster
aufzureißen, seitdem kann ich ihm noch viel weniger irgendetwas ausschlagen.
(Mir hallt von einem der Telefonat noch sein Ausspruch nach: „Du kommst dann
aber wirklich? Ich könnte es nicht ertragen, wenn du dein Versprechen nicht
halten würdest…“)
Ich nehme also ab, noch bevor ich
meinen Namen sagen kann, ruft er schon begeistert durch das Telefon, „Das ist
wunderbar, ich habe einen Anschlag auf dich vor, du musst mir das Leben retten.
Ich kann das nicht allein.“
Er ist total aufgedreht, er muss
gerade von der Arbeit kommen, wahrscheinlich hat er noch den dicken Pullover
an, die Schuhe erst recht und hat das Telefon gegriffen. Selbst die Kippe
zündet er sich erst während des Gesprächs an. Also eine Stunde meinem Bruder
zuhören, der mir so viel erzählen wollte und dann etwas als Vorbereitung auf
das, wobei ich ihm helfen soll. In zwei Stunden, er sagt es wird bestimmt nur
eine halbe Stunde dauern (so ein Schwachsinn), ruft er an. Er wird nichts in der Hand
haben, die fünf Seiten vom Formular vielleicht gerade mal überflogen haben und
dann darf ich mir zwischen den Erzählungen seines Lebens und Traumleben die
Sätze heraussuchen, die einen Text ergeben sollen und zusehen, dass ich sie so
formuliere, dass es so klingt, als würde es ein Heilerzieher/Pfleger so was schreiben.
Dabei werde ich noch erst eine Kunsthistorikerin.
Ach, ich bin müde und ich schaffe
noch nicht mal einen fähigen Absatz für mich.

