Lösch mir die Augen aus

06.06.2006 um 18:58 Uhr

ich hasse das Telefon, schon immer

von: AiHua

Für mich ist es nicht zu fassen. Da werde ich von einem wirklich schlechten Gewissen geplagt, weil ich jedem Tag nur ein oder zwei Mal ans Telefon gehe und selbst das ist ätzend. Heute, pünktlich zu meiner ersten Mittagspause (nicht dass ich viel geschafft hätte) ruft mein Bruder an. Ich bin mindestens drei Mal nicht ran gegangen wenn er mich versucht hat anzurufen. Wenigstens ruft er nicht abends bei einem Film oder Essen an (wie oft habe ich beim Telefonieren gegessen ohne zu merken was ich da eigentlich gerade tue?). Ich nehme also ab, getrieben vom schlechten Gewissen, er klingelt schon so stürmisch, er klingelt nach Hilfe, oder wenigstens einen Menschen der ihm gewogen ist (um Brecht mal wieder zu bemühen). Ich bin ihm ja im Grunde genommen sehr gewogen, wieso habe ich sonst so ein schlechtes Gewissen? Aber ich wünsche mir die Zeit zurück in der wir nur alle paar Monate telefoniert haben, wann hat er entdeckt, dass seine Kleine so wichtig für ihn ist? Und seit der Zeit, als ich dachte, dass ich jetzt irgendwie ganz schnell durchs halbe Land fahren muss um mal in seiner verrauchten Wohnung die Fenster aufzureißen, seitdem kann ich ihm noch viel weniger irgendetwas ausschlagen. (Mir hallt von einem der Telefonat noch sein Ausspruch nach: „Du kommst dann aber wirklich? Ich könnte es nicht ertragen, wenn du dein Versprechen nicht halten würdest…“)
Ich nehme also ab, noch bevor ich meinen Namen sagen kann, ruft er schon begeistert durch das Telefon, „Das ist wunderbar, ich habe einen Anschlag auf dich vor, du musst mir das Leben retten. Ich kann das nicht allein.“
Er ist total aufgedreht, er muss gerade von der Arbeit kommen, wahrscheinlich hat er noch den dicken Pullover an, die Schuhe erst recht und hat das Telefon gegriffen. Selbst die Kippe zündet er sich erst während des Gesprächs an. Also eine Stunde meinem Bruder zuhören, der mir so viel erzählen wollte und dann etwas als Vorbereitung auf das, wobei ich ihm helfen soll. In zwei Stunden, er sagt es wird bestimmt nur eine halbe Stunde dauern (so ein Schwachsinn), ruft er an. Er wird nichts in der Hand haben, die fünf Seiten vom Formular vielleicht gerade mal überflogen haben und dann darf ich mir zwischen den Erzählungen seines Lebens und Traumleben die Sätze heraussuchen, die einen Text ergeben sollen und zusehen, dass ich sie so formuliere, dass es so klingt, als würde es ein Heilerzieher/Pfleger so was schreiben. Dabei werde ich noch erst eine Kunsthistorikerin.
Ach, ich bin müde und ich schaffe noch nicht mal einen fähigen Absatz für mich.


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