Lösch mir die Augen aus

09.09.2006 um 15:37 Uhr

man hätte es sich denken können

von: AiHua

Diedrich Diederichsen ist Schuld!
Keine Ahnung ob es in anderen Ländern auch so ist (wobei ja hin und wieder geschrieben wird, dass es beispielsweise in Amerika anders ist), aber in Deutschland gibt eine ganz perfide und bescheuerte Trennung von authentischer und nicht authentischer Musik. Und wer hat das z.B. propagiert? Genau, Diedrich Diederichsen.
Er ist also daran Schuld, dass blöde Ponymädchen mit goldenen Ballerinas schnoddrig im Kuttnerstyle auf ihrem Blog schreiben, dass sie Indie hören und deshalb einen wahren Musikgeschmack hören, weil er nicht „Plastik" sei, weil sie „true" sind und nicht kommerziell.
Manch eine dieser Gören fällt dann auf einmal auf, dass the strokes auch schon als Werbemusik im Fernsehen Einzug gehalten haben und sind ganz verwirrt. Denn, ist Musik nicht automatisch schlecht, wenn sie eine Menge hört? Ist man nicht so schön elitär, wenn man eine kleine ausgewählte Gruppe ist, die den guten Geschmack hat?
Und Diedrich Diederichsen ist Schuld! Auch wenn er zugibt (nahezu wie die geschockten Indiemädchen), „[d]ass diese Trennung hinfällig geworden ist, ist ja der starting point von «Sexbeat». Heute ist die meiste neue Rockmusik Pop."
Vielleicht hätte man sich nicht darauf versteifen sollen, dass kommerziell erfolgreich authentisch ist.
Die Netzzeitung (im Beitrag danach immer zitiert, wenn nicht anders angegeben) fragt Diedrichsen dann auch: „Und damit spielt das Authentische auch keine Rolle mehr.
Und Diederichsen antwortet: „Genau. Das interessiert kaum noch jemanden, nicht mal mehr die Bands." Ja, das ist doch schon mal eine Erkenntnis, vielleicht ist es auch nicht wichtig.
Wobei man Diederichsen ja zu Gute halten muss, dass er eben nicht nur von Authentizität spricht, sondern eben auch von Innovation (allerdings nicht im Interview).
Was ich allerdings auch kritisch betrachte, ist die Aussage, dass Musik in Zukunft nur eine Mittelrolle spielt. „Auf lange Sicht könnte so was kommen wie eine digitale Outdoors-Kultur. [...] Das wird von der Jugend und den Gegenkulturen genutzt werden, und dabei kann Musik eine unterstützende Rolle spielen. Aber sie wird kein Leitmedium mehr sein."
Keine Ahnung... aber Musik ist eigentlich zu nah an der Empfindungswelt, so gut als Bedeutungsträger, als dass sie nur eine unterstützende Rolle sein kann, oder nicht?
Aber ganz davon abgesehen und auch davon abgesehen, dass Diederichsen Schuld ist, den Menschen, der den Begriff independent geprägt hat, den müsste man echt mal ordentlich Kiel holen lassen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Seether schreibt am 09.09.2006 um 16:25 Uhr:Hmm... Ich "komme" seit meiner Jugend aus Bereichen in denen Musik a) immer extrem wichtig war, und b) blöd wurde wenn sie den Weg in den Mainstream gefunden hatte. Als Beispiel sei meine Phase des ausnahmslosen Konsums von deutschem Hip Hop genannt. Liegt gut und gerne um die zehn Jahre zurück. Vielleicht auch mehr. Als ich angefangen habe, kannte auf deutsch gesagt, keine Sau Combos wie "Too Strong", "Fischmob", "Der Lange", "Blumentopf" etc. Man musste schon einiges tun und zufällig in einer Graffiti und Hip Hop (damals noch untrennbar verwoben) Metropole aufwachsen um überhaupt daran zu kommen... Irgendwann kam dann die Gangsta Rap Welle aus den Staaten und die heimische Industrie suchte nach Antworten... diese fand sie erschreckend schnell.
    Was dann kam kennen wir alle. Nun kann man aber eine interessante Tatsache beobachten: Wer den Weg in die Charts fand, musste angepasst sein. Was sehr deutlich an den Textlichen Inhalten abzulesen ist!!! Die "Absoluten Beginner" sind ein ebenso gutes wie auch trauriges Beispiel dafür...

    Bla bla. Was ich damit aufzeigen will: Oft ist es so das Musik tatsächlich "blöd" wird wenn viele sie hören. Viele gleich Mainstream, Mainstream gleich Diktat der Inhalte. Nicht immer, aber leider viel zu oft...
    Dank gewisser soziologischer Entwicklungen kann man aber mittlerweile auch mit "expliziter" Musik Geld verdienen, was das Level des Mainstreams deutlich gehoben hat wie ich finde...
  2. asa schreibt am 10.09.2006 um 02:40 Uhr:Der Begriff "independent" war mal ein wichtiger in den verstaubten Ecken der Plattenläden. Zumindest für mich. Dort fand man ja die tatsächlich "unabhängigen" kleinen Labels mit damals weitgehend experimenteller Musik. Mein Paradebeispiel damals waren Japan, einige andere nette gab es aber auch, bevor sie von den Majors eingeholt wurden.

    Weshalb Indie heute Indie heißt, weiß wohl keiner so richtig. Für mich eine modifizierte Weiterentwicklung dessen, was mal "Alternative" war, also die Alternative zum Mainstream, die ja nun selbst mittlerweile salonfähig ist.

    Vor gar nicht so langer Zeit war ich noch erstaunt, wenn so ein Werbetrailer Moby einspielte, heute bin ich genervt, wenn zu Fußball Lamb läuft. Dein obiges Beispiel zeigt nur, wie schnell der Ausverkauf geht, oder wie gut sich die vermeintlich "authentische" Musik verkaufen lässt, die zudem offenbar gut für emotionale Empfindungen zur besten Werbezeit herhält. Die Menschen werden eingelullt vor lauter Einspielern, da ist jedes Stück recht, Emotionen zu wecken. Was sie dann blöd macht, ist wohl die Verfügbarkeit für alle.

    Wenn "Indie" "Mainstream" wird und der noch schwärmenden Truppe abgezogen wird, bleibt nur das Jammern über alte Zeiten. Sehr ernüchternd. Alles schon gehabt.

    Der Diederichsen, hat der nicht über das gleiche Thema schon vor fünfzehn Jahren gejammert?
  3. AiHua schreibt am 11.09.2006 um 06:06 Uhr:Ich denke schon, das macht diesen überlegenden (in jeder Hinsicht), melancolischen Tonfall doch aus...

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