Lösch mir die Augen aus

14.06.2006 um 21:58 Uhr

mein gestriger Tag

von: AiHua

„their guns pointed at my heart
their eyes talking distrust
blindfolded and outdone
they wanna try tear me apart”

Kurz gesagt:
Der Tag hat mich triumphal besiegt!

„right nothing but the truth counts
to this day i believed in justice
but no longer i can dream the dream
they killed my hope and gave me doubts”

Länger:
Morgens wachte ich mit Kopfschmerzen auf, es war heiß. Trotzdem vermochte der Tag mich erstmal einzulullen. Die Sonne schien angenehm, Einkaufen verlief erfolgreich, die Zeit der Schildkrötenkrabbelei schien weit weg. Wie gesagt, es war morgens, ich hatte noch den ganzen Tag vor mir, ich hatte viel vor.

„pillaged, murdered, raped
i’ve become so immune
their statues will fall down and break
with nothing left to consume
laws of disorder will apply”

Dann fiel mir ein, dass die Universitätsbibliothek mal wieder eine Änderung der EDV vornimmt, das heißt, dass für ziemlich lange Zeit die Bibliothek geschlossen ist. Ich musste also meine bestellten Bücher abholen, keinen Tag später. Kein Problem, dass dauert vielleicht mit einem Abstecher zur Staatsbibliothek eine ¾ Stunde. Ich bin also gutgelaunt, ein bisschen Sonnenschein auf dem Weg ist ja auch für mich ganz schön. Vor der Haustür, treffe ich auf einen etwas dicklichen jungen Mann, der in mir meinte einen Seelenverwandten zu finden, wahrscheinlich, weil wir zufälligerweise beide schwarz trugen. Ich hingegen habe ihn angestarrt, weil er mit einem schwarzen Springmesser in den Fugen der Steinplatten vor meinem Haus rumkraxelte (wieso auch immer). Er fand das ganz normal und wünschte mir einen schönen Tag, sehr breit grinsend. Ich erwiderte, ich überlegte dabei, ob seine Glatze so rot vor Anstrengung war oder wegen der Sonne. Ich versuchte einen Mittelweg zwischen freundlichen Grüßen und unfreundlichem Abblocken zu nehmen, er hatte mir ja eigentlich noch gar nichts getan. Ich ging weiter. Da ich im Gehen war, kam er mir strahlend etwas nach und fragte (ich hatte ihm längst den Rücken zugekehrt), ob ich ins Freibad will… Ich sollte es als Nettigkeit verbuchen, bestimmt, er hatte ja sogar gerade sein Messer wieder einschnappen lassen.

“screaming will echo bursting flames
so loud your own faith
will leave you naked
and that day is comin’ very soon”

Nach einem komischen Mann (diesmal ohne Messer) und Kindergeburtstagsausflug in der U-Bahn (warum kaufen Eltern ihren Kindern, die gerade voll im Wachstum sind Converse-Chucks und nicht mir?) also UB. Ja, mal wieder haben sie ein paar Bücher von mir vergessen (die jetzt auch nicht mehr kommen) und mir falsche in mein Regal gelegt. Ich brauche nicht Ratgeber Religion in psychischen Krisensituationen!!! Egal, der Weg nach Hause war gar nicht so schlimm, wenn man davon absieht, dass der Geldautomat meine Karte nur mit Gutzureden wieder hergab. Irgendwie klemmte sie.

„terror alert: high!
i’m gonna fight you
if you push me too far!
terror alert: high!
and i just blow you away...”

Endlich zu Hause, ich wollte den Rucksack mit den schweren Büchern endlich los werden, die Schuhe von mir pfeffern und etwas trinken (ich bin habitueller Durster, wenn ich Durst habe, dann ist schon einiges los). Ja, schön, ich stehe draußen, in der prallen Sonne vor meiner Haustür (wir leben im Rückgebäude, erster Stock, wir müssen über einen Außengang zur Haustür), habe den Schlüssel in meiner Hand und drehe auch glücklich, mechanisch den Schlüssel im Schloss. Tja, bis zu einem Punkt, denn die Tür hat sich so in der Sonne verzogen, dass ich die Tür nicht öffnen kann. Ich versuche es 10 Minuten weiter, hadere durchaus schon mit meinem Schicksal und lache etwas ungläubig. Nachdem zwei Nachbarn mir helfen und nichts ausrichten können will ich nur noch die Tür eintreten und vielleicht hysterisch heulen. Aber nur, wenn das Türeintreten keinen Spaß macht.
Schlüsseldienst? Ich habe den Schlüssel doch in der Hand!!! Übrigens, ich habe ja sogar dort angerufen, aber die Ansage meinte, ich solle es nach der Mittagspause versuchen…
Gut, lege ich mich doch auf die Kleingrünanlage nebenan und esse ein Eis und schmökere in meinen Psycho-Religionsbüchern.

„gold turned black – so we gave it away
our idols were sold
and finally we see the truth unfold
and dissolve- the beauty of dying
is the nature of change
so get the fuck out of my way...”

Nach einem Stein im Schuh, eine Blase, ich laufe also barfuß, im Zeitungs-Krimskramsladen ein junger Inhaber. Ich kaufe noch etwas zum Lesen und das Eis.
Er: „Du bist barfuß.“
Ich: „Ist das hier nicht in Ordnung?“ (Durchaus ernst gemeint, man sollte nicht in jedem Laden ohne Schuhwerk gehen)
Er: „Nö, ich wollte dich nur darauf hinweisen, falls du es nicht weißt.“
Ich:…

„i am feeling the cold sweat
but i don’t fear your mind
a stronger man will kill you when he can
without any notion of regret”

Ich arbeite also auf der Wiese sogar etwas für eine Arbeit, Ich versuche mir einzureden, dass sich die Tür bestimmt im Schatten wieder zurück verzieht. Außerdem kommt der Fanatiker ja in gar nicht so vielen Stunden wieder. Jede Stunde versuche ich die Tür zu öffnen, ein paar Nachbarn auch. Ein anderer rät mir nicht nochmals den Schlüsseldienst zu rufen, diese Schlösser seien ja soooo teuer. Drei Stunden hinter mir. Ich gehe zum Griechen essen und vor allem trinken und lese dann dort weiter.

„i will defend what is too defend
i’ll give up on hope and start to live
i’ll win back the flag
and i’ll do it under my own comand”

Zu Hause vor meiner Haustür warte ich dann. Der Fanatiker sagte, er würde um 19:30 oder 20:00 Uhr wiederkommen. Ich habe schon vier Stunden hinter mir. Da ich natürlich weiterhin versucht habe die Tür zu öffnen, sind meine Schulter vom Mauerputz zerkratzt und (da ich zweihändig bin), meine Handballen vom Druck des Schlüssels und vom Türknauf so beansprucht, dass es aussieht, als hätte mich eine militante Biene erwischt.
Der Fanatiker hat mir derweil eine Mail geschrieben, dass er eine Stunde später komme (die ich natürlich nicht bekommen habe).
Langsam merke ich, dass ich wohl doch zu viel in der Sonne war, ich habe Kopfschmerzen und mir ist übel. Sonnenstich…
21:30, der Fanatiker ist da und die Tür soweit wieder zu Recht gerückt, so dass er sie mit Kraft öffnen kann. Meine Stimmung am Ende.

„terror alert: high! i’m gonna fight you!
i’ve come to destroy what’s accepted
and no longer questioned...”

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. erphschwester schreibt am 14.06.2006 um 22:19 Uhr:amüsant ist so etwas aber nur, wenn es im kino passiert oder aber leuten, die man so ganz und gar nicht mag ...
  2. AiHua schreibt am 14.06.2006 um 23:21 Uhr:Ach, ich kann teilweise jetzt durchaus schon wieder darüber lachen, allerdings weiß ich nicht was morgen wäre, wenn ich dann wieder nicht die Tür aufbekommen würde...
  3. Retransmission schreibt am 15.06.2006 um 00:02 Uhr:

    Himmel, was bin ich froh dass meine Tür nur ab und zu bei bestimmten Temperaturverhältnissen von alleine aufgeht!



    Hatte mal eine ähnlich \"amüsante\" Geschichte mit meinen Exmitbewohnern, die hatten nachts wohl Angst und haben alle Türen abgeschlossen und sinnigerweise den Schlüssel von innen stecken lassen, kam nachts um drei angetüdelt nach Hause und dann nicht rein. Bin in meinen eigenen Keller eingebochen nachdem Anrufen, Sturm klingeln (Chinesen haben anscheinend einen gesegneten Schlaf;) und draussen herumschreien nichts gehofen haben. Die Kellertür war natürlich auch abgeschlossen, da hat nicht viel gefehlt und ich hätte wirklich die Axt aus dem Schuppen geholt...so war es aber nur ein heftiger Tobsuchtsanfall und nach heftigem auf die Tür einschlagen hat mich dann mein völlig verstört und verängstigt dreinblickender Mitbewohner hereingelassen. Musste nachdem ich ihm verständlich gemacht hatte doch bitte nie wieder die Schlüssel von innen stecken zu lassen aber auch herzlich lachen, der arme Kerl...vom Feuer, Gift und Galle spuckenden Drachen mitten in der Nacht geweckt zu werden muss eine bleibende Erinnerung sein...



    Hoffe mal Dein Sonnenstich war nicht so schlimm und Deine Laune und heutiger Tag sind besser gewesen!

  4. Solus schreibt am 15.06.2006 um 01:14 Uhr:Ha, der Typ im Krimskramsladen war bestimmt ein Fußfetischist und jede seiner Fantasien fängt damit an, daß ein barfüßiges Mädchen in seinen Laden hereinspaziert. Da mußte er doch irgendetwas sagen. Hättest Du ihm doch mal ein \"Extra für Dich !\" als Antwort gehaucht; der hätte Dir Zeitung und Eis bestimmt geschenkt, wenn nicht sogar den Rest des Tages damit verbracht, für Dich die Tür aufzumachen. Der Tag war also eigentlich ganz toll, Du hast nur Deine Chancen nicht genutzt.
  5. AiHua schreibt am 15.06.2006 um 03:22 Uhr:Der Typ konnte nicht aus seinem Laden raus, weil er allein war. Darum saß er draußen auf den Stufen und hat mir in 100 Metern Entferunung beim Lesen zugeguckt...



    Übrigens, Chancen und so: Bist Du schon verlobt mit einem der Nachbarstöchter?
  6. Solus schreibt am 15.06.2006 um 05:21 Uhr:Die Analogie passt nicht, denn Du solltest Dir ja nur von dem Typen die Tür aufmachen lassen und ihn nicht gleich heiraten. Außerdem ist die Existenz einer Nachbarstochter ansich noch keine Chance. Dazu müßte man sich erst sicher sein, daß aus einem Zusammenkommen etwas Sinnvolles entstehen kann. Ich muß zu ihr passen, und sie zu mir, vergeben darf sie natürlich auch noch nicht sein - ich würde einfach mal behaupten, daß die Wahrscheinlichkeit derartig gering ist, daß ein Nachbar eine Tochter hat und die eine Chance darstellt, daß dieses Beispiel, selbst wenn es passen würde, trotzdem äußerst schlecht gewählt ist. Und wenn ich die Frage weniger wörtlich nehme und die verpassten Chancen in meinem Leben betrachte, dann gab es da maximal Eine, bei nüchterner Betrachtung eher gar keine. ICH könnte mich eigentlich mal aufregen; ich stehe schon ein Leben lang vor verschlossenen Türen. Aber wie gesagt, daß alles hat im Grunde nichts mit meiner etwas schelmigen Bemerkung zu tun.
  7. AiHua schreibt am 15.06.2006 um 14:09 Uhr:Ist schon klar, dass eine Nachbarstochter (insofern sie überhaupt existiert) eine ganz andere Sache ist als der Typ mit der Brille.

    Aber der hätte bestimmt nicht gut meine Tür aufgemacht, wenn er doch die ganze Zeit nur auf meine Füße gestarrt hätte. Und wenn ich meine Schuhe angezogen hätte, wäre es auch nicht unbedingt besser gewesen, schließlich hatte ich offene Sandaletten dabei.
  8. To01 schreibt am 16.06.2006 um 10:56 Uhr:verständlich, wieso du diesen tag nicht leiden konntest; aber im nachhinein wirkt das schon sehr seltsam erholsam... auf mich! :)
  9. AiHua schreibt am 17.06.2006 um 00:32 Uhr:auf andere.., ja ich kann spackonautenmäßig hinzufügen: \"...so schlimm, so schlimm muss das sein...\"

    Nur dass der dann noch sagt: .... so schlimm muss das sein, vor Madagaskar zu liegen und die Pest an Bord zu haben...\"
  10. To01 schreibt am 19.06.2006 um 08:21 Uhr:*lach* auch wieder wahr...

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