Lösch mir die Augen aus

08.09.2006 um 22:21 Uhr

verschobene Gesundheitsreformen sind auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, etwas spritzende Gischt vielleicht

von: AiHua

Zurzeit träume ich recht gerne vom Aussteigen. Nein, nicht aussteigen aus der Gesellschaft, ich bin zu wenig idealistisch und zu wenig kreativ um ein Rebell zu sein. Ich bin da auch eher burckhardtianisch oder so. Egal wie, ich glaube daran, dass beim gewaltigen/extremen Umsturz auch immer viel Großartiges zerstört wird, also blicke ich lieber dem Verfall entgegen und versuche zu restaurieren, auch wenn ich meine, dass die Kirchenreformen ganz tolle Sachen gebracht haben, ist doch auch sehr viel kaputt gegangen… naja und die Restauration, die sozusagen versuchter Rückgriff war, hat auch wieder nur das Neue, nämlich den romantischen Gedanken hervor gebracht… jedenfalls in Ansätzen… Hm, mein Geschwafel zeigt es vielleicht ganz gut… Neuerungen sind also auch nicht schlecht, aber ich bin eher die Sorte Mensch, die die Scherben zusammenkehrt und mal sieht, wie man ins Neue das Alte rüber retten kann.
Also, um den Bogen jetzt total zu überspannen, wenn ich aussteige, dann auf ausgetrampelten Pfaden. Ich wäre Krabben- oder Heringsfischer vor der Küste von Skandinavien, oder auch in Schottland, würde mit einer Nonne, in einem ansonsten verwaisten Kloster in der Nähe von St. Petersburg gegen den Verfall ankämpfen, als Eremit sich durch den eigenen Anbau selbst versorgen, z.B. in einem dieser ausgestorbenen Bergdörfchen in den italienischen Alpen (hat der Begriff des Eremiten eigentlich immer einen religiösen Aspekt, nö na?).
Aber von allen diesen Vorstellungen, ist mir noch eine ungesagte die liebste. Seit fast zehn Jahren hänge ich diesem Gedanken nach. Einen dieser noch mechanischen Leuchttürme zu bedienen, nicht einen auf dem Land, sondern einen der nur mit diesen Postschiffen erreicht wird, einmal die Woche vielleicht. In der Bretagne gibt es noch den einen oder anderen…
Vielleicht wäre das eine meiner wahren Berufungen. Vielleicht verschleppt sich das Scheitern dort auch nicht so, zieht sich nicht in die Länge.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. DerGeist schreibt am 08.09.2006 um 23:42 Uhr:Die Möglichkeiten, zu scheitern bzw. nicht zu scheitern, sind auf einem Leuchtturm beschränkter und damit konzentrierter. Das Leben in einem bevölkerten und lebendigen Umfeld ist facettenreicher, variantenreicher und differenzierter, sodaß ein vollständiges Scheitern schwieriger wird (sofern man nicht wenige Vorgaben (Beruf/Liebe/Kommunikation) definiert und als Markierungen des eigenen Scheiterns ausmacht), denn es finden sich zumeist Bereiche, in denen man eben nicht gescheitert ist.
    Das Eremitendasein läßt sich sicherlich auch aus einer psychischen Konstellation (Misanthropie / Beziehungsängste) oder aus philosophischen Einstellungen (Diogenes in der Tonne) heraus begründen.
    Ich halte Revolutionen für unvermeidbar, denn es wird immer Parteien geben, die entgegen einer (vermeintlichen) Mehrheit am Althergebrachten festhalten wollen und keinerlei Neuerungen zulassen (und auf der anderen Seite Gruppierungen, die die herrschenden Zustände irgendwann für untragbar erachten werden). Aussteigen, ein Rückzug auf sich selbst oder das heutzutage in Mode gekommene Cocooning ist in meinen Augen weder revolutionär noch Rebellion, sondern - wenngleich durchaus politisch - eher eine Art der Resignation und vielleicht dadurch zu erklären, daß es derzeit eines politischen/ideologischen Fundamentes mangelt, das ein aktives Handeln ermöglichen könnte. Ich selbst würde evolutionäre Entwicklungen bevorzugen, bin aber kulturpessimistisch genug, um zu ahnen, daß diese allzu früh an ihre Grenzen gelangten und zudem nicht im geringsten der menschlichen Spezies entsprächen. LG DerGeist
  2. sjAlfur schreibt am 09.09.2006 um 14:34 Uhr:Ich behaupte mal ganz platt, dass die wahre Resignation unserer Zeit im feuilletonistischen Zynismus liegt. Zuviele Stimmen die glauben, durch bissiges Schreiben könnte man die Welt ändern. Und zu oft wird Idealismus mit Dogmatismus verwechselt. Und Schlagworte mit treffender Ausage... Wie mein Kommentar gerade vielleicht beweist.
  3. AiHua schreibt am 10.09.2006 um 23:47 Uhr:ich wäre für ein feuilleton bestimmt der richtige schreiber, wenn ich denn richtig schreiben könnte.
  4. DerGeist schreibt am 11.09.2006 um 02:04 Uhr:@sjAlfur : So lange man noch glaubt, etwas ändern zu können, ist es definitiv keine Resignation - schon im Wortsinne nicht. Und es kann zwar vergeblich, aber nicht falsch sein, etwas ändern zu wollen. Inwieweit dabei ein adäquates Mittel gewählt wird - so es denn eines gibt - bleibt dahingestellt.
    @AiHua : Größere Defizite in der schriftlichen Ausarbeitung oder Ausformung habe ich bislang nicht feststellen können, und Du bist schon seit längerem unter meinen Lieblingsbloggern. Und das Siezen konnte ich Dir auch ausreden. Aber sicher gibt es Regeln für journalistische Texte, die Du - naturgemäß - eher nicht kennen kannst... Aber die lassen sich erlernen. ;) LG DerGeist
  5. AiHua schreibt am 11.09.2006 um 03:22 Uhr:Da ich hier ja nichts Journalistisches fabrizieren muss ist das auch besser so... denke ich mal... das soll ja auch nicht belastend werden... Und das Siezen, ja das habe ich schnell gelernt, man könnte denken ich bin flexibel... öhm

Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.