warum die und nicht der?
Zitat des Tages [vom Perlentaucher]:
"Verstehen ist lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht;
was wir nicht verstehen, ist nicht für uns da", meinte Bettina von
Arnim, die heute vor 221 Jahren geboren wurde und am 20. Januar 1859 starb.
Erscheint es mir nur so, dass Frisch dem mit seinem Roman Stiller total widerspricht? Zum Vergleich ein Tagebucheintrag von ihm, der sicherlich kürzer ist als das Buch, aber erläutender als ein Satz aus dem Buch (äh, ich hoffe ihr könnt mir gerade folgen):
"Du sollst dir kein Bildnis machen. - Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lang Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt - nur die Liebe erträgt ihn so."[1]
Und so leitet er das alles aus
dem biblischen Gebot ab: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ zu „Du sollst die
kein Bild vom anderen machen.“
Frisch leuchtet mir weitaus mehr
ein, als dass Bettina von Armin könnte. Deshalb bin ich auch immer wieder
enttäuscht, dass er in dem Fach Neue deutsche Literatur so gut wie gar nicht
bearbeitet wird. Wie man mir mitteilte, weil er uns heute nichts zu sagen hat,
keine Probleme und Fragen aufwirft…
[1] Max Frisch: Du sollst dir kein Bild vom anderen machen, in: Tagebuch 1946 – 1949, Frankfurt: Suhrkamp 1962. S. 31.

