Grundlage gängiger Auseinandersetzungen mit Kommunikation vor allem aus linguistischer, aber auch psychologischer und soziologischer Sicht ist das kybernetische Modell von Shannon und Weaver (1949), die sich mit mathematischer Informationstheorie beschäftigt haben. Kommunikation verläuft nach diesem Modell folgendermaßen:
Information - die Fähigkeit aus einem Set von Alternativen strukturierte Auswahlen zu treffen - wird auf der sendenden Seite (A) in physische Signale (einen Code) umgewandelt. Diese Signale werden durch einen Sendekanal zur empfangenden Seite (B) geschickt, wo sie de-codiert, d.h. von physischen Signalen in Information zurück-gewandelt werden. Der Code bildet dabei einen sog. „a priori gemeinsamen Kontext“, der vor dem Akt der Übermittlung an beiden Seiten als Voraussetzung vorhanden sein muss, da sonst die jeweilige Seite nicht en- bzw. decodieren kann. (Zusammenfassung nach Reddy 1979:303)
Der Einfluss dieses sytemtheoretischen Modells auf unsere Vorstellung von Kommunikation ist nach wie vor groß. Dies zeigt sich z.B. daran, daß die darin entwickelte Terminologie - Sender, Empfänger, Code, Kanal, senden, übermitteln usw. - nicht nur in die Umgangssprache Eingang gefunden hat, sondern daß auch Studien, die sich weit entfernt davon verorten (z.B. Bavelas et al. 1990, Burgoon et al. 1996, Anderson & Meyer 1988) deren Benutzung nicht vermeiden können, selbst wenn explizit andere Anknüpfungspunkte in der Soziologie oder Ethnomethodologie gewählt wurden. Reddy hat sich diesem Thema ausführlich gewidmet und weist darauf hin, wie schwerwiegend die Konsequenzen des Denkens in dieser Terminologie sind. Die aus der Kybernetik stammende „Leitungs-Metapher“ („conduit metaphor“), mit der im Englischen über Kommunikation gesprochen wird, impliziert folgende Sachverhalte:
„ ... that: (1) language functions like a conduit, transferring thoughts bodily from one person to another; (2) in writing and speaking, people insert their thoughts and feelings in the words; (3) words accomplish the transfer by containing the thoughts or feelings and conveying them to others; and (4) listening or reading, people extract the thoughts and feelings once again from the words.“ (Reddy 1979:290).
Darüber hinaus, so Reddy, entsteht der Eindruck, als hätten Worte und Gefühle ein Eigenleben, sie würden in einen „Ideenraum“ („idea space“) geschleudert und fänden irgendwie wieder einen Weg in das Innere der Menschen. (1979:291). Er spricht von einem Rahmen-Konflikt („frame-conflict“), bei dem die Metaphorik irreführend ist und den Blick auf menschliche Kommunikation verhindert. Verschiedene Modelle, die sich der kybernetischen Grundlage bedienen, erwecken den Eindruck, diese Materialität der Botschaft werde auf die Beteiligten des Kommunikationsaktes ausgedehnt, so daß die beiden (oder mehr) Parteien als im Kommunikationsgeschehen eigenständige oder unabhängig voneinander agierende kaum noch vorstellbar sind, sondern „irgendwie“ in und durch den Kommunikationsprozess selbst verbunden sind.
Reddy entwickelt ein alternatives Modell von Kommunikation, das „toolmakers paradigm“, in dem er eine radikale Subjektivität postuliert: seine Protagonisten leben in jeweils einem völlig isolierten Teil eines kreisförmig angeordneten Gartens und treten mit den jeweils anderen Protagonisten nur und ausschließlich durch Zeichnungen in Kontakt, die mittels einer Maschine in der Nabe des Gartenrades in die anderen isolierten Teile gesendet werden. Diese Zeichnungen sind auf Papier encodierte Abstraktionen ihrer Werkzeuge [tools], die sie produzieren, um damit ihre Umwelt bearbeiten zu können. (Reddy 1979:292f). Kommunikation wird Schwerstarbeit, da die Blaupausen der Werkzeuge („übersetzt“: die [sprachlichen] Symbole menschlicher Kommunikation) ausschließlich auf dem Hintergrund des eigenen Wissens (oder der eigenen „Bibliothek“, vgl. Ecker 1994) interpretiert werden müssen, bzw. erst über die interpretative Tätigkeit des/der Empfangenden Sinn ergeben. Im Laufe des Hin und Hers von jeweils modifizierten Blaupausen entwickeln sich bei Reddy so etwas wie sekundäre Symbole, nämlich ikonische Symbole (Reddy 1979:294), d.h. durch den Bezug der Kommunikation auf die jeweils vorangegangenen Ereignisse ergibt sich in der Verwendung von Symbolen ein qualitativer Sprung, der neue Ebenen von Kommunikation ermöglichen.
Mit der Einführung des Begriffs der radikalen Subjektivität zeigt Reddy eine Möglichkeit, wie der Materialcharakter von Kommunikation zurückgewiesen werden kann, gleichzeitig verlagert er aber eine Sichtweise von außen auf eine Sichtweise, die die interpretative Tätigkeiten der Protagonisten von Kommunikation stärker ins Blickfeld rückt. Reddys Protagonisten kommunizieren über eine Harke, aber da es der einen Person (A) nicht einfällt, das Material, aus dem die Harke gebaut ist - nämlich Holz-, und seinen spezifischen Gebrauch zu erläutern, die andere Person (B) aber in einer steinigen Umgebung lebt, so dass er automatisch annimmt, das Instrument sei aus Stein um Stein irgendwie zu bearbeiten, kommt es zu Missverständnissen.
„A and B, who have had profitable interchanges inthe past, and thus do not mind working quite hard at their communications, have been caught up in this rake problem for some time now. Their instructions simply will not agree. B has even had to abandon his original hypothesis that A is a huge man who has only small rocks to deal with. It just does not fit the instructions he is getting. A, on his side, is getting so frustrated that he is ready to quit.“ (Reddy 1979:294).
Interessant an dieser Erzählung ist , dass Kommunikation als harte Arbeit empfunden wird, entsprechend intensiv werden auch Erfolg und Misserfolg dieser Kommunikation erlebt. Wichtig erscheint mir auch die jeweilige Modifizierung von Partnerhypothesen, die nach den jeweiligen Kommunikationsakten als Fazite gezogen werden. Reddys Protagonisten sind auf die Interpretation der ihnen vermittelten Zeichen angewiesen, da keine weiteren Elemente, die zur Kommunikation beitragen oder sie ausdifferenzieren würden (z.B. Kontexte), vorhanden sind. Die interpretative Tätigkeit wird hier ins Zentrum gerückt, außerdem sind beide Protagonisten gleichermaßen daran beteiligt.
(rmb, ca 1998)