Kinokritiker

06.09.2004 um 18:13 Uhr

Liebe mich, wenn du dich traust



Originaltitel: Jeux d'enfants
Filmlänge:
93min
Produktion:
Frankreich (2002), Komödie, Drama, Liebesfilm
Besetzung:
Guillaume Canet,
                    Marion Cotillard,
                            Emmanuelle Grönvold
Regie:
Yann Samuell
                 Drehbuch:
Yann Samuell, Jacky Cukier
   Verleih:
Agora Films Sarl
 Release: 01.07.2004 (dt)


Wie machen die Franzosen das nur? Sie schaffen es wirklich der großen Hollywoodmaschinerie Stirn zu bieten. Dabei versuchen sie nicht die Blockbuster aus den USA zu überbieten, indem sie teurere und aufwendigere Spezialeffekte einsetzten. Nein, sie lassen die Bilder sprechen. Mit der sanften Kameraführung, dem fast schon zarten Schnitt und vorallem mit den Farben, eröffnet der französische Film jedem einen Einblick in eine einmalige fantastische Märchenwelt.
Spätestens seit "Amelie" hat jeder Kritiker ein Auge auf den französischen Film geworfen. Vorbei die Zeiten guter Komödien a la Luis de Funes. Der französiche Film hat sich gewandelt. Er ist intelligenter, schöner, flüssiger , einfach anspruchsvoller geworden. Filme wie: "Les tripletttes de Belleville" oder "Quentin und Rubin" erobern nicht nur den europäischen Markt, sondern sie stoßen nach und nach immer mehr in der Hochburg des Kinos, in Amerika, auf große Popularität und Anerkennung.



"Liebe mich, wenn du dich traust" (Eine wiedermal mißratene Übersetzung aus dem Französischen, dort heißt der Film "Jeux d'enfants" was soviel bedeutet wie Kinderspiel.) , reit sich ohne weiteres in die Riege des neuen französischen Films mit ein."Was willst du mal werden, wenn du groß bist?", fragt die kleine Sophie den gleichaltrigen Julien auf der Hochzeit ihres Bruders.
 
"Ich will Tyrann werden...und du Sophie?"
"Ich will ein Pudding werden."

Irgendwie ist dieser Dialog bezeichnend  für den ganzen Film. Sophie Kowalski ist Tochter einer polnischen Einwanderfamilie und wird aufgrund ihrer Herkunft von allen Schulkindern diskriminiert. Nur der kleine Julien freundet sich mit dem kleinen Mädchen an und hilft ihr das Mobbing erträglicher zu machen. Die Freundschaft der beiden Kinder wird durch eine Blechdose mit Karusellbemalung gefestigt. Denn immer wenn ein Kind die Dose hat, darf es sich vom anderen etwas Wünschen und der muss es machen. So vergehen die Jahre und aus dem Spiel der Freundschaft entwickelt sich ein Spiel um die Liebe.



Wenn man sich "Liebe mich, wenn du dich traust" ansieht hat man stellenweise wirkliche Deja-Vu-Erscheinungen, denn vieles vom Drehbuch bis hin zur Kulisse erinnert sehr schnell an "Die Zauberhafte Welt der Amelie". Es ist wirklich Pech für Regisseur Yann Samuell , der das Script schon geschrieben hatte bevor "Amelie" auf die Leinwände der Welt traf, dass sein Werk immer wieder mit solchen Vergleichen herhalten muss. Dabei ist sein Film wesentlich mehr mit schwarzen Humor behaftet als "Amelie", was den Film wirklich zu etwas besonderem macht.


 
Samuell jongliert hier mit Farben, Geräuschen, Bildern und Gesten , so dass man einfach nur noch gebannt auf die Leinwand starrt und versucht nicht einmal zu blinzeln, um diese wirklich schönen und rein filmästhetisch genialen Aufnahmen zu verpassen. Und durch den Cast hat sich wirklich ein Traumpaar gefunden. Guillaume Canet ("the beach") und Marion Cotillard ("big fish") spielen Julien und Sophie nicht nur überzeugend , sondern auch mit solchen, an manchen stellen vielleicht etwas übertriebenen,  Emotionen, dass man ihnen jedes gesprochene Wort ohne weiteres abkauft. Man weiß, dass Sophie und Julien füreinander geschaffen sind und das Publikum wartet nur darauf bis sich beide endlich in die Arme fallen, doch das lässt der Regiesseur scheinbar niemals zu.

So entwickeln sich die Charaktere unteschiedlich und getrennt, aber wärend dieser Phase hat man immer das Gefühl, da ist etwas was die beiden Zusammenhält. Gefühle stehen in dieser romantischen Liebesgeschichte im Mittelpunkt, man soll nicht an die alte Story denken, welche es schon hundert mal gab.Wir sollen mitfühlen, mitlachen, mitweinen und mithassen, wenn Julien und Sophie sich ihre scheinbar gemeinsame Zukunft durch ein dummes Kinderspiel verbauen.



Ab und zu explodiert förmlich die Kulisse.Da werden Blitze geschwenkt, es wird gebrüllt und die Vertreibung aus dem Paradis als Metapher für das zerstörte Glück aufgefasst. All das wird durch die wundervolle musikalische Untermalung gestärkt, denn die französischen Chansons haben einen einzigartige Charme, den sich auch unter anderem S. Spielberg in "Der Soldat James Ryan" zu nutzen gemacht hat.
Es schwindet zunehmend die Grenze zwischen Theateraufführung und Kinofilm und der Zuschauer wird mit jeder Filmminuten tiefer in ein Märchen hineingezogen, welches scheinbar niemals enden will.Und hier ist auch das Größte Manko des Films. Dass dann doch noch das Happy End eingeführt wird, ist nicht verwunderlich aber doch etwas unlogisch. Der plötzliche Sinneswandel wird kaum erklärt und führt schließlich zu endlosen Fragezeichen.

Wer sich trotz dieses kleinen und zu vernachlässigenden Schönheitsfehlers nicht entmutigen lässt, für den wird der Gang ins Kino ein wahres Fest der Sinne.


Bewertung:

 
(9 von 10 Raben)