Was kann der Bürger, der
Mensch, der Einzelne in diesem Staat überhaupt noch ausrichten? Muss er alles
über sich ergehen lassen, oder hat er eine Stimme, die auch gehört wird?
Bei vielen Dingen würde
ich das glattweg verneinen, was bewirken z.B. Protestmails gegen Käfighaltung,
Genfood, Tierversuche oder umweltfeindliches Handeln?
Was bewirkt ein Auflehnen
des Einzelnen gegen Hartz vier? Nichts. Er macht sich nur noch mehr Probleme.
Aber als Konsument ist der
Einzelne wie ein Zahnrad in einer Maschinerie, und wenn er abspringt, dann
funktioniert auch die Maschinerie nicht mehr.
Leicht ist das Abspringen nicht,
denn heutzutage zählt nicht "billig will ich", sondern "billig
muss ich".
Das magere Budget zwingt
nun mal zu Einkäufen bei Lidl, Aldi und Penny, und jeder denkt bei der
Nahrungsbeschaffung erstmal an sich und die Seinen und nicht an gestresste
Verkäufer, niedrige Löhne, Mobbing, Arbeitsüberlastung und und und.
Dass Billigeinkäufer dadurch
eine Spirale ohne Ende in Gang setzen, ist nicht jedem bewusst – denn wie wir
wissen, sind die Arbeitsbedingungen bei genannten Discountern nicht die Besten
und werden durch die Tiefpreise auch nicht besser. Irgendwer muss für den Gewinn
sorgen. Discounter sind ja keine karitativen Orte, die aus purer Nächstenliebe
existieren.
Wen interessiert
inzwischen noch, ob diese Discounter alle kleinen Einzelhandelsgeschäfte
weggefegt haben?
Der nächste Großangriff
der Discounter ging auf die Nische Bio/ Öko. Produkte aus kontrolliertem Anbau
standen plötzlich mit im Sortiment. Auch diese sind für den kleineren
Geldbeutel angelegt,, obwohl die meisten Sachen für manche trotzdem noch zu
teuer sind.
Und ob das wirklich immer
alles Bio ist? Optisch wirkt die Ware genauso wie herkömmliche behandelte,
chemisch gedüngte, die Tomaten sind noch nach Wochen rot und knackig und wollen
leider Gottes nicht vergammeln… Man gehe da nur zum Spaß in einen Bioladen,
Obst und Gemüse sind immer kleiner,
runzeliger und glanzloser als in anderen Märkten.
Nicht zu vergessen, dass
EU Norm auch viele „kleine“ Freiheiten lässt, Schadstoff ist nicht gleich
Schadstoff, in einem Land belasten schon 10mg, während der europäische Mensch
wohl mehr abkann, vielleicht sogar 100mg….
Ob die Rechnung der großen
Discounter aufging, will ich nicht beurteilen, die Bioläden gibt es nach wie
vor, inzwischen gibt es auch Biodiscounter, in denen alles genau so abläuft,
wie in normalen Discountern, nur dass die Ware eben Bio ist. Dort gibt es keine
besseren Löhne, und die Arbeitsbedingungen sind auch nicht rosafarbene
Wattewelt.
Hier sieht man aber die
altbekannten Freaks aus den vergangenen Zeiten, die in Birkenstock, Pluderhosen
und Inkamütze gekleidet, ihren Einkauf tätigen, also treiben die sich nicht bei
Aldi, Minimal und Edeka herum, um ihre Bioware zu kaufen. Das könnte ein
Zeichen von Konsequenz sein.
Nun hat Lidl noch eine
Marktlücke entdeckt, Transfair, und das ist das eigentliche Thema meines
Eintrags hier.
Transfair ist im Ursprung eine
ideologische, ethische Angelegenheit, von Kirchen organisiert, um einer Welt
entgegen zu treten, die ungerecht und unfair ist. Eine Welt, die in arm und
reich teilt, die Reichen beuten die Armen aus, um im Luxus zu schwelgen, während
die Armen nicht mal überleben können.
Die Globalisierung reißt den
Graben noch tiefer, und sie reißt ihn in jedem Land. In einer Unterhaltung
sagte gestern jemand zu mir: „Globalisierung heißt, dass auf der Welt alle
armen Menschen gleich arm und alle Reichen gleich reich sind.“
Sind wir davon noch so
weit entfernt? Ich meine nicht, und deswegen habe ich auch den vorherigen Artikel
geschrieben.
Kann ein Warendiscounter wie Lidl Transfairprodukte
anbieten, wenn die Arbeitsbedingungen dort an Lohnsklaverei erinnern? Und
verliert die Organisation Transfair, deren Aufgabe die Kontrolle und Einhaltung
von Kriterien und Standards des Fairen Handels ist, nicht auch ihre
Glaubwürdigkeit, wenn sie Ladenketten unterstützt, deren Mitarbeiter alles
andere als fair behandelt werden?
Wird mit zweierlei Maß gemessen? Ist der
Mitarbeiter bei Lidl anders zu betrachten als der Indio in Brasilien, nur weil
der Erstere (noch) nicht in einer Wellblechhütte lebt?
Bekommen
die Erzeuger der Waren in ihren Ländern weiterhin korrekte Preise oder werden
sie einfach überrannt? Möglichkeit 2: Lidl zahlt den Bauern, Erzeugern oder
Kooperativen die fairen Preise, und zieht sie hier von den Löhnen der
Mitarbeiter ab!!!
Man stelle sich nur einmal
vor, es gäbe einen Tag des „Konsumboykotts“. (80% der Verbraucher würden
bewusst einen Tag auf jeden Einkauf verzichten.) Die Kassen würden nicht klingeln, die
Verluste gingen in die Tausende. Irgendwo muss der kleine Anfang mal gemacht
werden.
Unsere einzige Chance ist
Boykott. Wer Kaffee aus fairem Handel kaufen will, sollte ihn nicht bei Lidl
kaufen, sondern im Weltladen, in welchen die Menschen, die dort (ehrenamtlich)
arbeiten, ihre gesamte Energie stecken.
Die Weltläden informieren
über die Bedingungen in den ärmeren Ländern, über Einzelschicksale, über
Erfolge und Misserfolge. Kaffee, Kakao und Schokolade sind die Verkaufsmagneten
der Weltläden, viele der anderen Waren sind Mitläufer.
Der Verkauf ist nur ein
Teilaspekt des Konzepts. Das Engagement wird auch vor Ort geleistet. Es wird
auch von diesen engagierten Mitarbeiten vor Ort kontrolliert und verhandelt. Es
wird dort mit den Erzeugern gelacht und geredet, oftmals ist eine persönliche
Korrespondenz weit über den Handel hinaus entstanden. Aus Spendengeldern werden
Schulen gebaut, die Kinder schicken selbst gemalte Bilder.
Das alles bietet kein
Discounter. Lidl's Kaffeebohnen erzählen keine Geschichte, aber sie könnten
schon bald die Ursache dafür sein, dass auch die Weltläden verschwinden.