Betäuben in Benin

07.06.2009 um 18:55 Uhr

Last day hat

Freitag letzter Tag im OP, wenig Programm, unspektakuläre Fälle. Auf dem Schiff geht es diesbezüglich zu wie in anderen Kliniken auch geplant wird (oder werden sollte): Man lässt es zum Wochenende hin etwas ruhiger angehen, die ganz schweren Fälle muss man nicht gerade am Samstag und Sonntag auf der Station liegen haben, und mögliche Komplikationen lassen sich auch während der Woche mit vollem Team besser behandeln. Die Augenärzte haben an diesem Tag sogar ihren OP ganz stillgelegt - die schaffen sonst ein stolzes Programm von über 30 Katarakten (grauer Star) am Tag, mit zwei Operateuren in zwei Sälen, mutet fast wie Fließband an, wenn die loslegen.

Die Anästhesie verleiht mir den „Last day hat“, grüner Filz als Untergrund, rotes Blümchen obenauf - ich hätte ihn am letzten Tag zu tragen, wird mir dieses Schmuckstück als feste Tradition verkauft. Ich (er)trage es mit Würde :-). Nein, macht Spaß, selbst beim Essen im Dining Room behalten ich das gute Stück auf und schaue rundum in fröhliche Gesichter.

Abends Abflug ab Cotonou. Die mehrfachen Stromausfälle in der Abflughalle erregen kein großes Aufsehen. Auch in der Maschine stehen wir zeitweise ohne Licht, aber der Kapitän versichert, das liege ebenfalls an der Versorgung von außen, die Bordsysteme seien völlig in Ordnung. Am Nachmittag danach bin ich zu Hause. Der Stromausfall in Cotonou hat den Flug eine Viertelstunde verspätet, der Anschlussflieger in Paris hat da leider schon abgehoben. Eine gute Stunde vor Beginn des Firmgottesdienstes für meinen Ältesten treffe ich zu Hause ein. Sozusagen just in time, gut abgepasst auf 6.000 km Entfernung.

Was haben drei Wochen Benin mir gebracht? Einen strammen Stapel Fachzeitschriften habe ich abgetragen, die ältesten sogar noch von 2007, außerdem zwei Krimis gelesen. Dazu mal wieder Max Frischs „Homo faber“ - ich hatte mich erinnert an diese anstrengende Passage im Dschungel und dachte, die sollte man mal in passender Umgebung lesen. In drei Wochen im OP haben wir von der Anästhesie an die 200 Patienten in den verschiedensten Disziplinen betreut. Es hat wieder große Freude gemacht, in einem internationalen Team, mit freiwilligen Helfern aus aller Herren Länder, Hilfe zu leisten, wo es am allerdringendsten ist. Die freundlichen, dankbaren Patienten sind immer wieder schön zu erleben. Und auch fachlich erweitert man seinen Horizont, kann andere Methoden in der Praxis beobachten. Nach zwei Einsätzen im Nachkriegs-Liberia, mit angespannter Sicherheitslage und schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen im Land tat es gut, einmal ein funktionierendes, freundliches, optimistisches Land kennenzulernen. Eines, in dem man sich frei bewegen kann und deutlich mehr afrikanisches Flair schnuppern. Viele gute Gründe, dass auf Betäuben in Liberia und Betäuben in Benin auch noch ein Betäuben woauchimmer folgen könnte...

04.06.2009 um 22:03 Uhr

Chocolate tax

Heute morgen versinkt Cotonous Hafen im Dunst, auf den Scheiben am Dining-Room, etwas schräggestellt Richtung Bug, ist schön der massive Tropenregen zu erkennen. Die Regenzeit ist im Kommen. Glücklicherweise verspätet und noch immer nicht so mächtig wie eigentlich üblich um diese Jahreszeit. Einige Patienten werden es aber in den kommenden Wochen schwer haben, zum Schiff zu kommen. Wer aus einem kleinen Dorf weit draußen kommt, muss möglicherweise über viele Kilometer unbefestigte Straße zum Hafen anreisen. Auch die Dayworkers, die einheimischen Hilfskräfte, reisen oft zur Arbeit auf dem Schiff mit dem Moped an, Benins Hauptverkehrsmittel. Das wird bald nur noch wenig Spaß machen.

Zemidjean - Mopedtaxi in Cotonou (erkennbar am gelben T-Shirt)

 

 

 

 

 

 

 

Zemidjean - Mopedtaxi in Cotonou (erkennbar am gelben T-Shirt)

Gestern hatten die Plastischen Chirurgen einen besonders heiklen Fall auf dem Tisch. Ein Baby, wenige Monate alt, mit einem Tumor am Unterkiefer, fast so groß wie der gesamte übrige Kopf. Da kommen drei anästhesiologische Schwierigkeiten zusammen: Das kleine Kind. Bei kleinen Kinder findet man schwieriger die Zugänge, angesichts der Größenverhältnisse muss man sehr feinfühlig dosieren, und das fängt schon mit der Atemluft an und hört bei den Medikamenten auf. Glücklicherweise haben wir zurzeit zwei versierte Kinderanästhesisten an Bord, der eine sogar Professor in diesem Spezialfach. Die Größe der OP ist die zweite Schwierigkeit. Einen Tumor von der Größe des eigenen Kopfes operiert man nie so gern. Das schreit geradezu nach Komplikationen, Blutverlusten, Zwischenfällen. Und die dritte Schwierigkeit ist schließlich, dass dieser Tumor auch noch am Luftweg sitzt. Am Unterkiefer vorbei müssen wir nunmal Luft in den Patienten pumpen, irgendeine Leitung führt dort entlang, die auch mal Probleme machen kann. Aber gut, eine dauerhafte Überlebenschance hat solch ein Kind nur mit Operation. Und auf Fälle dieser Art hat sich diese schwimmende Klinik halt spezialisiert.

Leider gab es während der Operation einen Zwischenfall. Die Chirurgen haben wohl Kopf und Tumor etwas mehr bewegen müssen, der Beatmungstubus ist verrutscht, keine Beatmung mehr möglich. So etwas passierte natürlich zu einer Zeit, wo von den drei Anästhesisten im Saal nur einer anwesend war. Und wo ich das Pech hatte, gerade an der Tür vorbeizulaufen, zu meinem nächsten Patienten nebenan. Einen dramatische halbe Stunde lang haben wir zeitweise mit der Maske beatmen können, dann wieder nicht, dann haben wir einen neuen Tubus probiert, dann mal eine Larynxmaske (1er Maske, nicht größer als ein Daumenendglied). Natürlich machten die Werte von Sättigung und Herzfrequenz eine Achterbahnfahrt rauf und runter. Dazu kamen für mich noch Missverständnisse, wenn die Angloamerikaner in Hektik vermehrt in Slang und Abkürzungen verfallen sind. Glücklicherweise war das Team schnell wieder auf volle Stärke aufgerüstet und ich konnte das Feld den Spezialisten überlassen. Und schließlich haben sie auch wieder einen Tubus sicher einführen können. Das Kind hat die Nacht nach der großen OP dann auf der Intensiv verbracht und war heute morgen schon wieder extubiert.

Andere Zwischenfälle sind da viel erfreulicher. Unseren beiden VVF-Chirurginnen habe ich vergangene Woche Blut abgenommen, sie mussten sich nach einer Stichverletzung untersuchen lassen. Die eine hat dabei einen großen blauen Flecken davongetragen. Bislang hatte ich nur darauf verwiesen, dass solche Dinge unvermeidlich sind. Schließlich ist der Chirurg der natürliche Feind des Anästhesisten :-). Wie ich nun gelernt habe, ist das aber ein Fall für die Chocolate tax, die „Schokoladensteuer“. Ein solcher Zwischenfall lässt sich mit Schokolade zufriedenstellend aus der Welt schaffen. Der Ship shop hält dafür die guten Ritter Sport-Quadrate aus Deutschland bereit. Das Team im VVF-OP hat es gefreut.

Nach dem Regen bleibt es heute Nachmittag trocken. Ich nutze die Stunde vor dem Abendessen für einen weiteren Gang zum nahen Markt, und für einen wichtigen Einkauf: Die hiesigen Ananas bekommen wir gelegentlich von der Kombüse als Nachtisch angeboten. Sie sind etwas kleiner als die in deutschen Supermärkten. Aber herrlich zart und süß. Morgen steht schon meine Abreise an, und am Samstag eine Familienfeier. Da werde ich per pine apple tax, Ananassteuer, alle möglichen heimischen Versäumnisse der letzten drei Wochen abgelten...

02.06.2009 um 21:01 Uhr

Starbucks

Dienstagabend. Ich sitze im Starbucks Café, ein offener Bereich mitten im Schiff. Hier gibt es zu den Öffnungszeiten eine große Auswahl aromatisierter Kaffees, sozusagen die Nachtbar der Antialkoholiker. Hier kann man sich verabreden oder auch per Zufall auf Gesprächspartner treffen. Im Hintergrund übt gerade jemand am Klavier (glücklicherweise auf hohem Niveau), und manchmal wird hier auch ein Konzert gegeben.Sogar eine WLAN-Verbindung für meinen Laptop gibt es.

Gestern war ein normaler Arbeitstag. Der Pfingstmontag, auch nach Aussage eines mir bekannten Pastors der überflüssigste deutsche Feiertag, wird an Bord nicht gefeiert. Selbst Pfingsten ist erstaunlich glanzlos an der Africa Mercy vorübergegangen, ist es doch als Gründungsfest der Kirche eigentlich ein wichtiges Datum. Drei „Anesthesia providers“ sind am Wochenende neu eingetroffen, alles Fachärzte. Die eine ist altgedient an Bord und braucht keinerlei Einarbeitung. Für die beiden anderen ist Anästhesie in Afrika und auf einem Schiff eine neue Erfahrung. Vor allem müssen sie natürlich wie an jedem anderen Arbeitsplatz auch erstmal in Örtlichkeiten, Gerätschaften und Gewohnheiten eingewiesen werden. Welche Narkosemaschine benutzen wir (Ohmeda)? Wo finde ich den Tubus Größe 5,0 (Schrank 4 in der Pharmacy im OP)? Sollte ich bei Dr. Bruce wirklich damit rechnen, dass die Struma in gut 20 Minuten raus ist oder ist das Chirurgenlatein (20 Minuten, keine Angeberei, man glaubt es kaum!)? So schnell wird man zum alten Hasen und teilt seine geballten Erfahrungen aus zwei Wochen Anästhesie an Bord. (Was nicht ganz stimmt, ist ja schon mein dritter Aufenthalt.)

Die Patienten verlassen hier schon recht schnell das Schiff, so ist heute Nachmittag Albert aufgebrochen. Dem hat Dr. Gary erst vor fünf Tagen die rechte Gesichtshälfte regelrecht hochgeklappt, um dort einen erneut aufgetreten Tumor auszuräumen. Schon direkt am Tag nach der OP war Albert erstaunlich beschwerdefrei. Es gibt schon erstaunliche Dinge. Einige Patienten finden - um die Raumnot auf den Stationen zu lindern - Platz in der sogenannten „Hospitality“, einer für diesen Zweck zurechtgemachten Lagerhalle in Hafennähe. Aber das ist nur eine Notunterkunft für diejenigen, die weit entfernt wohnen und nach zwei Wochen zur Wiedervorstellung kommen, z.B. zum Verbandswechsel.

Nach dem Tag im OP ist es oft schon schnell dunkel. Wir sind hier nur noch 700 km vom Äquator entfernt. Da sind die Tage im Sommer wie Winter fast gleich lang, zwölf Stunden. Hier gibt es also keine dunklen Winter, aber auch keine hellen Sommerabende bis zehn Uhr. Die Temperatur schwankt im Jahresverlauf nur wenig zwischen 27 und 32° C, es gibt nur nasse oder trockene Hitze. Eigentlich sollte die Regenzeit schon eingesetzt haben, aber noch sind wir von größeren Wassermassen von oben verschont geblieben. Ich erinnere mich gut an die frustrierte Crew in Liberia, die 2007 gerade drei Monate ununterbrochenen Regen hinter sich hattte. Da sieht man wohl die sprichwörtlichen Felle davonschwimmen...

31.05.2009 um 22:19 Uhr

Fraternité - Justice - Travail

Benins Staatsmotto findet sich im Wappen, auf Dokumenten, an Regierungsgebäuden: Fraternité - Justice - Travail. Brüderlichkeit - Gerechtigkeit - Arbeit. Das haben wir doch ähnlich schon mal gehört, allerdings etwas knackiger: im Frankreich der Revolution, 1789, schwärmte man von Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, noch dazu auf französisch, wo die Worte so schön säuseln: liberté - égalité - fraternité. Vermutlich schlägt sich hier Benins kommunistische Vergangenheit nieder, Helden der Arbeit und ähnliche Glorifizierung kennen wir ja aus der DDR und ihren sozialistischen Bruderländern.

Am Freitagabend, nach der Arbeit, bin ich in dieser Woche das erste Mal ohne „Scrubs“ herumgelaufen. Praktischerweise kann man an Bord - in deutschen Kliniken undenkbar! - seine blaue oder bunte Bereichskleidung überall mit hinnehmen. Man geht mittags zum Essen, in Scrubs. Kommt wieder, schleust sich ein, in denselben Scrubs. Geht nach der Arbeit in die Kabine, in Scrubs. Noch ein bisschen auf Deck 8, eine halbe Stunde im Liegestuhl abhängen, in Scrubs. Nach dem Abendessen zur Station, in... klar. Viele nehmen beim Essen nicht mal die bunte, typisch amerikanisch-englische Kopfbedeckung ab. Darauf macht man Werbung für seine Fußballverein oder seine Nationalflagge, oder hat einfach ein paar hübsche Tierbilder drauf. Natürlich wechseln wir auch mal die Kleidung,wenn sie etwas abbekommen hat. Aber oft kommt man doch einen ganzen Tag mit einer Garnitur aus. Es scheint auch keine Häufung von Infektionen zu geben. Was wiederum die These mancher Hygieniker stützt, dass auch in deutschen OPs der Anästhesist in Straßenkleidung am Kopfende sitzen könnte und die Bereichskleidung „nur aus Tradition“ getragen wird.

Der Samstag verläuft unspektakulär. Zwar zwingt mich der Bereitschaftsdienst, an Bord zu bleiben, aber ich werde kein einziges Mal angepiept. Selbst der Gang über die Stationen fördert keinen Bedarf zutage. Gute Gelegenheit, mal mit Staubsauger und Wischlappen durch Kabine und Sanitärbereich zu gehen. Selbst der Klempner bringt nun endlich die Abflüsse in Ordnung, das Duschwasser ist uns bislang gelegentlich aus dem anderen Abluss neben der Toilette wieder entgegengesprudelt.

Am Sonntag wollte ich eigentlich einen original afrikanischen Gottesdienst in einer kleinen Gemeinde mitfeiern. Unser Fahrer mit Lizenz für ein Mercyships-Fahrzeug ist aber ausgefallen. So bleibt in fußläufiger Entfernung wieder die katholische Kathedrale - allerdings mit einer positiven Überraschung, richtig schöner Musik, einem Chor, der zwar manchmal schief, aber immer ergreifend singt, und dann noch das ganze Repertoire ausschöpft von bekannten lateinischen Litaneien bis zu afrikanischen Rhythmen. Ine, Krankenschwester aus Holland, hat sich angeschlossen und ist auch sehr angetan.

Anschließend gönnen wir uns einen ausgedehnten Gang über den Ganhi-Markt, direkt am Hafen. Diese Marktatmosphäre in Afrika ist immer etwas Schönes. Viele bunte Angebote, Früchte, Gemüse, lebende und tote Tiere, Stoffe, Haushaltswaren. Viele Menschen. Gerüche, nicht mal angenehm, aber typisch. Wir kommen mit einigen Händlerinnen dort ins Gespräch, feilschen ein wenig herum, lassen uns dies und das erzählen. Ich habe ein Hemd mit Mercyships-Aufdruck an - das wird äußerst positiv aufgenommen, wir lassen uns gern erzählen, wie angesehen das „Bateau de misericorde“ hier ist. Aus dem Markt heraus kommen wir mit einigen Einkäufen und etlichen schönen Fotos. Manche Einheimische verweigern ganz kategorisch das Fotografieren - womöglich aus irgendwelchen abgergläubischen Bedenken, andere drängen sich geradezu auf und möchten sich gerne ablichten lassen.

Den Nachmittag nutze ich noch einmal für eine Fahrradtour in Cotonou. Ein paar Kilometer stadtauswärts, die breit ausgebaute Hauptstraße entlang bis zum Flughafen, Aeroport Cardinal Bernardin Gantin. Dann über die Avenue du Pape Jean-Paul II zurück in die Stadt. Ganz schön katholisch geprägt, dieser Stadtplan. An den großen Straßen überall die offiziellen Gebäude. Natürlich Botschaften. Die chinesische ist so groß, dass man meint, die wollten hier bald die Regierung übernehmen - es ist ja überall die Rede davon, wie stark sich China wirtschaftlich in Afrika engagiert. Die französische Botschaft, die der ehemaligen Kolonialmacht, kann sich aber auch noch sehen lassen. Verblüffend für ein kleines Land von 8 Mio Einwohnern ist allerdings die Vielzahl der Ministerien. Was man da alles braucht: Ein Ministerium für Dezentralisierung, Kommunalbehörden und für Raumordnung. Eines für kleine und durchschnittliche Unternehmen und die Förderung des Privatsektors - für die große Industrie gibt es selbstverständlich ein weiteres. Daneben auch nicht zu vergessen Ministerien wie das für Energie und Wasser. Da hoffen wir mal, dass mit der im Staatsmotto beschworenen Arbeit nicht nur die in den Behörden gemeint ist.

29.05.2009 um 20:26 Uhr

Shake & bake

Der Freitag, letzter Arbeitstag dieser arbeitsreichen Woche. Startet mit einem Quality-Meeting um 7.00 h morgens in der „Queens Lounge“. Das war früher der VIP-Raum, als die Africa Mercy in ihrem ersten Leben als dänische Eisenbahnfähre über die Nordsee schipperte. Unter anderem hat wohl auch die kettenrauchende Margarete von Dänemark die „Queens Lounge“ bewohnt, aber man riecht gar nichts mehr.

Beim Quality-Meeting des Hospitals wird die Arbeit beleuchtet, werden besonders glücklich oder unglücklich verlaufene Fälle besprochen, werden Strategien diskutiert, Probleme aufgenommen. Mich erstaunt vor allem, wie stark die Arbeit immer noch eingebunden sein muss in das Umfeld. Welche große Rolle es spielt, dass die Patienten von ihrer Familie unterstützt werden. Dass es ein heimisches Umfeld gibt, das die weitere, manchmal die langfristige Versorgung sicherstellt. Die operative Therapie an Bord kann zwar ein entscheidender Schritt sein, der ohne das Schiff unterbliebe. Sie bleibt aber nur ein Schritt auf einem längeren Weg. Und selbst 10 Monate Einsatz sind für manchen Patienten nur ein kleiner Ausschitt seiner Krankheitsgeschichte. Es gibt ein gewisses Maß an Netzwerken, an Unterstützung durch kirchliche Gruppen, durch Gemeinden. Aber in Vielem bleibt man auf die Familien angewiesen. Und viele kümmern sich glücklicherweise rührend um ihre Angehörigen.

Im OP war heute kurzes Programm vorgesehen, wir waren am Abend eingeladen bei Thomas Yayi Boni. Der Präsident von Benin wollte ein Essen für Mercyships ausgeben, für die gesamte Besatzung. Leider ist das kurzfristig ausgefallen. Ein solcher Staatsakt im Präsidentenpalais wäre sicherlich ein spannendes Ereignis gewesen.

Auf dem Programm heute: Mehrere Leistenbrüche unterschiedlicher Größenordnung, von europäisch bis imposant. Auch ein kleiner Nabelbruch ist dabei - da hat man eine kleine Beule direkt am Bauchnabel, bei unserem schnellen Chirurgen Dr. Bruce eine Sache von ein paar Minuten. Die Besonderheit ist, dass es ein Crewkind war, kein Einheimischer. Die Eltern arbeiten auf dem Schiff, die ganze Familie wohnt hier, da kann man solche Dinge auch schon mal direkt an Bord erledigen. Zwei Schilddrüsen sind auch wieder auf dem Programm in meinem Saal. Überzeugend westafrikanisches Format. Die eine Frau freut sich, dass sie den Kropf endlich loswird: Raus damit! Und der einheimische Helfer erzählt mir nachher, auf dem Weg in den Aufwachraum, dass eine solche Schilddrüse nicht nur ein Schönheitsproblem und eine medizinische Angelegenheit ist. Körperliche Entstellungen können einen Menschen auch schnell als Zauberer oder Hexe brandmarken. Da bekommt diese Krankheit gleich noch eine ganz andere Dimension.

Beim schnellen Wechsel zwischen zwei Operationen lernen wir von Doris, OP-Schwester, Ami-Slang: zoom-zoom, shake & bake, turn & burn, also soviel wie „flott-flott“. Hört sich an, als ob die Amis flotte Arbeit eher dem Pizzabäcker zutrauen.