Betäuben in Benin

31.05.2009 um 22:19 Uhr

Fraternité - Justice - Travail

Benins Staatsmotto findet sich im Wappen, auf Dokumenten, an Regierungsgebäuden: Fraternité - Justice - Travail. Brüderlichkeit - Gerechtigkeit - Arbeit. Das haben wir doch ähnlich schon mal gehört, allerdings etwas knackiger: im Frankreich der Revolution, 1789, schwärmte man von Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, noch dazu auf französisch, wo die Worte so schön säuseln: liberté - égalité - fraternité. Vermutlich schlägt sich hier Benins kommunistische Vergangenheit nieder, Helden der Arbeit und ähnliche Glorifizierung kennen wir ja aus der DDR und ihren sozialistischen Bruderländern.

Am Freitagabend, nach der Arbeit, bin ich in dieser Woche das erste Mal ohne „Scrubs“ herumgelaufen. Praktischerweise kann man an Bord - in deutschen Kliniken undenkbar! - seine blaue oder bunte Bereichskleidung überall mit hinnehmen. Man geht mittags zum Essen, in Scrubs. Kommt wieder, schleust sich ein, in denselben Scrubs. Geht nach der Arbeit in die Kabine, in Scrubs. Noch ein bisschen auf Deck 8, eine halbe Stunde im Liegestuhl abhängen, in Scrubs. Nach dem Abendessen zur Station, in... klar. Viele nehmen beim Essen nicht mal die bunte, typisch amerikanisch-englische Kopfbedeckung ab. Darauf macht man Werbung für seine Fußballverein oder seine Nationalflagge, oder hat einfach ein paar hübsche Tierbilder drauf. Natürlich wechseln wir auch mal die Kleidung,wenn sie etwas abbekommen hat. Aber oft kommt man doch einen ganzen Tag mit einer Garnitur aus. Es scheint auch keine Häufung von Infektionen zu geben. Was wiederum die These mancher Hygieniker stützt, dass auch in deutschen OPs der Anästhesist in Straßenkleidung am Kopfende sitzen könnte und die Bereichskleidung „nur aus Tradition“ getragen wird.

Der Samstag verläuft unspektakulär. Zwar zwingt mich der Bereitschaftsdienst, an Bord zu bleiben, aber ich werde kein einziges Mal angepiept. Selbst der Gang über die Stationen fördert keinen Bedarf zutage. Gute Gelegenheit, mal mit Staubsauger und Wischlappen durch Kabine und Sanitärbereich zu gehen. Selbst der Klempner bringt nun endlich die Abflüsse in Ordnung, das Duschwasser ist uns bislang gelegentlich aus dem anderen Abluss neben der Toilette wieder entgegengesprudelt.

Am Sonntag wollte ich eigentlich einen original afrikanischen Gottesdienst in einer kleinen Gemeinde mitfeiern. Unser Fahrer mit Lizenz für ein Mercyships-Fahrzeug ist aber ausgefallen. So bleibt in fußläufiger Entfernung wieder die katholische Kathedrale - allerdings mit einer positiven Überraschung, richtig schöner Musik, einem Chor, der zwar manchmal schief, aber immer ergreifend singt, und dann noch das ganze Repertoire ausschöpft von bekannten lateinischen Litaneien bis zu afrikanischen Rhythmen. Ine, Krankenschwester aus Holland, hat sich angeschlossen und ist auch sehr angetan.

Anschließend gönnen wir uns einen ausgedehnten Gang über den Ganhi-Markt, direkt am Hafen. Diese Marktatmosphäre in Afrika ist immer etwas Schönes. Viele bunte Angebote, Früchte, Gemüse, lebende und tote Tiere, Stoffe, Haushaltswaren. Viele Menschen. Gerüche, nicht mal angenehm, aber typisch. Wir kommen mit einigen Händlerinnen dort ins Gespräch, feilschen ein wenig herum, lassen uns dies und das erzählen. Ich habe ein Hemd mit Mercyships-Aufdruck an - das wird äußerst positiv aufgenommen, wir lassen uns gern erzählen, wie angesehen das „Bateau de misericorde“ hier ist. Aus dem Markt heraus kommen wir mit einigen Einkäufen und etlichen schönen Fotos. Manche Einheimische verweigern ganz kategorisch das Fotografieren - womöglich aus irgendwelchen abgergläubischen Bedenken, andere drängen sich geradezu auf und möchten sich gerne ablichten lassen.

Den Nachmittag nutze ich noch einmal für eine Fahrradtour in Cotonou. Ein paar Kilometer stadtauswärts, die breit ausgebaute Hauptstraße entlang bis zum Flughafen, Aeroport Cardinal Bernardin Gantin. Dann über die Avenue du Pape Jean-Paul II zurück in die Stadt. Ganz schön katholisch geprägt, dieser Stadtplan. An den großen Straßen überall die offiziellen Gebäude. Natürlich Botschaften. Die chinesische ist so groß, dass man meint, die wollten hier bald die Regierung übernehmen - es ist ja überall die Rede davon, wie stark sich China wirtschaftlich in Afrika engagiert. Die französische Botschaft, die der ehemaligen Kolonialmacht, kann sich aber auch noch sehen lassen. Verblüffend für ein kleines Land von 8 Mio Einwohnern ist allerdings die Vielzahl der Ministerien. Was man da alles braucht: Ein Ministerium für Dezentralisierung, Kommunalbehörden und für Raumordnung. Eines für kleine und durchschnittliche Unternehmen und die Förderung des Privatsektors - für die große Industrie gibt es selbstverständlich ein weiteres. Daneben auch nicht zu vergessen Ministerien wie das für Energie und Wasser. Da hoffen wir mal, dass mit der im Staatsmotto beschworenen Arbeit nicht nur die in den Behörden gemeint ist.

29.05.2009 um 20:26 Uhr

Shake & bake

Der Freitag, letzter Arbeitstag dieser arbeitsreichen Woche. Startet mit einem Quality-Meeting um 7.00 h morgens in der „Queens Lounge“. Das war früher der VIP-Raum, als die Africa Mercy in ihrem ersten Leben als dänische Eisenbahnfähre über die Nordsee schipperte. Unter anderem hat wohl auch die kettenrauchende Margarete von Dänemark die „Queens Lounge“ bewohnt, aber man riecht gar nichts mehr.

Beim Quality-Meeting des Hospitals wird die Arbeit beleuchtet, werden besonders glücklich oder unglücklich verlaufene Fälle besprochen, werden Strategien diskutiert, Probleme aufgenommen. Mich erstaunt vor allem, wie stark die Arbeit immer noch eingebunden sein muss in das Umfeld. Welche große Rolle es spielt, dass die Patienten von ihrer Familie unterstützt werden. Dass es ein heimisches Umfeld gibt, das die weitere, manchmal die langfristige Versorgung sicherstellt. Die operative Therapie an Bord kann zwar ein entscheidender Schritt sein, der ohne das Schiff unterbliebe. Sie bleibt aber nur ein Schritt auf einem längeren Weg. Und selbst 10 Monate Einsatz sind für manchen Patienten nur ein kleiner Ausschitt seiner Krankheitsgeschichte. Es gibt ein gewisses Maß an Netzwerken, an Unterstützung durch kirchliche Gruppen, durch Gemeinden. Aber in Vielem bleibt man auf die Familien angewiesen. Und viele kümmern sich glücklicherweise rührend um ihre Angehörigen.

Im OP war heute kurzes Programm vorgesehen, wir waren am Abend eingeladen bei Thomas Yayi Boni. Der Präsident von Benin wollte ein Essen für Mercyships ausgeben, für die gesamte Besatzung. Leider ist das kurzfristig ausgefallen. Ein solcher Staatsakt im Präsidentenpalais wäre sicherlich ein spannendes Ereignis gewesen.

Auf dem Programm heute: Mehrere Leistenbrüche unterschiedlicher Größenordnung, von europäisch bis imposant. Auch ein kleiner Nabelbruch ist dabei - da hat man eine kleine Beule direkt am Bauchnabel, bei unserem schnellen Chirurgen Dr. Bruce eine Sache von ein paar Minuten. Die Besonderheit ist, dass es ein Crewkind war, kein Einheimischer. Die Eltern arbeiten auf dem Schiff, die ganze Familie wohnt hier, da kann man solche Dinge auch schon mal direkt an Bord erledigen. Zwei Schilddrüsen sind auch wieder auf dem Programm in meinem Saal. Überzeugend westafrikanisches Format. Die eine Frau freut sich, dass sie den Kropf endlich loswird: Raus damit! Und der einheimische Helfer erzählt mir nachher, auf dem Weg in den Aufwachraum, dass eine solche Schilddrüse nicht nur ein Schönheitsproblem und eine medizinische Angelegenheit ist. Körperliche Entstellungen können einen Menschen auch schnell als Zauberer oder Hexe brandmarken. Da bekommt diese Krankheit gleich noch eine ganz andere Dimension.

Beim schnellen Wechsel zwischen zwei Operationen lernen wir von Doris, OP-Schwester, Ami-Slang: zoom-zoom, shake & bake, turn & burn, also soviel wie „flott-flott“. Hört sich an, als ob die Amis flotte Arbeit eher dem Pizzabäcker zutrauen.

28.05.2009 um 22:44 Uhr

Synchronizität der Ereignisse

Naja, ob das bei C.G. Jung als Synchronizität durchgegangen wäre, weiß ich nicht. Zwei Tage lang war - wie ich höre - offenbar blogigo nicht richtig erreichbar. Und genau diese zwei Tage lang war ich gar nicht in der Lage, überhaupt etwas zu schreiben. Wir sind nämlich im Chaos versunken. Eine Kollegin hat sich krankmelden müssen. In Deutschland hätte man den Saal stilllegen müssen, denn Parallelnarkosen sind nicht gestattet.

Grundsatz bei Mercyships ist, dass an Bord jeder das an Aufgaben und Verantwortung übernehmen darf und kann, was er in seiner Heimat auch darf. Und damit ließ sich unser Saal retten. Unsere beiden Anästhesieschwestern stammen nämlich aus Frankreich und Schweden und sind damit vertraut, eine angefangene Regionalanästhesie oder Narkose zu übernehmen und weiterzuführen. Leider fiel mir die Aufgabe zu, mit den Schwestern gemeinsam die zwei Säle zu schmeißen. Und weil ja schief gehen muss, was schief gehen kann, zeigte natürlich eine Spinalanästhesie nach mehreren Punktionsversuchen keine Wirkung. Patientin eh schon aufgeregt und schmerzverzerrt. Na gut, Vollnarkose. Die Regionalanästhesie nebenan wirkte prima, die Patientin war auch geduldig und schlummerte vor sich hin. Die OP zog sich hin. Die Patientin schlummerte immer noch, in Kopftieflage, bei massivem Übergewicht. Die OP zog sich noch länger hin. Irgendwann verlor die Regionalanästhesie langsam an Wirkung und wir mussten zur Vollnarkose übergehen. Intubieren in Kopftieflage, die Patientin fast auf dem Schoß... Ds Programm zog sich in allen Sälen bis in den Abend. Die Allgemeinchirurgen konnten gar nicht genug bekommen und kümmerten sich gleich anschließend noch um eine Nachblutung. Patienten für den folgenden Tag haben alle Anästhesisten sich erst ab 21.00 h ansehen können. Im Dienstag war wirklich der Wurm drin.

Mittwoch haben wir auch gut geschafft, die Anästhesie glücklicherweise wieder voll besetzt, daher etwas entspannter. Habe mich abends aber nur noch zu meinem schwedischen Krimi aufgerafft, den ich auf der Hinreise auf dem Flughafen gekauft habe. Margareta, die schwedische Anästhesieschwester, schwärmt von Stieg Larsson, sagt mir die richtige Aussprache vor und gibt Hintergrundinformationen zu Schweden.

Mittwoch und Donnerstag erscheint hoher Besuch im OP. Ein Ehepaar aus Australien, das die Organisation dort unterstützt und - offenbar recht erfolgreich - Fundraising betreibt, möchte sich vor Ort ein Bild von der Arbeit machen, ist eine Woche an Bord und schaut sich überall um. Und am Donnerstag erscheinen mehrere Mitglieder aus dem obersten Führungskreis von Mercyships. Sie sind mit Don Stephens, Gründer und Präsident der Organisation, zu Besuch in Cotonou.

 

 

 

 

 

 

 

Besucher sind wir in den OPs sowieso gewöhnt. Denn die Behandlung Kranker, vor allem die operative Behandlung, ist die Kernarbeit von Mercyships, die Grundidee. Auf diesen OPs liegt das größte Interesse der Beteiligten. Alle Helfer sind hier, um diese OPs am Laufen zu halten. Ob sie in der Kombüse arbeiten oder in der Deckmannschaft, in der Crew-Betreuung oder als Laborantin. Ob sie in der IT, als Klempner, als Kfz-Mechaniker oder als Schwester auf der Station ihren Beitrag leisten. Alles dreht sich um die zentralen Schritte der Behandlung im OP. Und fast alle möchten hier gerne einmal einen Blick hineinwerfen. Und dürfen das auch. Natürlich - QM-gestählt - nach Liste, Voranmeldung und mit genauen Instruktionen zum Verhalten im OP. So darf dann während seines Aufenthalts jeder einmal eine echte OP erleben.

Erstaunlich wenige Besucher kippen dabei aus den Latschen. Gerade in der unappetitlichen Gesichtschirurgie hätte ich auf mehr Aussetzer getippt. Wahrscheinlich wird mir nun, nach dieser vermessenen Behauptung, morgen ein Besucher - mit einem Blick in einen offenen Leistenkanal oder auf eine herausquellende Schilddrüse - die Augen verdrehen und über meinem Narkosegerät zusammenbrechen, dann wäre der Synchronizität der Ereignisse wieder Genüge getan...

25.05.2009 um 22:43 Uhr

Im Bayrischen (Ur-)Wald

Und schwupps... habe ich gleich ein Beispiel für das, was ich gestern geschrieben habe. Heute früh anästhesiere ich im Saal der Allgemeinchirurgen. Die machen Operationen wie Schilddrüsen und Leistenhernien, das Format ist allerdings etwas anders als in deutschen OPs. Wenn der deutsche Patient mit dem Knötchen in der Schilddrüse oder diffuser Vergrößerung zur OP kommt, dann haben die eine Größe, über die man hier nur lachen kann. Westafrikaner neigen offenbar zu Schilddrüsenvergrößerungen. Das liegt an genetischen Faktoren, auch an der Ernährung, an Umwelteinflüssen. Auch in Deutschland gibt es Schilddrüsengebiete, so führt im Bayrischen Wald der Jodmangel zur Häufung von „Kröpfen“. Ähnliches bietet offenbar auch der westafrikanische Urwald.

Nun ja, heute morgen lässt sich Irene von einer vergrößerten Schilddrüse befreien. Die Beule am Hals ist mindestens faustgroß, geht aber nach Aussage der erfahrenen OP-Schwester für westafrikanische Verhältnisse als wenig spektakulär durch. Im Laufe der OP besprechen wir im Team, ob sie wegen der auffällig weichen Luftröhre möglicherweise gefährdet ist für Atemprobleme nach der OP, ob sie nachbeatmet werden sollte, ob wir sonstige Maßnahmen ergreifen müssen. Wir lassen sie schließlich, extubiert, etwas länger im Aufwachraum beobachten. Und heute Abend geht sie wie üblich auf die Normalstation. Glücklicherweise stellen sich auch keine Komplikationen ein.

Gefunden auf http://www.travelblog.org/Photos/1121909.html

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwar kein Originalbild von Mercyships, aber wohl eine für westafrikanische Verhältnisse nicht untypische Schilddrüsenvergrößerung.

Nach meinem (fast schon rituellen) Gang aufs Oberdeck aber, wo ich abends regelmäßig noch etwas lese, Musik höre, aufs Meer blicke und entspanne, fällt mir doch die Patientin wieder ein. Und da ist es eben eine Kleinigkeit, auf dem Weg zur Kabine noch einen Abstecher zu machen. Suche die Patientin also erst auf B, wo sie gestern lag und heute nicht mehr, wo ich aber dafür einem anderen Patienten noch etwas Schmerzmittel verordnen kann. Finde sie dann auf Station A, wo sie zufrieden und gut versorgt ist, und kann beruhigt meinen Weg fortsetzen. So ist das, wenn man „über dem Laden“ wohnt.

Heute abend sind die Stationen übrigens fast nur deutsch besetzt. Mehrere Schwestern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz sind an Bord und sind vom Dienstplan heute zusammengewürfelt worden. Mein Englisch wird zwar von Aufenthalt zu Aufenthalt besser, aber es ist doch schön, wenn man sich im „Laden“ dann auch mal auf Deutsch verständigen kann.

24.05.2009 um 22:28 Uhr

Über dem Laden

Sonntag „on call“, im Bereitschaftsdienst. Das schränkt die Freiheit nur mäßig ein, ich darf nur das Schiff nicht verlassen. Und an Bord sind ja Arbeiten und Wohnen, Beruf und Privates, eng miteinander verwoben. Wenn ich aus meiner Kabine hinausstolpere, geht’s links die Treppe hoch zum Speisesaal (Dining Room), rechts hinter der nächsten Feuertür beginnt schon das Hospital. An Steuerbord, gegenüber den Stationen, liegen hintereinander die sechs OP-Räume und der Steri. Und weiter nach Achtern folgen noch Röntgen, CT, Labor und was man noch so braucht. Zwei Decks über uns sind Aufenthaltsräume wie die Midship-Lounge, dort ist ein Café und ein Shop. Und noch einmal zwei bis drei Decks höher geht es nach draußen. Da kann man sich an die frische (oft auch nur drückend heiße) Luft setzen, den Crew-Kindern beim Spielen zusehen oder sich im Mini-„Pool“ abkühlen.

Diese Verbindung von Arbeit und Freizeit ist - zumindest für eine überschaubare Zeit - mal ganz angenehm. Nach dem OP-Programm an den Werktagen kann ich noch ein wenig ausspannen, zum Essen oder ins Freie gehen. Das Untersuchen und Prämedizieren der Patienten lohnt sich sowieso erst nach dem Abendessen, frühestens ab 18.00 h. Die Patienten werden im Laufe des Tages vom Hospital-Doktor aufgenommen, und die Laborwerte oder Sonstiges liegen erst abends vor. Da gehen also zwanglos Arbeitszeit und freie Stunden ineinander über. Anfang des Jahres ist mir ein Schmonzettenartikel über Familie Obama untergekommen. Darin wurde genau diese Verbindung beschrieben, dass Papa auch mal öfter zwischendurch zu Hause sein kann, weil man ja jetzt „über dem Laden“ wohnt.

Der Sonntag verläuft in Sachen Arbeit noch ereignisloser als der Freitag. Glücklicherweise gibt es im Allgemeinen wenig Probleme mit Nachblutungen etc. bei unseren Patienten, zeitweise soll es aber auch schon mal wöchentlich einen Notfall gegeben haben. Und vor drei Jahren, bei meinem ersten Aufenthalt auf einem Mercyship, hatte ich ja ausreichend mit Komplikationen und nächtlichen Einsätzen im OP zu tun (vgl. das damalige Blog: Betäuben in Liberia). Heute werde ich nur zum Besprechen des OP-Plans angerufen. Abends kümmern wir uns allerdings mit allen Anästhesiekollegen um die Patienten für den Montag.

 

 

 

 

 

 


Der Kathedrale habe ich gestern Abend noch eine zweite Chance gegeben - mit Erfolg, denn in diesem Vorabendgottesdienst hatten sie wenigstens richtig afrikanische Musik.

23.05.2009 um 22:36 Uhr

Der professionelle Blick

Samstag ist dann richtig Touri-Tag. So wie offenbar jedes Land seine Konrad-Adenauer-Straße hat, gibt es meist auch irgendein Venedig, sobald eine Siedlung am oder im Wasser liegt. Als „Venedig Benins“ gilt Ganvié, ein Pfahlbaudorf im Nakoué-See, 18 km nördlich von Cotonou. Dort sind fast alle Gebäude nicht nur von Wasser umgeben wie im romantischen Original-Venedig, sie stehen auf Pfählen einen Meter über dem Wasser, nur hier und da gibt es ein paar trockene Flecken Erde. Das Dorf soll vor über 300 Jahren von einem Volksstamm gegründet worden sein, der auf der Flucht vor der domierenden - und wasserscheuen - Bevölkerungsgruppe war.

Vom Wasser aus, auf der Lagune in Richtung Nakoué-See kilometerlang an der Großstadt Cotonou vorbei, sieht man vielleicht noch plastischer das Elend, in dem viele Menschen leben. Am Wasser sammelt sich Unrat, da wird Müll verbrannt, da stapfen Ziegen und Schweine durch den Dreck. In der Lagune schwimmen Plastikabfälle, es stinkt unmöglich. Und umittelbar daneben wohnen die Menschen, haben ihre Pfahlbauten halb ins Wasser gesetzt, halten Markt ab oder legen sich in den Dreck zum Schlafen. Cotonou heißt in der lokalen Sprache der Fon angeblich „Stadt an der Mündung des Todesflusses“. Wenn man das Ufer hier sieht, glaubt man das sofort.

Das Elend, das einen hier überall und immer wieder anblickt, ist wirklich herzergreifend. Auf dem Notice-Board des Käpt’ns steht ein wichtiger Hinweis für die Fahrer der Mercyships-Jeeps: Vor dem Losfahren immer erst unterm Auto nachschauen, ob dort ein Patient schläft! Man könnte wirklich verzweifeln. Es geht so entsetzlich vielen Menschen schlecht, es gibt so viele, die hier im Dreck leben müssen. Mercyships-Gründer Don Stephens hat dazu einmal eine Geschichte erzählt von einem kleinen Mädchen, das an den Strand gespülte Seesterne ins Meer zurückwarf und so vor dem Eintrocknen rettete. Natürlich ist das ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn der ganze Strand übersät ist von Seesternen und die Kräfte beschränkt. Also, warum tust du das, es macht doch keinen Unterschied? Für den einen Seestern macht es einen Unterschied! Daran muss man wohl denken. Für Aristide, der am Mittwoch eine Umstellungsoperation bekommen hat für seine extremen X-Beine, macht es durchaus einen Unterschied, ob wir hier diese Arbeit tun oder nicht. Für die 12-jährige Elene, der unsere Orthopäden am Donnerstag ihren Klumpfuß operiert haben, auch. Und ebenso für Vincent, der nach einem Unfall einen halb mumifizierten und stinkenden Daumen mit sich herumtrug.

Und andererseits sollte man gerade in Afrika nicht nur immer seinen Blick auf Elend und Armut werfen. Das ist auch so eine feststehende falsche Verbindung in unseren Köpfen. Es gibt viele hoffnungsfrohe Ansätze. Es gibt positive Beispiele für die Entwicklung Afrikas. Es gibt beispielsweise in Benin eine allgemeine Schulpflicht, es gibt ein stabiles demokratisches System, Benin gilt als der sicherste Staat der Region.

Käpt’n John hat übrigens heute auch frei und ist mit nach Ganvié gekommen. Und wie der Anästhesist dazu neigt, Menschen nach ihren Venenverhältnissen zu beurteilen, alternativ auch nach der Größe des Unterkiefers, nach der man auf Intubationsschwierigkeiten schließt, so hat auch der Seemann seinen professionellen Blick: Bei der Vorbeifahrt an einem hoffnungslos überfüllten „Wasserbus“ in der Lagune spekuliert er wie automatisch, dass es dort wohl kaum ausreichend Schwimmwesten gibt. Die Wette gewinnt er sicherlich.

23.05.2009 um 08:35 Uhr

Konrad wasn’t here

Himmelfahrt war normaler Arbeitstag im OP, aber das Wochenende hält jetzt schon länger an. Gestern war „Ship Holiday“, also Feiertag auf dem Schiff. Von Freitag bis Sonntag gönnt sich die Langzeitcrew eine gewisse Auszeit, ein langes Wochenende alle sechs Wochen.

Als Facharzt im Hintergrunddienst bin ich zwar am Freitag nicht völlig frei beweglich. Aber mit einem Diensthandy ausgestattet darf ich mich mit dem Fahrrad in der Stadt bewegen. Die Räder des AFM-Fahrradclubs stehen aus Platzgründen leider nicht unten auf dem Dock sondern ganz oben auf Deck 8. Da muss man sie über teilweise enge Treppen hinunterbefördern, aber der Spaß am Fahren ist die Mühe allemal wert.

Cotonou ist eine grässliche Großstadt, hat ca. 1 Mio Einwohner. Und wenn man so durch die Straßen fährt, meint man sie alle zu treffen. Auf und unter den Brücken, in den unzähligen Straßenläden, davor, dahinter, daneben. Überall Menschen. Die Gebäude sind selten höher als zwei Stockwerke, oft sind es auch nur Buden und einfache Verschläge, größere Gebäude gehören meist nur Banken, Versicherungen oder anderen großen Unternehmen. Um den großen Dantopka-Markt herum, den größten Markt Benins, wo man angeblich alles bekommt, was das Herz begehrt, wird das Gewimmel noch größer. Als Ex-Münsteraner fahre ich ja selbstbewusst Fahrrad, aber die Verhältnisse hier sind doch etwas schwieriger. An den Ampeln - ja, die gibt es immerhin, im Gegensatz zu Liberia - ist man in Nullkommanix von Motorrädern umgeben, die Autos rücken einem auch auf den Pelz. Und mehrere Male traue ich mich nicht mal, geradeaus weiterzufahren und biege stattdesssen sicherheitshalber nach rechts ab. 

Eine besondere Merkwürdigkeit hat Cotonou noch zu bieten: Ein „Pont K. Adenauer“, eine Konrad-Adenauer-Brücke. Das sind wir aus Deutschland ja gewöhnt, dass die besonders hässlichen Umgehungsstraßen aus den 60er und 70er Jahren grundsätzlich nach unserem ersten Bundeskanzler benannt sind. Aber eine Brücke über die Lagune von Cotonou? Da stutzt man schon. Der Reiseführer legt die Erklärung nahe: Die Brücke ist vor einigen Jahren mit Millionenhilfe aus Deutschland gebaut worden, Ursache ist also kein Staatsbesuch des Herrn Adenauer. Arbeit hat der Freitag übrigens kaum zu bieten, nur bei einem schwierigen iv-Zugang gehe ich kurz mal helfen.

21.05.2009 um 18:53 Uhr

Die Wege des Herrn...

... sind bekanntermaßen unergründlich. Auf dem Weg nach Benin habe ich vergessen, einen Adapter für englische Steckdosen mitzunehmen. Die Africa Mercy ist seinerzeit in England umgebaut worden, und es finden sich überall nur die typisc h englischen, dreipoligen Steckdosen, in die - was sollte man bei Engländern anderes erwarten - kein Euro-Stecker reinpasst. Laptop, Handy, Kamera, alles stromlos, solange dieses Problem nicht gelöst ist. Natürlich, die AFM hat einen Ship Shop mit allem, was man sich an Verbrauchsmaterial so zulegt. Klopapier, T-Shirts mit Logo, Schokolade, LAN-Kabel. Eigentlich auch Adapter auf englische Steckdose, aber die waren gerade aus.

Habe ich mich also - schon am Sonntag, beim Spaziergang durch Cotonou - an einen Elektrofachhändler gewandt. Die laufen einem hier alle Nase lang über den Weg, haben eine Schubkarre aus Holz, und daraufgetürmt Elektrobedarf aller Art, Stecker, Verlängerungskabel, Verteiler, was auch immer. Für 1.000 Francs CFA gab es einen angeblich passenden Adapter, den ich an der Holzkarre zum Test auch mit einer dreipoligen Steckdose verbinden konnte. Er adaptiert allerdings mit einem etwas anderen dreipoligen Typ Steckdose, das Ding ist hier an Bord für mich völlig wertlos. Bevor ich das merkte, habe ich aber an der Rezeption fragen wollen, ob dieser simpel aussehende Adapter wohl sicherheitstechnisch unbedenklich ist. Die Rezeptionistin sah gleich, dass ich damit gar nichts anfangen kann - und bot mir an, einen von ihr zu borgen, den sie gerade nicht braucht. So haben wir auf Umwegen beide etwas davon gehabt - der Elektroverkäufer und ich. Wie gesagt: Die Wege des Herrn...

Anatole, 40 Jahre alt, haben wir gestern im OP gehabt. Er hatte sich vor Jahren einen Bruch des Oberarms zugezogen, der nicht knöchern verheilte sondern nur bindegewebig. Mitten im Oberarm gab es nun also ein „Pseudogelenk“, wo sich der Arm noch einmal biegen ließ. Vor der OP, Nagelung des Oberarms, habe ich mit ihm über die Narkose gesprochen. Seinen Kopf legte er auf ein Büchlein, das ganz abgegriffen und begrabbelt aussah. Offensichtlich hat er das immer bei sich und oft in der Hand. Und was fand sich? Die Bibel? Spannende Geschichten? Liebesbriefe? Eine Fußballtabelle! Anatole verfolgt sämtliche Spiele der europäischen Fußballligen und trägt sich die ungemein wichtigen Ergebnisse in sein Heft ein... Borussia Dortmund : Mönchengladbach. Die Wege des Herrn...

19.05.2009 um 23:44 Uhr

Samuel wartet

Mein Handy dient gleichzeitig als Wecker und mp3-Player. Und ist mit dieser Dreifachfunktion offensichtlich überfordert, hat sich nämlich letzte Nacht entladen... im Aufwachen kommt mir nur merkwürdig vor, dass ich nicht das typischen Weckgeräusch im Ohr habe. In der dunklen, fensterlosen Kabine bleibt sonst wenig Anhalt für weitere Orientierung. Ein Blick auf den Reisewecker meines Roomies - der bricht schon immer früh zu seinen Zahnruinen auf - zeigt, dass ich hoffnungslos verschlafen habe. 9.00 Uhr. Während ich in meine Scrubs schlüpfe, klopft auch schon Alison an die Tür, sie ist die OP-Managerin und damit meine Chefin. Und mit grenzenlosem Verständnis ausgestattet. Also nichts wie in den OP, der erste Patient ist noch nicht bestellt worden, so ohne Anästhesist. Die OP-Schwester besorgt mir wenigstens noch einen Kaffee, aufs übrige Frühstück verzichte ich in aller Demut.

Der erste Patient, der nun etwas längere Wartezeit hatte, ist Samuel, 13 Jahre alt, schon ziemlich groß gewachsen für sein Alter. Ein freundlicher Junge, mit dem ich mich beim Prämedizieren nett unterhalten habe. Er hat einen Klumpfuß, also eine Fehlstellung des Fußes, der eine Fuß ist so verdreht, dass sozusagen der Fußrücken nach unten zeigt und er seit 13 Jahren darauf laufen muss. Das wird man bei uns nie zu sehen bekommen, weil der Orthopäde eben in Nullkommanix so ein Kind unters Messer nimmt und das Problem beseitigt. Hier in Afrika dauert das halt 13 Jahre, bis so ein Schiff mit Knochendoktor und OP-Saal kommt. Und an schlechten Tagen auch noch eine Stunde länger, wenn der Anästhesist verpennt. Aber jetzt ist alles in Ordnung gebracht.

18.05.2009 um 20:16 Uhr

Gemäßigt afrikanisch

Benin ist bekannt als Ursprung und Hochburg des Voodoo. Da drängen sich die Bilder auf von nadelgespickten Püppchen, die ich als Abbild meines Feindes verletze, um ihn zu treffen. Oder die Bilder von farbenprächtigen Tänzen, lauter, archaischer Musik, Menschen im Trance-Zustand. Der Voodoo ist hier entstanden, wurde mit den Sklavenschiffen der Neuzeit auch nach Amerika exportiert und ist hier heute noch als Religion anerkannt. Es ist wohl eine Art Naturreligion, das Wort selbst bedeutet einfach nur soviel wie „Gottheit“ „Religion“ und „Kult“. Daneben sind aber auch Islam und Christentum in Benin vertreten, und bei den Christen weitüberwiegend der Katholizismus, was bei einem frankophonen Land nicht unbedingt wundert.

Aus Benin stammte sogar ein Mitarbeiter aus dem inneren Führungszirkel des letzten Papstes, Kardinal Bernardin Gantin, der vor einigen Jahren starb und Namenspatron für den Flughafen von Cotonou geworden ist. In seiner früheren Bischofskirche, nur wenige hundert Meter von unserem Schiff entfernt, habe ich gestern einen Gottesdienst besucht. Insgesamt ein enttäuschendes Erlebnis. Von wegen afrikanisches Flair... Der Priester schrie ins Mikro, in unangenehmem Stakkatoton. Die Musik wurde auf einer verstimmten Orgel angespielt und - bestand fast nur aus pseudogregorianischem Geleier. Der Chor war noch dazu nicht in der Lage, einen Akkord sauber zu singen oder den Ton zu halten. Kam mir vor wie die schlechte Kopie eines deutschen Allerweltsgottesdienstes. Schade. Von der vorhergehenden Messe hatte ich noch das Ende mitbekommen, da spielten sie wenigstens orginal afrikanische Musik oder was man sich darunter vorstellt. Und auch der anschließende Gottesdienst für die englischsprachige Gemeinde kam schon etwas afrikanischer daher. Aber soviel Sitzfleisch hatte ich dann nicht...

Abends habe ich die erste richtige Arbeit verrichtet, einen Patienten aus dem Montags-OP-Plan angesehen, mich in die gemischt englische und französische Patientendokumentation hineinfuchst, englische Abkürzungen kennengelernt, mich von den Kollegen über die Eigenheiten unserer derzeitigen Operateure informieren lassen. Heute Morgen erster Einsatz im OP und - oh Überraschung - es gibt seit Neuestem auch hier Anästhesieschwestern! Ist das nicht ein wunderbar? Schwestern aus Frankreich, Deutschland, Schweden, die alleine nicht anästhesieren dürfen, sind zur Zeit an Bord und wir können als Team wie zu Hause arbeiten. Dann steht man nicht mehr so ganz allein am Kopfende und muss sich von vorn bis hinten um alles allein kümmern.

PS: Ich kann zur Zeit keine Bilder im Blog bearbeiten. Deshalb gibt es vorerst leider nur Texte.

17.05.2009 um 10:47 Uhr

Afrikanisches Flair

Meine Kabine ist in der Nähe des OP und der Stationen, auf dem Weg zum Treppenhaus gehe ich öfter direkt an den Stationen vorbei und habe gestern dort meinen ersten „Patientenkontakt“. Ein kleiner Junge mit gewickelten Beinen und Krücken humpelt über den Flur und interessiert sich für mich. Erst kommt es mir vor, als ob er kein Französisch versteht, aber dann plaudern wir doch ein bisschen. Offenbar hat er eine orthopädische Operation gehabt, Klumpfüße oder etwas ähnliches.

Benin ist eines der ärmsten Länder der Welt. Aber im Vergleich mit Liberia sieht es hier schon gut aus. Die Straßen sind geteert, die Menschen fahren zum Teil sogar recht hochwertige Autos, viele auch Motorrad. Es stehen nicht kriegszerstörte Häuser mit dicken Einschusslöchern am Straßenrand, die Sicherheitslage ist viel entspannter. Natürlich muss man mit „normaler Kriminalität“ rechnen, aber es ist nicht wirklich gefährlich, als Spaziergänger in die Stadt zu gehen. Mit Mark, meinem Zahnarzt-Roomy, nutze ich den Samstagnachmittag für einen Gang. Das hatte ich mir fest vorgenommen, diesmal mehr afrikanisches Flair zu tanken.

Die Hauptstraße bietet ein typisch afrikanisches Straßenbild. Für viele spielt sich ein Großteil des Lebens auf der Straße ab, in klitzekleinen Geschäften, an Straßenständen, wo sie unter freiem Himmel Zigaretten oder Nüsse verkaufen, Öl oder Schuhe. Viele lungern auch ganz offensichtlich herum, haben keine Beschäftigung, warten auf Kundschaft oder machen ihre Siesta. Auf dem Weg entdecken wir zufällig die Kathedrale, den bescheidenen Sitz des Erzbischofs von Cotonou. Etwa ein Drittel der Beniner sind Christen, meist Katholiken. Abseits der Hauptstraße geht es, Richtung Atlantik, gleich in ein erbärmliches Viertel. Dort wohnt offenbar eine Art afrikanische „Mittelklasse“ - mit bescheidenen, aber gemauerten Häusern an der sandigen Straße. Und gegenüber geht es weiter die soziale Leiter hinunter. Je weiter wir Richtung Strand kommen, desto erbärmlicher werden die Hütten, erst mit Wellblech, später mit Holz und Palmwedeln. Auch direkt unter der großen Straßenbrücke über den Cotonou-Fluss wohnen offenbar Menschen.

Erwachsene wie Kinder zeigen mäßiges Interesse an uns Spaziergängern. Als wir aber ein wenig mit ein paar Jungen plaudern und ich meine Kamera zücke, kommt Stimmung auf. Aufs Foto möchte jeder gerne kommen! Da reißen sie sich drum. Leider spielt in dem Moment die Kamera nicht mit, womöglich ist der Akku am Ende.

Den Nachmittag beschließen wir im „Pool“. Seit meinem letzten Besuch hat die Deckmannschaft an Bord der Africa Mercy einen freistehenden Gartenpool aufgebaut. Zwar nichts, um wirklich „schwimmen“ zu gehen, aber eine Wohltat, um sich in der afrikanischen Hitze etwas abzukühlen.

16.05.2009 um 21:37 Uhr

Abend über Cotonou

 

In diesem Jahr habe ich meinen Laptop mitgenommen. Das gibt mir die Möglichkeit, wie jetzt gerade draußen an Deck zu sitzen und mein Blog weiterzuführen - bzw. die Texte anzulegen und anschließend an einem festen Rechner nur noch kurz ins Internet zu pusten. Ich blicke also hinaus aufs Wasser, im Hintergrund liegen etliche Frachter am Dock, darüber sind die Hafenanlagen, die Ladekräne beleuchtet. Ein Schlepper und das Lotsenboot ziehen ein paar merkwürdige Kreise, als ob sie heute Abend noch ein Schiff hinausbringen wollen aufs Meer. Dann und wann ziehen sie das Nebelhorn, im Hintergrund brummt unser Schiffsdiesel.

Die Anreise ist gestern sehr angenehm. Am Air France-Schalter in Düsseldorf gibt es zwar kurze Verwirrung; die Damen sind ja gehalten, das Einreisevisum zu überprüfen, damit kein Passagier am Zielort im Flughafen hängenbleibt. Nun hat man als Mercyshipper aber gar keines, zumindest nicht im Pass. Wir erhalten nämlich eine „Autorisation speciale d’entrée“. Dieser allgemeine Erlass der Einwanderungsbehörde erspart uns viel Lauferei und Kosten für ein Visum, sobald wir als Crewmitglieder registriert sind. Air France gibt sich mit einer Kopie der „Autorisation“ zufrieden und hofft, dass alles gut geht.

Autorisation

Umsteigen in Paris. Hinter der erneuten Sicherheitskontrolle am Flughafen Charles de Gaulle treffe ich - völlig unverhofft, er stand nicht auf der Ankunftsliste - einen alten Bekannten. Mark habe ich bereits 2006 als Sicherheitsoffizier auf der Anastasis getroffen. Er gehört allerdings auch nicht auf die Cotonou-Ankunftsliste, denn er ist gar nicht in meine Richtung unterwegs. Er hat einen Weiterflug in irgendein andres afrikanisches Land und hat mein T-Shirt erspäht. So ist das in einer internationalen „Firma“: man trifft sich im Vorübergehen in einem fremden Land am Flughafen... Mark bereitet zukünftige Aufenthalte für das Schiff vor, verhandelt mit den Behörden, klärt die Details, knüpft Kontakte zu christlichen Kirchen und Gruppen im Land. Benin kennt er auch, schwärmt von den netten Menschen dort,.

Zwei davon darf ich gleich anschließend im Flieger kennenlernen. Wegen meiner langen Beine bin ich in die erste Reihe hinterm Notausstieg gekommen. Dort, wo auch klassisch die Babyreihe ist, weil man vor den Sitzen einen Babykorb an die Wand hängen kann. Die alleinfliegende Mutter neben mir spannt mich dann auch ein, wenn sie mal kurz ihren Platz verlassen muss. Und während in Deutschland die Erzieherinnen in den Streik gehen, sitze ich also im Kindergarten von Air France und habe Kenyl auf dem Arm, einen süßen, kaffeebraunen Franzosen auf dem Weg zu seinen Verwandten in Cotonou.

Am Airport schlägt einem die warm-schwüle Luft entgegen, in der Abfertigungshalle das übliche Chaos - viele Leute, die nach sechs oder sieben Stunden Flug versuchen, mit viel Hektik ein paar Minuten an der Gepäckausgabe und Passkontrolle zu sparen. Ich habe Zeit, warte eh ziemlich lange auf meine zweite Reisetasche, die ich eigentlich wegen des Jobs als Postbote zusätzlich benötige. Dann geht es raus, nach etlichen Stunden Flug, nach ca. 8.000 Kilometern, auf einem fremden Kontinent, in einem Land, in dem ich noch nie war. Und wie schön: zwei alte Bekannte haben den Fahrdienst zum Flughafen übernommen und begrüßen mich herzlich in Benin.

Die Fahrt ist kurz, der Flughafen liegt in unmittelbarer Nähe von Cotonou. Auf dem Schiff ist alles verkehrt herum - es liegt diesmal mit der Steuerbordseite am Dock, nicht mit Backbord wie beim letzten Mal. Das verwirrt ungemein, denn im Schiff, wenn man an der Rezeption steht, ist der Ausgang jetzt rechts statt links. Deshalb bin ich seit gestern Abend schon mehrmals im Schiff in die falsche Richtung gelaufen und habe mich gewundert, wo ich ankomme. Es wird seine zwei bis drei Tage dauern, bis sich das einspielt.

Der Empfang ist aber wieder sehr freundlich, wir erhalten unser verspätetes Abendessen und eine kleine Begrüßungsgrunde, und auch die gewohnte QM-Bürokratie nimmt ihren Lauf. Die widerum hat aber den Vorteil, dass ich schon heute früh, trotz Wochenende, meinen Internetzugang perfekt in Betrieb nehmen konnte, ohne einen Mitarbeiter aus der IT auch nur gesehen zu haben. Und für meinen Bordausweis ist das alte Foto von 2007 noch greifbar - die Baskenmütze ist geblieben, das durfte ich weiterbenutzen. Und damit ich mich gleich richtig zu Hause fühle, erhalte ich auch noch dieselbe Kabine wie beim letzten Mal - Zweibett in OP-Nähe, leider ohne Fenster, mit einem freundlichen Londoner Zahnarzt als „Roomy“.

15.05.2009 um 12:55 Uhr

Airborn

Unterwegs. Nach Afrika. Kaum jemand, den ich in den letzten Wochen getroffen habe, hat es geschafft, an diesem Thema vorbeizukommen. Hab mich einfach gefreut, erneut auf die Africa Mercy zu kommen. Dort wieder die gute Stimmung an Bord zu erleben. Die so unglaublich dankbaren Patienten. Die gute internationale Zusammenarbeit. Das afrikanische Flair.

Nach zwei Einsätzen in Liberia - ein Land in den ersten Jahren nach einem grässlichen Bürgerkrieg, noch in der ersten Aufbauphase, noch schwer geschunden - freue ich mich auch auf ein ruhiges Land, eine "stabile und friedliche Demokratie" (so heißt es auf http://liportal.inwent.org/benin.htm). Ich hoffe, dass man sich dort in seinen freien Stunden viel ungezwungener in der Stadt bewegen kann, dass es etwas mehr Kontaktmöglichkeiten außerhalb der Arbeit gibt.

Wenn Air France pünktlich ist und ich keine Schwierigkeiten bei der Anreise bekommen habe, bin ich jetzt gerade (Fr, 10.55 h), in der Luft. Just airborn.

14.05.2009 um 15:22 Uhr

Scrubs

 Letzte Vorbereitungen: Gestern noch eine ordentliche Reisehose gekauft, zum Abzippen der Beinteile und in dunkler Farbe, damit man sich wenigstens etwas länger vorstellen kann, es könnte noch sauber sein.

Dabei werde ich an Bord wenig eigene Wäsche benötigen. Im OP gibt es ja die typische Bereichskleidung - Kasak und einfache Stoffhose - wie in allen OPs weltweit. Lustig ist auf der Africa Mercy nur die Zusammenstellung. Dort sind vermutlich Spenden aus aller Herren Länder und dann wiederum aus hunderten von Krankenhäusern zusammengekommen. Mit anderen Worten: kaum ein Teil passt zum anderen. Man läuft ganz schön bunt durch die Gegend. Und die Kleidung wird auch überall an Bord getragen - man kann also auch für drei Wochen mit recht reduziertem Gepäck anreisen.

Ach ja: in Englisch heißt die OP-Kluft "Scrubs" - bekannt als Titel der Comedyserie aus dem Sacred Heart Hospital.

13.05.2009 um 21:02 Uhr

Zweitjob: Postbote

Paket mit Eil - von stormpic auf aboutpixel.de

Es scheinen zur Zeit nicht allzu häufig Mitstreiter aus Deutschland auf der Africa Mercy einzutreffen. Schon mehrere Deutschsprachige aus der Dauercrew haben mich angemailt, ob ich dies und das aus der Heimat mitbringen kann. Seit Ende letzter Woche trifft täglich ein Brief oder ein Päckchen ein, in ganz bunter Mischung: Spielfilm-DVDs, Bücher, wichtige Dokumente für die Hochzeit in Togo. Morgen erwarte ich noch ein Päckchen aus dem Süden, mit Maultaschen für eine hungrige Schwäbin.

Klar macht man das gerne, sich als Postbote zur Verfügung zu stellen. Ich würde mich vermutlich nach Monaten in Afrika über ein ganz normales heimatliches Joghurt oder ein Schwarzbrot freuen. Ansonsten ist für die Münsterländer Heimeligkeit weitgehend gesorgt, denn es gibt ja sogar einen privat organisierten Fahrradclub an Bord, bei dem man Fahrräder ausleihen kann für einen Landausflug.

 

 

12.05.2009 um 16:58 Uhr

Immer auf dem Laufenden

Vor drei Jahren habe ich mein erstes Blog geschrieben, beim ersten Ausflug auf ein Krankenhausschiff nach Westafrika. Auf Anregung meiner Brüder habe ich - erst widerstrebend - meine Eindrücke und Erlebnisse festgehalten. Und habe unerwartet festgestellt, dass es richtig Spaß macht, die Zuhausgebliebenen mit aktuellen Informationen zu versorgen. Weil die - ganz nach Lust und Laune - schauen können, weil ich für mich selbst eine Art Tagebuch schreibe, und auch weil es ein bisschen intellektuelles Vergnügen ist, Beobachtungen gut formuliert aufzuschreiben. Übrigens habe ich immer noch nicht herausgefunden, warum dieses blöde Blogigo immer alle Wörter im Titel groß schreibt - diese Marotte stammt nicht von mir!

Die Blogs der „Kollegen“ verfolge ich schon seit 2006 regelmäßig. Seit meinem ersten Aufenthalt auf einem Mercy Ship, der Anastasis, kannte ich einige Mitstreiter, die dauerhaft an Bord blieben und dann und wann ihre Blogs füttern. Man sitzt sich sozusagen dicht auf dem Pelz, ich bin auf dem Laufenden über die Geschehnisse auf dem Schiff. Und die offizielle Mercy Ships-Seite gibt es außerdem noch: www.mercyships.de.

Seit Februar liegt die Africa Mercy, das größte zivile Krankenhausschiff, in Cotonou/Benin in Westafrika. An großen Screening-Tagen haben sich Hunderte, Tausende von Menschen vorgestellt, die sich medizinische Hilfe von diesem Schiff versprechen. Im Stadion von Cotonou wurden die Menschen untersucht. Viele konnten einen der begehrten OP-Termine ergattern. Aber viele andere mussten auch abgewiesen werden, denn die medizinische Hilfe auf dem Schiff kann nicht ein funktionierendes Gesundheitswesen wie bei uns ersetzen.

Manche Erkrankungen - beispielsweise bösartige Tumore - lassen sich ohne aufwändige Nachbehandlung, ohne entsprechende Chemotherapie im Anschluss, nicht versorgen. Diese Menschen gehen medizinisch leider leer aus. Es beeindruckt mich aber immer wieder, dass die Mercyshipper dann auch in dieser tragischen Situation nicht „kneifen“ und sich der Not dieser Menschen stellen. Wenn auch nur mit dem Wenigen, was man ansonsten zu bieten hat: gelebte Nächstenliebe, ein wenig Wasser und Brot, kleine Spiele mit den Kindern, seelsorgerliche Gespräche und Gebet.

09.05.2009 um 17:22 Uhr

Parlez-vous pommes frites?

Große Erleichterung in der Firma. Gestern haben wir die Rezertifizierung unseres Hauses in trockene Tücher gebracht, für die ich in den letzten Wochen und Monaten geschuftet habe. War trotz aller Anspannung und Aufregung eine witzige Woche, mit vielen netten Erlebnissen und interessanten Einblicken. Aber jetzt kann ich es wieder ruhiger angehen lassen und mich etwas auf Benin vorbereiten. 

Heute Abend lädt die deutsch-französische Gesellschaft zu einem Theaterstück ein, auf französisch selbstverständlich, mit einem Ensemble aus der Nähe von Paris. Daher ist das eine gute Gelegenheit, sich in die Sprache reinzuhören. Benin ist ein französisch-sprachiges Land, viele Einheimische werden neben ihrer Stammessprache auch Französisch kennen, wenigstens etwas. Mich freut das sehr. Als deutscher Muttersprachler kämpft man an Bord der Africa Mercy nämlich mit dem Englisch und seinen verschiedenen Dialekten (Australisch! Texanisch!! Schottisch!?!). Gerade bei den kurzen Aufenthalten. Meist ist die Kommunikation ja passabel, aber manchmal bin ich mir auch schon wie Klein Doofi vorgekommen, der dreimal nachfragen muss, um sprachlich mitzukommen. 

Da englische Muttersprachler nicht so sehr auf Fremdsprache angewiesen sind, wird es nur wenige geben, die auch noch Französisch sprechen. Ich liebe diese Sprache seit meinen ersten Aufenthalten in Frankreich und in Afrika umso mehr (das hätte garantiert keiner meiner Französischlehrer je erwartet). Und so tut sich für mich hier die ökologische Nische der französischen Kommunikation auf...