Fraternité - Justice - Travail
Benins Staatsmotto findet sich im Wappen, auf Dokumenten, an Regierungsgebäuden: Fraternité - Justice - Travail. Brüderlichkeit - Gerechtigkeit - Arbeit. Das haben wir doch ähnlich schon mal gehört, allerdings etwas knackiger: im Frankreich der Revolution, 1789, schwärmte man von Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, noch dazu auf französisch, wo die Worte so schön säuseln: liberté - égalité - fraternité. Vermutlich schlägt sich hier Benins kommunistische Vergangenheit nieder, Helden der Arbeit und ähnliche Glorifizierung kennen wir ja aus der DDR und ihren sozialistischen Bruderländern.
Am Freitagabend, nach der Arbeit, bin ich in dieser Woche das erste Mal ohne „Scrubs“ herumgelaufen. Praktischerweise kann man an Bord - in deutschen Kliniken undenkbar! - seine blaue oder bunte Bereichskleidung überall mit hinnehmen. Man geht mittags zum Essen, in Scrubs. Kommt wieder, schleust sich ein, in denselben Scrubs. Geht nach der Arbeit in die Kabine, in Scrubs. Noch ein bisschen auf Deck 8, eine halbe Stunde im Liegestuhl abhängen, in Scrubs. Nach dem Abendessen zur Station, in... klar. Viele nehmen beim Essen nicht mal die bunte, typisch amerikanisch-englische Kopfbedeckung ab. Darauf macht man Werbung für seine Fußballverein oder seine Nationalflagge, oder hat einfach ein paar hübsche Tierbilder drauf. Natürlich wechseln wir auch mal die Kleidung,wenn sie etwas abbekommen hat. Aber oft kommt man doch einen ganzen Tag mit einer Garnitur aus. Es scheint auch keine Häufung von Infektionen zu geben. Was wiederum die These mancher Hygieniker stützt, dass auch in deutschen OPs der Anästhesist in Straßenkleidung am Kopfende sitzen könnte und die Bereichskleidung „nur aus Tradition“ getragen wird.
Der Samstag verläuft unspektakulär. Zwar zwingt mich der Bereitschaftsdienst, an Bord zu bleiben, aber ich werde kein einziges Mal angepiept. Selbst der Gang über die Stationen fördert keinen Bedarf zutage. Gute Gelegenheit, mal mit Staubsauger und Wischlappen durch Kabine und Sanitärbereich zu gehen. Selbst der Klempner bringt nun endlich die Abflüsse in Ordnung, das Duschwasser ist uns bislang gelegentlich aus dem anderen Abluss neben der Toilette wieder entgegengesprudelt.
Am Sonntag wollte ich eigentlich einen original afrikanischen Gottesdienst in einer kleinen Gemeinde mitfeiern. Unser Fahrer mit Lizenz für ein Mercyships-Fahrzeug ist aber ausgefallen. So bleibt in fußläufiger Entfernung wieder die katholische Kathedrale - allerdings mit einer positiven Überraschung, richtig schöner Musik, einem Chor, der zwar manchmal schief, aber immer ergreifend singt, und dann noch das ganze Repertoire ausschöpft von bekannten lateinischen Litaneien bis zu afrikanischen Rhythmen. Ine, Krankenschwester aus Holland, hat sich angeschlossen und ist auch sehr angetan.
Anschließend gönnen wir uns einen ausgedehnten Gang über den Ganhi-Markt, direkt am Hafen. Diese Marktatmosphäre in Afrika ist immer etwas Schönes. Viele bunte Angebote, Früchte, Gemüse, lebende und tote Tiere, Stoffe, Haushaltswaren. Viele Menschen. Gerüche, nicht mal angenehm, aber typisch. Wir kommen mit einigen Händlerinnen dort ins Gespräch, feilschen ein wenig herum, lassen uns dies und das erzählen. Ich habe ein Hemd mit Mercyships-Aufdruck an - das wird äußerst positiv aufgenommen, wir lassen uns gern erzählen, wie angesehen das „Bateau de misericorde“ hier ist. Aus dem Markt heraus kommen wir mit einigen Einkäufen und etlichen schönen Fotos. Manche Einheimische verweigern ganz kategorisch das Fotografieren - womöglich aus irgendwelchen abgergläubischen Bedenken, andere drängen sich geradezu auf und möchten sich gerne ablichten lassen.
Den Nachmittag nutze ich noch einmal für eine Fahrradtour in Cotonou. Ein paar Kilometer stadtauswärts, die breit ausgebaute Hauptstraße entlang bis zum Flughafen, Aeroport Cardinal Bernardin Gantin. Dann über die Avenue du Pape Jean-Paul II zurück in die Stadt. Ganz schön katholisch geprägt, dieser Stadtplan. An den großen Straßen überall die offiziellen Gebäude. Natürlich Botschaften. Die chinesische ist so groß, dass man meint, die wollten hier bald die Regierung übernehmen - es ist ja überall die Rede davon, wie stark sich China wirtschaftlich in Afrika engagiert. Die französische Botschaft, die der ehemaligen Kolonialmacht, kann sich aber auch noch sehen lassen. Verblüffend für ein kleines Land von 8 Mio Einwohnern ist allerdings die Vielzahl der Ministerien. Was man da alles braucht: Ein Ministerium für Dezentralisierung, Kommunalbehörden und für Raumordnung. Eines für kleine und durchschnittliche Unternehmen und die Förderung des Privatsektors - für die große Industrie gibt es selbstverständlich ein weiteres. Daneben auch nicht zu vergessen Ministerien wie das für Energie und Wasser. Da hoffen wir mal, dass mit der im Staatsmotto beschworenen Arbeit nicht nur die in den Behörden gemeint ist.
