Shake & bake
Der Freitag, letzter Arbeitstag dieser arbeitsreichen Woche. Startet mit einem Quality-Meeting um 7.00 h morgens in der „Queens Lounge“. Das war früher der VIP-Raum, als die Africa Mercy in ihrem ersten Leben als dänische Eisenbahnfähre über die Nordsee schipperte. Unter anderem hat wohl auch die kettenrauchende Margarete von Dänemark die „Queens Lounge“ bewohnt, aber man riecht gar nichts mehr.
Beim Quality-Meeting des Hospitals wird die Arbeit beleuchtet, werden besonders glücklich oder unglücklich verlaufene Fälle besprochen, werden Strategien diskutiert, Probleme aufgenommen. Mich erstaunt vor allem, wie stark die Arbeit immer noch eingebunden sein muss in das Umfeld. Welche große Rolle es spielt, dass die Patienten von ihrer Familie unterstützt werden. Dass es ein heimisches Umfeld gibt, das die weitere, manchmal die langfristige Versorgung sicherstellt. Die operative Therapie an Bord kann zwar ein entscheidender Schritt sein, der ohne das Schiff unterbliebe. Sie bleibt aber nur ein Schritt auf einem längeren Weg. Und selbst 10 Monate Einsatz sind für manchen Patienten nur ein kleiner Ausschitt seiner Krankheitsgeschichte. Es gibt ein gewisses Maß an Netzwerken, an Unterstützung durch kirchliche Gruppen, durch Gemeinden. Aber in Vielem bleibt man auf die Familien angewiesen. Und viele kümmern sich glücklicherweise rührend um ihre Angehörigen.
Im OP war heute kurzes Programm vorgesehen, wir waren am Abend eingeladen bei Thomas Yayi Boni. Der Präsident von Benin wollte ein Essen für Mercyships ausgeben, für die gesamte Besatzung. Leider ist das kurzfristig ausgefallen. Ein solcher Staatsakt im Präsidentenpalais wäre sicherlich ein spannendes Ereignis gewesen.
Auf dem Programm heute: Mehrere Leistenbrüche unterschiedlicher Größenordnung, von europäisch bis imposant. Auch ein kleiner Nabelbruch ist dabei - da hat man eine kleine Beule direkt am Bauchnabel, bei unserem schnellen Chirurgen Dr. Bruce eine Sache von ein paar Minuten. Die Besonderheit ist, dass es ein Crewkind war, kein Einheimischer. Die Eltern arbeiten auf dem Schiff, die ganze Familie wohnt hier, da kann man solche Dinge auch schon mal direkt an Bord erledigen. Zwei Schilddrüsen sind auch wieder auf dem Programm in meinem Saal. Überzeugend westafrikanisches Format. Die eine Frau freut sich, dass sie den Kropf endlich loswird: Raus damit! Und der einheimische Helfer erzählt mir nachher, auf dem Weg in den Aufwachraum, dass eine solche Schilddrüse nicht nur ein Schönheitsproblem und eine medizinische Angelegenheit ist. Körperliche Entstellungen können einen Menschen auch schnell als Zauberer oder Hexe brandmarken. Da bekommt diese Krankheit gleich noch eine ganz andere Dimension.
Beim schnellen Wechsel zwischen zwei Operationen lernen wir von Doris, OP-Schwester, Ami-Slang: zoom-zoom, shake & bake, turn & burn, also soviel wie „flott-flott“. Hört sich an, als ob die Amis flotte Arbeit eher dem Pizzabäcker zutrauen.
