Da fuehlt man sich richtig einsam und verlassen, ohne Netz und doppelten Boden: Auf einem kleinen Krankenhausschiff in Afrika, mit zwei Plastischen Chirurgen, einem Augenarzt und seinen zwei Assistenzaerzten, einem General practitioner (Hausarzt), zwei Anaesthesisten und einem chirurgischen Notfall. Unsere VVF-Lady hat wieder nachgeblutet. Gestern Abend. Sie hat massiv Koagel und recht frisches Blut abgesetzt, die Vorlage wog anschliessend 1,8 kg. Der Hb ist entsprechend gesunken auf etwa 6, trotz ihrer guten Konstitution mit 32 Jahren begann die Patientin mit dem Kreislauf zu dekompensieren, systolischer Blutdruck 85, die Frequenz stieg auf 140. Dazu hat sie auch noch die seltene Blutgruppe 0 negativ, und 6 von 9 moeglichen Blutspendern an Bord hatten wir in den letzten Tagen schon eingesetzt...
Und da sitzt man dann nachts um 1:00 zusammen und muss eine Entscheidung treffen ueber Leben und Tod. Die Chirurgen hatten grosse Bedenken gegen einen Eingriff, sie sind einfach mit Baucheingriffen nicht vertraut. Einen Chirurgen von ausserhalb zu bekommen, von den UN-Truppen oder aus einem Hospital am Ort, schien aussichtslos. Da kann einem wirklich das Wasser in die Augen treten, angesichts dieser erbaermlichen Zustaende. In Deutschland haetten wir eigene Bauchchirurgen am Haus; oder andernfalls gaebe es irgendwo ein paar Kilometer weiter eine Truppe, die sich um diese Patientin kuemmert.
Es musste irgendwas geschehen, sonst konnte uns die Frau nur noch verbluten. Schweren Herzens haben wir dann heute Nacht die Frau in den OP genommen, sie hat nochmal zwei Konserven bekommen. Vier fachfremde Operateure haben sich redlich bemueht, Koagel zu entfernen, den Bauch zu saeubern, Blut zu saugen, eine Blutungsquelle zu identifizieren. Sie haben fast 3 Stunden operiert, haben weder sickerndes Gewebe noch eine spritzende Blutung gefunden. Allerdings haben sie das Bauchfell saeubern koennen und haben wirklich alle Ecken ausgeleuchtet, so dass wir im Moment hoffen, dass keine neue Blutung auftritt. Gegen 5:00 war die OP zu Ende, die Patientin ist heute Morgen stabil, und alle hoffen und beten, dass sie sich jetzt endlich gut erholt.
Das OP-Programm fuer heute haben wir erstmal etwas gestreckt, einige der naechtlichen Beteiligten haben sich bis 10:00 ins Bett verkrochen. Mein Roomie Kent hat leider den Zettel nicht gesehen, dass er mir Fruehstueck zurueckstellen soll. Aber ich habe dann in der Kombuese eine barmherzige Seele gefunden, die mir noch ein Muesli herausgegeben hat. Auf diese Art bin ich auch in diese Heiligen Hallen einmal hereingekommen. Die Kombuese ist aus hygienischen Gruenden sonst absolut tabu fuer uns.
Bei der nachgeholten Morgenvisite auf der Station hatte ich dann das Glueck, noch die heutige VVF-Celebration mitzuerleben, die Entlassungsfeier der anderen VVF-Patientinnen. Was ich heute neu erfahren habe: Als Zeichen fuer den Neuanfang, den diese Frauen mit der OP haben, bekommen sie die schoene neue Kleidung von Mercyships geschenkt, ganz bibeltreu mit Jesaja 61,1-3: "Er hat mich gesandt, ... daß ihnen Schmuck für Asche und Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden, daß sie genannt werden die Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen des HERRN zum Preise." Ein schoenes Zeichen fuer diese Frauen, die ihr altes Leben mit dem Stigma der Krankheit, mit staendiger Urintroepfelei, mit dem unausweichlichen Gestank hinter sich lassen. Ein Leben als Ausgestossene, oft von Ehemann und Familie verlassen, wie eine Leprakranke am Rande der Gesellschaft.
Und nun koennen sie in neuem Gewand in ein wirklich neues Leben treten. Man kann sich kaum vorstellen, was das bedeutet. Entsprechend geloest ist die Stimmung bei der Celebration, afrikanischer Rhythmus, Tanz, heiterer Lobgesang. Grandios, wenn aus den Reihen der Zuhoerer die eine oder andere Matrone sich erhebt und mit wackelndem Hintern in Tanz und Gesang einstimmt!
Gerade diese Idee mit dem Kleid scheint mir die Grundhaltung von Mercyships wieder mustergueltig aufzuzeigen: Eine bodenstaendige Froemmigkeit, die aber auf Taten angelegt ist, mit Liebe fuers Detail und Zuwendung zum Einzelnen. Die praktische Arbeit am Naechsten und die schwierigen afrikanischen Verhaeltnisse sind eine gute Gelegenheit, sich auf dem Boden der Tatsachen einzufinden. Es gibt keine fruchtlosen theologischen Grundsatzdiskussionen, die Konfesssionszugehoerigkeit der Mitarbeiter spielt keine Rolle, wird meist nicht einmal erwaehnt. Und trotzdem ist der Glaube ueberall spuerbar verankert: In der Verfahrensanweisung fuer Reanimationen ist beispielsweise enthalten, wer zum Gebet fuer den Patienten dazugerufen wird. Und selbstverstaendlich sass zu diesem Zweck heute Nacht Sonja, die Chefin der Med-Crew, im OP-Vorraum...
Unseren Baecker Albert aus Deutschland habe ich heute Morgen als Zuschauer in die Heiligen Hallen des OP eingeladen. Aber noch traut er sich nicht so recht, nicht einmal, wenn ich ihm eine kleine Operation ohne grosse Blutungen verspreche.