Betäuben in Liberia

20.05.2006 um 10:14 Uhr

Nachricht aus Monrovia

Per Email stehe ich in Kontakt mit der Anastasis, habe die Ergebnisse der Blutuntersuchung durchgegeben und höre Neuigkeiten von unserer Patientin. Sie erholt sich, kommt langsam wieder auf die Beine. Und die anschließende Versorgung scheint auch geregelt. Mit dieser Mail aus Afrika will ich das Weblog dann auch abschließen:

Hey, yea she is gradually improving. She starts on iron tomorrow if her belly will tolerate it. She is still eating lightly. Moving Bowels great. Will check Hb in the morning before I take her to the hospital.
She will actually walk out, or be carried out but living breathing and smiling.
So God is Good.
Bless you

17.05.2006 um 23:04 Uhr

Fazit


Die liberianische Flagge weht über der Anastasis. Die Flagge des Heimathafens weht
am Heck, die des derzeitigen Hafens über der Kommandobrücke.


Angekommen in Deutschland. Die Zeit ist knapp, ich komme schon fast nicht mehr dazu, das Weblog noch zu Ende zu führen. Aber heute mache ich den (fast) letzten Eintrag.

Die Blutprobe ist gestern durch unser Krankenhauslabor gegangen. Es haben sich nur schwache Antikörper gezeigt. Die aber könnten aus Spenderblut stammen statt von der Patientin. Mit anderen Worten: Es war höchstwahrscheinlich KEINE Transfusionsreaktion, die wir beobachtet haben. Eine Transfusionsspezialistin, die ich dazu befragt habe, vermutet, dass es sich um Hämolyse durch die Sepsis handeln koennte. Für die Zukunft heißt das zumindest, dass bei weiteren Transfusionen keine Probleme zu erwarten sind - eine gute Voraussetzung, falls Dr. Brian Edith im kommenden Jahr wirklich noch einmal operieren möchte. Ich hoffe, dass es ihr weiterhin gut geht, habe aber noch keine neue Nachricht von der Anastasis. Soweit ich in den nächsten Wochen Neues erfahre, werde ich es noch ins Weblog stellen.

Aber es ist Zeit für ein Fazit: Der „Ausflug“ nach Westafrika hat mir riesigen Spaß gemacht, ich habe wundervolle Menschen kennen gelernt, eine durchgehend freundliche Arbeitsatmosphäre, wie man sie selten erlebt. Die Patienten sind tief dankbar und auch ich habe das Gefühl, ihnen etwas ganz Besonderes geboten zu haben - etwas, das sie unter normalen afrikanischen Bedingungen nie hätten bekommen können. Das ist macnhmal schon ein tieferer Dienst am Menschen als wir ihn hier zu Hause leisten.

Dr. Tony hat vermutet, dass wir die am stärksten beschäftigte Anästhesiemannschaft waren seit er an Bord ist, immerhin hatten wir vier Nacht-OPs in drei Wochen. Aber überarbeitet kam ich mir nicht vor. Die enge Verbindung zwischen Wohnen und Arbeiten ist eine neue Erfahrung. Es macht die Arbeitseinteilung flexibler, weil ich nach dem OP erstmal zum Essen gehe, oder ein Stündchen aufs Pool-Deck, und erst danach wieder die Patienten für den Folgetag anschaue. Andererseits schalte ich weniger ab in der Freizeit.

Das Weblog habe ich genossen. Ich hatte Freude daran, Gedanken, die mir im Laufe des Tages gekommen waren, in eine lesbare Form zu gießen und Anderen mitzuteilen. Die quasi öffentliche Darstellung hat sehr dazu beigetragen, meine Betrachtungen zu systematisieren und zu sortieren. Nach den ersten Rückmeldungen hier in Deutschland habe ich den Eindruck, dass es auch den Lesern gut gefallen hat. Ich hoffe, dass alle, die schon einmal für Mercyships gespendet haben, einen plastischen Eindruck davon bekommen haben, welche Arbeit sie damit finanzieren. Dass es lohnt, diese Arbeit zu finanzieren, dass dieses Geld gut angelegt ist. Wer sich jetzt zu einer Spontanspende animiert fühlt, halte sich nicht zurück: Anruf genügt, unter
0900 535 43 43 kann man 3 € über die Telefonrechnung spenden. Jeden Mitleser bitte ich aber auch, sich einmal kurz zu melden, vielleicht sogar mit einem kleinen Kommentar? Hier im Gästebuch, oder auch per Email - Es interessiert mich schon, wer hier regelmäßig hereingeschaut hat und wie es angekommen ist.

Zu Anfang hatte ich überlegt, was wir wohl für unsere Arbeit zu Hause von Mercyships lernen können. Vorbildlich sind die Organisation und die Crew sicherlich in ihrer Unternehmenskultur. Ich möchte versuchen, ein wenig davon in meine Arbeit hinüberzutragen. Und ich bleibe unerhört gespannt, wohin die Reise jetzt weitergeht - im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

15.05.2006 um 23:00 Uhr

Zu Lande, zu Wasser...

Über 20 Stunden hat die Heimreise gedauert, wir sind gestern um 14.00 h Ortszeit in Monrovia am Schiff gestartet und heute gegen 14.00 h bin ich zu Hause gewesen. Rechnet man den "Jetlag" von 2 Stunden heraus, ist das nicht ganz ein Tag. Den werde ich jetzt aber auch schnell beschließen, bin heile angekommen, genieße das Daheimsein und melde mich morgen wieder. Vorläufiges Fazit: Mein Spektrum habe ich jetzt erweitert, ich betreibe Anästhesie zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

14.05.2006 um 14:46 Uhr

Der Bundesgesundheitsminister: Beten schadet Ihrer Krankheit.

Sonntag, 12:27 h. Zeit fuer einen letzten Weblog-Eintrag direkt aus Afrika. In anderthalb Stunden verlassen wir das Schiff, die Fahrt zum Flughafen, der Piste im Dschungel, wird ueber eine Stunde dauern, und heute Abend sitzen wir im Flieger.

Gerade haben wir auf der Station noch einen besonders schoenen Gottesdienst gefeiert. Alle sind erleichtert, unserer Patientin geht es besser, und keiner weiss warum! Vor etwa 36 Stunden habe ich die letzte Bemerkung ueber sie geschrieben. Sie war mit dem Hb stark abgefallen, mit dem Kreislauf beginnend dekompensiert, im Labor heftigste Entzuendungszeichen... Ich war fest ueberzeugt, dass sie noch stirbt, bevor ich die Anastasis verlasse. Oder zumindest in den ersten Tagen danach. Es gab schon Ueberlegungen, wie mit der Leiche nachher zu verfahren sei, denn die Familie kam von auswaerts und war noch nicht eingetroffen.

Ja, und nun: Sie hat sich auf wirklich "wunderbare"  Weise stabilisiert. Der Hb ist zwar immer noch bei 3,7 mg%, sie ist ziemlich muede. Aber Blutdruck und Herzfrequenz haben sich ein wenig normalisiert, alle anderen Laborwerte (Krea, K+, Leu, was man hier so bestimmen kann) bewegen sich in die richtige Richtung. Es ist nicht zu fassen! Die Patientin war schon gestern wieder kurz im Sessel, heute soll sie ein wenig umherlaufen; und nach etwas Leckerem zu Essen hat sie auch schon wieder verlangt. "Praying may be hazardous to your sickness" - Beten schadet Ihrer Krankheit!

Da gab es natuerlich eine herrlich geloeste Stimmung beim Gottesdienst auf der Station. Der Ehemann der Patientin hat die Bongos gespielt, der Wechselgesang fuellte den Raum mit afrikanischem Flair, und Clementine, Afrikanerin, guter Geist der Station, die die Patientin sehr intensiv begleitet hat durch die letzten Tage, hat den Gottesdienst geleitet. Ein schoener Abschluss fuer meine Tage auf der Anastasis.

Um die Geschichte moeglicherweise noch ein wenig aufzuklaeren, nehme ich gleich eine Blutprobe mit nach Deutschland und werde schauen, ob diese sich noch naeher untersuchen laesst. Es koennte sein, dass wir mit einer spaeten Transfusionsreaktion zu tun hatten. Dann waere die Eingabe, die Transfusionen zu stoppen und den natuerlichen Lauf der Dinge nicht mehr zu stoeren, goldrichtig gewesen. Ich bin gespannt, was herauskommt. Und natuerlich bin ich noch mehr gespannt auf weitere Nachrichten von der Anastasis. Sie werden mich auf dem Laufenden halten, wie es der Patientin weiter geht. Denn ganz ueber den Berg ist sie noch nicht...

Clementine hat sich auch bei allen Mercyshippern bedankt, die sich in den letzten Tagen so eingesetzt haben und nun nach Hause fliegen. Und hat uns einen guten und sicheren Heimweg gewuenscht: "Gott ist euer Pilot."

13.05.2006 um 12:16 Uhr

Good Morning, Germany

In der Fruehe, 7.00 h, hiess es heute: Rauf aufs Rad! Das Schiff hat einen eigenen Fahrradclub. Dessen Fahrraeder stehen unten am Dock und koennen von Clubmitgliedern und deren Gaesten ausgeliehen werden. Heute hatte ich das Glueck, zu einem kleinen Radausflug eingeladen zu werden, ein paar Kilometer die Strasse entlang, bis ins Gruene und zurueck. Wunderbar fuer einen Muensterlaender, nach 3 Wochen Fahrradentzug.

Auf den Strassen wieder das gleiche Bild wie sonst, morgens, abends, tagsueber: Leute, Leute, Leute. Kleine Laeden, der Markt machte gerade auf. Schlechtere Kioske mit grosser Aufschrift: "Business Center". Und viel, viel Verkehr, Stau auf der noerdlichen Haupteinfallstrasse von Monrovia. Buntes Treiben, dazwischen die UN-Posten. Einen besonderen kleinen UN-Posten habe ich noch entdeckt: Die Brauerei von Monrovia wird eigens von der UNMIL geschuetzt! Die wissen schon, was sie tun, die UN-Soldaten :-).

Die morgendlichen Mitfahrer konnte man auf dem Schiff anschliessend genau erkennen, an den Matschspritzern auf dem Ruecken. Es hat in der Nacht naemlich wieder geregnet, die Strassen waren schoen matschig, und durch die eine oder andere Pfuetze mussten wir schon durch.

Dieses Bild hier ist natuerlich kein Sonnenaufgang, der ist vor 6.00 h, und es waere nicht meine Art, um die Zeit zu fotografieren ;-). Es ist der Sonnenuntergang, vom Achterdeck der Anastasis aus gesehen. Interessant ist aber das als Schatten sichtbare Geruest auf der linken Seite. Es ist ein Spielgeruest fuer die Schulkinder, mit Klettermoeglichkeiten und Rutsche, ganz wie man es sich in einer Grundschule vorstellt. Einen Sandkasten habe ich letztens auch entdeckt, oberhalb des Pooldecks, wo die Kindergartenkinder ihren Spielbereich haben.

Es gibt 45 Kinder auf dem Schiff. Also einige Familien, deren Eltern sich hier kennengelernt haben oder die als Familie an Bord gekommen sind. Die Kinder wachsen auf der Anastasis auf, pendelnd zwischen Afrika und Europa, haben ihre Schule hier, die mit dem amerikanischen Highschool-Abschluss endet. Sie sitzen manchmal in der Ecke mit einem Gameboy, oder abends treffen sich die Aelteren am Heck, an besagtem Spielgeruest. Manchmal geraet man am Pooldeck in einen Kindergeburtstag. Und gestern gab es eine grosse Feier im Essraum der Familien, zum Schulabschluss oder als Ehrung fuer einige Schueler, so wie ich das verstanden habe. Ein "ver -ruecktes" Stueck Normalitaet, "ver-pflanzt" aus der industrialisierten Welt in dieses schwimmende Krankenhaus am Rand des Elends.

13.05.2006 um 02:04 Uhr

Wechselbad

Es geht rauf und runter. Wir haben den heutigen Abend wieder im OP verbracht. Ich bin ja jetzt fuer drei Tage Chef-Anaesthesist (naemlich einziger Anaesthesist) auf der Anastasis und deswegen gibt es keine parallelen Narkosen mehr.

Heute Abend haben wir noch nachoperiert. Sonny, 8 Jahre. Ihm musste vor zwei Tagen das rechte Auge entfernt werden wegen eines Tumors, der sich rasend schnell entwickelt hat, in nur zweieinhalb Wochen. Das Auge quoll geradezu heraus, tropfte, sah auch infiziert aus. Vor zwei Tagen ist es herausgenommen worden. Anschliessend haben mehrere Pathologen in den USA und England die mikroskopischen Schnitte beurteilt, weil es Zweifel gab ueber die Ausdehnung des Tumorgewebes. Der amerikanische Augenchirurg hat deshalb einen Bekannten hinzugezogen. Schliesslich haben sie sich mit hinreichender Wahrscheinlichkeit darauf geeinigt, dass der Tumor durch eine Nachoperation noch komplett entfernt werden kann. Sonny soll damit eine Ueberlebenswahrscheinlichkeit von mindestens 50% haben. Ohne Operation wuerde der Tumor ihn garantiert umbringen.

Der Eingriff dauerte drei Stunden, war aber wieder sehr interessant. Da die Augenhoehle nun voellig ausgeraeumt wurde, auch alle Muskeln, Fettgewebe, Bindegewebe um das Auge herum mussten heraus, waere eine grosse Hoehle entstanden. Um diese abzudecken, haben die beiden Plastiker einen Lappen des Musculus temporalis gebaut, das ist ein flacher Muskel unter der Schlaefenhaut. Und dieser wurde von der Seite in die Augenhoehle drapiert, darueber Haut und Lider wieder vernaeht. Das war nun voraussichtlich die letzte OP des Mercyships-Einsatzes in Liberia 2005/2006. Und wir haben das Gefuehl, dass wir damit einem kleinen suessen Jungen eine echte Chance geben konnten! Unter normalen Umstaenden haette er in Liberia keine Aussicht auf Behandlung gehabt.

Aber die Ueberschrift heisst nicht umsonst "Wechselbad". Denn neben solchen erfreulichen Eingriffen, wo wir "Hope and healing" vermitteln koennen, gibt es leider auch Negatives zu berichten: Unsere VVF-Patientin sah nach der letzten OP zwar zunaechst stabil aus. 24 Stunden spaeter war aber die Temperatur deutlich gestiegen, sie hatte einen Kreislaufeinbruch, seit heute Morgen ist die Urinausscheidung ganz schlecht. Wir sehen zur Zeit keine Chance mehr, dass sie diese neue Verschlechterung ueberleben wird. Das sind die afrikanischen Verhaeltnisse, denn in Europa wuerde jetzt die ganze Intensivmaschinerie erst so richtig anlaufen! Unter hiesigen Bedingungen ist an Langzeitbeatmung, Behandlung einer Schocklunge oder eine laengere Therapie mit Katecholaminen (Kreislaufmitteln) nicht zu denken. Dabei ist die Anastasis im Vergleich mit Liberias Krankenhaeusern noch paradiesisch gut ausgestattet.

Das faellt natuerlich schwer, von den gewohnten Mechanismen abzusehen und sich mit den Verhaeltnissen abzufinden. Zu Hause koennen wir uns den grossen Luxus einer ausgedehnten Intensivtherapie leisten. Dafuer sollten wir dankbar sein, aber wir koennen ihn unseren afrikanischen Patienten leider nicht bieten. 32 Jahre alt ist diese Frau.

12.05.2006 um 17:37 Uhr

Respekt, Respekt

Liberianisches Englisch ist eine Kuriositaet. Die Worte sind im Laut so stark verschoben, dass selbst die Amerikaner und Englaender nicht mehr damit zurecht kommen. Manchmal sprechen daher Schwester oder Arzt auf Englisch mit dem Uebersetzer, und dieser wiederholt fuer den Patienten genau den gleichen Satz, nur mit ganz merkwuerdigem Akzent.

Das Gleiche gilt fuer die Vornamen unserer Patienten. Bei der Namenswahl waltet in Liberia grosse Fantasie: es gibt viele, die sich mit "Sheriff", "Family", "Prince" oder "Comfort" anreden lassen. Wir sprechen nicht nur die Crew, sondern auch alle Patienten mit Vornamen an.

Unser Operateur Tony hat mich letztens ueberrascht. Wie ueblich spricht er direkt vor Beginn der Operation ein Gebet, als Plastischer Chirurg hat er auch noch den Kopf steril abgedeckt und kann seine Haende schoen in segnender Haltung auf die Stirn legen. Nun ja, meist verstehe ich nicht den kompletten Wortlaut des Gebetes, hatte mich aber in der vergangenen Woche mal gefragt, ob ich bei den Wortfetzen von "guter Heilung", "keine Nachblutung", "Schonung des Fazialisnerven" auch schon mal etwas von "guter Anaesthesie" gehoert haette. Am gleichen Tag, ich wollte darauf nun eigens achten, betete er ausdruecklich fuer "smooth Anaestesia". Gedankenuebertragung?

Respekt geschaffen habe ich mir bei den Schwestern im Aufwachraum: Gerade in den letzten Tagen hatte ich einige Patienten, bei denen ich mich wie ueblich vorgestellt habe und die dann beim Wachwerden eigens nach mir gefragt haben. Sie wollten sich bedanken fuer die hervorragende Behandlung :-). Ich weiss nicht, warum sich "Dr. Markus" so stark einpraegt...

Bei dieser Gelegenheit kann ich natuerlich noch ein Foto mitgeben, das ich gestern im Aufwachraum gemacht habe. Wenn es ueberall auf der Arbeit so gemuetlich zuginge...

11.05.2006 um 17:46 Uhr

Heilige Hallen

Da fuehlt man sich richtig einsam und verlassen, ohne Netz und doppelten Boden: Auf einem kleinen Krankenhausschiff in Afrika, mit zwei Plastischen Chirurgen, einem Augenarzt und seinen zwei Assistenzaerzten, einem General practitioner (Hausarzt), zwei Anaesthesisten und einem chirurgischen Notfall. Unsere VVF-Lady hat wieder nachgeblutet. Gestern Abend. Sie hat massiv Koagel und recht frisches Blut abgesetzt, die Vorlage wog anschliessend 1,8 kg. Der Hb ist entsprechend gesunken auf etwa 6, trotz ihrer guten Konstitution mit 32 Jahren begann die Patientin mit dem Kreislauf zu dekompensieren, systolischer Blutdruck 85, die Frequenz stieg auf 140. Dazu hat sie auch noch die seltene Blutgruppe 0 negativ, und 6 von 9 moeglichen Blutspendern an Bord hatten wir in den letzten Tagen schon eingesetzt...

Und da sitzt man dann nachts um 1:00 zusammen und muss eine Entscheidung treffen ueber Leben und Tod. Die Chirurgen hatten grosse Bedenken gegen einen Eingriff, sie sind einfach mit Baucheingriffen nicht vertraut. Einen Chirurgen von ausserhalb zu bekommen, von den UN-Truppen oder aus einem Hospital am Ort, schien aussichtslos. Da kann einem wirklich das Wasser in die Augen treten, angesichts dieser erbaermlichen Zustaende. In Deutschland haetten wir eigene Bauchchirurgen am Haus; oder andernfalls gaebe es irgendwo ein paar Kilometer weiter eine Truppe, die sich um diese Patientin kuemmert.

Es musste irgendwas geschehen, sonst konnte uns die Frau nur noch verbluten. Schweren Herzens haben wir dann heute Nacht die Frau in den OP genommen, sie hat nochmal zwei Konserven bekommen. Vier fachfremde Operateure haben sich redlich bemueht, Koagel zu entfernen, den Bauch zu saeubern, Blut zu saugen, eine Blutungsquelle zu identifizieren. Sie haben fast 3 Stunden operiert, haben weder sickerndes Gewebe noch eine spritzende Blutung gefunden. Allerdings haben sie das Bauchfell saeubern koennen und haben wirklich alle Ecken ausgeleuchtet, so dass wir im Moment hoffen, dass keine neue Blutung auftritt. Gegen 5:00 war die OP zu Ende, die Patientin ist heute Morgen stabil, und alle hoffen und beten, dass sie sich jetzt endlich gut erholt.

Das OP-Programm fuer heute haben wir erstmal etwas gestreckt, einige der naechtlichen Beteiligten haben sich bis 10:00 ins Bett verkrochen. Mein Roomie Kent hat leider den Zettel nicht gesehen, dass er mir Fruehstueck zurueckstellen soll. Aber ich habe dann in der Kombuese eine barmherzige Seele gefunden, die mir noch ein Muesli herausgegeben hat. Auf diese Art bin ich auch in diese Heiligen Hallen einmal hereingekommen. Die Kombuese ist aus hygienischen Gruenden sonst absolut tabu fuer uns.

Bei der nachgeholten Morgenvisite auf der Station hatte ich dann das Glueck, noch die heutige VVF-Celebration mitzuerleben, die Entlassungsfeier der anderen VVF-Patientinnen. Was ich heute neu erfahren habe: Als Zeichen fuer den Neuanfang, den diese Frauen mit der OP haben, bekommen sie die schoene neue Kleidung von Mercyships geschenkt, ganz bibeltreu mit Jesaja 61,1-3: "Er hat mich gesandt, ... daß ihnen Schmuck für Asche und Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden, daß sie genannt werden die Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen des HERRN zum Preise." Ein schoenes Zeichen fuer diese Frauen, die ihr altes Leben mit dem Stigma der Krankheit, mit staendiger Urintroepfelei, mit dem unausweichlichen Gestank hinter sich lassen. Ein Leben als Ausgestossene, oft von Ehemann und Familie verlassen, wie eine Leprakranke am Rande der Gesellschaft.

Und nun koennen sie in neuem Gewand in ein wirklich neues Leben treten. Man kann sich kaum vorstellen, was das bedeutet. Entsprechend geloest ist die Stimmung bei der Celebration, afrikanischer Rhythmus, Tanz, heiterer Lobgesang. Grandios, wenn aus den Reihen der Zuhoerer die eine oder andere Matrone sich erhebt und mit wackelndem Hintern in Tanz und Gesang einstimmt!

Gerade diese Idee mit dem Kleid scheint mir die Grundhaltung von Mercyships wieder mustergueltig aufzuzeigen: Eine bodenstaendige Froemmigkeit, die aber auf Taten angelegt ist, mit Liebe fuers Detail und Zuwendung zum Einzelnen. Die praktische Arbeit am Naechsten und die schwierigen afrikanischen Verhaeltnisse sind eine gute Gelegenheit, sich auf dem Boden der Tatsachen einzufinden. Es gibt keine fruchtlosen theologischen Grundsatzdiskussionen, die Konfesssionszugehoerigkeit der Mitarbeiter spielt keine Rolle, wird meist nicht einmal erwaehnt. Und trotzdem ist der Glaube ueberall spuerbar verankert: In der Verfahrensanweisung fuer Reanimationen ist beispielsweise enthalten, wer zum Gebet fuer den Patienten dazugerufen wird. Und selbstverstaendlich sass zu diesem Zweck heute Nacht Sonja, die Chefin der Med-Crew, im OP-Vorraum...

Unseren Baecker Albert aus Deutschland habe ich heute Morgen als Zuschauer in die Heiligen Hallen des OP eingeladen. Aber noch traut er sich nicht so recht, nicht einmal, wenn ich ihm eine kleine Operation ohne grosse Blutungen verspreche.

10.05.2006 um 20:44 Uhr

Fuernehme Worte

Einer der abgereisten englischen Kollegen hat sich jetzt per Email gemeldet. Er hatte am Flughafen von Monrovia noch ein nettes Erlebnis, wurde von einer Zoellnerin gefilzt. Die hat ihm ein paar Suessigkeiten fuer sich und ihren Kollegen herausgeleiert. Als sie aber hoerte, dass er von Mercyships kommt, war es ihr ganz peinlich, er sollte sofort alle Taschen zumachen und sie wuenschte ihm gute Reise. Mercyships ist ein prima "Passepartout". Das war der Kollege, der auch ganz wesentlich zum lockeren Klima hier im OP beigetragen hat, er hat die Schwestern veralbert und sich veralbern lassen. Jetzt moechte er seine Erlebnisse aufarbeiten und schreibt ein Buch: "How to respect doctors - for Dummies" :-).

Heute morgen kam unsere Patientin vom Wochenende nochmal auf den Tisch. Leider war der erste Verlauf doch nicht so komplikationslos, sie hat etwas nachgeblutet, etwas Temperatur entwickelt. Ich hoffe aber, dass sie jetzt ueber den Berg ist...

Meine Sprachschwierigkeiten haben sich ja ziemlich gemaessigt, ich kann zumindest unterscheiden, wann es sich hinzuhoeren lohnt und wann nicht. Ein grosses Minenfeld ist diesbezueglich aber noch der englische Takt in Bezug auf Ausscheidungen. Mit allem, was hinten rauskommt, haben Englaender offenbar richtig Probleme. Da heisst es "bowel sounds", wenn die Eingeweide Geraeusch machen (nein, nicht DIE Geraeusche - das Gluckern UNTER der Bauchdecke meinte ich). "Bowel movement", Eingeweidebewegung schien mir das gleiche zu sein. Mit "movement" meint der fuernehme Englaender aber schon, dass sich auch etwas aus dem Bauch herausbewegt hat. Ich hatte mich nicht getraut, diese Finessen der Wortwahl auf der Station direkt zu klaeren. Mit meinem OP-Team konnte ich anschliessend offen darueber reden, dass "movement" soviel wie "kacken" bedeuten. Heute Morgen tauchte dann das Wort "bowel opening" auf, Eingeweideeroeffnung. - Und nochmals reingefallen: Es ging nicht um die Oeffnung des Darms bei der letzten OP, sondern wieder einmal um das Unaussprechliche... Uebrigens darf ein englischer Arzt dem Patienten ein Medikament nur dann als Zaepfchen geben (auch in Narkose), wenn dieser ausdruecklich eingewilligt hat!

09.05.2006 um 22:12 Uhr

Regen + Reden

Gestern Abend kam in der Dunkelheit noch ein wahrhaft tropischer Sturzregen herunter. Die alte und etwas angeschlagene Anastasis leckte denn auch aus mehreren Loechern, in der vornehmen "Mediterranean Lounge" stand in der Ecke ein Bottich, um das tropfende Wasser aufzufangen. Aber die altgedienten Mercyshipper ficht das nicht an. Vor ein paar Jahren soll es viel schlimmer gewesen sein. Ausserdem gilt ja an Bord die Grundregel: Lieber Wasser von oben als von unten.

Zuvor hatten wir ein gruppendynamisches Treffen zum "Ausschiffen". Soll heissen, alle, die in der kommenden Woche die Anastasis verlassen, trafen sich in der Runde, um Erwartungen, Erfahrungen, Erlebnisse oder auch Enttaeuschungen auszutauschen. War ganz lustig, aber leider waren zu viele Amerikaner dabei, da wurde es mit dem Verstehen wieder schwierig.

Uebrigens: Die Internetverbindung hatte ich ja schon gelobt. Ein Thema, das wir heute im OP noch "angeschnitten" haben: Natuerlich hat die Anastasis auch einen Pathologen. Aber der sitzt nicht an Bord, mit den paar Proben, die hier anfallen, wird der am Mikroskop ja nicht mal richtig warm. Also werden an Bord Schnitte angefertigt, ins Internet gestellt, und der Pathologe in Europa gibt innerhalb kuerzester Zeit einen Befund zurueck. Faszinierend, oder?

Heute frueh gab es wieder eine grosse Devotion fuer die ganze Crew. Da wurden wir in der "International Lounge" per Videobotschaft von "Mama Ellen" gegruesst. Auf Ellen Johnson-Sirleaf, 66 Jahre alt, seit Mitte Januar Praesidentin von Liberia und erstes frei gewaehltes weibliches Staatsoberhaupt in Afrika, liegen grosse Hoffnungen, dass das Land wieder Frieden findet. Sie ist ganz angetan von der Arbeit von Mercyships. Sie hat die Anastasis auch schon besucht, noch am Tag vor ihrer Vereidigung, so wichtig war ihr das. Und sie hat sich per Video noch einmal bei uns bedankt und um einen neuen Besuch im naechsten Jahr gebeten. "God bless you."

08.05.2006 um 17:35 Uhr

Safety und Security

Montag. Montag Abend ist ueblicherweise der Zeitpunkt fuer die Sicherheitseinweisung der neuen Crewmitglieder. Die faellt zur Zeit natuerlich klein aus, weil zum Ende des Einsatzes kaum noch jemand aufs Schiff kommt. Es gilt zu unterscheiden zwischen Safety und Security. Safety ist das, an was man bei Schiffen im Allgemeinen so denkt: Wo sind die Rettungsboote, die Schwimmwesten, wohin begibt man sich bei einem Schiffsnotfall? Dem Safety-Officer durften wir sogar einen Fragebogen ausfuellen, in dem wir Feuerloescher angeben mussten in der Naehe unserer Kabine und unseres Arbeitsplatzes. Und zwei Fluchtwege von der Kabine aufs Oberdeck mussten wir ihm beschreiben.

Bei der Security geht es dagegen um andere Gefahren fuer Schiff und Besatzung: Einheimische, die ans Schiff gelangen, um zu stehlen. Schlimmer noch, moegliche Terroristen, die ein "amerikanisches" Schiff versenken moechten. Crewmitglieder, die in der Stadt in Unruhen geraten, die einem zu Unrecht Verfolgten beistehen und selbst ins Schussfeld geraten koennten. Crewmitglieder, die beraubt und verletzt werden koennten.

Gerade Liberia ist kein so einfaches Pflaster. Die Sitten sind durch 14 Jahre Buergerkrieg verroht, ein Leben ("besonders ein schwarzes") gilt hier nicht viel. Ich habe gehoert von Dieben, die ein Handy geklaut haben, die man erwischt und am Strassenrand erschlagen hat. Nicht einmal die Leiche wird weggeraeumt, das bleibt der Familie des Toten ueberlassen.

Da gilt es auch fuer uns, Vorsicht walten zu lassen. Speziell als OP-Team kommen wir aber eh kaum vom Dock weg, und wenn ich abends oder wochenends den Beeper in der Tasche habe, muss ich auch an Bord oder ganz in der Naehe bleiben. Ausserdem haben wir als Mercyshipper einen Bordausweis, ganz beeindruckend mit Foto und Streifencode. Der soll im Zweifelsfall bei UN-Soldaten Wunder wirken. Die UN-Soldaten sind die Ordnungsmacht in Liberia, sie sind uns freundlich gesinnt und sie sind gerade in Monrovia nie weit entfernt. Bei Problemen kann man jederzeit den naechstgelegenen Posten einschalten. Dann ist der Bordausweis die "get out of jail"-card - die "Komm aus dem Knast"-Karte.

Wert legte der Sicherheitsoffizier auch noch auf die Etikette an Bord: Keine Drogen; Rauchen nur draussen in der hinterletzten Ecke auf dem Dock; kein Alkohol, allenfalls beim Restaurantbesuch ein wenig zum Nippen. Auf meinen Hinweis, dass ich taeglich Drogen gebrauche, reagierte er verdutzt. Ob das Medical Department das wohl wisse...? Naja, natuerlich wissen sie das, es ist mein Job, Drogen zu gebrauchen :-)! Seitdem gruesst er mich mit Namen...

Ach ja, noch eine Statistik ueber Gefahren in Afrika: Was ist die haeufigste Todesursache von Missionaren? Autounfaelle! Wer die afrikanischen Strassen sieht, wundert sich nicht darueber.

07.05.2006 um 18:33 Uhr

Weblogs von der Anastasis

Euer Sonntag in Deutschland ist schon etwas fortgeschrittener als meiner, wir haben gerade erst 16:22 h. Aber fuer diejenigen, die noch ein wenig schmoekern wollen, habe ich noch Weblog-Tipps. Denn natuerlich bin ich nicht der Einzige, der hier auf dem Schiff sein Tagebuch im Internet fuehrt.

soenkensen.blogspot.com von Soenke Hauschild aus Schleswig-Holstein. Er gehoert zu den "Deckies", der Deckmannschaft, und ist mit voellig anderen Arbeiten beschaeftigt als ich. Er kommt oefters mal hinaus in die Stadt, worum ich ihn ein wenig beneide, lernt dort die Einheimischen in ihrem Umfeld kennen und schreibt gelegentlich laengere Texte, in denen er sich Gedanken ueber Liberia, seine Vergangenheit und seine Zukunft, macht.

Wer sich das Englisch antun moechte, kann auch auf den folgenden Seiten noch mehr von Mercyshippern lesen und sehen:

www.theelliottadventure.org von Familie Elliott. Mark Elliott ist der Sicherheitschef an Bord, und ich habe letztens eine Passage bei ihm gelesen ueber den Spagat zwischen Mercy, Gnade, und seiner Aufgabe, Leute ins Gefaengnis zu bringen, die am Schiff stehlen oder sabotieren wollen. Auch eine sehr interessante Perspektive auf unsere Arbeit hier.

www.onamercyship.com/blog.html von Scott Harris. Scott habe ich nicht kennengelernt, er ist zur Zeit nicht an Bord. Als Profifotograf war er frueher in der High Society in New York unterwegs und hat dann ein paar Monate auf dem Schiff verbracht. Mit seinen Fotos aus Afrika hat er auf einer grossen Ausstellung in New York Geld fuer Mercyships gesammelt. Vor allem wegen der Aufmachung sehenswert.

07.05.2006 um 13:19 Uhr

Sonntag an Bord

Unserer Patientin geht es weiter gut, die gesamte Crew leidet mit und immer wieder werde ich auf Nowahs Befinden angesprochen. Uebrigens: fuer die Fachleute unter den Lesern wollte ich noch ein paar praeoperative Laborwerte nachreichen:

Leu 18.500, Hb 6,8, Thrombos 13.000 (!), CRP ~200, Krea 3,5, Hst ~80

Da macht man sich schon seine Gedanken, ob das gut geht. Aber die Thrombos konnten wir mit den zwei Vollblutkonserven immerhin auf 40.000 heben, und es gab bislang keine Blutungsprobleme. Zwei Konserven hat die Patientin nachher noch bekommen. Ausserdem werden die Werte langsam besser. Ich geh gleich mal wieder auf der Station nach den Werten von heute sehen, die waren bei der Fruehvisite noch nicht da. Dr. Brian hat sich schon um 5 h morgens wieder aufgemacht in das Urwaldhospital, wo er weitere VVF-Patientinnen operiert. Aber alles macht den Eindruck, als ob wir nun ganz gut ohne seinen chirurgischen Beistand zurechtkommen werden.

Heute habe ich es schon vor dem Fruehstueck in den Pool geschafft. Schon gestern Abend wollte ich dort gerne mal wieder eintauchen, aber da gab es gerade eine kleine Geburtstagsfeier auf dem Pooldeck, die wollte ich nicht stoeren. Meine drei Kollegen sind gerade in der Stadt und besuchen dort Gottesdienste, zwei von ihnen werden uns dann um 14 h verlassen in Richtung Heimat. Aber das Programm fuer die naechste Woche ist schon auf Ende des Einsatzes ausgerichtet, es wird ein wenig ruhiger werden, die Augenkollegen werden nicht mehr so viele kleine Patienten operieren und ohne Anaesthesie auskommen. Da werden wir auch zu zweit ganz gut ueber die Runden kommen.

06.05.2006 um 14:16 Uhr

bunte hauben

Samstag, Wochenende, Zeit fuer Spielereien: Meinen Piepser habe ich nach dem Fruehstueck und der "Intensivvisite" bei Nowah an den Kollegen weitergegeben und habe nun Ruhe bis morgen frueh. Anfang letzter Woche hatte ich doch schon von den schoenen OP-Hauben berichtet. Es gibt da Fischmuster, Dschungel, Kinder, natuerlich die Flaggen, Woelfe, Pferde, langweilige Geschirrtuchmuster, aber auch Teddybaeren, Leuchttuerme oder Segelschiffe.

06.05.2006 um 11:49 Uhr

Nowah

Es geht ihr gut. Nowah, die junge Frau, die wir gestern Abend im OP hatten, scheint sich sehr gut zu erholen. Dr. Brian hat eine ganze Menge nekrotisches (abgestorbenes) Gewebe aus dem Bauch herausgeloeffelt, sie hat die OP prima ueberstanden, liess sich direkt anschliessend extubieren und hatte eine gute Nacht auf der "Intensivstation". Intensivstation nennen wir hier die zwei abgetrennten Betten auf der Station, wo etwas mehr Medizin moeglich ist.

Gestern Abend gab es uebrigens eine Durchsage auf dem Schiff: Dass es einer Patientin schlecht geht, sie wieder in den OP muss, dass alle fuer sie beten moegen. Sogar ein spontanes Gebetstreffen gab es waehrend der OP in einem der Konferenzraeume. Und auf der Mitteilungstafel an der Rezeption gibt es aktuelle Informationen, dass es Nowah schon auf dem Weg der Besserung ist. Die ganze Crew leidet quasi mit...

06.05.2006 um 00:02 Uhr

Heilen mit Unterstuetzung - UN und Crew

Den heutigen Abend verbringe ich im OP. Schon gestern Abend bin ich nach dem Essen auf der Station festgehalten worden. Ich wollte noch schnell nach den OP-Patienten fuer heute sehen, als mich der Stationsarzt ansprach wegen einer Patientin, die sich seit einer Woche langsam verschlechterte. Sie hatte letzten Freitag einen VVF-OP, und nun deutete alles auf eine Sepsis, schlechte Laborwerte, schlechte Urinproduktion, Temperatur... Im Ultraschall - gluecklicherweise kann ich das noch ein kleines bisschen aus meiner Zeit in der Inneren - zeigten sich auch noch Auffaelligkeiten. Leider nur hatte sich Dr. Brian, der Bauchchirurg, am Montag nach Ganta aufgemacht, fuenf Autostunden Huckelpiste entfernt.

Da merkt man mal, wie beschraenkt man hier in Afrika sein kann. Zwar haben wir zwei Chirurgen an Bord, aber die sind plastische Chirurgen und haben im Bauch nichts verloren. Also ein Anruf bei Brian, schliesslich die Entscheidung, dass er kommen und vermutlich operieren muss. Irgendwer hat seine Kontakte zu den UN-Truppen spielen lassen, sie haben Brian dann heute Nachmittag bei einem Helikopterflug mitgenommen, mit dem sie ihre Leute aus der Gegend einsammeln. Eigentlich ist das schwierig, einen Zivilisten dort hineinzubekommen. Nette Hilfe. Jetzt steht er jedenfalls nebenan im Saal, und wir hoffen alle, dass die junge Frau gut durchkommt.

In meinem Tagesablauf hatte ich heute ziemlich viel klimatisierte OP-Luft und wenig afrikanische Schwuele. Nur nach dem normalen Tagesprogramm, als wir die Patientin mit zwei Bluttransfusionen fuer den Eingriff vorbereitet haben, konnte ich mich fuer eine halbe Stunde wieder in den Pool stuerzen.

Apropos Transfusion: Natuerlich ruft man hier nicht in der Blutbank an und bestellt vier Konserven B negativ. Die Blutbank der Anastasis ist die Crew. Fuer jede Transfusion kommt also jemand runter auf die Station, bekommt das Blut abgenommen, und nebenan liegt der Patient, der den Beutel direkt wieder angehaengt bekommt. Noch koerperwarm temperiert.

04.05.2006 um 17:50 Uhr

Libanesisch in Liberia

Heute hatten wir eine sehr interessante OP: Chester, ein junger Mann, ca. Mitte 30, hatte vor 5 Jahren bei einem Autounfall seine Nase verloren. Vor drei Wochen hat er hier an Bord eine neue "gebastelt" bekommen. Dazu wurde ein Hautlappen von der Stirn ueber die Nasenoeffnung geschwenkt. Damit der nicht abstirbt, behaelt er fuer eine gewisse Zeit seine Blutversorgung aus der alten Quelle. Chester hatte also einen dicken Strang, der von der Nasenwurzel zu der neuen Nase herunterzog. Dieser wurde heute entfernt und rundum alles schoen vernaeht. Hochinteressant! Solche OPs kannte ich bislang nur vom Hoerensagen...

Gestern Abend habe ich erstmals den bordeigenen Swimmingpool genutzt. Sieht aus wie eine kleine Pfuetze, mit seinen Aussenmassen von vielleicht 5 mal 6 Metern. Aber er ist 2 m tief, ich kann nicht drin stehen! Hat sehr gut getan in der Schwuele des Abends. Anschliessend bin ich noch mit Walter, dem Chefstewart ins Gespraech gekommen. Er verantwortet die Galley, die Kombuese, mit knapp 30 Mitarbeitern und muss auch allen Proviant fuers Schiff besorgen und verwalten. Er hat mir ueber seinen interessanten Werdegang und seine Erlebnisse und Eindruecke in mehreren Jahren an Bord der Anastasis erzaehlt.

Das Essen bekommt er jedenfalls prima hin. Es gibt grosse Auswahl, morgens Muesli, Obst, Brot. Mittags und Abends nach Wahl verschiedene warme Essen, Reis, Nudeln, auch Kartoffeln, Salate, Gemuese oder wieder Brot. Manches hat amerikanischen Einschlag, z.B. die Pfannkuchen morgens einmal woechentlich oder die 5 kg-Toepfe Erdnussbutter. Anderes ist ganz nach Einkaufsmoeglichkeiten mehr afrikanisch oder europaeisch angehaucht. Und wenn Albert an Bord ist, stehen Croissants und Broetchen zur Auswahl, wie schon berichtet. Letzte Woche gab es an einem Abend libanesische Kueche. Die Libanesen gelten ja was das Kochen angeht als die Franzosen des Nahen Ostens, es war delicieux! Ein libanesisches Hotel oder Restaurant hier in Monrovia hatte sich bereit erklaert, als Dankeschoen an Mercyships einmal fuer die Crew zu kochen. Ruehrend, oder?

03.05.2006 um 20:42 Uhr

"Roomy" Kent

Ganz vergessen zu erwaehnen hatte ich noch Kent, unseren neuen Kabinengenossen, zu Englisch "Roomy". Nachdem Dr. Albert aus Liberia uns am Wochenende verlassen hatte, wurde das Bett gleich weitergereicht an einen neuen Mercyshipper, Kent aus Kanada. Die Housekeeping-Abteilung hatte uns natuerlich schon Tage vorher informiert, dass jemand kommt und auf was wir alles achten sollen: dass es schoen ordentlich und sauber ist, dass der Schrank und das Bett freigeraeumt sind etc. Wirklich vorbildlich, an was hier alles gedacht wird.

Uebrigens, in den grossen Meetings in der "International Lounge", wenn dort jemand ans Mikrofon geht, stellt er sich immer vor. Selbst Leute, die jahrelang an Bord sind und bei 98% der Anwesenden bekannt sein sollten, nennen ihren Namen und ihre Funktion - ein guter Service fuer die 2%, die sich noch nicht auskennen! Und in den Meetings werden alle Neuankoemmlinge begruesst. Sie werden mit Namen, Funktion und Nationalitaet aufgerufen und stellen sich hin, damit sie jeder sehen kann. Und am Ende gibt es fuer alle zusammen einen Applaus, fuer die Bereitschaft, auf der Anastasis Dienst zu leisten. Ebenso werden alle verabschiedet und die Crew bedankt sich fuer den geleisteten Dienst. Und ausserdem hoert man als Neuankoemmlinge bei jeder Gelegenheit: "It's good to have you here." - "Gut, dass Du gekommen bist." Sehr wohltuend.

Kent also kommt aus Kanada, ist Rentner, hatte bis letztes Jahr eine Zahnarztpraxis und eruebrigt nun von seiner Zeit etwas fuer einen Einsatz auf der Anastasis. Er war am Samstag das erste Mal in seinem Leben in Europa, bei der Zwischenlandung in Bruessel, und am Sonntag das erste Mal in Afrika. Als Zahnarzt geht er mit dem Dental Team morgens von Bord. Die Truppe arbeitet in einem Hospital, ein paar Autominuten vom Dock entfernt. Dort sehen sie mehrere Dutzend Patienten am Tag. Allerdings muessen sie sich natuerlich meistens aufs Zaehneziehen beschraenken, aufwaendige Zahnerhaltung ist in Afrika nicht zu leisten...

03.05.2006 um 17:42 Uhr

Improvisationstalent

Draussen soll es heute sehr heiss sein. Wir merken das im OP nicht so, die Klimaanlage faehrt ja die Temperatur herunter; und das ganze Schiff ist klimatisiert, wenn auch nicht so stark wie der OP. Aber im Gegensatz zu den letzten Tagen, wo es oft bedeckt und schwuel war, scheint die Sonne. Gleich werde ich mich mal draussen aufs Deck setzen, das OP-Programm ist schon am Ende, die Patienten fuer morgen kann ich spaeter noch ansehen.

Als letzten Patienten hatte ich heute Michael, einen jungen Mann mit einem Lipom, einer Fettgeschwulst, im Nacken. Den mussten wir in Seitenlage operieren. Natuerlich ohne die ueblichen Hilfsmittel, die man zu Hause fuer solche Faelle am OP-Tisch anbringen kann. Aber wir haben uns ganz gut geholfen, ihn stabil auf die Seite gelegt und anschliessend mit Pflasterstreifen auf dem Tisch festgeklebt, damit er bei Seegang oder beim Aufwachen nicht herunterfaellt. Ueberhaupt muss man halt ein bisschen improvisieren unter afrikanischen Bedingungen. Der Chirurg, wenn er am OP-Ende eine Lasche einlegen will, ein kleines Schlaeuchlein, das den Blutabfluss ermoeglich, schneidet sich beispielsweise immer eine aus seinen Ueberhandschuhen. Und natuerlich arbeiten die Chirurgen meist allein. Da gibt es keine Assistenten zum Hakenhalten. Aber sie kommen sehr gut zurecht.

So sieht es uebrigens zu OP-Beginn aus, wenn eine Lippenspalte verschlossen wird. Links unten sieht man gerade noch den Beatmungstubus, der eigens fuer diese OPs einen scharfen Knick nach unten macht. So hat der Chirurg oben an der Lippe freie Bahn:

Insgesamt bin ich mit der Ausruestung hier sehr zufrieden, gerade an Verbrauchsmaterial. Wenn man auch sparen und vorsichtig damit wirtschaften muss, sind wir doch besser versorgt als ich erwartet hatte. Tuben gibt es reichlich, in allen Groessen, Formen und Varianten auch fuer die aufwaendige Kopf-Hals-Chirurgie, Larynxmasken mit oder ohne Woodbridgetubus kann ich ebenfalls in allen Groessen, vom Baby bis zum Erwachsenen, einsetzen. Die Filter am Geraet koennen wir nach jedem Patienten wechseln. Und Medikamente gibt es vielfach aus deutscher Herstellung: Fentanyl, Propofol, Nimbex, Mivacron.

02.05.2006 um 19:23 Uhr

Light at the end of the tunnel

Heute habe ich meinen Durchhaengetag - ich habe mich leidlich zu ein paar Narkosen aufgerafft, habe vorhin auf der Station noch die Patienten von heute und morgen kurz angeschaut. Aber zwischendrin habe ich heute auch die Gelegenheit genutzt, mich auszuklinken.

Wir hatten mit drei Anaesthesisten nur zwei Saele zu bedienen, da war das gut moeglich. Vor allem die Einleitung bei schwierigen Patienten, bei kleinen Kindern oder bei schwierigem Atemweg macht man ja ungern allein, da ist es schoen, wenn ein Springer frei ist und assistieren kann. Und anschliessend haben wir uns auch noch abgewechselt.

Der vierte Kollege ist seit Sonntag in Ganta, wo Dr. Brian dem einheimischen Chirurgen noch ein wenig VVF-Chirurgie zeigt, er wird Donnerstag zurueck sein. Ab naechster Woche sind wir allerdings nur noch zu zweit, und am Donnerstag fliegt auch der letzte Kollege nach Hause. Dann bin ich fuer die letzten beiden OP-Tage in Liberia und fuer eventuelle Notfaelle am Wochenende einziger Anaesthesist. Nach dem 12. Mai gibt es keine geplante Operationen mehr und die Anastasis verlaesst Liberia zwei Wochen spaeter fuer einen Einsatz in Ghana.

In der Anaesthesie ist es interessant, unsere individuelle Arbeitsweise zu vergleichen. Ein Kollege ist Anaesthesiepfleger aus den USA, wo die Narkose nicht zwingend vom Arzt gemacht wird. Die anderen Beiden sind Aerzte aus England. Der Pfleger arbeitet ganz aehnlich wie unsere Pfleger daheim: Er geht morgens in den Lagerraum, packt sich ganz viele Tuben, Medikamente und Zubehoer zusammen, ist sehr vorsichtig und checkt alles vorab. Dabei neigt er eher zu Perfektionismus und dazu, sich alle Schubladen uebervoll zu packen, so dass man gar nichts mehr findet. Die Aerzte, beide auch ein wenig aelter, sind wohl eher gewohnt, dass alles von der Pflege vorbereitet wird, kommen in den Saal und legen mal einfach los. Dann wird halt noch etwas bebeutelt, bis ein passender Laryngoskopspatel oder ein anderer Tubus gebracht ist.

Die OP-Pflege hilft aus, wenn keiner der Kollegen Zeit hat. Das allerdings mustergueltig: Hier gibt es keine Nicht-Zustaendigkeit, jeder packt dort an, wo gerade ein Handgriff noetig ist (Was das angeht, kann ich mich ueber meinen OP zu Hause allerdings auch nicht beschweren).

Zum Abschluss noch eine Fundsache von der Pinwand in Dr. Garys OP-Office: "Due to the current financial restraints, the light at the end of the tunnel will be off until further notice. We apologize for any inconvenience."