Sonntag, zu nachtschlafender Zeit, wirklich nur in Ausnahmefällen auszuhalten: Start nach Düsseldorf-Flughafen. Air France nach Paris. Für diesen Flug habe ich beim Online-Check-in einen Platz am Notausgang reservieren können. Das hat den Vorteil, dass man dort etwas mehr Freiheit für die Beine hat. Im Gegenzug muss man bestätigen, dass man auch schnell genug auf denselbigen ist, um im Notfall nicht als lebende Barrikade die Evakuierung zu verhindern. Der Steward gibt mir eine persönliche Einweisung für das Verhalten im Notfall. Mit echt unwiderbringlichen Tipps: Wenn das Triebwerk auf dieser Seite brennt, steigen Sie lieber auf der anderen aus. Gute Idee, habe ich ihm gesagt.
Umsteigen in Paris, Aéroport Charles de Gaulle. Beim Landen schaut man auf die Autobahn Richtung Norden, auf der wir üblicherweise nach Paris, Taverny, Orléans anreisen. Die geht hier quer unter der Landebahn durch. Das Flughafengebäude ist riesig, man muss wirklich aufpassen, dass man sich nicht verfranzt. Und dass man zwischen zwei Flügen genug Zeit hat, die erheblichen Fußwege zurückzulegen. Inklusive Verlassen der Sicherheitszone und neuem Anstellen zum Sicherheitscheck brauche ich sicherlich eine Dreiviertelstunde, um mein neues Gate zu erreichen. Mir fällt ein, dass ich vor zwei Jahren hier zufällig einen Mitarbeiter von Mercy Ships getroffen habe, den ich aus Westafrika kannte und der in völlig anderer Richtung unterwegs war. Wäre gar nicht mal verwunderlich, wenn er noch heute in diesem Riesenbau unterwegs wäre, auf der Suche nach seinem Gate...
Am Nachmittag wird es typisch afrikanisch. Zwischenlandung in Conakry, Guinea. Der Großteil der Passagiere erhebt sich, um den Flieger zu verlassen. Und wartet und wartet und wartet. Borddurchsage: Sie haben Probleme draußen, offenbar ist die Gangway auf der falschen Seite vors Flugzeug gerollt worden. Ist das nicht knuffig? Auch der Weiterflug verzögert sich, mindestens dreimal werden Passagiere und Handgepäckstücke gezählt und verglichen, damit keiner den Flieger verlässt und eine Bombe bei uns vergisst. Wenn's denn hilft, lässt man sich das gefallen. Ich nutze die Pause, um Kontakt aufnzunehmen mit dem Kollegen, der mit mir auf Anreise zur Africa Mercy ist. Ein Altgedienter, allein dieses Jahr schon zum zweiten Mal hier, insgesamt schon so oft, dass er das Zählen aufgehört hat.
Nach Freetown ist es nur noch der berühmte Katzensprung - die Katzen in Afrika sind ja eh etwas größer. Keine 30 Minuten Flugzeit, und wir landen in Freetown. Dort klappt auch das Aussteigen vorbildlich. Das Gepäckband (!) läuft schon, als wir die Einreiseformalitäten mit Visum und Prüfung des Impfpasses hinter uns haben. Bridget - eine Einheimische im Auftrag der Organisation - nimmt uns in Empfang. Mit dem Auto geht es erst einmal etliche Kilometer über Land. Der Fahrer heizt ziemlich wild. Möglicherweise will er die Verspätung einholen. Denn wir sind ja kurz vor dem Ziel noch auf die Fähre über den riesig breiten Fluss angewiesen. Beim ersten Fahrradfahrer, den er haarscharf mit hohem Tempo überholt, verkrampfe ich mich unwillkürlich, so dass mein Afrika-erfahrener Kollege mir beruhigend auf die Schulter klopft...
Aber wilde Jagd hilft nichts. Keine Fähre vor 10 Uhr abends. Vier bis fünf Stunden Wartezeit lächeln uns an. Bridgets Kommentar: "Africa is always Africa." Dabei hatten wir aber morgens in Paris auch nicht pünktlich starten können. Ich habe gar nicht mitbekommen, wo das Problem war. Aber "la France" ist eben auch "toujours la France." Bridget verhält sich dagegen ganz unafrikanisch. Sie organisiert uns eine Alternative, und das sogar ziemlich schnell.
Ein Speedboat, ein kleines Motorboot mit acht Sitzplätzen zischt mit uns über den breiten Fluss. Besatzung: zwei Mann, ein Lokführer und ein Heizer. Der Mann am Steuerrad ist der Lokführer, er richtet den Blick nach vorn und lenkt das Boot. Nicht, dass das immer ganz einfach wäre: Das Regenverdeck ist heruntergeklappt wie bei einem Cabrio, aber nicht nach hinten sondern nach vorne. Wenn es durch den Fahrtwind hochgedrückt wird, steht unser Lokführer auf, die vorderen Passagiere werfen sich auch schon mal auf das Verdeck, damit wir nicht völlig blind übers Wasser jagen. Der Heizer - auf der Lok hat er die Kohlen ins Feuer geworfen, auf dem Speedboat sitzt er neben dem offenen Kanister mit der selbstkomponierten Mischung aus Sprit, Motoröl und Adjuvanzien. Er hält einen Pumpball in der Hand, der in den Schlauch vom Kanister zum Motor zwischengeschaltet ist und sorgt durch regelmäßiges Pumpen dafür - eben wie der gute alte Heizer auf der Lok -, dass der Motor genug Brennstoff bekommt. Mit uns ist ein Sicherheitsingenieur in Freetown eingetroffen, der im Auftrag der Versicherung für einige Tage das Schiff besichtigen wird. Glücklicherweise gehört das Speedboat nicht zum Mercy Ships-Inventar, das wäre wegen Explosions- und Vergiftungsgefahr gleich durchgefallen.
Weiter geht es typisch afrikanisch im Stadtverkehr von Freetown. Am Anleger des Speedboats wartet ein Mercy Ships-Jeep auf uns. Der kurze Weg zum AFM-Dock wird uns allerdings ziemlich lang. Denn auf der Straße ist mächtig was los. Zum Einen das typisch afrikanische Phänomen: Gelebt wird auf der Straße. Keine Ahnung, was diese vielen Leute da machen. Man hat wirklich keine Vorstellung, wo diese vielen Menschen alle hinwollen. Gewimmel und Gewühle, Menschengruppen unterwegs in alle Richtungen, kreuz und quer. Das Ganze auf engen Straßen, rechts ist eine endlose Reihe großer Laster geparkt. Vor uns schiebt sich ein Laster durchs Gewimmel, uns entgegen kommen PKW und massig Kleinbusse. Die müssen nun haarscharf an dem LKW vorbei, weil sie am Straßenrand schon fast im Abwassergraben landen. Zwischen sehr knapp und zu knapp mit Schramme sehen wir verschiedene Varianten, wie diese Fahrzeuge aneinander vorbeikommen können. Und dazwischen bewegen sich die vielen Menschen. So behende und ohne Zögern zwischen den großen Maschinen, dass man ständig den nächsten Unfall vor Augen hat. Der Sicherheitsingenieur neben mir ist selbst Afrikaner, er schaut zu mag offensichtlich jetzt nicht dienstlich werden.
Also eine ereignisreiche Anreise. Nach Einbruch der Dämmerung kommen wir schließlich wohlbehalten an im höchstmotivierten Krankenhaus der sieben Weltmeere. Morgen mehr.