Betäuben in Sierra Leone 2011

16.10.2011 um 19:34 Uhr

Freetown done done

Krio, eine weit verbreitete hiesige Sprache, klingt wie ramponiertes Englisch. Oxford-English im Polytrauma, oder bandagiert nach K.o. im Boxring. Als Deutscher kann man sich das vielleicht am besten vorstellen, wenn man den klassischen türkischen Gastarbeiter vor Augen hat, der sich zwangsläufig in Deutsch verständigen muss. Und der ohne jemals eine ordentliche Unterrichtsstunde genossen zu haben, radebrechend ein paar Brocken Deutsch herausbringt. So muss Krio für den Engländer klingen.

Der chirurgische Kollege aus Uganda meinte, Krio sei doch keine Sprache. Er hat sich hier in der Stadt sogar eine Bibel auf Krio besorgt, weil er es so lustig findet, das zu lesen. Das Witzige ist, dass man, wenn man diese Texte liest, meist nichts versteht, beim lauten Vorlesen aber die Ähnlichkeit mit dem Englischen heraushört und den Sinn erfasst. Ähnlich geht es mir manchmal mit plattdeutschen Texten. Ein Sprichwort in Krio heißt zum Beispiel (כ ist ein langes O): „NכTO כL TIK MכNKI KIN KLEM.“ – und heißt dann: „Not all trees a monkey can climb.“ Ein Affe kann nicht jeden Baum erklettern.

In Krio ist die Grammatik vereinfacht. Steigerungen werden beispielsweise oft durch Verdopplung ausgedrückt. Besonders klein ist also „klein klein“, „small small“. Operation ganz fertig ist „done done“. Das habe ich drei Wochen beim Aufwachen zu fast allen Patienten gesagt. Jetzt sitze ich schon wieder im Flieger nach Hause, für mich ist Freetown „done done“. Fürs erste.

 

 

14.10.2011 um 22:55 Uhr

Städtische Wirtschaftsförderung

Schon wieder mein letzter Tag im OP. So schnell sind drei Wochen um. Zwei Wochen Allgemeinchirurgie, eine Woche Maxfacs. Es hat wieder rundum Spaß gemacht. Außerdem: Reisen bildet, und eine solche Reise erweitert den Horizont um ein Vielfaches mehr als jeder Erholungsurlaub.

Einen Bewohner von Freetown habe ich kennengelernt, der Mercy Ships in sehr guter Erinnerung behalten wird. Er hat weder einen Tumor noch eine Leistenhernie, keinen grauen Star und auch keine Hasenscharte. Trotzdem hat er gute Erfahrungen gemacht mit der Africa Mercy. Er hat... eine Nähmaschine. Und damit hat er sich nicht verletzt, sondern er hat die Crew beschneidert.

Der Schneider, mit seinem Laden ganz in der Nähe des Schiffes (wer mal in die Nähe kommt: Fourah Bay Road 48), hat im Frühjahr eine Testbestellung von Crewmitgliedern bekommen. Im Gegensatz zu einer Kollegin hat er exzellente Arbeit abgeliefert und hat seitdem ein Abo auf Näharbeiten für die Crew. Jede Woche kommt er aufs Schiff, lässt sich Stoff geben, den man hier auf dem Markt in aller afrikanischer Vielfalt und Buntheit bekommt, und lässt sich sagen, was er daraus schneidern soll. Die Schnittmuster sind manchmal mitgebrachte Kleidungsstücke, manchmal Abbildungen, offenbar aus Zeitschriften. Er nimmt Maß, und in der nächsten Woche bringt er zu gutem Preis das fertige Stück mit. Ich habe auch schon zugeschlagen.

Wahrscheinlich macht der Mann das Geschäft seines Lebens, wie man hört, hat er schon eine neue Nähmaschine angeschafft, mit der er auch Stickmuster machen kann. Das hätte das Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Freetown nicht besser hinkriegen können.

13.10.2011 um 21:57 Uhr

Fambul heißt Familie

Die letzten beiden Tage im OP habe ich wieder im Maxfacs-Saal verbracht. Große Kunst! Da werden Gesichter halb aufgeklappt, unten wird am Knochen gebastelt und anschließend wird das Puzzle in der richtigen Reihenfolge wieder zusammengesetzt. Oder der Operateur nimmt sich einen Streifen Haut aus der Stirn, schwenkt ihn hinunter und ersetzt damit einen Nasenflügel. Sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus, ist aber immer wieder beeindruckend, was die Kollegen aus der Maxfacs so alles machen.

Wie bereits angekündigt habe ich letzte Woche die Gelegenheit genutzt zu einem Besuch bei Don Bosco Fambul, einem Haus für Straßenkinder in Freetown. Sie werden dort aufgenommen und man versucht, sie in ein normales Leben zurückzuführen. Fambul ist übrigens einfach das einheimische Wort für Familie. Die Arbeit, die ich dort gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Sozialarbeit in einem solchen Land, wo man allen Ecken und Enden Bedarf sieht... Es bleibt bei der besten Arbeit immer das Gefühl, das ich auch auf dem Schiff habe: Wir sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber man muss sich halt klar sein, dass man nur sein Scherflein beitragen kann.

Sehr beruhigend war für mich die Einschätzung, die ein in Freetown Ansässiger von Mercy Ships hat. Die Organisation wirkt seriös, tritt nicht arrogant auf im Stile „Hoppla jetzt kommen wir“. Sie macht auch aus der Ferne betrachtet den Eindruck guter Arbeit.

11.10.2011 um 23:54 Uhr

Fundsache

Vor einiger Zeit hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgeschlagen, Chirurgie sicherer zu machen durch eine Checkliste. Es gab eine große Studie, in acht Krankenhäusern weltweit, in Industrienationen und in Entwicklungsländern, kleine und große Kliniken. Man fragt lediglich vor einer Operation ein paar Daten ab, beispielsweise ob die Identität des Patienten geklärt ist, ob die OP-Seite mit den Vorbefunden übereinstimmt, ob notwendige Röntgenaufnahmen vorhanden sind und ob das erforderliche Antibiotikum schon gegeben wurde. Die einfache Checkliste erwies sich als geeignet, die Komplikationsrate zu senken, und selbst eine geringere Sterblichkeit nach Operationen ließ sich belegen.

Viele Krankenhäuser in aller Welt haben seitdem diese Checkliste eingeführt. Direkt vor dem Schnitt halten noch einmal alle im OP-Saal inne, vergewissern sich, dass alles korrekt ist, 20 Sekunden für die Sicherheit unserer Patienten. Auch die Africa Mercy steht dem nicht nach und praktiziert zu meiner Freude das Team-time-out. Zwar kann man sich in vielen Fällen hier mit dem geplanten Eingriff nicht vertun – die riesigen Tumoren sind gar nicht zu verwechseln. Auch kennen hier fast immer Operateure und Anästhesisten ihre Patienten persönlich. Aber die Überprüfung, ob ein Leistenbruch rechts oder links operiert werden muss, ist schon nicht verkehrt. Und ein paar Mal hat uns das Team-time-out schon an die rechtzeitige Gabe des Antibiotikums erinnert.

Heute hat sich unser Maxfacs-Chirurg ein wenig in einem Unterkiefer „verirrt“. Die Patientin hatte vor vielen Jahren eine Operation wegen eines großen Tumors bekommen, der Unterkiefer war zur Hälfte entfernt und durch eine Platte ersetzt worden. Während des Bürgerkriegs ist sie in eine Auseinandersetzung geraten und dabei ist die Platte – man muss sich da dicke, stabile Lochplatten vorstellen – unverständlicherweise gebrochen. Das Bild zeigt eine vergleichbare Platte, allerdings über die ganze Breite des Unterkiefers, darüber stehen in weiß die Zähne des Oberkiefers. Heute stand dann ein Ersatz der Platte an, und gleichzeitig sollte der Unterkiefer mit Knochenmaterial aus dem Becken „aufgepolstert“ werden. Das abgebrochene Ende der Platte ließ sich zunächst nicht auffinden, der Operateur ging in den Weichteilen ein wenig auf die Suche, bevor er die OP wie geplant zu Ende brachte. Demnächst hat die Frau wieder ein fast normales Aussehen, mit normal breitem Unterkiefer.

Eine freundliche Einladung zum Geburtstag hat mich zwischenzeitlich zu Hause erreicht, habe ich jetzt per Email erfahren. Der Nachbar mit dem runden Geburtstag, er liest hier auch mit, verzichtet auf Geschenke und sammelt stattdessen caritativ – für Mercy Ships. Herzlichen Dank dafür, das freut mich ganz außerordentlich!

10.10.2011 um 17:28 Uhr

Hoffen auf den Container

Vor gut 10 Tagen ist der Container gekommen. So wie regelmäßig ein Container aus Rotterdam für das Schiff eintrifft. Offensichtlich immer ein Grund zur Freude an Bord. An den verschiedensten Stellen ist man auf die Lieferungen aus Europa angewiesen. Der Ship-Shop, die Versorgungsstation für die Mannschaft, bietet daraus die Dinge des täglichen Bedarfs an, von Toilettenpapier über Zahncreme bis zu ein paar Lebensmitteln für eigene Kochaktivitäten oder Kleidungsstücken mit Mercy Ships-Logo. Im Speiseraum gibt es seit der letzten Containerlieferung wieder Vollmilch, in meinen ersten Tagen gab es nur 0,3%ige oder Sojamilch.

Aber auch beim medizinischen Bedarf macht sich die Lieferung bemerkbar. Bis zum Eintreffen des Containers galt die Parole, dass Atemkalk gespart werden muss. Der Kalk im Narkosegerät sorgt dafür, dass das Kohlendioxid aus der ausgeatmeten Luft ausgefiltert wird und diese Luft für den nächsten Atemzug wiederverwendet werden kann - das spart Sauerstoff und teure Narkosegase. Atemkalk sparen bedeutet dann, dass aus dem Kalkbehälter nur die verfärbten Partikel heraugelöffelt werden statt wie zu Hause die ganze Ladung auszutauschen. Da merkt man schon, dass wir auch an Bord afrikanische Verhältnisse haben.

Heute startet die Woche eher gemütlich. Unsere Chefin, die leitende OP-Schwester, hat das deutsche Anästhesieteam für diese Woche in den Maxfacs-Saal eingeteilt. Maxillofacial surgery, also Zahn-Mund-Kieferchirurgie, eine der Spezialitäten hier an Bord. Allerdings operiert das langjährige Crewmitglied Dr. Gary nebean im zweiten Maxfacs-Saal, und bei uns ist ein Chirurg, der am Wochenende erstmals aufs Schiff gekommen ist. Er muss sich noch ein wenig eingewöhnen, muss noch etliche Patienten sichten, die er in den nächsten Wochen unters Messer nimmt. Wir haben nur einen Eingriff auf dem Plan, eine Patientin mit einer deutlichen Beule über der linken Lippe und Wange. Ein Tumor der Mundhöhle, der über die Jahre mindestens die Größe eines Tennisballs erreicht hat.

Gestern abend haben ich den neuen Chirurgen erstmals getroffen, als wir beide die Patientin angeschaut haben. Aus seiner praktischen Arbeit in England kennt er diese Fälle natürlich nicht, sie werden ja meist im Frühstadium vom Zahnarzt entfernt. Aus diesem Grund übrigens ist es auch umstritten, ob sie hier in Westafrika häufiger vorkommen - genetisch bedingt, durch Infektionen, Ernährungsgewohnheiten oder was auch immer. Für kleine, gutartige Tumoren gibt es in Europa kein Register, wir wissen schlichtweg nicht, wie oft sie bei uns auftreten.

09.10.2011 um 22:29 Uhr

Cage or Palace

Is yo hom a cage or a paless? Ist dein Zuhause ein Käfig oder ein Palast? Auf diesem Satz hat heute morgen der Pastor einer kleinen unabhängigen Kirche im Stadtteil Wellington über eine Stunde herumgeritten. Mit einer Gruppe vom Schiff haben wir die Gelegenheit genutzt, dort die Heimatgemeinde einer unserer einheimischen Helferinnen zu besuchen. Die Musik war super afrikanisch – Stimmung und Begeisterung kam auf, so wie man es sich wünscht und vorstellt.

Die lange Predigt kam dann eher mit schlichten Weisheiten daher, kurz gefasst: Seid nett zueinander. Dafür war sie dramatisch ausgeschmückt, mit Variationen von laut bis leise, rhetorischen Wiederholungen, Seufzern, Ausrufen, Zwischenrufen der Gemeinde. Auch alles, so wie man es sich vorstellt. Feierlich abgeschlossen wurde die Feier mit einem Gebet über einer Klimaanlage, die ein ehemaliges Gemeindemitglied wohl gerade aus den USA geschickt hat für die Kirche. Insgesamt war das schon ein schöner Ausflug zum afrikanischen Gottesdienst, aber jede Woche bräuchte ich das auch nicht.

Der Besuch dort wird vom Schiff übrigens gern gesehen. Man legt Wert darauf, sich im Gastland auch in den Gemeinden einzubringen und dort zu Gast zu sein. Überhaupt wird solch gleichrangiger Kontakt mit den Einheimischen gefördert und sehr auf die Außendarstellung geachtet. Obwohl die Organisation hier mit einem riesigen Schiff im Wert von etlichen Millionen Dollar aufläuft und einen enormen Apparat an Logistik, an Fahrzeugen, an weiterer Ausrüstung mitbringt, ist doch das Auftreten der Mitarbeiter immer bescheiden und korrekt. Schon ein gewisser Kontrast zu manchen anderen NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen), deren Gebäuden und Fahrzeugen man ihre Finanzpolster leicht ansieht.

08.10.2011 um 16:09 Uhr

Nobelpreis

Gestern wurde drei Frauen der Friedensnobelpreis 2011 zugesprochen. Eine von ihnen ist Ellen Johnson-Sirleaf, die Präsidentin von Liberia, dem südlichen Nachbarn Sierra Leones. Sie ist die erste frei gewählte Frau im Amt eines afrikanischen Staatspräsidenten. Sie hat große Sympathien für Mercy Ships, seit ihrer Wahl waren die Schiffe schon mehrfach in Liberia. Sie hat sich auch einen Namen gemacht mit guter Regierungsführung. Ich bin ihr mal auf dem Weg nach Monrovia begegnet, als wir im gleichen Flieger saßen.

Wie ich gestern in Freetown erfahren habe, sind die Menschen hier aber nicht unbedingt glücklich über die Entscheidung des Nobelkomitees. Einige sind geradezu entsetzt, weil die Präsidentin zu Beginn des Bürgerkriegs in den Ländern Sierra Leone und Liberia einen der entscheidenden Kriegstreiber unterstützt hat. Charles Taylor hatte sich damals daran gemacht, Samuel Doe als Präsidenten von Liberia zu stürzen. Unter Doe hatte Johnson-Sirleaf vorher im Gefängnis gesessen, später ging sie ins Exil. Sie gab später die Unterstützung von Taylor auf, angeblich nachdem sie von seinen Gräueltaten erfahren habe. Taylor muss sich heute in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten. Es bleibt ein zwiespältiges Bild (siehe dazu auch die FAZ).

07.10.2011 um 12:51 Uhr

Ship holiday

Am Montag habe ich auf den deutschen Feiertag verzichtet. Heute bekomme ich ihn wieder. Es ist Ship holiday. Alle sechs Wochen bekommt die Crew einen freien Freitag, ein langes Wochenende zum Entspannen. Das bremst natürlich ein bisschen aus, als Kurzzeitafrikaner wollen wir ja eigentlich viel schaffen. Aber im Sinne der Dauerbesatzung ist es schon verständlich.

Vorgestern habe ich in meinem OP eine Kamera postiert und über den ganzen Vormittag eine Fotoserie geschossen. Real life in OP 1. Hier eine Kostprobe: Saal leer. Vorbereitung. Patient rein. OP.  Patient raus. Der Chirurgische Kollege hat sogar in die Kamera gelächelt. Aber das muss man sich unter dem Mundschutz dazudenken.

06.10.2011 um 22:06 Uhr

Wiederverwertung

Datenschutz und Produktfälschung. Kein Problem in Westafrika? Weit gefehlt. O.k., es geht nicht um den unanständigen Datenhunger von Facebook oder Google, um die Aushorchung des einzelnen mit allen Details und Feinheiten. Es geht um viel Simpleres, Name und Adresse. Unbedarft hatte ich am ersten Abend schon einige Daten im Müll entsorgt, Zeitschriften mit Adressfeld, die ich im Flieger gelesen habe. Das sollte man nicht tun, denn bei der grassierenden Armut hierzulande können wir davon ausgehen, dass jeder Müllbeutel, der dieses Schiff verlässt, anschließend aufgerissen und durchwühlt wird auf irgendetwas Brauchbares. Einheimische, die Namen und Adressen von Crewmitgliedern aufgepickt haben, nutzen diese, um Kontakt aufzunehmen, um sich als „alte Freunde von...“ Zugang zum Schiff zu verschaffen. Das funktioniert natürlich nicht, denn das Sicherheitssystem um die AFM herum ist darauf eingestellt. Aber es kann offensichtlich ganz schön nervig werden. Die obligatorische Sicherheitseinweisung hat mich daran erinnnert, Papierfetzen mit persönlichen Daten wieder aus dem Mülleimer zu fischen.

Aber auch im OP hat die Sammelleidenschaft der Einheimischen Konsequenzen. Wir sind in diesem Jahr angehalten, Spritzen in einem eigenen Müllbeutel zu sammeln. Sie werden getrennt vernichtet, vermutlich verbrannt, nicht nur weil sie vielleicht infektiöses Material enthalten. Kanülen, Skalpellklingen und so weiter gehen natürlich sowieso in den eigenen Sammelcontainer. Bei den Spritzen gibt es vor allem Bedenken, dass sie gefunden und wieder benutzt werden könnten. Und bei den Infusionsflaschen sind wir angehalten, sie vor dem Gang in den Müllbeutel einmal großzügig durchzuschneiden. Das verhindert, dass sie neu befüllt werden und als sterile Infusionslösung wieder in einer Apotheke landen – Medikamentenfälschung ist ja eh ein großes Problem in Entwicklungsländern.

05.10.2011 um 16:47 Uhr

Unerkanntes Gesangstalent

Unser erster Patient heute früh, ein Junge von acht Jahren mit Hodenhochstand, dürfte ein Gesangstalent sein. Er steckt ganz schön was weg: Ohne die berühmte "Sch...egaltablette" vor der Operation - die ist hier genauso unüblich wie in England oder USA - hat er sich seine Infusion anlegen lassen. Hat nur kurz gejammert, war aber sichtbar glücklich, dass er es hinter sich hatte.

Während der Anästhesie dann hat er unglaubliche Mengen an Schmerz- und Schlafmitteln bekommen, war kaum kleinzukriegen, der Kleine. Beim wiederholten Spritzen von Propofol fiel es uns dann ein: Das ist sicher Michael Jacksons kleiner Bruder - ob er auch singen kann, muss ich mir heute abend anhören.

04.10.2011 um 15:45 Uhr

Starbucks

  

In diesem Jahr ist die Anästhesie außergewöhnlich gut besetzt. Wir haben einen Arzt oder Ärztin pro Saal zur Verfügung, dazu zwei Krankenschwestern, einen einheimischen Anästhesieassistenten zum Lernen und in der vergangenen Woche war sogar noch ein Arzt zusätzlich als Springer im Einsatz. Das ermöglicht uns zum einen schnelle Wechsel und sichereres Arbeiten, denn während ich den Patienten im Aufwachraum übergebe, macht die Schwester schon mal Gerät und sonstige Ausrüstung wieder schüssig. Auch während der laufenden OP ist man flexibler. Wenn ich bei früheren Aufenthalten noch Opiate aus dem OP-Apothekenraum nachholen musste oder eine warme Infusion, bin ich eilends geflitzt und konnte nur bei offenen Türen den Pulston aus meinem Saal "fernüberwachen". Jetzt ist immer garantiert, dass einer im Saal den Patienten hütet.

Zum anderen können wir aber auch, wenn gerade alles ruhig läuft und zwei Decks über uns das Starbucks-Café öffnet, den ganzen Saal mit richtig gutem Kaffee versorgen. Im Café darf man immer auswählen, wieviele "Shots" Kaffee man möchte und welcher Sirup als Geschmack zugesetzt werden soll. Und bekommt ihn dann noch wunderbar mit Milch aufgeschäumt. Natürlich kommt uns da zugute, dass wir den Kaffee hier im OP überhaupt trinken dürfen. So etwas ist man in deutschen Kliniken nicht gewöhnt, jeder deutsche Hygieniker würde wahrscheinlich rückwärts vom Stuhl fallen. Aber es gibt eigentlich keine fundierten hygienischen Bedenken. Selbst das Tragen von OP-Kleidung in der Anästhesie wird nur aus guter Gewohnheit beibehalten. Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür. Deshalb eben: Prost Kaffee! Die Stimmung im OP hebt es allemal.

03.10.2011 um 18:36 Uhr

Ursache und Wirkung

Ganz sicher wiederhole ich mich, aber es fällt mir doch immer wieder mal auf: Am allerschlimmsten im afrikanischen Gesundheitswesen ist doch nicht, dass es Erkrankungen gibt, die Menschen schwer belasten, die ihnen die Perspektive rauben, den Lebensmut nehmen. Die gibt es auch in unseren reichen Ländern, und die wird es immer geben, in irgendeiner Form.

Am wirklich allerschlimmsten ist es, wenn man immer wieder sehen muss, wie völlig überflüssig viele gravierende Krankheiten sind. Wie leicht sie mit einfachen Mitteln zu verhindern gewesen wären. Das fängt an mit dem Patienten, der aus Kostengründen den Weg zum Zahnarzt scheut. Oder der sich kein Antibiotikum leisten kann, sich damit statt eines eiternden Zahns eine Entzündung des gesamten Unterkiefers einbrockt und womöglich alle Zähne verliert, die aus dem gammelnden Knochen einfach herausfallen. Das geht weiter mit demjenigen, der seinen kleinen Knubbel irgendwo am Körper hinnehmen muss statt ihn untersuchen und gleich "mal eben" entfernen zu lassen. Nach Jahren ist aus dem Knubbel eine beeindruckende Tumormasse geworden, die gesunde Strukturen verdrängt, die als eine Fettgeschwulst im Sitzbereich jahrelang Beschwerden macht, die als Tumor des Kiefers grässlich entstellt, die letztlich sogar zum Tode führen kann, wenn dieser Mensch sich nicht mehr ernähren kann.

Und das endet bei den Verbrühungen und Brandverletzungen, die Gesichter entstellen, die die Haut von Fingern, von ganzen Händen und Armen vernarben lassen. Denen man geradezu ansieht, wieviele Schmerzen sie den Patienten schon bereitet haben. Die müsste man ganz ohne Gesundheitswesen bekämpfen, müsste sie verhindern, durch sicheren Umgang mit Feuer und heißen Flüssigkeit, durch anständige Wohnverhältnisse, durch geeignete Gerätschaften. Aber auch das scheitert an der Armut.

Beim Gottesdienst am Sonntag ist mir wieder eine solche Frau aufgefallen, mit der ich bei der Arbeit gar nichts zu tun hatte. Eine ganze Gesichtshälfte vernarbt und entstellt, das Auge vermutlich nicht mehr zu schließen, die Lippenregion seltsam verfärbt, der Mund verformt. Bei Hunger und Armut fallen einem immer die Kinder mit den aufgequollenen Hungerbäuchen ein. Aber selbst wer genug zu essen hat, kann längst noch so arm sein, dass ihm viele Dinge widerfahren, die wir Reichen niemals fürchten müssen.

02.10.2011 um 22:22 Uhr

Wellenfreibad

Sonntag auf der AFM. Beim Gottesdienst der Patienten auf Station, unten auf Deck 3, wird lange getrommelt und gesungen. Clementine hält die Ansprache und bei ihrem Namen fällt mir auf, dass sie irgendwie durchgehen könnte als die schwarze Ausgabe der früheren mütterlich-soliden Ariel-Werbefigur. Sie kenne ich auch schon seit meinem ersten Aufenthalt auf dem Schiff und freue mich immer über ein Wiedersehen. Sie war damals auch sehr beschäftigt mit der Patientin, die nach ihrer OP so viele Komplikationen hatte. Heute baut sie in ihre Ansprache im Gottesdienst gleich noch ein bisschen Gesundheitserziehung ein: Der böse "Feind" sei es, der den Menschen weismacht, Sex mit einer Jungfrau würde die HIV-Infektion heilen.

Beim Mittagessen - wochenends macht man sich dafür ein Lunchpaket zurecht, weil die Mannschaft in Kombüse und Speiseraum reduziert ist und erst abends wieder auftischt - lese ich ein liegengebliebenes Ärzteblatt. Da haben sie in der Sommerlochausgabe ein interessantes Thema versteckt: Katastrophenalarm in Haiti: Die große Schlacht der Helfer. Genau meine Überlegung, die humanitäre Hilfe auch kritisch zu hinterfragen. Nützt sie eventuell mehr dem Helfer als dem Geholfenen? Ist sie so abgestimmt auf die Bedürfnisse des Ziellandes, dass sie wirklich nachhaltig positiv wirkt? Nach Lektüre merke ich zumindest, dass Mercy Ships (um die es hier natürlich konkret nicht ging, sondern um die Akuthelfer im vergangenen Jahr nach dem Erdbeben) dieses Thema sehr sensibel angeht. Es wird bei der Vorbereitung der Einsätze immer auf entsprechende Erkundigungen und Absprachen hingewiesen. Die Organisation scheint mir eher nicht in Gefahr zu sein, dass sie in erster Linie ihre eigene Existenz rechtfertigt.

   

Das Wetter in Freetown ist nicht ganz so gruselig, wie es die Vorhersage befürchten ließ. Samstag war der erste Tag, an dem es weitgehend regnerisch war. Ansonsten wechseln sich immerhin Regen und trockene Stunden ab. Man kann sich gut draußen bewegen. Daher konnten wir heute einen ausgedehnten Spaziergang durch Freetown unternehmen. Der Trubel und die bunten Farben auf Afrikas Märkten sind immer wieder toll. Es macht einfach Spaß, dort durchzuwandern und einfach nur zu schauen. Die Gerüche sind zeitweise nicht so angenehm, oft riecht es doch nach Abfall statt nach guten Früchten. Aber irgendwie ist das bunte Treiben ein Genuss, abgesehen von Taschendieben und rabiaten Autofahrern, auf die man acht haben muss.

Auf Deck 7 habe ich eine deutliche Verbesserung seit meinem letzten Aufenthalt entdeckt. Damals gab es dort oben zum Schwimmen nur ein Rundbecken aus Kunststoff wie es manche Leute in ihren Garten stellen. Jetzt gibt es ein festes Becken mit akzeptabler Wassertiefe und 10 oder 12 Metern Länge. Da kann man schon mal ein paar Züge machen. Der Trog steht quer zur Achse des Schiffes. Das hat zur Folge, dass mit dem leichten Rollen des Schiffsrumpfes das Wasser ordentlich von einer Seite zur anderen schwappt. Ich habe also bis Mitte Oktober Gelegenheit, in ein Wellenfreibad zum Schwimmen zu gehen, 20 Meter hoch über dem Dock. Mit freiem Blick auf Freetown gratis dazu.

01.10.2011 um 11:36 Uhr

Schmidts in Sierra Leone

Einen OP-Tag bereiten wir in der Anästhesie auf der Africa Mercy genauso vor wie zu Hause: Jeder Patient sollte spätestens am Vortag angesehen sein. Wir gehen auf die Station, sichten die bei der Aufnahme erhobenen Befunde des Stationsarztes, des "Hospital physician", kontrollieren das Routinelabor. Dann und wann wird auch ein Röntgen oder EKG vorab angeordnet, das zu bewerten ist. Außerdem untersuchen wir kurz den Patienten, stellen uns vor, erklären ihnen ein bisschen. Dass wir in der Anästhesie ein Auge auf sie haben werden. Kommen, schlafen, aufwachen, Operation fertig - "done done" sagen sie hier.

Die Aufklärung über Risiken oder Alternativen fällt natürlich knapp aus, wegen der Sprachschwierigkeiten. Andererseits würden hier wirklich alle Patienten in alles einwilligen, vermute ich, egal was man ihnen sagt. Sie kommen mit großem Vertrauen, dass ihnen hier geholfen wird und dass der Doktor schon das Richtige tun wird. So muss das Verhältnis zwischen Arzt und Patient in Deutschland vor 50 Jahren gewesen sein...

An einem der ersten Tage hatte ich eine Liste von vier Patienten vorzubereiten für den OP-Tag. Und meinte, eine ganze Familie auf den Tisch zu bekommen: drei der vier hießen Sesay. Wie sich dann herausstellte, alle nicht miteinander verwandt. Das sind die sierraleonischen Schmidts. Ein gutes Viertel meiner bisherigen Patienten hieß Sesay. Dicht gefolgt von den Müllers, die heißen hier Bangura.

30.09.2011 um 21:25 Uhr

Eine Arbeitswoche...

... ist schon rum. Fast jedenfalls. Heute, Freitag, habe ich den fünften OP-Tag auf dem Schiff absolviert. Morgen bin ich "on call", also im Dienst. Ich kann die AFM nicht verlassen, mich aber auf dem Schiff frei bewegen, und aller Voraussicht dürfte es auch keine Arbeit geben. Wir haben im Moment keine kritisch Kranken, bei denen wir jederzeit mit Problemen rechnen müssten. Oder bei denen geplant irgendetwas wie Verbandswechsel in Narkose ansteht. Ein Gang über die Stationen morgens und abends wird es da vermutlich tun.

Die Woche habe ich weitgehend im OP 1, Allgemeinchirurgie, zugebracht. Unser Chirurg, Dr. Frank, ist ein Afrikaner, der vor Jahren als Trainee an Bord war. Er sollte damals die spezielle Fistelchirurgie (VVF) lernen. Und später ist er gefragt worden, ob er nicht auch als Freiwilliger kommen mag. Das tut er jetzt, und es ist ein sehr angenehmes Arbeiten mit ihm. Frank hört gerne Musik im OP. Da muss man bei "Give volume" aufpassen, ob er gerade die Infusionstherapie oder die Musikuntermalung meint.

Viele unserer Patienten in der Allgemeinchirurgie haben "nur" Leistenhernien, nichts wirklich Spektakuläres. Aber eben eine OP, die wir in unserem europäischen Gesundheitssystem selbstverständlich einfordern und bekommen. Für die hier in Sierra Leone aber erst etwas Besonderes passieren muss. Aufsehen erregen dagegen eher die Hydrocelen (Wassersäcke in der Gegen des Hodensacks) - die erreichen hier schon mal gewaltige Ausmaße, der Sauger schlürft ein Weilchen, bis das Wasser entleert ist. Oder aber die Fettgeschwulst, die eine Patient seit 20 Jahren an ihrem Hinterteil mit sich herumgetragen hat. Geschätzte Größe etwa zwei Liter, dezent schmerzhaft, die arme Frau konnte seit Jahren nicht mehr sitzen wegen dieses Tumors.


Rush hour (also fast immer) in Freetown. Anästhesisten-Betriebsausflug

Eine VIP durfte ich auch schon behandeln, naja eher eine "VIP". Der freundliche alte Herr, der zu uns in den OP kam, stellte sich heraus als Präsident eines Dorfes weit draußen im Busch. Oder irgendetwas in dieser Art. Einen Abend haben wir uns einen Betriebsausflug der Anästhesieabteilung gegönnt. Mit der englischen Kollegin, die am Donnerstag nach Haus gefahren ist, sind wir durch das abendliche Freetown gelaufen und Essen gegangen... chinesisch. :-)

27.09.2011 um 22:42 Uhr

Ganz normal

Der Dienstag verspricht ruhig zu werden. Vier ganz normale Operationen mit vier ganz normalen Patienten. In einem Team, das immerhin schon seit über einem Tag aufeinander eingespielt ist. Was soll da noch schiefgehen? Unsere üppige Besetzung mit Anästhesisten kann ich am Vormittag nutzen, um mich eine zeitlang auslösen zu lassen. So komme ich dazu, meine Unterkunft und Verpflegung an Bord zu begleichen, mich mit lokalem Bargeld (Leones) zu auszustatten und den ersten Blog-Eintrag aus Sierra Leone einzustellen (vordatiert auf den Montagabend).

Der Operateur ist zufrieden mit den Wechselzeiten, die Besuche bei den Patienten auf der Station machen Spaß. Selbst meine verpflichtende Führung durchs Schiff gelingt heute. Und eine alte Bekannte treffe ich noch wieder, mit der ich bislang jedes Mal zu tun hatte, als OP-Schwester, als OP-Leitung. Jetzt geht sie nach sieben Jahren auf dem Schiff zurück nach Neuseeland und fragt sich, ob sie für einen ganz normalen OP in einem ganz normalen Krankenhaus noch zu gebrauchen ist. Bin gespannt, davon zu hören.


26.09.2011 um 22:12 Uhr

Zimmer mit Aussicht

Auf drei Wochen ohne Tageslicht hatte ich mich eingestellt. Ja, nicht wirklich. Aber ohne Tageslicht bei der Arbeit und ohne Tageslicht in der Kabine. Große Überraschung: Ich bekomme eine Kabine auf Deck 6 zugewiesen. Und die ist für die Verhältnisse auf einem Schiff ein wahrer Palast: Eine Familienkabine, die geeignet ist für Vater-Mutter-und-zwei-Kinder, belegt nur mit zwei Kurzzeithelfern.

Vermutlich haben wir gerade eine Lücke zwischen zwei Dauerbelegungen erwischt und man gönnt uns ein paar Wochen Zimmer mit Aussicht. Denn wir sind weit oben und ganz hinten untergebracht, zwei Fenster gehen nach Achtern hinaus aus unserer "Ferienwohnung" mit Wohnküche und zwei Schlafräumen. Ich schaue noch auf einen Arbeitsplatz der Deckmannschaft unter mir, und dahinter ist der Blick frei aufs Wasser. Links blickt man auf die Stadt, die sich hier über lange Strecken bis ans Wasser ausbreitet. Hinten schmiegt sie sich an den Berg, so hat man einen Blick über weite Teile von Freetown.

Die Zahnärzte sind mein Schicksal. Nicht dass ich wirklich drunter leide. Auch Zahnärzte sind Menschen. Aber jedesmal bin ich mit Zahnis aus aller Herren Länder in einer Kabine untergebracht. Nach einem Kanadier und einem Engländer ist diesmal ein deutscher Zahnarzt dran. Er trifft am späten Montagabend ein und ist das erste mal an Bord. Aber anderweitig Afrika-erfahren.

Der Montag startet nett. Beim Frühstück treffe ich alte Bekannte, eine englische OP- bzw. Anästhesieschwester, mit der ich in den nächsten Wochen zusammenarbeiten werden. Und Bill, der sich als "eye-guy" vorstellt. Ein Augenarzt also, die machen ihre Anästhesie (lokal) weitgehend selbst. Im OP dann die freundliche Entdeckung, dass jetzt viele Säle mit Arzt und Pflegekraft besetzt sind. Und mein Saal wird sogar komplett deutsch narkotisiert, die Anästhesieschwester kommt auch aus NRW. Wir haben einen Allgemeinchirurgen aus Uganda im Saal, der vor allem Leistenhernien macht. Der Aufwachraum ist dagegen diesmal fest in holländischer Hand, das klingt auch fast vertraut.

Nachmittags wird es gleich dramatisch. Auf der Intensivstation liegt ein Kleinkind nach OP von letzter Woche. Wir haben gerade unseren Saal zwischen zwei Operationen frei, als dort Medical alert ausgelöst wird. Mehrere Anästhesisten stürzen hinüber. Um das Geschehen herum hat sich schon eine ausreichend große Menschentraube gebildet, als ich eintreffe. Vor allem sind ausreichend Kollegen da. Ich ziehe mich zurück und finde einen Saal, in dem die englische Anästhesieschwester allein eine narkotisierte Patientin "hütet", weil alle Ärzte auf die Intensiv geeilt sind. Dort kann ich mich zeitweise nützlich machen, die Anästhesie übernehmen und dem Mercy Ships-Chefchirurgen bei einem Wunderwerk der plastischen Chirurgie zuschauen: Einer "Noma"-Patienten, die durch einen Lepra-ähnlichen Infekt ihre Oberlippe verloren hat, wird ein Teil der Unterlippe nach oben geschwenkt. Große Kunst, der ich da beiwohnen darf! Das Kleinkind bekommt schließlich noch in meinem Saal eine Tracheotomie ("Luftröhrenschnitt"), und anschließend kommt der letzte Patient von unserer Liste dran.

Abends Instruktionen aller Art. Alle Neuankömmlinge durchlaufen die ganze Schiffsbürokratie, erhalten Infos von der Sicherheitschefin und der Crew-Krankenschwester, hören einen Vortrag von der Chaplaincy (Seelsorge) und von der Human ressources-Abteilung. Die Orientation tour durchs Schiff habe ich am Nachmittag verpasst, weil ja der Notfall dazwischen kam. Aber obwohl ich mich vom letzten Mal noch prima auskenne, bleibt er mir nicht erspart. Das Seerecht schreibt es vor, der Käptn will es so, und das gilt hier im Zweifel fast höher als die zehn Gebote.

26.09.2011 um 20:54 Uhr

Afrika ist Afrika [Zitatende]

Sonntag, zu nachtschlafender Zeit, wirklich nur in Ausnahmefällen auszuhalten: Start nach Düsseldorf-Flughafen. Air France nach Paris. Für diesen Flug habe ich beim Online-Check-in einen Platz am Notausgang reservieren können. Das hat den Vorteil, dass man dort etwas mehr Freiheit für die Beine hat. Im Gegenzug muss man bestätigen, dass man auch schnell genug auf denselbigen ist, um im Notfall nicht als lebende Barrikade die Evakuierung zu verhindern. Der Steward gibt mir eine persönliche Einweisung für das Verhalten im Notfall. Mit echt unwiderbringlichen Tipps: Wenn das Triebwerk auf dieser Seite brennt, steigen Sie lieber auf der anderen aus. Gute Idee, habe ich ihm gesagt.

Umsteigen in Paris, Aéroport Charles de Gaulle. Beim Landen schaut man auf die Autobahn Richtung Norden, auf der wir üblicherweise nach Paris, Taverny, Orléans anreisen. Die geht hier quer unter der Landebahn durch. Das Flughafengebäude ist riesig, man muss wirklich aufpassen, dass man sich nicht verfranzt. Und dass man zwischen zwei Flügen genug Zeit hat, die erheblichen Fußwege zurückzulegen. Inklusive Verlassen der Sicherheitszone und neuem Anstellen zum Sicherheitscheck brauche ich sicherlich eine Dreiviertelstunde, um mein neues Gate zu erreichen. Mir fällt ein, dass ich vor zwei Jahren hier zufällig einen Mitarbeiter von Mercy Ships getroffen habe, den ich aus Westafrika kannte und der in völlig anderer Richtung unterwegs war. Wäre gar nicht mal verwunderlich, wenn er noch heute in diesem Riesenbau unterwegs wäre, auf der Suche nach seinem Gate...

Am Nachmittag wird es typisch afrikanisch. Zwischenlandung in Conakry, Guinea. Der Großteil der Passagiere erhebt sich, um den Flieger zu verlassen. Und wartet und wartet und wartet. Borddurchsage: Sie haben Probleme draußen, offenbar ist die Gangway auf der falschen Seite vors Flugzeug gerollt worden. Ist das nicht knuffig? Auch der Weiterflug verzögert sich, mindestens dreimal werden Passagiere und Handgepäckstücke gezählt und verglichen, damit keiner den Flieger verlässt und eine Bombe bei uns vergisst. Wenn's denn hilft, lässt man sich das gefallen. Ich nutze die Pause, um Kontakt aufnzunehmen mit dem Kollegen, der mit mir auf Anreise zur Africa Mercy ist. Ein Altgedienter, allein dieses Jahr schon zum zweiten Mal hier, insgesamt schon so oft, dass er das Zählen aufgehört hat.

Nach Freetown ist es nur noch der berühmte Katzensprung - die Katzen in Afrika sind ja eh etwas größer. Keine 30 Minuten Flugzeit, und wir landen in Freetown. Dort klappt auch das Aussteigen vorbildlich. Das Gepäckband (!) läuft schon, als wir die Einreiseformalitäten mit Visum und Prüfung des Impfpasses hinter uns haben. Bridget - eine Einheimische im Auftrag der Organisation - nimmt uns in Empfang. Mit dem Auto geht es erst einmal etliche Kilometer über Land. Der Fahrer heizt ziemlich wild. Möglicherweise will er die Verspätung einholen. Denn wir sind ja kurz vor dem Ziel noch auf die Fähre über den riesig breiten Fluss angewiesen. Beim ersten Fahrradfahrer, den er haarscharf mit hohem Tempo überholt, verkrampfe ich mich unwillkürlich, so dass mein Afrika-erfahrener Kollege mir beruhigend auf die Schulter klopft...

Aber wilde Jagd hilft nichts. Keine Fähre vor 10 Uhr abends. Vier bis fünf Stunden Wartezeit lächeln uns an. Bridgets Kommentar: "Africa is always Africa." Dabei hatten wir aber morgens in Paris auch nicht pünktlich starten können. Ich habe gar nicht mitbekommen, wo das Problem war. Aber "la France" ist eben auch "toujours la France." Bridget verhält sich dagegen ganz unafrikanisch. Sie organisiert uns eine Alternative, und das sogar ziemlich schnell.

Ein Speedboat, ein kleines Motorboot mit acht Sitzplätzen zischt mit uns über den breiten Fluss. Besatzung: zwei Mann, ein Lokführer und ein Heizer. Der Mann am Steuerrad ist der Lokführer, er richtet den Blick nach vorn und lenkt das Boot. Nicht, dass das immer ganz einfach wäre: Das Regenverdeck ist heruntergeklappt wie bei einem Cabrio, aber nicht nach hinten sondern nach vorne. Wenn es durch den Fahrtwind hochgedrückt wird, steht unser Lokführer auf, die vorderen Passagiere werfen sich auch schon mal auf das Verdeck, damit wir nicht völlig blind übers Wasser jagen. Der Heizer - auf der Lok hat er die Kohlen ins Feuer geworfen, auf dem Speedboat sitzt er neben dem offenen Kanister mit der selbstkomponierten Mischung aus Sprit, Motoröl und Adjuvanzien. Er hält einen Pumpball in der Hand, der in den Schlauch vom Kanister zum Motor zwischengeschaltet ist und sorgt durch regelmäßiges Pumpen dafür - eben wie der gute alte Heizer auf der Lok -, dass der Motor genug Brennstoff bekommt. Mit uns ist ein Sicherheitsingenieur in Freetown eingetroffen, der im Auftrag der Versicherung für einige Tage das Schiff besichtigen wird. Glücklicherweise gehört das Speedboat nicht zum Mercy Ships-Inventar, das wäre wegen Explosions- und Vergiftungsgefahr gleich durchgefallen.

Nicht Freetown, aber ähnlich...

Weiter geht es typisch afrikanisch im Stadtverkehr von Freetown. Am Anleger des Speedboats wartet ein Mercy Ships-Jeep auf uns. Der kurze Weg zum AFM-Dock wird uns allerdings ziemlich lang. Denn auf der Straße ist mächtig was los. Zum Einen das typisch afrikanische Phänomen: Gelebt wird auf der Straße. Keine Ahnung, was diese vielen Leute da machen. Man hat wirklich keine Vorstellung, wo diese vielen Menschen alle hinwollen. Gewimmel und Gewühle, Menschengruppen unterwegs in alle Richtungen, kreuz und quer. Das Ganze auf engen Straßen, rechts ist eine endlose Reihe großer Laster geparkt. Vor uns schiebt sich ein Laster durchs Gewimmel, uns entgegen kommen PKW und massig Kleinbusse. Die müssen nun haarscharf an dem LKW vorbei, weil sie am Straßenrand schon fast im Abwassergraben landen. Zwischen sehr knapp und zu knapp mit Schramme sehen wir verschiedene Varianten, wie diese Fahrzeuge aneinander vorbeikommen können. Und dazwischen bewegen sich die vielen Menschen. So behende und ohne Zögern zwischen den großen Maschinen, dass man ständig den nächsten Unfall vor Augen hat. Der Sicherheitsingenieur neben mir ist selbst Afrikaner, er  schaut zu mag offensichtlich jetzt nicht dienstlich werden.

Also eine ereignisreiche Anreise. Nach Einbruch der Dämmerung kommen wir schließlich wohlbehalten an im höchstmotivierten Krankenhaus der sieben Weltmeere. Morgen mehr.

23.09.2011 um 23:39 Uhr

Adventure?

"Flying in and out of Sierra Leone can be a bit of an adventure." Das baut auf, nicht wahr? Aber ganz so abenteuerlich wie beim nahezu legendären Dr. Livingstone wird es schon nicht werden. Die Reiseinformation von Mercy Ships für die Anreise nach Freetown geben im Einzelnen Auskunft, auf was man sich einstellen kann. Der Flughafen liegt etwa 9 Meilen von der Hauptstadt entfernt - übers Wasser. Nach den Einreiseformalitäten werden wir also auf ein Wassertaxi verwiesen und um zwei bis drei Stunden Geduld gebeten. Wenigstens ist man darauf vorbereitet.

Meine Unterlagen habe ich inzwischen komplettiert, Reisepass und Impfpass zurechtgelegt, noch ein paar Dokumente von Mercy Ships auf dem Rechner gefunden, die ich unbedingt vorher ausdrucken und abzeichnen sollte. Eigentlich könnte es losgehen. Ein Tag zum Packen bleibt noch.

In der letzten Woche erhielt ich den unverhofften Anruf eines Kollegen, eines Operateurs aus Bremen. Er wird mit dem gleichen Flug von Paris nach Freetown kommen. Bisher hatte ich allein in der Ankunftsliste für Sonntag gestanden. Witzigerweise kenne ich ihn schon, er hat mir damals, bei der "Medical Night" in Bremerhaven, meinem ersten Besuch auf der Anastasis, die Arbeit auf dem Schiff vorgestellt. Das Abenteuer habe ich mir selbst dazugedacht.

18.09.2011 um 15:18 Uhr

Rainy days in Freetown

Schon seit langer Zeit habe ich eine App auf meinem Laptop, oben rechts wird immer in aller Kürze der Wetterbericht angezeigt. Seit einigen Tagen ist die Vorhersage umgestellt auf Freetown, Sierra Leone. Die App verheißt viel Abwechslung: Auf Gewitter folgen Tage mit Dauerregen, dann wieder ein Tag mit Bewölkung. Na gut, dann und wann ist auch etwas Sonne dabei. Aber natürlich ist es durchgehend warm, um die 25 bis 30 °C.

Einer meiner früheren Aufenthalte in Westafrika war direkt nach Ende der Regenzeit. Es gab das erste Mal wieder zwei oder auch drei trockene Tage am Stück, man konnte wieder hinausgehen ohne Regenzeug. Der Dauer-Crew an Bord merkte man an, dass sie das mehrmonatige Wasser von oben leid war. Erleichterung machte sich breit. Hab gerade meine Prognose für die kommenden Wochen nachgelesen: Die Regenzeit endet Mitte Oktober - da bin ich gerade auf dem Weg nach Haus. Aber im OP ist es ja kühl und trocken...