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NETZEITUNG)
Was tun, wenn man mit elf Jahren schon Sünden für 20 Jahre Fegefeuer angehäuft hat? Ein bayerischer Debütfilm erzählt die Geschichte eines Lausbuben, der Angst vorm Tod hat – und unsterblich werden will.
Von Julia Niemann
Irgendwo in der Bayerischen Provinz fährt ein Bierlaster zu den Klängen unsterblicher 70er-Jahre-Rockmusik, mit der ein Althippie über seinen Radiosender die Gegend beglückt, zu schnell durch eine Ortschaft. Ebenso schnell rast die Kamera achterbahngleich durch die bayerischen Täler und ebenso rast der elfjährige Sebastian mit seinem Wimpel-behangenem Bonanza-Fahrrad um den väterlichen Hof herum – und wird von dem Biertransporter erfasst.
Wie durch ein Wunder ist der Junge aber nicht tot, sondern versucht, den Laster, der sein Fahrrad unter sich begraben hat, umzuparken. Dabei fährt er die Lieblingskarnickel seines großen Bruders tot. Franz zahlt es ihm heim, indem er ihn im Keller fesselt und ihn für den Tod der Mutter, die bei seiner Geburt starb, verantwortlich macht. Auch die Ohrfeige des darüber erbosten allein erziehenden Vaters, Fritz Karl in der Rolle des Bauern und Gastwirts Lorenz, ändert nichts mehr daran, dass Sebastian sich fortan schuldig fühlt. Er träumt schlecht und sieht sich mit einem jüngsten Gericht konfrontiert, dass ihn für all seine Missetaten, allen voran der Tod der Mutter, mit 20 Jahren Fegefeuer bestrafen will.
Flucht vor dem Fegefeuer
Sein einziger Ausweg aus diesem Schlamassel scheint ihm, nach Rücksprache mit den Stammtischbrüdern im väterlichen Gasthof, entweder seine Schuld zu begleichen und eine neue Frau für den Vater zu finden, oder unsterblich zu werden. Für ersteres hat er zunächst die Nachbarin und Mutter seiner Klassenkameradin ausersehen, bei der er sich fortan einschleimt. Letzteres versucht er zu erreichen, in dem er ein berühmter Musiker wie Jimi Hendrix werden und Gitarre spielen lernen will.
Den Floh hat ihm der Radi-DJ ins Ohr gesetzt, der wiederum mit Sebastians hübscher Lehrerin - verkörpert von Jule Ronstedt, die man viel öfter zu sehen bekommen sollte - verheiratet ist. Die Lehrerin will dringend mit Sebastians Vater reden, weil Sebastian sich neuerdings so komisch verhält – ein verhängnisvolles Treffen, was Sebastian letztendlich zum Revolver greifen lässt. Doch die Komödie wird nicht zum Drama, die Komik hat in diesem Film Vorrang vor Not und Verzweiflung.
Fabelhafte Welt des Michel aus Bayern
Regisseur Markus Rosenmüller, Absolvent der Münchner HFF, hat einen Heimatfilm zwischen Bauerntheater und Slapstick-Komödie, zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm, zwischen einem Loblied auf die kindliche Phantasie und die Poesie des Alltags à la Amélie und Stammtischhumor geschaffen. Eine Liebeserklärung an eine bayerische Kindheit, die es schafft, die einsilbige Derbheit, den Humor und den Dialekt der Bayern samt ihrem Katholizismus selbst einem Preußen sympathisch erscheinen zu lassen.
Markus Krojer spielt den Halbwaisen Sebastian, der alles, was er von den Erwachsenen am Stammtisch oder aus dem Radio hört, für bare Münze nimmt und der mit seiner Phantasie, seiner direkten, etwas tollpatschigen Art, versucht, Gutes zu tun. Ganz so wie bei Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga geht dabei leider immer etwas schief und sein imaginiertes Sündenregister wird immer größer statt kleiner, und die Leidtragenden reagieren nicht immer mit Verständnis.
Betont witzig und skurril
«Wer früher stirbt ist länger tot» ist ein schöner Film, der den Zuschauer Anteil haben lässt an Sebastians Weltsicht und gleichzeitig das Gefühl vermittelt, für gute Unterhaltung sorgen zu wollen. Denn wirkliche Not, Verzweiflung und Angst erfährt Sebastian nicht vor den zu Scharfrichtern mutierten Stammtischbrüdern im Vorhof der Hölle, zu dem sich sein Schlafzimmer gewandelt hat. Dazu ist die Szenerie zu skurril und albern und jede Szene zu sehr darauf bedacht, witzig zu sein und augenzwinkernden Abstand zu halten.
Rosenmüller hat eine betont «schwarze» Komödie gemacht, die uriges Landleben in seiner Derbheit wiedergibt – legt dabei aber Wert auf gekonnte, moderne Filmtechnik und kleine Kunstgriffe. Das gelingt weitestgehend, nur verzettelt sich Sebastian - und damit die Handlung des Films - mit seinen wechselnden Vorhaben, unsterblich zu werden oder eine neue Frau zu besorgen oder überhaupt ein besserer Mensch zu werden, sodass Sinn und Ziel der Erzählung ab und an abhanden kommen und in erster Linie Verwirrung herrscht. Aber so ist das Leben eben.