Aus dem Leben eines Taugegarnichts

28.04.2005 um 18:40 Uhr

Zahnarzt

Wie gut kann ein Tag schon werden, von dem man weiß, dass er seinen Ausklang beim Zahnarzt finden wird?
Genau.
Es fing schon damit an, dass sich morgens ein Ekelvieh mit acht fürchterlich langen Beinen neben meiner Müslischale von der Decke herabließ. Brrrrr.

Aber egal. Also wieder Zahnarzt. Diesmal die Gruben im Unterkiefer zuzementieren. Yay. Erst noch die große Frage, ob mit oder ohne Spritze. Prinzipiell bin ich ja ein zimperliches Centi, aber die Drohung, eine Betäubung würde nicht nur die Lippen, sondern auch noch die Zunge komplett lahm legen, veranlasste mich dann doch dazu, es eben mal ohne zu probieren. Waren ja keine Tiefen Löcher. Nur Löchelchen.
Also mal ohne, ja, tschacka, ich schaff das! Bohre ohne! Gib’s mir! Ich bin ein mutiges Centi, und ein Centi kennt keinen Schmerz!

Zumindest die ersten zehn Sekunden nicht. Die elfte überredete mich dann doch, in einem an Liebreiz kaum zu überbietenden Ton („Hnnngg!!!“), die eventuelle Möglichkeit einer Betäubung doch noch mal so rein hypothetisch anzubringen, damit ich durch einen friedlichen Konsens mit dem Dentisten den Status Quo meines Modus Vivendi und meine Menschenwürde doch behalten könnte.
Und der Arzt seine Finger.

Ganz geheuer war mir die Androhung einer tauben Zunge aber noch immer nicht, also entschieden wir uns in der Betäubung für einen genialen Kompromiss, eine andere Spritze, die einen wunderbaren Mittelweg bereitete:
Sie betäubte die Zunge ebenso wenig wie die Zähne, was sie aber bei der Unterlippe wieder wett machte. Ich musste also nicht auf die Wohltat des Bohrgefühls verzichten, brauchte mir aber auch keine Sorgen zu machen, was ich mit der inzwischen auf gefühlte 3 Kubikdezimeter angeschwollenen Lippe denn so anstellen sollte, weil sie mir – gefühlt – ohnehin schlaff in der Kniekehle hing.

Eine für mich sehr interessante Neuerung in der Denterolog... in der Denteorolog... in der Denterolog... in der Zahnheilkunde ist die Sandstrahlmethode. Ja, Sandstrahlen. Das, was sie damals auf unsere Neubaublöcke gerichtet haben, um die Jahrzehnte alten Dreckablagerungen zu entfernen.
In meinem Mund!
Mit Kalk in den Arterien und Wasser in den Beinen kann man da schon fast einen Baustoffhandel aufmachen, super. Immerhin hat mein Zahnarzt einen tollen Humor. Hätte ich an seiner Stelle wohl auch. Ich solle mir vorstellen, ich läge am Strand und wäre gerade hingefallen.
Und ich durfte nicht mal kontra geben („Ich geb’ dir gleich hingefallen!!“), weil in meinem Mund war ja neben dem halben Ostseestrand auch noch eine beachtliche Sammlung an komplizierten denteorolog... denterolog... zahnärztlichen Geräten. Wobei ich mich unwillkürlich fragen musste, bei wie vielen Geräten sein Rekord lag. Wäre wahrscheinlich ein „Erinnern Sie sich etwa nicht an letzte Woche?!“ zurückgekommen. Sagenhafter Humor, ich erwähnte es bereits.

Dass das Zeug nicht nur in meinem Mund blieb, sondern seinen Weg natürlich auch noch auf mein Gesicht fand, war dahingehend mild zu bewerten, dass als nächstes ja dann die Wasserduschen kamen, die den Sand wieder fortspülten. Ich wartete regelrecht wieder auf den Strandvergleich, aber der blieb aus.

Irgendwann hatten wir dann die Fugen verdichtet und ich bekam ein Lob, wie toll ich mich gehalten hätte. Ja nee, is klar. Außerdem hat er sein Versprechen, mir dafür was aus der Wühlkiste (Klappergebisse!!!) zu geben, auch wieder vergessen. Pff.
Und ich war wieder frei und machte mich zusammen mit meiner neuen Freundin, der drei-Kubikmeter-Lippe auf den Weg zur U-Bahn. In der mich natürlich alle anstarrten, da bin ich mir ganz sicher!
Und in der ich noch immer Reste des Ostseestrandes auf meinem Gesicht wiederfand und mir möglichst unauffällig weg zu wischen versuchte. Fragt nicht, wie unauffällig man sich in einer U-Bahn mitten in NRW Sand aus dem Gesicht wischen kann.

Tja, hier sitze ich nun und warte zum einen darauf, dass ich wieder ordentlich reden kann, damit ich Mel anrufen und ihr zum Geburtstag gratulieren kann. Im Moment wäre das noch irgendwie ein wenig umständlich. „Ä-i Ersdee tu ju, Ä-i Ersdee tu, Ä-i Ersdee, li-e E-hel…”
Käme komisch.
Zum anderen schreibe ich diesen Eintrag hauptsächlich, um die Stunde zu überbrücken, bis ich endlich wieder etwas essen darf.
Jetzt darf ich.

21.04.2005 um 19:29 Uhr

Hier wird der Mensch langsam gequält, hier ist die Folterkammer...

Um wiedermal dem politisch-informativen Auftrag meines Blogs gerecht zu werden: Mein erster Eindruck vom Papst.
Szene: Büro.
Während ich etwas getrunken habe, habe ich auf tagesschau.de nebenbei etwas über den neuen Papst gelesen. Kommt nicht just in dem Moment ein Cheffe rein?! Um also einerseits von dieser Internetaktivität abzulenken und andererseits eine Neuigkeit kund zu tun, kombiniert mit dem Hinweis darauf, dass ich diese Neuigkeit vor wenigen Minuten im Keller erfahren hatte (also noch nicht lange im Internet lesen konnte), formulierte mein Hirn bereits ein "Den Fahrstuhl haben sie jetzt erstmal endgültig aus dem Rennen genommen."
Mein Mund allerdings war zu Späßen aufgelegt, weigerte sich, Befehle des Hirns stur auszuführen und verkündete stattdessen: "Den Papst haben sie jetzt..."
Womit also jeder Versuch zu verheimlichen, dass ich während der Arbeitszeit Tagesschau lese, im Keim erstickt wäre.
Danke, Papst. Ich finde, unser Verhältnis hat schon sehr früh Risse bekommen und ich hoffe, du kannst das in Zukunft wieder wett machen.

Außerdem hat man gestern noch festgestellt, dass die Arbeit, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, nicht meiner tollen Ausbildung entspricht. Aber anders als ich hat man das nicht mit einem "Hm?" quittiert, sondern beschlossen, mich nun wieder an eine andere Aufgabe zu setzen. Ich arbeite jetzt also wieder mit Hirn. Wie ätzend.

Aber BobRoss hat mich völlig zurecht darauf hingewiesen, dass ich in letzter Zeit viel zu viele Alles-doof-Tage hatte. Der heutige Tag also sollte keiner werden.
Sondern ein Argh-Tag.
Zunächst ein Gespräch mit Obercheffe gehabt, wie alle anderen Mitarbeiter auch, zum Kennenlernen. Völlig unaufgesetzt, ungezwungen und unverbindlich natürlich. Wie man das so in einem jungen, dynamischen, modernen, aufstrebenden und motivierten Unternehmen eben so macht.

Also hab ich natürlich wahrheitsgemäß berichtet, dass das Büro toll ist, die Kollegen klasse und ich mich nicht beklagen kann, es also eigentlich gar nichts zu erzählen gibt. Welch Überraschung. Ich tue den Job, für den ich vor wenigen Wochen eingestellt wurde. Wer hätte das gedacht. Kann ich dann jetzt wieder gehen?
Er hat dann aber so lange nachgebohrt, bis ich zögernd zugegeben habe, dass die Arbeit vielleicht auf einen langen Zeitraum gesehen ein klein wenig gleichförmig werden könnte. Liegt in der Natur der Sache, ist halt so.
"Aber das wussten Sie doch vorher."
Argh.
Ja, natürlich wusste ich es vorher und es hat mich nicht davon abgehalten, herzukommen. Und ich gehe auch nicht jeden Tag trübsinnig an die Arbeit weil sie so unendlich schrecklich ist! Ich verlange auch keine andere Aufgabe, weil ich nunmal das tue, wofür ich eingestellt wurde.
Aber du hast gefragt - ich hab geantwortet!
Aaaaargh!

Egal.
Ob ich sonstige Verbesserungsvorschläge hätte, fragte Obercheffe.
Ja, wir seien bei der Einstellung nicht belehrt worden, was Feuer und sonstige Notfälle angeht und ich fände, das sollte man generell als erstes tun, erklärte ich. Es gibt irgendwo Richtlinien dazu, aber ob sich die irgendwer wirklich ansieht, interessiert kein Aas.
Ja, erklärt Obercheffe, das sei bisher nicht so gehandhabt worden, weil das ja irgendwo ein Einschnitt in die Persönlichkeit und Individualität der Mitarbeiter sei und man eigentlich auf die Selbstständigkeit der Leute setze und eigentlich hätte ich ja Recht, aber irgendwie wolle er erwachsene Menschen nicht belehren. Weil wir ja ein junges, relativ unabhängiges und wenig durchhierarchisiertes Unternehmen sind. Und so.
Aha.
Vielleicht fackeln wir irgendwann ab, aber wir werden verdammt gut dabei aussehen.

Woran mich das nur wieder erinnert...

19.04.2005 um 18:37 Uhr

Von der Arbeit eines Taugegarnichts

Derzeit erledige ich eine rein mechanische Arbeit. Eigentlich wäre ich es jetzt meiner unglaublich intelektüllen, fachwissenschaftlichen, kultivierten und vielseitig anspruchsvollen Ausbildung schuldig zu jammern, wie unterfordert ich mich fühle und dass ich dafür nicht mal lesen können müsste, geschweige denn mein Dibbl hätte machen müssen.
Aber ganz ehrlich, ich finds gerade nur geil und die Arbeit geht mir leichter und flotter von der Hand als die vorherige Kopfarbeit.
Vielleicht hätte ich ja mein prüfungszeitliches Vorhaben, Truckerin oder Müllfahrerin zu werden, wahrmachen sollen. Gerade letzteres ein Beruf, der viel zu wenig angesehen und vermutlich gnadenlos unterbezahlt ist. Genau wie Putzfrau, und das ist mein Ernst. Aber zurück zum Thema.

Worauf schieben wir also meine offenbaren unterbewussten Ambitionen, eine Weile im geistigen Leerlauf zu fahren?
Wenn ich mir ernsthaft Gedanken über die Antwort  machen würde, wäre ich ja nicht mehr im geistigen Leerlauf. Diese Frage wird also eine der großen unbeantworteten Fragen der Menschheit bleiben, in ihrer Brisanz irgendwo zwischen "Woher kommen wir und wieso gehen wir wohin?" und "Warum sind meine Fensterscheiben schon wieder dreckig und wer hat mir den Popel in die Nase gesteckt?".

Ganz ohne intelektülle Aufgaben bin ich ja aber noch immer nicht. So muss ich beispielsweise abschätzen, ob ich das Fenster, das mein frischluftfanatischer Büromitbewohner intuitiv und vermutlich unterbewusst zu jedem Wetter ankippt (auch bei so arktischen Temperaturen unter 20°C, siehe dazu ->Meterologica Centaureae), schließen kann, oder ob er, der das Zimmer stehts schweigend verlässt (auch wenn er sonst den ganzen Tag redet), nun in fünf Minuten wiederkommt, oder erst in fünf Tagen. Er kommt dann natürlich theatralisch hustend und nach Luft ringend herein und reißt das Fenster wieder auf. Danach ist er nach fünf Minuten wieder schweigend verschwunden und ich mache es erneut zu.
Im Zweifelsfall spielen wir dieses heitere Gesellschaftsspiel für zwei und mehr Büroinsassen dann bis zu fünf Mal am Tag, untermalt von fröhliglichen Beschimpfungen und Mitleidgeheische:
Centi: "Kalt *frier*... freie Sauerstoffradikale *laber*... Und die Feinstaubbelastung... gerade gelüftet... zugig..."
Er: "Weiber."


Und nach nur etwa... zwei Monaten wird es endlich mal wieder Zeit für eine neue Hölle der Woche. Und eine neue Umfrage. Meine Güte, habe ich mein Blog vernachlässigt...
Also Auswertung der letzten Umfrage:

Wie nennt man das, was um die Apfelkerne herum ist? Es nahmen 15 Leute teil.
"Kerngehäuse" antworteten satte 53,33% der Wähler. Unkreative Philister.
Den weltbekannten "Griebsch" kannten immerhin 6,67%. Das dürfte einer gewesen sein. War ich das etwa?
Weitere 6,67% essen kein Obst oder haben sich verklickt und 33,33% (Also fünf Leute) haben einen anderen Namen dafür, weigern sich aber, mir diesen mitzuteilen.
Das war jetzt auch eher unbefriedigend.

07.04.2005 um 20:28 Uhr

Spätrechtseinschlafen

"Habt ihr dieses Wetter gesehen? Habt ihr? Seht ihr? Ist das ein Wetter? Leute, es ist Frühling! Die Bäume werden grün, die Vögelein singen, in der Luft liegt die Verheißung eines warmen Sommertages unter blauem Himmel und rauschenden Laubbäumen, während die Haut von einer sonnenwarmen Brise Frühlingsluft gestreift wird, erfüllt vom Duft frischgemähten Grases, und die Schneeglöckchen, Krokusse, Narzissen und Gänseblümchen versuchen sich gegenseitig an Schönheit, Blütenpracht und Sommerversprechungen zu überbieten.
Außerdem kann ich meine 2kg-Vorratspackung Abdeckstift in den Schrank stellen, weil meine winterhassende Haut jetzt wieder Ruhe gibt.
Und dank meines Südbalkons konnte ich die letzte Krankheitswoche intensiv zur seelischen und körperlichen Rekonvaleszens nutzen. Das Leben kann so schön sein."
< / rosa >
Das war der Ansatz eines Eintrages, den ich vor zweieinhalb Wochen geschrieben habe. Dummerweise sollte er nie veröffentlicht werden (also jetzt ja dann doch noch), weil daraufhin eine Reihe von Alles-doof-Tagen folgte.
Ja, diese Alles-doof-Tage. Wenn man schon aufsteht, über die Teppichkante zum Fenster stolpert und sieht, dass es Schneeregen gibt. Dann weiß man: "Es ist ein Scheißtag."
Aber nein, das muss nicht sein.
Es gibt auch Scheißtage, die mit gutem Wetter anfangen. In den letzten Tagen und Wochen war das Wetter zum Beispiel ziemlich gut. Aber das muss einen nicht davon abhalten, eine arme Hummel im Fensterspalt einzuquetschen, Omas schönste Tasse zu zerdeppern, die Toner-Patrone seines Dienstdruckers zu demolieren und den Traumjob in der Traumstadt, den man nur zwei Centimeter vor seinen Fingern hatte, letztendlich an einen höhnenden desinteressierten Mitstudenten zu verlieren und nun die frustrierende Gewissheit zu haben, zur richtigen Zeit mit dem fast richtigen Job im falschen Bundesland fest zu sitzen.

Aber: "Blog must go on", wie man so schön nicht sagt, daher sei an dieser Stelle gesagt: Es gibt mich noch.
Erwähnt sei außerdem, dass aus den Kornblumensamen, die ich vor dreieinhalb Wochen zur Keimung freigegeben habe, inzwischen sieben zartgrüne 4cm große Pflänzlein geworden sind. Sind die niedlich.