Großstädte
Mit Großstädten kann ich ja bekanntlich nicht besonders viel anfangen. Und eine gewisse Kneipe dieses Wochenende in Köln hat nicht gerade dazu beigetragen, meine Skepsis zu beseitigen. Oder auch nur mindern. Oder wenigstens auf Status Quo zu lassen.
Szene: Hässliche Kneipe mit hässlichen Möbeln und hässlichen Tapeten. Aber der Rauchabzug hat funktioniert, immerhin.
A.: "Ich hätt gern ne Kölsch-Cola."
Kellner: "Sowas machen wir hier nicht."
A. [braucht eine Weile sich zu sammeln]... "Äh... dann ein Kölsch..."
Kellner: "Kannst ja sie [weist auf T., die eine 0,2l-Flasche Cola vor sich stehen hat] fragen, ob du was abkriegst."
Kellner ab, alle: "?!"
A. bestellt dann noch eine Limo und trinkt diese aus.
A.: "Ich hätt gern noch ne Cola."
Kellner: "Du trinkst aber ganz schön durcheinander."
A.: "..."
Großstädte halt.
Aber mein Verhältnis ist ohnehin geprägt. Vom ersten bewussten Berlin-Erlebnis. "Bewusst" deshalb, weil meine Eltern mir immer von gar wunderlichen Plätzen erzählen, die ich schon besucht haben soll. "Nee, da war ich noch nie." "Doch, klar, das weiß ich noch genau!" "Wie alt war ich denn da?" "Naja.. so... 1 Jahr.. na, ok..." "..."
Jedenfalls: Berlin. Wir schreiben Oktober, vermutlich im Jahre 1996. Meine Eltern machen sich, und das ist ihnen hoch anzurechnen, mit ihrer schwer archäologiebegeisterten Tochter und ihrer immerhin großstadtbegeisterten Tochter auf den Weg, sämtliche historisch irgendwie interessanten Museen abzuklappern. Hätten sie vermutlich nicht, wenn sie geahnt hätten, dass Centi völlig fasziniert jedes einzelne Rollsiegel begutachten würde, während sich der Rest der Familie seit drei Stunden (sic!) auf dem Sitz vorm Ausgang niedergelassen hat.
Nach Berlin brauchte man damals noch ein bisschen länger, es staute zudem und wir gerieten allmählich etwas in Unruhe, weil das Hotelzimmer nur bis 23:00 reserviert war, und sich die Uhr bedächtig in Richtung 22:45 bewegte. Immerhin, wir waren schon im stockfinsteren Berlin. Am falschen Ende, aber egal. Mein Vater übertrat ein paar Verkehrsregeln und irgendwie schafften wir es doch noch, gerade rechtzeitig anzukommen.
Es war also Oktober. Schweinekalt, zappenduster, spät in der Nacht (also damals hab ich das noch als spät empfunden) irgendwo in Charlottenburg.
Und sogleich begegnete mir der erste Mensch in einer Großstadt: Es war ein älterer Herr um die sechszig, der einen weißen Haarschopf und Bart hatte, der dem Weihnachtsmann Ehre gemacht hätte. Und er trug in dieser kalten dunklen Oktobernacht nichts außer einer hellblauen Unterhose, einem weißen Rippenunterhemd und ich meine, es waren Sandalen. Er trug nichts außer diesen Kleidungsstücken und einer Leiter über der Schulter.
Und auch heute noch bleibt mir nur mehr, rätselnd zu schweigen.
