Ich nutze die gerade entstandene Pause, die mein defekter, zickender
USB-Anschluss hin und wieder (alle 1 - 420 min) verursacht, die Pause,
die mich von der normalen Welt, dem Internet, abschneidet, um einen
Eintrag abzutippen, den ich mal wieder offline geschrieben habe,
diesmal im Auto. Vorletzten Freitag. Hey, ich bin ein vielbeschäftigtes
Centi.
Szenerie: Strecke Bonn-Weimar, gewöhnlich zu schaffen in vier Stunden,
Startzeit 13:50. Komme an den gewöhnlichen Staustellen ganz gut durch,
will dann durchziehen. Plötzlich stockt es hinter Friedewald,
ungewöhnlich, aber nicht wirklich bedenklich. Hier der Eintrag.
18:15
Das erste Mal hätte ich wohl skeptisch werden sollen, als die beiden
THW-Lastwagen mit Blaulicht an uns vorbei gezogen sind. Das nächste Mal
bei der Radiodurchsage mit den 20 km Stau zwischen Friedewald und
Wommen.
Nach einer Kurve: "Oh, da vorn wird es einspurig! Das ist ein gutes Zeichen!"
Kurz darauf: "Oh. Sie evakuieren die Autobahn. Ein schlechtes, ganz mieses Zeichen..."
Die gesamte Autokolonne wird also von einem netten Polizisten - der
übrigens sein Auto aufgelassen hatte... wollte ich nicht schon immer
mal ein Polizeiauto fahren? Ich wäre vermutlich eher da... - die
nächste Ausfahrt runtergescheucht. Irgendwo bei Wildeck, Berka und
Gerstungen. Wer nicht weiß, wo das ist: Das ist mitten im Nirgendwo.
Die Rebellen wenden irgendwo auf der Abfahrt und fahren die
Auffahrtsspur wieder hoch. Und werden durchgelassen. Das versteh mal
einer. Naja, ich folge erst mal der Kolonne. Die Richtung, in die wir
müssen, ist Eisenach und gesperrt. Also fährt die gesamte von der
Autobahn heruntergeworfene Kolonne die Umleitung nach Eisenach.
Prostata. Im übrigen stand ich bereits etwa zwei Stunden im Stau und
hätte allmählich mal einen Ausflug in die Landschaft nötig. Hnnnggg....
Selbstredend schließt sich just vor uns eine Bahnschranke und ein etwa
zehn Kilometer langer Zug trudelt vorbei. Gefühlte Stunden später, ein
paar Kilometer weiter ein geeigneter Feldweg, von dem aus sich
wunderbar die Autoschlange bis zum Horizont verfolgen lässt. Rücklicht
an Rücklicht, grandioser Anblick. Ein Blick in den Atlas verrät mir,
dass wir von Eisenach etwa... unendlich weit weg sind, bei der
Geschwindigkeit der Rücklichterschlange wären wir in etwa... zwei Tagen
dort.
Beschließe, meine rebellische Seite herauszukramen und wieder auf die Autobahn zu fahren. Tue dies auch.
Wenige Minuten später fahre ich wieder auf die Autobahn, die wie
verwandelt ist: Der Strom der abfahrenden Autos ist verebbt, dafür
stehen auf der Autobahn jetzt wieder drei Reihen von Autos. Mit
ausgeschaltetem Motor und ohne Licht. Und die Fahrer sind ausgestiegen
und halten Stehpartys ab.
Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.
Immerhin, nachdem ich ausgestiegen und einen halben Kilometer vorgelaufen bin, geht es ein Stück weiter.
19:00
Es hat doch immer was deprimierendes, wenn sie die Lichter ausschalten
und aussteigen. Das Witzige daran ist, dass es genau zehn Sekunden
danach weitergeht. Meistens jedenfalls. Also wenn, dann ist es witzig.
Rats, dass ich vor zwei Stunden das letzte Obst aufgegessen hab, ich
hätte jetzt Hunger. Aber der Mann im Nebenauto ist süß und ich weiß,
dass mir das Rücklicht-Licht schmeichelt. Höhö.
Ey, hinter mir bitte das Licht anlassen, ich kann so nicht schreiben!
Rats.
Blaulicht. Diesmal von der Polizei. Meine Scheiben sind saudreckig.
War das mit der Polizei jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Ich fänds ja peinlich, in einem weißen T-Shirt am Straßenrand zu stehen
und zu pinkeln. Und dann auch noch zu zweit. Wo man doch immer Frauen
nachsagt... egal.
Muss kleiner schreiben, hab nur ein A4-Blatt dabei.
Haben in 30 min etwa... zwei? Kilometer geschafft. Das macht eine Geschwindigkeit von... ziemlich langsam. Eher weniger. Seufz.
Mal sehen, wann mir die CD mit den Arrogant Worms und dem Firefly-Soundtrack, die ich seit 15:30 höre, mir auf den Keks geht.
Oh, hübscher Mann neben mir weg. Hätte jetzt Lust auf eine Kerze, ein Räucherstäbchen, ein gutes RPG und ein Glas Brombeerwein.
20:00
Laut Verkehrsfunk ist die Strecke, auf der ich gerade stehe, gesperrt.
Kein gutes Zeichen. Man wird schon abergläubig, ne? Drehe die Heizung
voll auf und stelle mir vor, es wäre Sommer.
Schweres Absperrgerät fährt an uns vorbei. Und ein Mercedes hinterdrein. Ja, die wirklich wichtigen Dinge haben halt Vorrang.
Ich hab Hunger und bei meiner Schwester steht Blumenkohl und Johannisbeerlikör mit meinem Namen drauf. Wie unshiny.
Atlas und Straße sagten ja schon 18:30 beide KEHR UM! In Caps Lock. Ich
mag den Ausdruck "In Caps Lock". Ich mag den Caps-Lock-Witz, bei dem
sich zwei Informatiker unterhalten. ("Und, wie ist das Wetter bei dir?"
"Caps Lock." "?!" "Naja, shift ohne Ende.") Könnt ich mich drüber
beömmeln. Ich könnt mich über das Wort beömmeln beömmeln.
Ich finde Staubloggen lustiger als nur Stau. Kann ich das beruflich
machen? Im Stau ins Internet gehen und einen Dienstwagen haben mit der
Aufschrift "SO blogging this". Würden allerdings die wenigsten
verstehen. Oh well. Aber Internet....
Binjaschonruhig.
20:30
Laaaaangweilig.
Wollte seit 2-3 Stunden da sein.
21:00
Shiny Bauarbeiter vor mir sucht irgendwas im Lieferwagen vor mir. Shiny.
21:30
Werden wieder von der Autobahn runtergejagt. Diesmal keine reguläre
Ausfahrt, sondern ein Weg, der nur für Einsatzfahrzeuge frei ist. Auch
gut. Bilbo ist jetzt Einsatzfahrzeug. Wir sind Baustellenfahrzeug
gewesen, und Forstfahrzeug, also warum nicht auch Einsatzfahrzeug. Wir
fahren also wieder von der Autobahn runter.
Das ist doch alles nicht real.
Eine Lichterschlange zieht sich über das Land. Sehr romantisch. SHIT!
In meine Richtung! Da darf ich mich anstellen! Auf ner Landstraße! Bis
wohin auch immer! Fuck!
Es war dies kurz vor Herleshausen und es war dies mein letzter Eintrag,
denn es ging im Schritttempo durch irgendwelche Käffer, deren Einwohner
daraus ein ziemliches Hallodri gemacht haben und alle am Straßenrand
standen. Hatte irgendwie was vom 9./10.11.1989. Jedenfalls ging es kurz
darauf wieder auf die inzwischen freie Autobahn und ich war immerhin
gegen 23:15 am Ziel.
Und jetzt werde ich versuchen, mich wieder einzuwählen. Über einen zum
Glück nur halb kaputten USB-Anschluss. Wenn er noch kaputter geht,
könnte es sein, dass ich nicht nur ständig aus dem Internet geworfen
werde, sondern dass sich dann auch jedes Mal der PC selbstständig neu
hochfährt. Inzwischen ist ein neuer PC bestellt - seit zwei Wochen,
Dell hat sich bisher noch nicht gerührt und auch auf meine Mail noch
nicht geantwortet - und ich habe inzwischen das System raus, bei
welcher Fehlermeldung und Anzeige es sich lohnt, das Modem auszumachen,
am Kabel zu wackeln und neu zu wählen und wann ich einfach nur zwei
Minuten warten muss. Und dankenswerter Weise hat der USB-Anschluss
gerade auch beim MP3-Player gestreikt, was zwar nervig ist, aber
immerhin beweist, dass ich mit dem Kauf eines neuen PCs richtig liege.