Ich bin ja für einen verantwortungsvollen Umgang mit Normen. Das sind ja Dinge, die irgendwann im Ursprung mal sinnvoll waren. Allerdings war das der Blinddarm und das Steißbein früher möglicherweise auch mal.
Es hat sich zum Beispiel als für eine Gesellschaft als ganz günstig erwiesen, wenn es Norm war, dass man sich nicht gegenseitig umbringt. Jedenfalls nicht ständig. Also nur in Ausnahmefällen. Wenn einem wirklich, wirklich danach war. Und das hat sich in so ziemlich allen Gesellschaften durchgesetzt, auch ganz ohne die 15 10 Gebote. Selbstmord ist auch so ne Sache. Wir jedenfalls stammen nicht von Leuten ab, die sich in sehr jungen Jahren umgebracht haben. Also vor der Geburt eines Kindes.
Dann wurden Dinge ins Leben gerufen, die geholfen haben, diese Normen durchzusetzen. Ampeln zum Beispiel. Generell dafür gedacht, dass man nicht mit hundert Stundenkilometern gegen ein Auto rast, das gerade versucht, mit vierzig abzubiegen. Scherben, Flecke, Papierkram - da hat es sich eben durchgesetzt, bei rot zu halten. Das Blinken ist immerhin auf dem Weg zu allgemeiner Akzeptanz.
Irgendwann begannen solche Hilfsmittelchen ein Eigenleben zu entwickeln. Oder warum sonst hält man auch nachts um drei an der roten Ampel, wenn im Umkreis von zehn Kilometern das einzige Lebewesen der Hase ist, der neben der Straße sitzt und sich fragt, warum das Auto in dieser gottverlassenen Gegend eigentlich hält. Man hält sich trotzdem daran. Das ist normal, das ist Gesetz, das 'macht man eben so'.
Jetzt gibt es beim Anhalten an roten Ampeln allerdings auch keine größeren negativen Effekte. Im Gegenteil, je mehr es sich in den Tiefen unseres Hirns eingegraben hat, dass man bei Rot hält, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch tagsüber die rote Fußgängerampel nicht übersehen, die gerade von Mitmenschen in blindem Vertrauen genutzt wird.
Anders ist das bei der Kleidung. Es hat sich ja eingebürgert, dass Menschen in gleichen Kulturkreisen ziemlich ähnlich gewandet sind. Hier und heute trägt jedenfalls kaum jemand eine Toga. Wäre bei waagerechtem Schneeregen auch eher unangenehm.
Vielleicht stammt dieser Drang ja auch aus einer Zeit, in der unsere steinzeitlichen Vorfahren ihre Stammeskriege ausgetragen haben. Und damit man im Scharmützel die eigene Sippe von den anderen unterscheiden konnte, trugen 'wir' halt alle Ziegenfelle, während 'die' bekanntlich Rinderhäute anhatten. Wahrscheinlich aber eher nicht vom deutschen Fleckenvieh, das hätte doch selbst für einen Steinzeitmenschen zu albern ausgesehen. Man trug also lieber das, was die Sippe sonst auch so trug, damit man bei Auseinandersetzungen nicht unter die damals noch nicht erfundenen Räder kam.
Diese Sitte hat sich aber irgendwie bis heute gehalten und wird doch von den meisten recht unreflektiert übernommen.
"Das trägt man heute so." lautet das ungeschriebene Gesetz, das einem die Verkäuferin beim Hosenkauf dann rezitiert, wenn man sich darüber beschwert, dass die Jeans nur das untere Drittel des Hinterns bedeckt. Da frag ich mich ja immer, wer dieser 'man' ist, und warum mir die Verkäuferin sagt, dass der das so trägt. Und was das eigentlich mit mir zu tun hat.
Typischer Fall von Amok laufenden Normen, und auf der Strecke bleibt die Ästhetik.
Worauf ich jedenfalls hinaus will: Ich achte da jetzt schon eine Weile drauf und kann daher subjektiv statistisch belegt offiziell erklärten:
Absatzstiefel(etten), klatschenge Jeans und Jacke, die über dem Hosenbund endet - Liebe junge Frauen, ihr könnt schlank, dünn, dürr und magersüchtig sein, aber von hinten habt ihr in dem Outfit einen Hintern wie ein Brauereipferd.
Aber den trägt man wohl jetzt so.