Das Bild-würdig zu nennende Konzept "Ich habe keine Ahnung, ziehe keine Erkundigungen ein und beschuldige dann andere Leute meiner eigenen Inkompetenz, ohne auch nur im Mindesten daran zu denken, ein paar Fakten zu überprüfen" geht offenbar für den Herrn Schröder voll auf, der damit immerhin seine paar Minuten öffentlichen Ruhm erhält. Nein, nicht den alten Bundesgerd meine ich, sondern Klaus Schröder vom Forschungsverbund SED-Staat, von dem ich wie wohl so viele bisher offenbar zu Recht noch nichts gehört habe.
Wer sich das Interview in toto antun will, kann das hier tun. Meinem von permanent niedrigem Blutdruck gebeutelten Kreislauf tat das jedenfalls gut.
Schon der Einstiegssatz ist grandios falsch und zeugt von einer gut gepflegten Abneigung gegen jede Form von Recherche:
"Die Birthler-Behörde hat ihre Aufgabe, die ostdeutsche Bevölkerung darüber zu informieren, was die Stasi über sie gesammelt hat, mittlerweile erfüllt."
Fakt ist, dass die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, kurz BStU, wie die Behörde korrekter heißt, nach wie vor in Anfragen ertrinkt. Selbst auf der Homepage ist nachzulesen, dass eine erste Antwort gut 12 Wochen dauern kann. Das ist nicht, weil die Post so lange braucht oder weil sie jeden Brief erst mal in einer großen Polonaise quer durch alle Häuser tragen. Das kommt daher, dass sie so viele Anfragen kriegen. Echt wahr!
In so weit würde dann die Schlussfolgerung stimmen:
"Denn es geht nun darum, die Erschließung und Archivierung der Unterlagen professionell voranzutreiben. Das hat die Birthler-Behörde bislang nicht vermocht."
Das ist schlicht korrekt. Er legt diesem Fakt nur die falschen Ursachen zugrunde.
Kurzer Exkurs dazu: Eines der Hauptanliegen der BStU war ja, die betroffenen Bürger darüber aufzuklären, welche Informationen zu DDR-Zeiten über sie gesammelt worden sind. Und das sind einfach scheiße viele:
Wie auf der HP der BStU nachzulesen ist, gab es bei einer Bevölkerung von 16,4 Mio. gut 91000 offizielle Mitarbeiter (Jeder 180. DDR-Bürger war quasi einer...) des Ministeriums für Staatssicherheit und 174.000 IM und GMS (inoffizielle und gesellschaftliche Mitarbeiter). Es gab übrigens zuletzt auch etwa 3.000 bis 3.500 als IM registrierte Bundesbürger. (Zahlen von gegen Ende der DDR, nicht insgesamt, mind you.)
Weit über 100 Regal-Kilometer an Akten gäbe es also zu verzeichnen. Vielleicht mag der Herr Schröder ja einfach schon mal damit anfangen. Oder er könnte sich sicher auch freiwillig fürs Kleben melden: 15500 Säcke mit zerrissenem Schriftgut stehen bereit.
Die Zeit haben die Mitarbeiter des BStU nämlich im Moment schlicht nicht. Die sind vollauf damit beschäftigt, Anfragen zu beantworten und Auskünfte an die Betroffenen zu erteilen, bevor sich dieses Problem dank demografischer Entwicklungen von selbst erledigt, weil nämlich die Betroffenen auch mal irgendwann sterben.
Daher jedenfalls hatte die Auskunftstätigkeit gegenüber der Verzeichnung und Forschung bisher vollkommen zurecht Vorrang. Depp.
Die Ursachen sieht er allerdings komplett woanders:
"Im Bereich der Erschließung der Akten gibt es große Defizite, weil viele Leute, die dort arbeiten, keine Spezialisten sind, sondern aus dem ehemaligen DDR-Staatsapparat übernommen wurden."
Das liest sich natürlich wunderbar empörend. Stasi-Mitarbeiter, die ihre eigenen Unterlagen verwalten, muahaha.
Müll, natürlich. Je nachdem, was er überhaupt mit Spezialisten meint. Vielleicht sähe er ja gern Politologen im Amt. Kompetente Archivarinnen und Archivare jedenfalls werden und wurden nach wie vor eingestellt.
"Die notwendige personelle Potenz fehlt in der Behörde. Deshalb sollten die Akten vom Bundesarchiv übernommen werden. Nur wenn es dadurch zu einer Einschränkung im Zugang käme, wäre ich dagegen. Notfalls brauchen wir ein Überleitungsgesetz. Ich denke, dass der Bundestag in der kommenden Legislaturperiode einen entsprechenden Entschluss fassen wird."
Ich bin mir nicht sicher, wie er auf die Idee kommt, das Bundesarchiv wäre eher in der Lage, diese enormen Aktenmassen zu bewältigen. Die haben nämlich durchaus auch selbst genug Arbeit. Ansonsten ist das tatsächlich ein Punkt, der diskutiert wird, wohl aber eher aus anderen Gründen. Direkt putzig finde ich ja, dass Herr Schröder offenbar hofft, wohl auch einfacher an Akten heranzukommen, in denen ja zuweilen recht persönliche Dinge von Privatpersonen stehen, die dementsprechend gesetzlich geschützt sind. Datenschutz und derlei. Ich rate mal ins Blaue: Nicht in deinem Leben.
Es geht niedlich weiter:
"Als dort vor einigen Monaten die Unterlagen zu Kurras gefunden wurden, hätte man uns doch sofort informieren müssen. Stattdessen sind die Akten dort wahrscheinlich monatelang im Haus hin und her gewandert. Als außenstehender Wissenschaftler oder Journalist wissen sie überhaupt nicht, was in der Behörde eigentlich an Unterlagen vorhanden ist, was wirklich gesucht wurde, und wie und wo gesucht wurde."
Immerhin hat er Recht: Er weiß überhaupt nicht. Aber er hat immerhin genug Fantasie, um sich da etwas zusammenzureimen.
Irgendeine Art von Kontaktversuchen hat er anscheinend auch nicht unternommen. Geschweige denn dass er, wie tagesschau.de und Frau Birthler korrekt vorschlagen, einfach mal nachgefragt hätte:
"Das ist doch kompletter Quatsch, ein völlig schwachsinniges Argument. Wenn man alles schon vorher wissen soll, was man gar nicht wissen kann, dann braucht man ja gar nicht forschen. Man will doch herausbekommen, wer für die Stasi gearbeitet hat, das weiß man doch nicht schon vorher. Man fragt doch nicht nur nach einzelnen Dingen, sondern man gibt das Thema an und grenzt es dann ein."
BULLSHIT!
Der letzte Satz lässt sich in mir den Eindruck verfestigen, dass er in seinem Leben noch keine Archivarbeit im Allgemeinen und im BStU-Archiv im Besonderen geleistet hat. Und Archive, wie so viele, mit Bibliotheken vergleicht. Was allein ja nicht für eine Todesstrafe reichen würde, aber auf dieser Fehlannahme baut er ja seine gesamte Argumentation auf!
Der Rest des Interviews verläuft dann ähnlich. Er wiederholt falsche Schlüsse und unterstellt im Vorbeigehen den Ostdeutschen im Allgemeinen noch eben einen "Widerwille[n] und Argwohn gegen die Behörde" und der BStU Willkür und Unterschlagung von Fakten.
Außerdem überbewertet er diesen Sensationsfund aus meiner Sicht eklatant.
Ahaber was tut man nicht alles für seine fünfzehn Minuten. Sogar hier hatte er sie jetzt.
Mist.