Wenn das Radio nicht schweigen will
Wir schreiben Freitag den 24.8., Centi und Bilbo sind auf dem Weg gen Arbeitsplatz, von wo aus es am Nachmittag weiter nach Hessen gehen soll.
Das Radio geht nicht an, aber das kam in letzter Zeit öfter vor. Nix Neues also eigentlich. Normalerweise überlegt das Teil es sich dann doch noch anders und tut seinen Dienst, so auch diesmal. Kurz vor meiner Autobahnausfahrt geht das Radio wieder an, ich stelle die CD auf Random und kurz vor der Arbeitsstelle läuft mein derzeit liebstes Lied. Das muss man natürlich extra laut drehen. Pünktlich zur Einfahrt in die Arbeitsstellentiefgarage klingt mein Lieblingslied in sanften Tönen aus und ich kann das Auto einparken und das Radio wieder ausschalten.
Könnte. Wenn es ausginge. Aber der Knopf, der vorher das Radio nicht einschalten wollte, will es jetzt nicht mehr ausschalten. Das Radio reagierte auch nicht auf den Lautstärkeregler oder den Ejekt-Knopf. Irgendwas. Wenn man das Radio ausschalten will, nimmt man eigentlich das Display ab. Auch ein abgenommenes Display hält mein diensteifriges Radio an diesem Morgen nicht vom Musizieren ab.
Das ist auch schon einmal vorher passiert, aber das war in der Mitte einer 6-stündigen Autofart und in normaler Lautstärke. Nicht in der Tiefgarage meiner Arbeitsstelle beim Geräuschpegel des Triebwerks einer Boing 747.
Während Kate Rusby, von der heute Morgen eine gut gefüllte MP3-CD im Laufwerk steckt, also die Lyrics von 'Stananivy' in Caps Lock von sich gibt, sprinte ich zum Kofferraum, wühle die Werkzeugtasche vor und reiße dann das brüllende Radio aus dem Armaturenbrett. Jetzt muss ich nur noch die Stromzufuhr unterbrechen. Also die Kabel aus dem plärrenden Radio ziehen. Sie rühren sich nicht. Die Stecker sitzen fest, als wären sie festgelötet, drangeklebt und angewachsen.
Ich werfe einen sinnlosen Blick unter die Motorhaube, während Kate drei Etagen Tiefgarage mit Liebesschmerz unterhält. Verwerfe den Plan, die Batterie vom Radio abzuklemmen und verlege mich wieder darauf, fluchend und mittlerweile schwitzend an den Kabeln zu zerren.
----> Disclaimer: Jaaaa, ich weiß, dass ich einfach nur hätte die Sicherung rausziehen müssen. Aber am Freitag wusste ich das halt noch nicht.
Kate brüllt derweil von Heimweh nach England, da erscheint neben mir eine Frau, die mich fragt, ob sie mir helfen könnte. Weiß gar nicht, wie sie darauf kommt, dass ich Hilfe brauche. Vielleicht wegen der hinter dem Kofferraum liegenden Werkzeuge, oder wegen der offenen Motorhaube, oder wegen der beschlagenen Windschutzscheibe, hinter der ein schwitzendes Centi sitzt und hektisch an den Kabeln eines aus dem Armaturenbrett gerissenen grölenden Radios zerrt.
Die gute Frau probiert es dann vergeblich selbst erst mal (ich hoffe, sie mochte die Musik, welche ich eine wie immer eine subtile Art habe, unter meine Kolleginnen und Kollegen zu bringen), dann stiefelt sie los, um den Hausmeister zu holen.
Ich bin in der Zwischenzeit produktiv, verlasse hastig das lärmende Auto und die hallende Tiefgarage und flüchte nach draußen, wo ich genug Handyempfang habe, um Vater-von-Centi anzurufen. Der Rat ist der wie gewohnt wohldurchdachte und tieffundierte Rat eines wahren Elektronik-Experten: Mehr rohe Gewalt. Die Kabel müssen da raus gehen, zieh halt richtig.
Als ich in die Garage zurückkehre, empfängt mich Stille, doch der anfängliche Verdacht, dass jemand dem Radio den Gnadenschuss gegeben hat, stellt sich als falsch raus. (Schade, irgendwie.) Es ist einfach ausgegangen. Auch gut. Manchmal arbeiten Wackelkontakte also auch für einen.
In dem Moment betritt der Hausmeister die Tiefgarage, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Ähem ja sorry passt schon danke tschuldigung geht wieder ahahaha ich brings zur Werkstatt ja.
Probiere dennoch, die Kabel noch zu entfernen, mit nicht mehr Erfolg als vorher. Dafür kommt irgendwo aus dem mit Isoband verklebten Drahtgebilde ein Funken geflogen. Ich schnappe mir den Plastikgriff eines Schraubenziehers und biege das lebensgefährliche Metallteil weg. Dann schiebe ich das Radio wieder rein und gehe arbeiten. Noch ein Statusbericht an Vater-von-Centi. Der ist köstlich amüsiert, wartet gespannt samt seiner Kollegen auf den Blogbericht und erzählt mir dann auch endlich, dass ich ja die Sicherung hätte rausdrehen können. Hätte er auch sagen können, ehe ich riskiere, mein Leben auf die unrühmliche Art zu verlieren, bei einem Stromschlag aus dem unprofessionell zusammengeklebten Drahtgeflecht eines Kate Rusby schreienden Autoradios in der Tiefgarage meiner Arbeitsstelle zu sterben.

Du hast aber auch ein Glück.
*ich lache noch*
Ich sollte wirklich öfters in dein Blog schauen.
*wegkringel*