Muss i denn ahaus Schweheden hinaus...
Freitag, 5.9.2008
Immerhin am letzten Tag unseres Urlaubs schaffen wir es noch, 9:30 an der Rezeption zu stehen und zu bezahlen, yay! Wir nutzen die Gelegenheit und lassen uns schon mal ein Taxi für morgen Früh bestellen. 4:00 möchten wir abgeholt werden, um rechtzeitig am Flughafen zu sein.
Órin ist heute nicht so gut zu Fuß, deswegen und wegen mangelnder Böcke haben wir doch beschlossen, nicht nach Stockholm zu fahren, sondern Beri und ich wollen uns die grüne Gegend um Nyköping herum ansehen. Wir gehen zur Touri-Info, um uns eine Karte zu besorgen, ich kauf noch fix Postkarten (die offenbar bis heute noch nicht angekommen sind. Hmpf.) und Marken.
Wir sind ein kurzes Stück vom Hafen entfernt, von wo aus wir starteten, es ist 13:00 und Beri kehrt müde um. Hm. Muss was in der schwedischen Luft sein. Ich war auch schon wacher, aber ich will doch die Gegend ansehen, also ziehe ich forschen Schrittes allein los. Die Karte ist sehr akkurat und ich finde leicht vom Strand im Südosten zum Nordostende der Stadt. Hier hört die Karte dann auch auf, präzise zu sein. Ich gehe über einen bequem ausgebauten Waldweg, von dem eigentlich ständig links irgendwelche Wege abgehen sollten, die ich nehmen wollte, um die Tour nicht allzu lang werden zu lassen. Aber die existieren tatsächlich gar nicht. Der Wald wirkt wirklich idyllisch wie in einem russischen Märchen. Birken neben Nadelbäumen, unzählige Pilze, lange bärtige Flechten, die an Felsen wachsen. Die Heide blüht, Farnwedel hängen photogen über den Pilzen und am moosigen Boden tragen die Blaubeersträucher Früchte.
Dann wieder höre ich die gesamte Zeit im Wald den Verkehr der Straßen, die um den Wald herumführen, bei Rast werde ich von Mücken aufgefressen, in den Wald traue ich mich wegen meiner Zeckenparanoia nicht, und an den Blaubeersträuchern könnte ich mir ja nen Fuchsbandwurm einfangen. Früher war vielleicht doch manches einfacher...
Vom Nordostende der Stadt laufe ich zum Westende, wo es einen weiteren Park gibt. Durch den laufe ich eine Weile, begutachte seltsame Wälle und einen Silberstollen, klettere über einen felsigen Hügel, dann beschließe ich, dass ich allmählich umkehren sollte. Wir wollen früh ins Bett und daher früher Abendessen, und ich bin auch müde und verspreche mir von dem Park sonst nichts mehr.
Beim Rückweg lasse ich mir Zeit und lasse mich auch nicht vom nahen Gewitter hetzen. Im Wald hat es auch schon vereinzelt geregnet, was da aber desto schöner war, weil teilweise gleichzeitig die Sonne geschienen hat. Der Weg führt mich am Fluss (Nyköpingsån) entlang, wo man einige Schautafeln aufgestellt hat. Dankbarer Weise teilweise in Englisch. Der Fluss hat ausgesprochen idyllische Abschnitte, und ich genieße auch noch die letzten Meter, auch wenn es da anfängt, so richtig zu regnen.
Regen bei Sonnenschein.
In der Herberge angekommen versichert mir Beri, sie hätte gar nicht die ganze Zeit geschlafen und wäre mindestens schon seit einer halben Stunde wach! Ich überschlage auf der Karte, dass ich heute etwa 14 Kilometer zurückgelegt habe, das soll mir reichen.
Ich nehme eine heiße Dusche, eine sehr heiße Dusche, ich glaube, so heiß hab ich noch nie zuvor geduscht. Und ganz ohne Schraubenzieher! Vor dem Essen schreibe ich noch schnell Postkarten, und während das Essen köchelt, schauen wir die schwedische Ausgabe von "Wer wird Millionär", die aufgrund des ungünstigen Kronenkurses aber deutlich weniger spektakulär ist als hier. (1 Mio Kronen sind grad was über 100 k Euro.) Immerhin, die ersten beiden Fragen beantworten wir sogar richtig!
Anschließend läuft die Golden League der Leichtathletik, was ich herrlich nostalgisch finde, weil ein paar bekannte Gesichter der olympischen Spiele dabei sind, die ich dieses Jahr sogar mal verfolgt habe.
Später gesellt sich eine schrullige ältere Russin (?) zu uns, die uns anspricht, und sich zunächst auch nicht daran stört, dass wir sie offensichtlich nicht verstehen. Ihre Tochter kommt später vorbei und erklärt mir auf Englisch, dass ich mit dem langen blonden Zopf gut als Schwedin durchgehen würde. Hu, Komplimente!
Wir gehen gegen 22:00 ins Bett, aber aus irgendwelchen Gründen bekomme ich kaum Schlaf ab.
Samstag, 6.9.2008
Gegen 3:30 stehe ich auf und stelle fest, dass meine Mandeln geschwollen sind. Rats, ich hab mich erkältet! Wir packen alles zusammen und steigen dann in das pünktlich erschienene Taxi. Die Fahrerin ist nett, spricht - achnee - perfekt englisch, und erklärt, dass ihre Schicht erst in zwei Stunden zu Ende ist. Sie bremst für eine kleine Maus, die die Straße überquert, und kassiert von mir deswegen und weil ich keine Böcke auf Kleingeld habe, ein horrendes Trinkgeld.
Der Flughafen, den wir gegen 4:15 betreten, erwacht gerade so allmählich, viele Menschen haben hier offensichtlich die Nacht auf dem Boden und auf den Stühlen im Café verbracht. Ich könnt so ja nicht schlafen. Obwohl, jetzt so gerade, irgendwie schon. Ich investiere mein letztes Münzgeld, außer zwei Mal fünfzig Öre (ca. 12 Cent), die der Apparat nicht wollte, in ein Internetterminal. Weniger um meine Sucht zu befriedigen, als viel mehr, um es los zu sein.
Wir dösen noch ein bisschen vor uns hin, checken ein und verlieben uns noch ein paar letzte Male, ehe unser Flugzeug um 6:50 startet.
Ich bin noch nie so entspannt geflogen. Es gibt wahrscheinlich kein besseres Beruhigungsmittel als Erkältung und Schlafmangel, und so verbringe ich den Flug, wie auch Órin und Beri, trotz der fürchterlich unbequemen Sitze teilweise schlafend.
In Deutschland herrscht Mistwetter, meine Erkältung hat an dem Wochenende dann richtig zugeschlagen, und duschen muss ich hier auch wieder mit Schraubenzieher.

