Als die Aufrichtigkeit die Lüge traf
Die Aufrichtigkeit schritt eines Tages durch die Welt und hatte eine echte Freude über sich.
Ich bin doch eine tüchtige Person, dachte sie; ich scheide scharf zwischen gut und schlecht, mit mir gibt's kein Patieren; keine Tugend ist denkbar ohne mich.
Da begegnete ihr die Lüge in schillernden Gewändern, an der Spitze eines langen Zuges. Mit Ekel und Entrüstung wandte die Aufrichtigkeit sich ab. Die Lüge ging süßlich lächelnd weiter; die letzten ihres Gefolges aber, ein kleines schwächliches Volk mit Kindergesichtchen schlichen demütig und schüchtern vorbei und neigten sich bis zur Erde vor der Aufrichtigkeit.
'Wer seid ihr denn?', fragte sie.
Eines nach dem anderen antwortete: 'Ich bin die Lüge aus Rücksicht.' - 'Ich bin die Lüge aus Pietät.' - 'Ich bin die Lüge aus Barmherzigkeit.' - 'Ich bin die Lüge aus Liebe.', sprach die Vierte, und die Kleinsten von uns sind: das Schweigen aus Höflichkeit, das Schweigen aus Respekt und das Schweigen aus Mitleid.'
Da errötete die Aufrichtigkeit und plötzlich kam sie sich doch etwas plump und brutal vor.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Nur aus Mitleid zu Schweigen,wäre für mich wirklcih eine sinnlose Lüge. Und..IST Schweigen denn Lügen? Nicht immer,oder?
Hm aus Mitleid zu Schweigen eine sinnlose Lüge? Es kommt immer auf die Umstände und die Menschen an. Mitleid ist aus meiner Sicht sowieso falsch. Mitgefühl das Richtige.
Eine schöne Geschichte nicht wahr? ;-)
Die Geschichte mag ich. Ich liebe solche kurzen Geschichten!
Macht sie uns doch wieder bewusst, dass wir uns niemals auf das verlassen können was uns die/der andere gerade aus Rücksicht, Liebe, Pietät, Barmherzigkeit vorlügt oder aus Höflichkeit, Respekt, Mitleid oder Mitgefühl verschweigt.