Ich lebe, ich arbeite, an sich also nichts Neues – aber es ist jetzt anders als früher. Ich lebe nicht mehr in getrennten Welten, in denen ich jeweils nur Teile meiner Person und Persönlichkeit zeigen und mitnehmen kann. Es ist ein ganzheitliches Tun, das sich wohltuend auf meine Kraft und Stimmung auswirkt.
Wie oft habe ich erlebt, dass ich nach einem erholsamen Urlaub in der Lage war, das berufliche Geschehen um mich herum mit einem Abstand zu betrachten, der mich nachdenklich gemacht hat und viele Fragen aufwarf. Meist dauerte es gar nicht lange und ich war wieder mitten drin, manche nennen es Alltag, man gewöhnt sich daran, aber manchmal kam es mir schon wie blanker Irrsinn vor. Da waren Termine anscheinend lebenswichtig und mussten um jeden Preis eingehalten werden – und dann wunderte man sich zwar, dass meist nichts Epochales passierte, wenn das aus irgendwelchen Gründen doch nicht klappte, aber danach wurde einfach weitergemacht.
Angeblich blieb nie Zeit, um nach dem Warum oder dem Sinn zu fragen, das Machen und das Erreichen standen immer an oberster Stelle. Demzufolge wurde auch viel Unnützes, Unnötiges und Sinnloses gemacht, aber das war egal, Hauptsache man hatte viel zu tun.
Ein ewiger Druck, stets spürbare Hektik, zwischendurch mal kurze Verschnaufpausen, die aber nur zum Atemholen gereicht haben und weiter ging die wilde Jagd. Immer unterwegs zu einem ziemlich unbestimmten Ziel, aber das bitte auf schnellstem Wege, das war die Parole.
In meinem Privatleben ist es mir besser gelungen, solche dubiosen Aufträge abzulehnen oder erstmal zu hinterfragen, um zuerst das Ziel zu bestimmen und dann loszulegen; im Job habe ich jahrelange Erfahrung gebraucht, um das zu praktizieren und leider war das Ergebnis oft niederschmetternd, denn es wurde auch erwartet, an längst als unsinnig erkannten Aufgaben mit Volldampf weiterzuarbeiten. Dass Mitarbeiter dann irgendwann ausgebrannt und nicht mehr zu motivieren waren, hat man als bedauerliches Ereignis registriert, Konsequenzen zur Veränderung der Ursachen gab es nicht oder sie sind mir nicht begegnet.
Als ich vor ein paar Monaten verkündet habe, dass ich aussteigen werde, weil ich wild entschlossen bin, (mindestens!) mein Rentenalter noch lebendig und einigermaßen unbeschadet zu erreichen, hat es mich sehr verwundert, wie viele meiner Kollegen das fasziniert hat. „Sie haben es gut! Sie kommen hier raus!“, das habe ich oft zu hören bekommen – anscheinend empfanden sie sich auch manchmal als Insassen einer geschlossenen Anstalt und das wahre Leben schien doch woanders stattzufinden. Leider, leider wären bei ihnen die Umstände nicht so, dass sie sich auch zu einer derartigen Entscheidung durchringen könnten, obwohl sie es liebend gern täten, teilten sie mir dann bedauernd mit.
Ich habe Zweifel daran, ob es wirklich immer die Umstände, die Zwänge oder Verpflichtungen sind, die Menschen davon abhalten, das zu tun, was sie (angeblich) schrecklich gerne möchten. Ist es nicht oft auch Angst, die uns im Wege steht?
Es sind die eigenen Wege, die uns weiterbringen, nicht die ausgelatschten Trampelpfade der Massen, der Mehrheit und anderer Generationen. Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, die diese Wege beschritten haben. Wir lesen heute begeistert ihre Biographien und bewundern sie dafür – wie müssen sie sich gefühlt haben, als sie aufgebrochen sind, zu diesen eigenen Zielen und nicht wissen konnten ob sie die jemals erreichen werden?
Ein Liedtext, gesungen von Heinz Rudolph Kunze bringt es auf den Punkt: Eigene Wege sind schwer zu beschreiben, sie entsteh´n ja erst beim Geh´n!