Er fühlte, dass ihm etwas fehlte, er dachte darüber nach, was es wohl sei, wie und wo er es finden könnte und was er selbst dafür tun könnte, diesen Zustand zu verbessern.
Musste er nicht erst ein ganz klares Ziel haben, damit er loslegen konnte?
Musste er nicht erst ganz deutlich wissen und beschreiben können, was ihm missfiel und was er vermisste?
Wie sollte er die Umstände und die Menschen, die ihn belasteten, ändern oder vermeiden?
Musste er nicht lernen, mehr auszuhalten und zu erdulden und sich abzufinden?
Musste er sich einfach so von seinen Ansprüchen verabschieden, obwohl das überhaupt nicht einfach ist?
Wer konnte ihm verbindlich sagen, ob seine Vorstellungen überhaupt gerechtfertigt und realistisch waren?
All diese Gedanken und Fragen bewegte er in seinem Kopf und manchmal hatte er das Gefühl, darin zu ertrinken und wie in einem Strudel immer weiter von dem fortgezogen zu werden, was er eigentlich wollte.
Hatte er sich allein durch diese Überlegungen zu weit hinausgewagt und drohte bereits von der einlaufenden Flut der neuen Ideen verschlungen zu werden?
Wie so oft waren es einzelne Worte, an denen er hängen blieb und die ein Eigenleben in seinen Gedanken zu führen begannen. Sich abfinden – was heißt das eigentlich? Eine Abfindung ist ein Ausgleich, wer sie zahlt, bekommt etwas dafür, wer sie erhält, verzichtet auf etwas.
War er der Empfänger der Abfindungsleistung und verabschiedete sich dadurch von Dingen, von denen er noch nichts wusste und die er gar nicht übersehen konnte?
Oder zahlte er selbst einen Preis, um mit etwas abschließen zu können, was sich ihm noch gar nicht erschlossen hatte?
Er hatte Vorstellungen von seiner Zukunft und wenn er darüber sprach, dann wurde er mit Fragen bombardiert, die er alle nicht beantworten konnte. Lag das an seinem Unvermögen, konnten andere klar beschreiben und erklären, was sich wie entwickeln würde, wenn sie sich nur selbst „richtig“ verhielten?
Woher kam der Glaube, der ihm stets wie ein ungeschriebenes Gesetz präsentiert wurde, dass er sich anzupassen habe – obwohl ihm niemand schlüssig erklären konnte, an was und an wen?
War es nicht seine Aufgabe, für sich einen Weg zu finden, der es ermöglichte, alle seine vorhandenen Fähigkeiten einzubringen, sie weiter zu entwickeln und neue dazuzulernen?
Warum erwartete man von ihm, dass er einfach dem folgte, was man ihm vorlebte?
Wie glücklich waren die Menschen, die ihm gegenüber stets den Eindruck erweckten, bereits den Stein der Weisen gefunden zu haben und auf alle Fragen immer eine Antwort zu wissen?
Wie zufrieden waren die, die nach den von ihnen als zwingend beschriebenen Maßstäben lebten?
Er stieß auf Unverständnis, wenn er danach fragte. Er blickte in leere Gesichter – selbst der Gedanke, sich selbst die Frage nach dem eigenen Glück und der Zufriedenheit zu stellen, wenn man denn nach den Vorstellungen lebte, die man als allein selig machend beschrieb und verkündete, wurde brüsk zurückgewiesen. Das Leben sei schließlich kein Ponyhof, hieß es oftmals lapidar und es ginge um ganz andere Dinge im Leben, ließ man ihn wissen.
Um welche Dinge? Was war dieser Sinn und das Ziel? Konnte es denn sein, dass es wirklich nur darum ging, möglichst viele Dinge zu erwerben, Geld zu haben und sich dafür einer Maschinerie zu unterwerfen, aus der man eigentlich am liebsten ausbrechen würde, das aber nicht kann oder darf? Welche Bilanz zogen die Leute unter ihr Leben? Ließ sich Gewinn wirklich nur in klingender Münze messen?
Was war der Wert eines sonnigen Tages, eines Kinderlachens, eines liebenvollen Blicks, einer zärtlichen Umarmung? War das alles nur eine Zugabe, etwas, was in den Freizeitbereich gehörte um zum Auftanken gut war?
Er hatte einmal gelernt, dass es zum Erwachsensein gehöre, Verantwortung über sein Leben zu übernehmen, sich um andere zu kümmern und für sie zu sorgen.
Um sich herum erlebte er allzu oft nur spitze Ellenbogen, Menschen, denen ihre Mitmenschen herzlich gleichgültig waren und die ihre Fragen und Zweifel als kindische Entgleisungen, idealistische Träumereien und egoistische Rückzugsbestrebungen bewerteten.
Die Reaktionen verwirrten ihn, das Unverständnis offen darüber nachzudenken, seine Bedenken ernst zu nehmen und sich mit ihnen auch auseinander zu setzen, verletzte und enttäuschte ihn – und trotzdem hörte er nicht auf, zu überlegen und auch darüber zu sprechen. Er hatte das Gefühl, auf einem richtigen Weg zu sein, die Widerstände, die ihre Äußerungen hervorriefen bestärkten ihn noch in dieser Ansicht, denn er hatte den Eindruck, dass die Menschen in seinem Umfeld etwas verteidigten, wovon sie nicht wirklich überzeugt waren – er vermisste an ihnen die ruhige Gelassenheit, die Menschen eigen ist, die sich einer Sache ganz sicher sind.