Geschriebene Gedanken

11.06.2008 um 12:26 Uhr

Beim Friseur

 

 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was so ein lapidares Ereignis, wie ein Friseurbesuch, für Sie bedeutet?

Oder gehören Sie zu der Gruppe, die das absolut nicht als lapidar empfinden?

 

Es gibt ja Leute, für die ist das tatsächlich und im Wortsinn ein einschneidendes Erlebnis! Für Manche ist es ein Event und sie inszenieren das entsprechend; für andere wieder ist es einfach pure Notwendigkeit, damit man dauerhaft den Durchblick behält und es gibt Zeitgenossen, die verabschieden sich trauernd von jeder einzelnen Haarspitze, die auf ihrem Kopf einmal zu Hause war.

 

Bettina ist da ganz pragmatisch: Der Gang zum Friseur ist für sie so etwas wie ein unausweichliches Ereignis. Penibel wird er in die Jahres-, Monats- und Tagesplanung mit eingebaut. Haare schneiden ist alle sechs Wochen fällig, unabhängig von Lust und Laune und eventuell periodisch veränderter Haarwuchsgeschwindigkeit. Schnell gehen muss das, rein, hinsetzen, Haare waschen und ordentlich schneiden, flott fönen und ab – schließlich ist noch jede Menge Wichtiges zu erledigen und da kann man sich mit solchen Bagatellen nicht unnütz aufhalten. Erzählen Sie ihr nichts von speziellen Kuren, die das Haar seidig schimmern lassen, überzeugen Sie die Kundin lieber davon, dass das teure Zeug, das Sie ihr auf den Kopf schmieren wollen, total praktisch ist. Vielleicht macht es das Haar leichter kämmbar oder lässt es schneller trocken – ich bin sicher, irgend so etwas wird dem Fachmann bestimmt einfallen.

 

Holger dagegen käme nie auf die Idee, sich für einen Friseurbesuch einen Plan zu machen!

Wer weiß schon so genau, wann er wieder unters Messer muss – das ergibt sich und er gibt sich dem Wachstum der von unseren Urvätern vererbten Fellreste eher stoisch hin. Mal neigt er zum radikalen Kurzhaarschnitt, dann wieder lässt er das Haupthaar wallen – sofern noch genügend Fülle vorhanden ist. Sollte sich zufällig eine Parklücke vor dem Geschäft eines Haarkünstlers finden, dann spaziert er schon mal ganz spontan da rein – und sieht sich erst mal um. Erscheint der Meister dann fröhlich das Messer wetzend, Hände reibend und Kamm schwingend vor ihm, kann es schon mal vorkommen, dass er mit einer tonlos gemurmelten Entschuldigung den Laden panikartig wieder verlässt – in der Ruhe liegt bei Holger die Kraft. Er möchte einfach still auf dem Stuhl Platz nehmen und auf keinen Fall mit Bergen von Modezeitschriften überhäuft werden, aus denen er sich einen Schnitt aussuchen soll.

Lieber Figaro, sollte Holger in Ihrem Studio jemals auftauchen, verschonen Sie ihn bitte mit den neuesten Klatschnachrichten aus aller Welt oder den aktuellen Gemütsbewegungen Ihrer Lieblingskunden! Der Herr wünscht lediglich einen Haarschnitt und sonst nichts! Er ist mit sich und seinen Gedanken beschäftigt und schätzt es, wenn er denen, ungestört von munterem Friseurgeplapper, konzentriert folgen kann.

 

Dafür können sich Friseure und Friseurinnen freuen, wenn Sabine erscheint. Sabine ist bereits eine Erscheinung, wenn sie den Laden betritt! Ganz großer Auftritt ist jetzt zu bewundern: Küsschen hier und Küsschen da, das modische Täschchen wird dazu jedes Mal demonstrativ abgestellt, jede Umarmung wird zelebriert und genossen. Käffchen, Teechen oder ein Schlückchen Sekt gefällig? Klar doch, schließlich ist Sabine hier zu Besuch bei Freunden. Bevor nicht ALLE Erlebnisse der letzten Wochen ausgetauscht wurden, braucht man ihr nicht mal das Haar zu waschen – dafür könnte man inzwischen ungestört und lautlos z. B. Holger bedienen. Jetzt ist es für Coiffeure sinnvoll, die neuesten Haarfarben, von blau über silberblond bis cherry in wirklich allen Nuancen bereit zu halten und noch im Gedächtnis zu haben, welchen Ton Sabine noch nie auf ihrem Haupt zur Schau gestellt hat. Hüten Sie sich allerdings davor, ihrem Naturton zu nahe zu kommen! Falls im Laden jemand ein dankbares Objekt für die neueste, abgefahrendste Modefrisur, die die Welt noch nicht erlebt hat, sucht: Bitte, für Sabine sind Improvisationskünstler und ganz Kreative genau richtig. Hier dürfen Sie Ihr ganzes Repertoire entfalten: Wie stylt man Haare stundenlang so, dass sie genau so aussehen, als wäre man gerade aus dem Bett gekommen?

Welche Strähnchen passen garantiert nicht zusammen, ergeben aber einen absolut ungewohnten Look?

Falls der Haarstylist sich für den wohlverdienten Feierabend noch nichts vorgenommen hat, ist auch das kein Problem, mit Sabine kann man auch noch stundenlang um die Häuser ziehen, nachdem man dem goldenen Handwerk alle Ehre gemacht hat. Und Sabine ist eine treue Kundin: Falls sie morgen, ganz überraschend natürlich, einen wichtigen Termin wahrzunehmen hat, bei dem sie Wert auf erstklassiges Aussehen legt, kommt sie flugs noch einmal in den Laden und alles geht wieder von vorne los.

 

Haare schneiden ist eben nicht einfach nur Haare schneiden …

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSchussel schreibt am 11.06.2008 um 23:03 Uhr:Schon lange nicht mehr!!!!!

    Aber äußerst schön beschrieben! *hihi*

    Du erzählst sehr viel Wahres!!!!
    Kommt mir irgendwie bekannt vor :-)

    Wobei ich es auch schlimm finde, dass so ein Haartechniker immer quatschen muss....Ich sitz da doch nur, weil ich neue Haare haben möchte und nicht um den neuesten Klatsch und Tratsch zu dirkutieren!

    Auch habe ich schon mal überlegt nen Spiegel zum nächsten Besuch mitzunehmen. Was bei Wellensittichen funktioniert, kann doch bei so nem Haartechniker nicht verkehrt sein *lach*
  2. zitierenDarkHoneyLady schreibt am 12.06.2008 um 09:07 Uhr:Danke, liebe Frau Schussel-Pirat!

    Du scheinst Ähnlichkeiten mit Holger zu haben *schmunzel*, oder?

    Die Sache mit dem Wellensittich-Spiegel ... äh... ich glaube, du bist da auf einer ganz heißen Spur, um ein weit verbreitetes Phänomen zu erklären: Ist es nicht so, dass die Figaros bereits in einen Spiegel schauen, wenn sie an Mann und Frau Hand anlegen?! Und vielleicht ist das tatsächlich die Begründung für den schier unendlich scheinenden Redefluss dieser Spezies! *grübel*

    Wir werden das weiter beobachten (auch wenn der nächste Versuch noch ein bisschen hin ist...)

    Liebe Grüße
  3. zitierenSchussel schreibt am 12.06.2008 um 22:53 Uhr:Ich hab ja wirklich nichts gegen die Figaros aber wenn ich nicht quatschen will, dann will ich einfach nicht quatschen. Schließlich kenne ich diesen Menschen nicht und muss ihn nicht mögen...außerdem wird er ja fürs Haareschneiden bezahlt....Gut, bei meinem Haartechniker in DownTown ist das wieder etwas anderes, denn sie kenne ich auch privat. Da darf auch gerne mal gelästert werden *gg*

    Was das Phänomen Spiegel angeht (über die Tatsache dass sie sich meistens mit ihrem Kunden via Spiegel unterhalten habe ich noch gar nicht nachgedacht)... so sollten wir dies wissenschaftlich ergründen :-)))

    Lieben Gruß,
    Sarah
  4. zitierenDarkHoneyLady schreibt am 13.06.2008 um 11:53 Uhr:Genau! Genau so geht es mir auch!
    Es gibt Tage, da will ich einfach nur so sitzen und die Dienstleitungdes Friseurs in Anspruch nehmen, aber keineswegs an seinem oder anderen Leben teilhaben ... und dann such ich immer verzweifelt nach dem Knopf, mit dem man dem sprechenden Haarkünstler den Saft abdrehen kann. Mit absolutem Verstummen und verschlossener Miene funktioniert das nicht - habe ich schon versucht *stöhn*


    Ein wissenschatlicher Versuch zu diesem Phänomen ist angebracht *jau* - ich bin allerdings niemand, der die statistischen Erhebungen zu diesem Thema weiterbringen könnte, denn dazu setze ich mich zu selten solchen Situationen aus (s. oben - das ist für mich FOLTER! und gehört verboten).

    Lass uns nach Dauerfriseurbesuchern suchen!
  5. zitierenSchussel schreibt am 13.06.2008 um 21:14 Uhr:Predestiniert (ich hoffe, ich habe es richtig geschrieben) sind Leute mit Kurzhaarfrisuren, denn diese müssen regelmäßig nachgeschnitten werden.

    Was den sog. Ausknopf angeht, so hatte ich irgendwann mal einen schlechten Tag und wollte mir was gönnen, in dem ich zum Haartechniker ging. Dieser hatte meine Anwesenheit aber völlig misverstanden, denn es redete und redete und redete ohne Punkt und Komma! Worauf ich einen dezenten Ausraster hinlegte in Form von: "Ich bin hier um meine Haare machen zu lassen und nicht um mir die Sorgen und Nöte anderer anzuhören. Wenn ich dies gewollt hätte, so wäre ich zu einem Kumpel gegangen!!!! Somit: Klappe halten!!!!"
    Ich weiß, das war nicht nett von mir aber es gibt Dinge, die müssen einfach gesagt werden!!!!
  6. zitierenDarkHoneyLady schreibt am 14.06.2008 um 12:33 Uhr:Ich werde ab jetzt alle Leute mit Kurzhaarfrisuren verfolgen und akribisch zu ihren Erfahrungen befragen *lach*

    Tolle Kombination: Schlechter Tag UND Dauerbeschallung beim Friseur - du hast, auch nachträglich- mein ganzes Mitgefühl!

    Lass uns gemeinsam die Daumen drücken, dass wir Lieblingsfriseure finden, die nicht nur so sind, wie wir sie uns wünschen, sondern auch noch super die Haare schneiden können *Daumen fest zusammen press*
  7. zitierenSchussel schreibt am 16.06.2008 um 16:44 Uhr:Oh, das wird ein schwieriges Unterfangen aber nicht hoffnungslos :-))))

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