"Herr Meier, ich hab' eine Frage. Was ist ein Basilisk ?" - "Ein Basilisk ist eine Fabelgestalt, zusammengesetzt aus Schlange, Kröte und Hahn", antwortete der Lehrer. - "Gibt's denn Basilisken ?" fragte Peter weiter. "Mein Vater hat gesagt, es gibt sie. Oder - es könnte sie jedenfalls geben."
Herr Meier überlegte eine ganze Weile. "Ja," sagte er zögernd, "manches von dem, was man lange Zeit für Fabelwesen hielt, hat es ja wirklich gegeben, wie man jetzt weiß. Saurier zum Beispiel. Darunter war auch eine Sorte, die man Basilisken nennt. Aber die sind ausgestorben. Ich vermute sogar, daß es noch vielmehr seltsame Tiere gab, von denen man nur noch keine Überreste entdeckt hat."
"Warum sind sie denn ausgestorben ?" wollte Peter wissen. "Hat Gott sie für irgendwas bestrafen wollen?" - "Nein, sie waren nur nicht überlebensfähig." - "Und warum nicht ? Warum hat Gott Tiere geschaffen, die nicht überleben können ?" - "Vielleicht macht auch Gott manchmal Fehler", sagte Herr Meier und grinste. - "Ja, aber wenn der Papst keine Fehler macht, dann kann doch Gott erst recht keine Fehler machen", entgegnete Peter aufgeregt.
Herr Meier zuckte nur noch mit den Schultern, lächelte verlegen und versuchte es zuletzt mit einem kleinen Witz. "Vielleicht hat Gott die Welt und die Tiere an einem Computer entworfen. Und du weißt ja, der Computer spielt einem manchmal Streiche."
Zuhause angekommen, wollte er sofort seinen Vater fragen, doch er sah ihn vor dem Computer sitzen und er wußte, daß er, solange er dort arbeitete, auf keinen Fall gestört werden wollte. Also beschloß er, rasch wieder wegzugehen, doch das Geschehen auf dem Bildschirm fesselte seine Aufmerksamkeit. Er sah nämlich Gestalten, die aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt schienen, dabei aber sich ständig veränderten. Plötzlich drehte der Vater sich um, schaltete gleichzeitig das Bild ab und fragte ziemlich gereizt: "Hallo Peter, kannst du nicht warten ? Ich muß mich jetzt voll konzentrieren !" - "Hallo Papa - entschuldige, also, ich wollte eigentlich nur fragen: Kann Gott Fehler machen ?" - "Der nicht, ich schon. Aber eigentlich darf ich mir keine mehr erlauben !" - "Gut, ich gehe schon. Ich wollte nur mal fragen, warum Gott Tiere schafft, wenn er sie dann wieder aussterben läßt." - "Welche Tiere", fragte der Vater. Er wirkte überrascht und neugierig. - "Na ja, Basilisken zum Beispiel", antwortete Peter.
Der Vater sprang auf. " Wir müssen los, beinahe hätte ich es vergessen. Zieh' die Schuhe an !"
In höchster Eile fuhren sie zum Zoo. Darüber war Peter sehr verwundert, doch seine Freude darüber, wieder einmal Elefanten und Giraffen sehen zu dürfen, ließ neugierige Fragen nicht aufkommen. Zu seiner nochmaligen Verwunderung zog ihn der Vater jedoch ohne Umschweife in ein kleines Gebäude, dem der Junge bislang keine Beachtung geschenkt hatte. Dort begrüßte er einen Mann, der offenbar schon auf ihn wartete. Dann passierten sie mehre Türen und Treppen, bis sie sich unversehens in einer riesigen unterirdischen Halle wiederfanden.
Vor ihnen war ein großer Teich und darin, bis zu den Knien im Wasser, ein Elephant - aber was für einer ! Er hatte nämlich acht Rüssel, die er hoch in die Luft hielt. Und diese Rüssel hatten Saugnäpfe wie die Arme eines Kraken. Sofort, nachdem Peter dies erkannt hatte, fiel ihm auch der papageienhafte Schnabel auf und die großen Augen, wie sie nur Kraken haben. Anders gesagt, der Elephant hatte keinen Elephantenkopf, sondern an seiner Stelle einen riesigen Kraken. Peter war vor Schreck und Verwunderung außer sich.
Der Ruf des Vaters brachte ihn wieder zur Besinnung. Der hatte sich mit seinem Gastgeber inzwischen entfernt. Als Peter auf sie zulief, sah und hörte er, wie der fremde Mann sich gegen seinen Vater in heftigen Vorwürfen erging. Viel konnte Peter nicht verstehen, da es in dem Saal mächtig hallte und die Stimmen sich vermischten, aber Sätze wie diese konnte er heraushören: "Ein Krake hat keine Angst vorm Wasser und ein Elephant nicht vor dem Land. Das gehört umgekehrt ! Ja, da haben Sie mir wieder mal eine tolle Mischung vorgesetzt ! Das war Ihr letzter Versuch !" Als Peter die beiden Männer erreicht hatte, rief der Vater ihm zu: "Das ist der Krakophant ! Die originellste Schöpfung seit Erwachen der menschlichen Erfindergabe !" Dabei lächelte er stolz und etwas trotzig, was seinen Gastgeber sofort zu einer erneuten Tirade herausforderte. "Originell von mir aus, aber nicht überlebensfähig ! Das muß doch auch psychisch stimmen ! Ein Kombi-Tier, das Bedürfnisse und Ängste entgegen seiner Ausstattung hat, wie wollen Sie das am Leben halten ?"
Die Vorwürfe begannen dem Vater nun peinlich zu werden, und er bedeutete seinem Sohn, daß er hier warte, während sie ihren Weg fortsetzten. Sie waren aber noch nicht weit entfernt, als direkt vor Peters Füßen die sandige Erde erbebte und ein scheibenförmiges Tier von der doppelten Größe ihres runden Wohnzimmertisches sich an die Oberfläche schüttelte, so wie eine Scholle es tut, die zuvor im Sand des Meeresbodens eingebuddelt war. Es wurde nun ein riesiger fünfarmiger Seestern erkennbar. Jedoch waren die Arme irgendwie schlangenförmig und zunächst aufgerollt. Das änderte sich sofort und Peter mußte erkennen, daß es sich bei den fünf Armen um Kraken-Arme handelte, wie er sie beim Krakophanten schon gesehen hatte. Was ihn jedoch über alle Maßen erschreckte, war, daß jeder dieser Arme an seinem Ende einen Kopf mit Krakenschnabel hatte. Und diese geschnäbelten Köpfe begannen nun auf der Erde herumzuhacken, daß ihm die Stöße durch Mark und Bein fuhren. Sand und Steine flogen durch die Luft. Peter sprang entsetzt zurück.
Dies währte aber nur wenige Sekunden; dann rollte der Seestern seine Arme wieder auf. Dafür aber begann es auf seinem Rücken unruhig zu werden. Fünf segelartige Gebilde erhoben sich: es waren Flügel ! Mit ihnen begann der Seestern zu schlagen, und heftig wankend erhob sich das ganze Tier, schwebte oder flatterte zunächst richtungslos davon, brachte durch seine Ungeschicklichkeit ein ganzes Baugerüst zu Fall und verschwand schließlich unter der Hallendecke in einer Nische. Dort blieb er aber wiederum nur kurz; dann kam er wieder hervorgeflattert, blieb einige Sekunden unschlüssig hoch in der Luft und fiel zuletzt wie ein flacher Stein zu Boden. Die beiden Männer waren noch rechtzeitig zur Seite gesprungen.
Als die Staubwolke sich halbwegs gelegt hatte, kam der Vater herbeigeeilt. Er blickte sich hastig um und rief, noch ganz außer Atem, Peter zu: "Das war der geschnäbelte Flugschlangenstern. Oder fünffach geschnäbelte Flugkrake. Oder der fliegende Sternschnabel-Saugrüsselkönig. Die genaue Bezeichnung steht noch nicht fest. Nur Eines kann ich dir guten Gewissens sagen: Das ist das originellste, fantastischste Kombinations-Tier, was je ins Leben gerufen worden ist !" Er wollte noch weiterreden, wurde aber von dem anderen Mann , der ihm gefolgt war, unterbrochen. Der brüllte mit sich überschlagender Stimme Sätze hervor wie die folgenden: "Jetzt ist aber Schluß mit meiner Geduld ! Ich habe Sie nicht beauftragt, Ihre eigenen Ideen zu verwirklichen ! Das ist ja alles völlig ohne Konzept ! Wo ist der Lebensraum für solche Tiere ? Wo ist auch nur ein Ansatz von gesunden Instinkten ?" Er ließ sich auch auf keine Einwände mehr ein, trieb Vater und Sohn ins Freie und rief ihnen nach: "Laßt euch hier ja nicht mehr blicken !"
Der Vater wirkte niedergeschlagen, wenngleich ein gewisser Trotz und Stolz nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen war. "Wer hat denn die Kopfläuse, Filzläuse, Spulwürmer und Malariafliegen entwickelt", grummelte er, während sie zum Auto gingen. "Das war ein Anderer !" - "Pappa", meldete sich Peter, "Herr Meier hat heute gesagt, daß auch Gott Fehler macht. Weil er wie du an einem Computer sitzt." - "Danke, Peter, ich sehe, du hältst zu mir", sagte er zufrieden und erleichtert. Dann drehte er sich um, hob die Faust und rief, so laut er konnte, in Richtung Zoo: "Banause !!!"