Stimmung: losgelöst, von allem
Freitag, 15.12.2006...
Um 18 Uhr mache ich mich auf den Weg, circa 40 Kilometer sollte mit dem Auto in einer guten dreiviertel Stunde zu schaffen sein. Alles läuft gut, zwar dichter Verkehr, aber das sind wir ja von der B1 gewöhnt...
Vorher noch schnell auf die Karte und in den Routenplaner geschaut, Eichenstraße 4 in 12435 Berlin, gut das ich da schonmal zu "Caveman" war, kurz die Route eingeprägt, Frankfurter Tor links rum, dann die Warschauer runter dann wieder links auf die Schlesische, 1-2 Kilometer, Parkplatz suchen, was wohl der zeitaufwendigste Akt an der ganzen Kiste werden wird...
Gut ich bin auf der B1, im Player gröhlt mir Mr. Molko schon jetzt sein "See you at the bitter end" von der 2003er-Konzert-DVD entgegen, auf voller Lautstärke, meine Stimmung steigt, ich grinse vor mich hin...
Da! Frankfurter Irgendwas! Cool. Jetzt heißts abbiegen. Ich stehe auf der Linksabbieger-Spur. Was ist das!? Was sehen meine kranken Augen? U-Bahnhof Frankfurter ALLEE!
Args, ich Depp. Kannst Du nicht lesen?? Frankfurter Tor! Kann doch nicht so schwer sein.
Gut, egal nix wie wieder rauf auf die B1, noch schnell nen Straßenbahn-Bordstein mitgenommen (mein armes Auto), nochmal schnell nen Blick auf die Karte, 1 Kilometer weiter. Die Aktion sollte mich nur ein paar Minuten gekostet haben.
Endlich. Das Frankfurter Tor. Jetzt links rum! Cool, denke ich so bei mir, links ist alles voll, da wollen alle hin. Mag auch daran gelegen haben, das der Alex so ziemlich ganz völlig abgeriegelt war.
10 Minuten an dieser bekloppten Stelle gestanden, dann Glück gehabt, grün und Gas.
Lied 13 --> "Taste in Men", diese unglaubliche Basslinie, die sie bei Konzerten mindestens eine Minute für sich alleine laufen lassen.
Ich rauche eine, öffne die Fenster, das auch jeder mitkriegt wo ich hinfahre.
ich wackel mit dem Kopf, singe lauthals mit.
Sehr geil, dieses Berlin, denke ich bei mir, immer was los, jede Menge Leute unterwegs. Faszinierend.
Der Rest des Weges gestaltet sich unkritisch, halb Treptow hat "Centrefolds", "Peeping Tom" und "Without you I'm nothing" mitbekommen, so scheint es mir.
Ich bin da, ich erinnere mich an die Lokalität. Damals mit C. und Ihren kollegen, war lustig. und "Caveman" war so wahr...
Gut, Parkplatz in der Mitte voll, oder eher schlecht. Egal, nächstbeste Seitenstraße eingebogen, alles voll, nächste Seitenstraße... YES! Da ist was frei. Nicht schlecht, den nehmen wir, ist zwar ne Einfahrt, aber das Tor ist so zugewuchert, das da in hundert Jahren niemand kommt um da rein zu fahren. Und wenn bräuchte er erstmal eine Kettensäge um holz- und gestrüpptechnisch ein wenig für Ordnung zu sorgen.
Alles eingepackt.
Check.
Zigaretten (sehr wichtig)
Handy (heute eher nicht wichtig, aber man weiß ja nie)
Karte (überaus wichtig, weil ohne Karte nix Konzert)
geliehenen Fotoapparat, Filme (im Endeffekt völlig nutzlos, dem Teil fiel dann ein batterietechnisch den Geist aufzugeben, sollte wohl mal in eine DigiCam investieren. So hatte ich das sperrige Ding das ganze Konzert an der Backe, störte mich aber dann auch nicht mehr.)
Autoschlüssel (spätestens zur Rückfahrt unerläßlich)
Geldbörse inkl. Geld (Wichtigkeit nicht zu unterschätzen, spätestens wenn man Durst hat)
Alles klar, alles dabei, Auto zu, loslaufen, erstmal eine rauchen, ich bin aufgeregt, schnellen Schrittes eile ich den Kilometer der Arena entgegen.
Auf dem Weg sehe ich nette Leute mit noch netteren Schildern. "Suche Karten". Ich grinse innerlich.
Nix gibts, nicht mal für eine Million gebe ich das Schätzelchen in meiner Innentasche her.
Vor der Arena gurkt ein 3er Golf Cabrio umher, offen, wie mutig von den Jungs, bei einer geschätzten Umgebungstemperatur von 1 Grad, aber irgendwie cool. Musiktechnisch hat er, wie solls auch anders sein, die aktuelle Platte von Placebo "Meds" zu bieten. Leute singen mit. "Baaaaaaaaaaaaaabyyyyyyyyyy, did you forget to take your Meds" dröhnt es.
Ohja! Wir haben alle unsere Medikamente genommen, unsere tägliche Dosis Placebo. Ich lächle.
Zweite Zigarette auf dem Weg, ich komme am Einlass an, gut voll, aber nicht zu übertrieben.Ich hol das Schätzchen raus, laß es abreißen, mich abtasten, und dann bin ich drin, aber nicht vorher noch eine an der frischen Luft geraucht zu haben...
Direkt neben den Tour-LKWs. An einem flattert ein Zettel:
"Die Show von Placebo beinhaltet lichttechnische Effekte (Stroboskope, Videoleinwände, etc.), die bei Epileptikern zu gesundheitlichen Problemen führen können."
Aha, danke für die Info.
Ich beobachte die Menschen, die vorbeilaufen.
Verschiedenste Klientel.
Punks, Goths, Rollstuhlfahrer, Normalos, Junge, Alte, Pärchen, Singles, Gruppen, Tokiohotel-Fans, Zahnspangen-Träger/-innen, eigentlich so ziemlich alles was die Gesellschaft so zu bieten hat.
So, drin, erstmal einen Überblick verschaffen, aha gleich links die Garderobe. Voll. Im Sinne von so richtig voll. Gut hol ich mir erstmal ein Bier. Hauptbar, auch voll. Gegenüberliegend, die 2. Bar, auch voll aber nicht so ganz, daneben die 2. Garderobe, relativ leer, haben wohl noch nicht alle mitgekriegt. Jacke weg, alles nötige in den Hosentaschen verstaut, Bier holen, 5 Minuten später habe ich es.
Das Bier war schnell alle. Bier wirkt beruhigend.
Ich postiere mich circa 25 Meter vor der Bühne vor der Lichttechniker-Insel.
Warten auf die Vorband. Eigentlich warten alle auf Placebo. "She wants Revenge" ist laut Karte angesagt. Eine gute Wahl, wirklich nett die Band.
Aber es sollte anders kommen, die "Howling Bells" betreten die Bühne, und das toppte vorbandtechnisch wirklich alles.
Ich zitiere hier mal einen Text von dort , besser hätte ich es wirklich nicht beschreiben können:
"...Doch jetzt ist Zeit für "Indie Noir." Für Howling Bells. Der Einstieg ist perfekt gewählt, "Blessed Night" elektrisiert sofort, die einnehmende Stimme der charismatischen Sängerin Juanita Stein sowie das magische Gitarrenspiel ihres Bruders Joel lassen keine Zweifel: Eine große Band steht uns gegenüber.
Wenig später bringt "Setting Sun" einen nahezu um den Verstand. Melodietrunkener, betörender Gesang, sehnsüchtige Gitarrenlinien, ein sich zum Himmel erhebender Refrain, ein einziges entrücktes Schweben: "But we'll rise and fall just like the setting sun."
Doch die Reise in höhere Sphären ist noch nicht zu Ende. Das bezaubernde "Velvet Girl" entführt noch einmal ins Reich der fantastischen Hooklines: "Be my velvet boy." Aber gerne doch. Sofort.
Dem Publikums gefällt's, selbst der Vater mit dem Sohnemann auf den Schultern wippt mit.
"You are very kind to a band you've never heard before", bedankt sich Juanita für die entgegengebrachte Begeisterung. Insgesamt ist alles etwas druckvoller und rockiger, als auf dem selbstbetitelten Debüt...
...Die schneidenden Gitarren des intensiven "Wishing Stone", das wundervolle, anrührende "The Night Is Young." Zum Schluss der achte und leider schon letzte Song: "Low Happening." Alles andere als das, ist der heutige Auftritt von Howling Bells. Eine unglaubliche Version, die einen atemlos zurücklässt..."
Es war ein Gedicht, etwas besseres zur Einstimmung konnte mir garnicht passieren. Ich ließ mich fallen, war gefangen von den sphärischen Gitarrenteppichen und der glockenhellen Stimme von Miss Stein. Es war grandios.
Sicher gab es aber auch einige im Publikum, die mit den "Howling Bells" nicht wirklich viel anfangen konnten, war mir aber auch wurscht.
Ich machte zum Abschluß dann die Erfahrung, wenn man schlanke 1,87m groß ist, das es immer noch Menschen gibt, die noch viel größer sind als man selbst und das diese Menschen geradewegs den Hang dazu haben sich genau vor einem zu postieren.
Gut, die Damen und Herren hatten eine halbe Stunde gespielt, was meinetwegen auch noch länger hätte gehen können. Zeit für das zweite Bier. Ich sah zwischen den beiden Kreuzen vor mir eh nur noch recht sparsam.
Wieder zurück von der Bar, den angestammten Platz zurückerkämpft, warteten ich und rund 7.000 andere Mannen auf unsere Favourits. Neben mir gesellte sich ein kleines Trüpplein von 3 Jungs und 2 Mädels dazu, wir kamen ins Gespräch unterhielten uns nett.
Placebo-Smalltalk: "Und wo warst Du schon zum Konzert?", "Wie fandet Ihr die Vorband?", "Ich seh nix, ah jetzt gehts.", "Ich will Brian sehen, ich will Stef sehen", "Das Bier schmeckt" "Bla..."
Insgesamt eine recht nette Unterhaltung und ich hatte Anschluß zum Feiern und Pogen gefunden.
Dann, um Punkt 21.00 Uhr begann es also, das Licht ging aus...
Die ersten Gitarrenriffs von "Infra-Red" erklangen und es war grandios, alle rissen die Arme hoch, schrien, brüllten, pfiffen...
Und dann stürmten sie auf die Bühne.
Von Beginn an rockten Mr. Molko, Mr. Olsdale und Mr. Hewitt so dermaßen die Arena, das es schon beängstigend war, wie das Publikum in einen absoluten Rausch verfiel...
Der Sound war absolute klasse, die Lichtshow ein Ereignis...
Wir werden begrüsst mit einem näselnden "Einen schönen guten Abend, hier sind die Damen und Herren von Placebo!"
(nach anschließenden Recherchen scheint das wohl momentan Brian Molkos Lieblingsspruch zu sein...)
Es folgten "Meds", "Because I Want You", "Drag", alles Songs aus dem aktuellem Album "Meds"
Dann:
Space Monkey (grandiose Performance)
Soulmates
I Know
Song To Say Goodbye (bei diesem Song gab es für alle kein Halten mehr)
Follow The Cops Back Home
Every You Every Me (komplettes Totalausrasten war angesagt)
Special Needs
One Of A Kind
Without You I'm Nothing
Bionic
Blind
Special K
The Bitter End
Running Up That Hill
Taste In Men (ich verweise hier auf oben genanntes Autogeschichtlein *gg, die Basslinie, die Basslinie!!!)
Twenty Years (mit Endlos-Ende, Stef konnte nach minutenlangen Gitarrengeschrammel nicht mehr, machte aber trotzdem weiter, Steve war vollends naß und verdrosch zum Abschluß sein Schlagzeug noch einmal so richtig und Brian entlockte seiner Gitarre die übelsten und geilsten Töne...)
Da mir jetzt die Gedanken ausgehen, ich in mich gehen muss, um auch noch die letzten Eindrücke in Worte zu fassen, gibts erstmal die Part I-Veröffentlichung.
Ich kann nur eins sagen, der Abend und das Wochenende waren noch lange nicht vorbei.
Wer einen Eindruck des Abends gewinnen will, sollte mal dort schauen:
Foto-Gallerie