Das Leben der jungen J

28.11.2012 um 18:07 Uhr

Über das Ende

von: VomFeuerkind   Kategorie: Gedankengänge

Ich schwöre es Euch, irgendwas stimmt mit der Zeit nicht. Es sind wieder erst zwei Tage in dieser unglückseligen Woche um. Und ich muss noch heute, morgen, übermorgen, nächste Woche und übernächste Woche arbeiten, bis ich endlich, endlich Urlaub habe. Aber die Zeit will einfach nicht umgehen. Nur morgens beim Aufstehen. Da verfliegt die Zeit förmlich. Ich kann die Uhr ansehen und einmal blinzeln und dann sind schon gleich 15min vergangen.

Ich weiß, ich habe diese Phase jedes Jahr und sie geht jedes Jahr vorbei, aber dieses Jahr fühlt sie sich schlimmer an als je zuvor. Ich hoffe jeden Tag, dass nun endlich der Tag gekommen ist, wo ich aus meiner Herbstdepression in die Geburtstagsvorstimmung wechsle. Aber er ist immer noch nicht da.

Dazu kommt noch, dass ich mich dieses Jahr noch stärker mit dem Tod auseinandersetzen muss, als sonst. Es stirbt eben im Moment nicht nur die Natur, sondern auch die Mutter des Pferdeflüsterers. Es geht neben dem ganzen Herbst nun auch darum, welche Urne man wählt, wie die Anzeige aussehen soll und was man mit ihrem ganzen Kram anstellt. Es steht nun wirklich schlecht um sie. Sie bekommt starke Schmerzmittel, isst fast nichts mehr und hat nur noch wenig und sehr kurze klare Momente.

Das Hospiz in dem sie jetzt ist, ist wirklich schön und die Leute kümmern sich da nicht nur um die Sterbenden, sondern auch um die Angehörigen. Es ist wirklich nicht leicht immer wieder stark an ein Sterbebett zu treten und nicht permanent in Tränen auszubrechen. Es ist leider trauriger Fakt, sie kommt da nicht mehr raus.

Ich hatte ja schon mal darüber geschrieben, was ich so von der Art halte, wie sie ihren Sohn erzogen hat und wie sauer und traurig mich das gemacht hatte, weil sie den Pferdeflüsterer so verkorkst hat. Aber als ich sie da so hilflos liegen sah, konnte ich nicht anders und ich verzieh ihr. Dass es dem Pferdeflüsterer nicht so leicht fällt, ist vermutlich klar. Was wirklich schade ist, denn in ihren klaren Momenten, ist es wirklich wichtig, ihr zu signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Man merkt förmlich wie sehr sie das braucht.

Obwohl ich die Frau kaum kenne, es nimmt mich doch ziemlich mit. Ich merke nun auch, wie stark ich mich selbst mit dem Thema Sterben auseinander setze. Wie würde ich es wollen? Wen will ich an meiner Seite haben? Wo will ich vergraben werden? Wie soll mein Ende aussehen? Was lasse ich zurück? Was wäre, wenn es meine Eltern wären?

Dann fällt mir wieder ein, dass ich früher regelrechte Panik-Attacken hatte, bei dem Gedanken, dass meine Eltern in den Urlaub fliegen und vielleicht nicht wieder kommen. Ich habe es damals darauf geschoben, dass ich noch in der Ausbildung war und sie noch brauchte. Ich dachte ich hätte es hinter mir gelassen. Aber demnächst hat mein Papi eine Operation an der Speiseröhre und die Panik kommt wieder hoch. Meine Gastmama aus den USA ist an Speiseröhrenkrebs gestorben. Was ist, wenn es sowas ist?

Ich wäre nicht so ruhig und gelassen, wenn die Situation umgekehrt wäre. Aber ich habe auch ein grundsätzlich gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich wäre am Boden zerstört und handlungsunfähig. Der Pferdeflüsterer steckt es scheinbar einfach so weg. Aber das liegt auch daran, dass er kaum Gelegenheit hatte, eine wirkliche Bindung zu seiner Mutter aufzubauen. Ich mache ihm da keinen Vorwurf und versuche ihm soweit zur Seite zu stehen, wie er mich lässt.

Tja.. und ich laufe nun durch die Gegend, bin mega traurig und hoffe einfach, dass ich bald wieder fröhlich sein kann. Ich versuche trotzdem meinen Geburtstag so zu planen, dass ich daran Spaß habe, auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, weil ich im Moment einfach nicht weiß, was ich so will.

22.11.2012 um 14:06 Uhr

Das Universum ist ein Arschloch.

Stimmung: Nölig. Hatte ich es schon erwähnt?

Heute bin ich einfach nur nölig.

Es fängt schon damit an, dass Herbst ist und da werde ich immer sentimental. Da überlege ich, was am letzten Jahr gut war. Und dann kriege ich schon schlechte Laune, weil letztes Jahr nichts gut war. Ich bin beruflich noch immer am selben Platz, ich habe nicht mehr Geld verdient und deswegen ist es immer noch knapp, Urlaub war solala, ich habe überhaupt nichts Besonderes erreicht und abgenommen habe ich auch nicht. Der Pferdeflüsterer und ich sind nicht zusammengezogen und alles hat sich verändert. Freunde sind weggezogen, der Pferdeflüsterer redet wieder mit seiner Mutter und wünscht sich eigentlich eher, sie wäre schon tot. Wir hatten eine Krise, die auch immer noch nicht durchgestanden ist. Ich bin maulig, weil mir überhaupt nichts mehr passt und weil ich aussehe wie ein Walross und es passiert figurtechnisch überhaupt gar nichts. Ich mach jetzt schon mehr Sport und was ist der Dank? 1cm an der Hüfte weniger und 1kg mehr auf der Waage. Na toll. Danke.

Jetzt habe ich schon den tollen Entschluss, dass ich einen neuen Job will und dann finde ich partout keinen, auf den ich mich überhaupt bewerben will. Da wären ja Absagen schon ein totaler Fortschritt. Im Moment geht mir mein Leben und der ewige Stillstand so dermaßen auf den Keks, dass ich schon Tage habe, da will ich es nicht leben müssen. Ich meine jetzt nicht, dass ich mich umbringen will. Ich will das Leben von jemand anderes leben. Nur nicht meins. Meins ist blöd.

Ich will morgens nicht aufstehen und zu dieser blöden Arbeit gehen. Ich will mich nicht mit den blöden Themen, den Leuten und meinem Chef auseinander setzen. Ich will mich nicht wieder auf die Waage stellen, nur um festzustellen, dass die ganze Geißelung nichts gebracht hat und sie wieder nur dasselbe anzeigt, wie am Vortag. Ich will nur die Decke über den Kopf ziehen und die furchtbare Herbstzeit verschlafen. Vielleicht wache ich ja dann irgendwann auf und alles ist anders. Es gibt wieder Frühling und alles ist neu und schön und grün und hell.

Zu allem Überfluss bekomme ich wohl einen Herpes.

Alle reden immer über Bestellungen beim Universum und dass das ja ach so super funktioniert und ja... hatte auch schon einen Erfolg, aber gerade geht keiner meiner Wünsche in Erfüllung. Da fehlt mir manchmal noch die Kraft weiter daran zu glauben, dass es etwas bringt. Mir bringt es gerade nichts.

19.11.2012 um 17:56 Uhr

Eine Frage des guten Tons

von: VomFeuerkind   Kategorie: Alltägliches Einerlei   Stichwörter: Pferdeflüsterer

Stimmung: Gut

Der Pferdeflüsterer und ich waren gestern in Skyfall, den ich nebenbei wirklich genial finde, und haben hinterher im Auto natürlich darüber diskutiert. Es ging hauptsächlich um die eine Szene auf der Insel und um die Computer(???) oder was auch immer das sein sollte in dem Raum, wo 007 festgehalten wurde. Ich fand nicht, dass das Server sein konnten. Es gab kein Hintergrundrauschen und keine Klimaanlage. Im Grunde sah es so aus, wie verkabelte Regale mit grünen Lichtern dran. Für den Pferdeflüsterer waren das Platinen und er bestand darauf, dass man das auch sehen konnte. Ich hab extra drauf geachtet und konnte nichts sehen. Ich verstehe auch nicht, warum wir uns immer an solchen Nichtigkeiten aufhalten können. Ist doch völlig egal, ob es Computer waren oder nur Show.

Jedenfalls gab ein Wort das andere und ehe ich's mich versah, fuhr ich den Pferdeflüsterer total von der Seite an, dass mir der Ton gerade überhaupt nicht passt, worauf der Pferdeflüsterer natürlich total überrumpelt war. Das Problem war folgendes: Ich hörte dem Pferdeflüsterer zu und dachte dabei, dass er den gleichen zickig/genervten Ton drauf hat, wie mein Chef und das ist mein persönliches rotes Tuch. Zwei Sätze von ihm in dem Ton und ich kann völlig ausrasten.

Also meinte ich (sehr laut und genervt), dass ich den Ton nicht haben kann und dass ich schon bei meinem Chef immer aufpassen muss nicht auszurasten und dass ich das nicht immer kann. Und das es mir total auf den Keks geht, dass er sagen kann, es reicht und wenn ich das sage, berücksichtig er es nicht.

Mit einem Moment Abstand kam mir mein Verhalten auch überzogen vor. Aber weil ich seit ein paar Tagen die Sache mit Ton genauer beobachte, fiel mir auf, dass ich keinen Deut besser war. Ich habe diesen Ton auch drauf und muss mich jetzt immer zusammenreißen, dass ich nicht zickig/genervt reagiere, nur weil der andere mich nicht versteht oder nicht gleich meiner Meinung ist.

Wie man das abstellt weiß ich auch nicht. Aber nerven tut es mich schon.

12.11.2012 um 14:52 Uhr

Die Angst arbeitet mit

Stimmung: mies

Als sie die Studentin nach meinem Urlaub mit meiner Recherchen-Aufgabe betraut haben, besonders weil ich an der Ausarbeitung ja weiterhin beteiligt war, schließlich verfügte sie über keinerlei Insights, habe ich ja noch hingenommen. Aber als ich meinte, ich will mehr Projektmanagement machen und sie die Leitung eines internen Projektes an einen der Entwickler gaben, musste ich schon schlucken. Aber dass sie mich nun fast vollständig aus der Weiterentwicklung meines Projektes rausgestrichen haben, das Projekt in dessen unmögliche Thematik ich mich über Wochen eingearbeitet habe, macht mich wütend.

Was soll das denn? Wollen die, dass ich hier vor Langerweile sterbe? Denn das ist hier bald soweit. Seit dem letzten Wolkenschloss, dass ich bauen sollte, was leider ungenutzt in der Schulbade verschwunden ist, bin ich mit ABMs beschäftigt. Meist welche, die ich mir selbst suche. Und mir gehen langsam die Ideen aus.

Fehlt jetzt  noch, dass sie auch noch nen Grafiker beauftragen, der die ganzen Oberflächen-Designs macht. Dazu kommt, dass das Verhältnis mit dem einen Geschäftsführer mehr als angespannt ist.

Mal sehen, ob sie demnächst ankommen und sagen, dass sie das Arbeitsverhältnis leider aufgeben müssen. Und dann? Ich sollte mich dringend um einen neuen Job kümmern. Nur leider geht das nicht so schnell. Muss ich jetzt neben dem ohnehin schon unguten Gefühl, jetzt auch mit der Angst vor einer Kündigung zu Arbeit gehen?

Andererseits war ich dort schon mal in einer ähnlichen Situation, als sie der Studentin meine andere halbe Stelle gegeben haben. Da haben sie mich auch nicht gefeuert. Hat sich jetzt etwas verändert?

09.11.2012 um 12:34 Uhr

Ende der Stagnation

von: VomFeuerkind   Kategorie: Gedankengänge   Stichwörter: Pferdeflüsterer, Far, Away

Stimmung: fest entschlossen

Ist es möglich, dass man weiß, dass man mit jemanden seine Zukunft verbringen will und dass der Mensch auch der richtige ist, aber dass man an so unterschiedlichen Punkten im Leben ist, dass die praktische Umsetzung nicht möglich scheint?

Ich liebe den Pferdeflüsterer. Er ist toll, auf so viele unterschiedliche Arten. Er kann mit meinen Eigenheiten umgehen und er ist so liebevoll und aufmerksam. Es macht viel Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen, mich mit ihm zu kabbeln, mit ihm einfach nur rumzuhängen. Ich finde es toll, dass er genauso verrückt und spontan ist wie ich und meine Verrücktheiten mitmacht. Wenn ich bestimmte alltägliche Dinge ohne ihn mache, wie einkaufen oder Autowaschen, sind sie dann trist und langweilig. Wir haben unseren Weg miteinander zu kommunizieren und dieses besondere Gefühl, was ich von Anfang an hatte, ist immer noch da. Es ist so ein warmes und wohliges Gefühl, er da ist und tiefe Zufriedenheit durchströmt mich. Auf der Gefühlsebene ist er der Mann, mit dem ich eine Zukunft will.

Aber heute Morgen traf mich die Erkenntnis. Vermutlich reicht das nicht. Es reicht nicht, dass man den anderen liebt und dass man grundsätzlich harmoniert. Die Lebensumstände müssen auch passen.

Tja.. und da ist das Problem. Mein Leben ist momentan geprägt von Stagnation. Es geht beruflich nicht weiter, es geht finanziell nicht weiter, mein Gewicht stagniert und in der Beziehung gehen wir auch nicht den nächsten Schritt. Auch im Leben des Pferdeflüsterers stagniert es. Sein Beruf geht ihm schon auf den Keks, seit dem wir uns kennen und er will zwar einerseits eine Zukunft mit mir, steht aber ohnmächtig davor und kann nichts aktiv umsetzen. Er glaubt nun, dass die Situation mit seiner Mutter uns belastet. Aber das ist es nicht. Es ist, dass er mega unzufrieden mit allem ist - und nichts dagegen tut. Dass er seine Vergangenheit nicht verarbeitet hat - und nichts dagegen tut. Dass er in Lethargie versinkt - und nichts dagegen tut. Dass er Probleme mit Leidenschaft hat - und nichts dagegen tut. Dass er nichts tut, damit wir zusammenziehen können.

Mit meiner eigenen Stagnation könnte ich vielleicht ja noch klar kommen. Vor allem weil ich sie selbst im Griff habe. Aber dass er nur meckert und nichts macht, dass er untätig rumsitzt, damit komme ich nicht klar. Also... was mach ich jetzt? Und die Antwort darauf traf mich ebenfalls heute Morgen, fast wie ein Schlag.

Ich kann ihn nicht dazu zwingen sich zu bewegen. Ich kann ihn nicht dazu bringen sich Hilfe zu suchen wenn er selbst nicht daran glaubt, dass er Hilfe braucht. Aber ich kann mit diesem Zustand auch nicht leben. Die Allheil-Antwort meiner Freundin auf derartige Probleme ist, „take it, leave it oder change it". Ich kann es nicht hinnehmen, dass es bei ihm so ist. Ich kann es nicht ändern. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als es zu verlassen. Das ist sehr traurig, besonders weil ich ihn wirklich liebe. Aber ich gehe kaputt, wenn nicht bald etwas passiert. Und auch wenn ich ihn nicht bewegen kann, ich kann mich bewegen.

Ich werde also folgendes tun: Nach der kniffligen Phase des aktuellen Projektes und ich wieder die Chance habe, einen Tag frei zu bekommen, werde ich mich auf andere Stellen bewerben. Mit mehr Druck als bei der letzten Runde. Ich weiß, dass ich hier in der Firma keine Zukunft habe. Sie investieren nicht, also ist Geschäftsentwicklung vergebene Zeit - trotzdem wollen sie mich immer in diese Richtung drücken. Ich will aber keine Wolkenschlösser bauen, die ich dann beiden gegenüber vertreten muss, wobei ich immer wieder den anstrengenden Mediator zwischen ihnen spiele, nur damit dann das Wolkenschloss ohne Umsetzung in der Schublade verschwindet. Ich bin ein Macher, kein Planer. Ich will in einem Unternehmen arbeiten, was mich fördert, nicht nur fordert. Ich will etwas lernen und mal ne richtige Fortbildung bekommen und nicht immer nur ein Buch auf den Tisch bekommen. Und ich will endlich auch ein Gehalt, mit dem eine Zukunft überhaupt möglich ist. Ich bin hier an der Grenze, von dem was sie mir bieten können, angelangt. Und ich will etwas ändern.

Und wenn das in einer anderen Stadt ist, ist es eben so. Mich hält hier nichts. Ich habe hier nicht mal mehr Freunde, die unter der Woche etwas mit mir unternehmen wollen/können und die, die noch nicht weggezogen, mit sich selbst beschäftigt oder sich woanders hin entwickelt haben, sehe ich so selten, dass ich deswegen nicht hier bleiben muss.

Diesmal ist es anders als beim letzten Mal, wo ich Hoffnung hatte, dass ich hier noch einen Weg finde, dass ich mich mit der Wohnsituation anfreunden kann, dass die auf der Arbeit es erkennen und mir doch mehr Möglichkeiten öffnen, glaube ich jetzt nicht mehr daran. Ich bin bereit alles loszulassen. Im Zweifel auch den Pferdeflüsterer.

Er kann sich überlegen, ob er mitzieht. Wenn nicht, bleibt er auf der Strecke zurück. In meiner Zukunft ist Platz für ihn, aber nicht, wenn er mich ausbremst. Dann muss ich wohl alleine weiter gehen.

Den Pferdeflüsterer vielleicht zurück lassen zu müssen, macht mich sehr, sehr traurig und verleidet mir ein wenig meine Entscheidung, aber ich weiß, dass sie für mich richtig ist. Das ist genauso, wie Far-way für sich entschieden hat, dass sie wieder zurück nach Berlin muss, weiß ich, dass ich eine Veränderung brauche. Ich muss aus dieser Stagnation raus.

01.11.2012 um 12:42 Uhr

Gemischte Gefühle

Stimmung: wechselhaft

Im Moment sind der Pferdeflüsterer und ich in einer schwierigen Phase. Letztens hatten wir einen ziemlich heftigen Streit, wegen irgendeiner Kleinigkeit. Eigentlich weil wir beide, wie so oft in der letzten Zeit, schlechte Laune hatten. Irgendwann sagte er, er glaube wir bräuchten beide mal eine ziemlich lange Pause und ich dann meinte, wir brauchen keine Pause, wir brauchen eine Trennung. Dann legten wir auf und blieben beide mit einem ziemlich miesen Gefühl zurück. Nein... Trennung wollten wir dann doch nicht, aber so wie es gerade läuft kann es auch nicht weiter gehen. Es folgten ein paar Mails und ein paar Gespräche.

Zwischendurch ging es mir auch ziemlich gut. Ihn mal ein paar Tage nicht zu sehen, tat mir richtig gut und ich merkte, was mir alles so gefehlt hat: Zeit für mich. Ich machte Sport und tat die Dinge am Wochenende, die ich früher auch immer am Wochenende gemacht habe. Ich hatte unglaublich viel Zeit und musste wirklich überlegen, was ich damals vor dem Pferdeflüsterer alles so angestellt hatte. Ich hatte sogar ein neues Lebensgefühl. Auch die Treffen, die folgten waren wieder von anfänglichen Prickeln erfüllt und ich nahm mir fest vor, dieses Gefühl auch weiter zu behalten.

Und dann wurde das mit seiner Mutter wieder schlimmer. Mittlerweile ist sie von ihren Ärzten aufgegeben worden und es wird nur noch was gegen die Schmerzen getan. Das wohl schlimmste daran ist, dass sie bei vollem Bewusstsein ist und nun mitbekommt, wie ihr Körper immer mehr versagt. Jetzt hat sie kein Gefühl mehr in den Beinen und die Hände können nicht mehr richtig greifen und das ist erst der Anfang.

Aber als wäre das noch nicht alles schlimm genug, hat sie ihre Verhältnisse nicht mal ansatzweise geordnet. Bei ihr zu Hause herrscht schlimmeres Chaos als beim Pferdeflüsterer in der Kammer des Schreckens - wenigstens weiß ich nun, wo er das her hat. Letztens hat sie ihm eine Zeichnung mitgegeben, wo noch weitere wichtige Unterlagen liegen könnten, die sich dann als uralte Gehaltsabrechnungen herausstellten.

Sie will nun auch ihr Gewissen erleichtern und es kommen immer mehr Einzelheiten raus, bei denen sie aus egoistischen Gründen Entscheidungen getroffen hat, die nicht im besten Interesse ihres Kindes waren. Gut... sie war jung... aber irgendwann hätte man doch mal reflektieren müssen, dass es doch so nicht weiter gehen kann. Irgendwann hätte man doch mal einsehen müssen, dass man auch mal was zum Wohle des Kindes tun muss. Ist das nicht die Aufgabe einer Mutter?

Und wie geht es dem Pferdeflüsterer dabei? Ich habe keine Ahnung. Warum er nicht so stinkig ist, dass er ihre Lieblingstassen an die Wand wirft oder nicht wieder aufhören kann zu heulen, weil er so traurig ist, dass sie sein Leben verpfuscht hat, verstehe ich nicht. Doch... eigentlich verstehe ich es schon. Wut und Trauer sind mit den ganzen anderen Gefühlen in eine Kammer eingesperrt. Er funktioniert einfach. Er fährt ständig da runter, um irgendwas zu regeln und ich kriege langsam Panik davor, wie viele Gefühle er noch einsperren will und wann sie endlich hochkomme und mich überrollen.

Schließlich ist das unser Hauptproblem. Er hat Schwierigkeiten, diese vielen schönen Gefühle, die man in einer Beziehung haben will, zuzulassen. Liebe und Leidenschaft eben, weil er das mit der Wut und der Trauer und der Enttäuschung eingesperrt hat. Er ist depressiv und zieht mich damit runter. Die Pause brauchten wir auch unter anderem, weil er sich ausgepowert und müde fühlt. Und nein... das ist keine Phase. Das geht schon so lange ich ihn kenne und es wird immer schlimmer. Nicht mal der Urlaub konnte etwas daran ändern. Er braucht Hilfe, aber das sieht er leider nicht ein. Ich bin zwar gut, aber ich bin kein Therapeut.

Mir geht es jetzt wieder so wie vor der Pause. Ich bin traurig und niedergeschlagen. Aber jetzt weiß ich wenigstens warum. Ich hatte früher immer schon das Gefühl, ich bin manchmal wie eine Antenne, die anderer Leute Gefühle fühlt. Und ja... mich macht diese egoistische Zicke tierisch wütend. Ich hätte große Lust zu ihr ins Krankenhaus zu laufen und ihr zu sagen, was ich von ihr halte. Und dass sie froh sein kann, dass ich ihn dazu überredet habe, seine offenen Fragen mit ihr zu bereden, weil sie sonst auf ihrem ganzen Chaos sitzen bleiben würde. Verdammt, wieso habe ich das nur getan?

Und dann stelle ich mir einen kleinen blauäugigen Jungen vor, der Angst davor hat mit einer blutenden Hand zur Oma zu laufen und der ständig aus seinem geliebten Umfeld gerissen wird, weil seine Mutter keine Lust mehr hatte, dort zu wohnen, um den sich nicht gekümmert wird und Leute, die sich kümmern wollten, durch seine Mutter von ihm fern gehalten werden. Mir zerreißt es das Herz, bei dem Gedanken an den kleinen Jungen. Ich könnte heulen. Und das habe ich auch schon gemacht.

Wenn das passiert denke ich wieder, es ist doch nicht meine fucking Aufgabe die Tränen eines anderen zu weinen. Aber ich kann nicht anders. Wenn ich mich diesen traurigen Gefühlen verschließe, habe ich Angst, dass ich die tollen Gefühle auch nicht mehr zulassen kann. Trotzdem stumpfe ich innerlich ebenso ab, wie der Pferdeflüsterer. Ich merke auch, dass ich wieder immer mehr in Lethargie versinke. Dass ich eben keine Energie mehr habe um Sport zu machen. Dass ich wieder anfange wahllos irgendwelchen Kram in mich hinein zu stecken. Offenbar machen wir also wegen seiner Mutter Pause von der Pause. Und das tut mir nicht wirklich gut.

Nein. Dass will ich nicht mehr. Ich kann nichts dafür, dass der Pferdeflüsterer keine schöne Kindheit hatte. Und so zynisch wie es klingt, man kann es jetzt auch nicht mehr ändern. Der Zug ist abgefahren. Jetzt muss er nur noch einen Weg finden, wie er damit leben kann. Und wenn mir das zu anstrengend ist, muss ich eben gehen. Aber ein schlechtes Gewissen bleibt, ebenso wie die Frage wie viele Opfer muss/sollte man für jemanden bringen, den man liebt? Ich liebe ihn. Aber ich sollte mich mehr lieben. Oder?

Aber im Stich lassen will ich ihn auch nicht. Er hat doch sonst keinen.