Das Leben der jungen J

05.11.2013 um 08:46 Uhr

Warum ist es immer so heftig?

Stimmung: gefestigt

Die letzten Kommentare auf meinen letzten Beitrag haben mich nachdenklich gemacht. Warum streiten wir uns und bin ich zu nachsichtig mit ihm?

Warum wir uns immer verrennen weiß ich nicht. Liegt vielleicht auch daran, dass wir unterschiedliche Typen sind. Ich kämpfe offen, bis der Kampf entweder gewonnen oder verloren ist. Mein Gehirn funktioniert auch verdammt schnell. Ich kann blitzschnell umschalten und ich den Kampfmodus gehen. Ich verstehe eine Situation sehr schnell. Und genauso wie ich dann aufgeheizt und explodiert bin, genauso schnell komme ich auch wieder runter. Wie ein Gewitter. Es ist da, es tobt und dann legt sich der Sturm wieder. Danach ist bei mir ist alles vergessen.

Er ist halt jemand, der dem Kampf aus dem Weg geht und sich in seiner Höhle verkriecht, um sich erstmal eine Meinung zu bilden. Er macht das, weil er die Situation eben nicht so schnell erfassen kann. Weil er immer ein wenig braucht, bis er merkt, dass ihn irgendetwas so richtig getroffen hat. Weil er nicht unbedacht irgendetwas sagen will, dass er hinterher bereut. Und wenn er seine Meinung gebildet hat, kommt er raus und kann wir reden darüber.

Aber so ist er eben und ich kann ihn nicht ändern. Es ist auch nicht direkt meine bevorzugte Wahl einen Konflikt zu lösen - wie gesagt, ich bin das Gewitter. Andererseits zwingt er mich aber auch erstmal nachzudenken. Gut... ich brauche da bei weitem nicht so lange für. Und ja... das bringt mich immer an die Grenzen meiner Geduld, abzuwarten, bis er fertig ist. Aber wenn ich die Wahl habe, zwischen jemanden, der von Spirale zu Spirale hüpft und nicht nachdenkt, ist mir langsames denken immer noch lieber. Wenigstens tut er es. Und auch langsames Nachdenken bringt uns näher zusammen. Zwar nicht sofort, aber hinterher. Weil wir dann darüber reden und uns gegenseitig immer besser kennenlernen. Aber auch jeder für sich lernt sich besser kennen. Weil wir ganz offen über Ängste und Wünsche reden können. Auch über die Dinge, die uns voneinander trennen. Das schafft eine wirklich tiefe Verbindung.

Er kennt das nicht. Im Grunde habe ich ihm beigebracht die Dinge auch mal zu hinterfragen. Bevor wir zusammen gekommen sind, hatte er im Grunde keine nennenswerten sozialen Kontakte - jedenfalls nichts mit Tiefgang. Er hatte sogar eine ziemlich negative Grundeinstellung, weil er immer böses von anderen vermutet hat. Es war auch wirklich schlimm ihn irgendwo mithin zu nehmen, weil er geredet hat, ohne wahrzunehmen, dass der andere ihm nicht zuhört und und und... Das hat sich alles in den letzten Jahren geändert. Er kann mittlerweile zuhören, er bekommt mit, dass ihm keiner die Aufmerksamkeit schenkt, er schafft es seine Gedanken zu ordnen und zusammenzufassen, ohne abzuschweifen, er ist interessant etc. Das ist allen meinen Freunden aufgefallen, die ihn anfangs schwierig fanden, jetzt aber wirklich mögen. Das hat sogar sein Arbeitgeber gemerkt, weil er plötzlich auf eine ganz andere Art Kritik üben kann.

Es ist nicht so, dass ich ihn verändern wollte. Ich habe ihm nur einen Spiegel vorgehalten und ihn solange gefragt, bis er einen Sachverhalt so klar ausgedrückt hat, dass ich ihn verstanden habe. Diese ganz Sache, darauf zu achten, was er fühlt und es auch auszudrücken, ist im Grunde genommen neu für ihn. Damals als ich Therapie gemacht habe, habe ich das erste Mal, als meine Therapeutin gefragt hat, wie ich mich fühle überhaupt nichts sagen können. Es war nichts da. Das brauchte auch bei mir Zeit, bis ich ein Gefühl überhaupt als solches wahrnehmen konnte. Ich sage nicht, dass ich eine Therapeutin bin, aber der Effekt ist ähnlich. Vielleicht wird er es irgendwann schneller schaffen, sich eine Meinung zu bilden.

Aber nicht nur er hat sich verändert. Ich musste auch ständig meine Herangehensweise überdenken. Meine Reaktionen. Er hält mir da genauso einen Spiegel vor. Ständig müssen wir gucken, ob das mein Problem ist, was ich bearbeiten muss, oder seins, was er überdenken muss. Und so entwickeln wir uns beide weiter. Und ich glaube, unterm Strich ist es genau dass, was ich gerne von einer Beziehung hätte: jemanden, mit dem ich wachsen kann.

Es geht nicht darum, dass ich die ganze Schuld habe. Ich habe etwas unbedachtes gesagt und er hat überreagiert. Diese beiden Dinge sind Fakt. Aber sie sind auch nicht mehr. Und er wollte eigentlich nichts weiter, als in Ruhe nachdenken und sich eine Meinung bilden. Das ist legitim. Er darf das. Es steckt kein versteckter Versuch dahinter, mich zu verletzen oder der verzweifelte Versucht, einen Grund zu finden, die Beziehung zu beenden. Er wollte nur nachdenken. In Ruhe. Wenn ich es wirklich nur als das gesehen hätte, wäre ich die Woche nicht durch die Hölle gegangen. Alles was ich ihm in Gedanken unterstellt habe, hatte den einzigen Zweck, einen Grund zu finden, wie ich ihm die Schuld für das Scheitern der Beziehung geben kann, sollte es dazu kommen. Und das ist definitiv nicht richtig. Wir hätten beide einen gleichen Anteil gehabt. Aber es tut weniger weh, zu verlassen, weil der andere ein Idiot ist, als verlassen zu werden, weil man sich nicht wieder zusammenfinden kann. Das hat sich alles in meinem Kopf abgespielt

Also, werden wir uns wieder streiten. Ja, das werden wir. Ich werde auch in Zukunft unbedachte Dinge sagen und ihn damit vielleicht verletzten. Ich will es nicht, aber ich werde es auch nicht immer verhindern können. Ich bin eben wie ich bin und das ist gut so. Wird er in Zukunft Zeit zum nachdenken brauchen? Ja, das wird er. Er ist eben auch so wie er ist und das ist auch gut so. Es wird noch viele Situationen geben, in denen wir uns streiten. Und sie werden immer heftig sein, weil wir uns nur über die großen Dinge streiten. Es wird viele Situationen geben, wo wir die Reaktion des anderen nicht verstehen. Wo wir verletzt sind. Es wird immer wieder darauf hinauslaufen, dass er nachdenken muss. Für sich allein. Vielleicht geht es eines Tages schneller und er braucht keine Woche mehr, aber er wird die Zeit brauchen.

Ich kann das gut finden oder nicht, aber ich werde das nicht ändern können. Was bleiben mir denn nun für Möglichkeiten? Entweder ich lehne das Verhalten grundlegend ab oder ich finde einen Weg mit damit klar zu kommen. Da ich den Pferdeflüsterer wirklich sehr schätze und gern eine Beziehung mit ihm führe und auch weil wir schon eine deutlich tiefere Ebene erreicht haben, werde ich wohl die zweite Variante wählen. Das ist meine Hausaufgabe: einen Weg finden, wie ich das Warten, bis er eine Meinung gebildet hat, wirklich nur als das wahrnehmen kann, was es ist - ohne durch die Hölle zu gehen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 05.11.2013 um 09:01 Uhr:"Schuld, Unschuld, Kampfmodus, Sieger, Verlierer" ... scheiße ey, ihr führt eine Beziehung und keinen Krieg!
    Warum muss es immer einen Schuldigen geben?
    Ein Streit resultiert daraus, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt, die sich nicht ganz einfach lösen lassen. Das heißt jedoch nicht, dass es einen Schuldigen und einen Besiegten geben muss.

    Wie wäre es, wenn ihr euch einfach versöhnen würdet und vielleicht mal drüber nachdenkt, wie solche alltäglichen Konflikte künftig nicht immer so ausarten müssen. Und da seid ihr zweifellos beide gefordert.
    Ihr macht es komplizierter, als es sein müsste. Und damit meine ich nicht nur ihn, der da wohl ein Kommunikationsproblem hat, sondern auch Dich, die Du einen gewissen Kommunikationszwang nicht leugnen kannst. Worte können klären, ja - aber sie können auch unnötig verwirren.
    Mehr als vier Worte braucht es hier nicht ... "Es tut mir leid!" ... Okay, ein gutes Essen und ein kuscheliges Bett als Ergänzung wären sicher ganz brauchbar. ;-)
  2. zitierenVomFeuerkind schreibt am 05.11.2013 um 09:47 Uhr:ja... du hast recht. Mit fast allem. ;) Es stimmt wir BEIDE kriegen das Ding von Gewinnen und Verlieren nicht aus dem Kopf. Ich weiß auch wirklich nicht, wie das gehen soll. (Ich kann da ja einen Blogbeitrag drüber schreiben... aber nicht sofort, irgendwie ist das Thema selbst für mich langsam durch).

    Normalerweise funktioniert es auch recht gut, dass wir die alltäglichen Dinge auf normalen Weg gelöst bekommen. Hier ging es eher darum, dass wir beide die Reaktion des anderen nicht verstanden haben und es nicht geschafft habe, es an dem Abend gleich zu klären. Das passiert. In diesem Fall haben es die vier Worte "es tut mir leid" nicht getan. Ich habe es ja versucht. Und ja wir müssen uns mit unseren unterschielichen Kommunikationsherangehensweisen auf einen Kompromiss einigen.

    *lach* Mir fällt da gerade was ein: Kannst du dir vorstellen, wie überrannt er sich manchmal von meiner Kommunikation fühlen muss? Da ist es ja verständlich, wenn er sich in die Höhle zurückzieht.

    Aber ehrlich gesagt, fühlt es sich auch gut an, wenn man nach einer Zensur herausgefunden hat, was hinter der merkwürdigen Reaktion für Ängste und Sorgen stehen und die miteinander zu teilen. Es bringt uns näher zusammen. Und dann gibt es nur noch Gewinner, weil wir uns stärker verbunden fühlen.

    PS: "Kommunikationsproblem trifft auf Labertasche" wäre doch ein netter Titel für einen Blog...
  3. zitierenlousalome schreibt am 05.11.2013 um 10:00 Uhr:Eines stört mich noch ein klein wenig: du hast eine "Hausaufgabe". Was ist seine? Aneinander wachsen bedeutet ja auch immer, dass jeder seine Grenze überschreiten und verschieben sollte. Für mich klingt das grad noch zu einseitig.
  4. zitierenGewuerzgurke schreibt am 05.11.2013 um 14:29 Uhr:Ich muss fast ein bisschen schmunzeln, weil mir das alles so bekannt vorkommt. Obwohl es wohl wirklich nicht besonders wichtig ist. Zu dem "Kommunikationsproblem trifft auf Labertasche" Blog könnte ich eine ganze Menge beitragen. Mein Freund ist einmal ähnlich ausgerastet, als ich gewagt habe, seinen Fahrradfahr-Stil zu kritisieren. Das ist fast exakt so abgelaufen wie du es geschildert hast. (Nebenbei, der Grund mag jetzt trivial erscheinen, ist es für ihn aber nicht. Er ist sehr Leidenschaftlich, was Straßenverkehr angeht :D). Auch danach ist es sehr ähnlich verlaufen, nur etwas abgekürzt, weil ich trotzdem zu ihm nachhause musste, weil es mitten in der Nacht war und ich in einer anderen Stadt gewohnt habe. Ich weiß bei ihm auch, wo der Kommunikationsproblem-Faktor herkommt, bin aber trotzdem auch der Meinung, dass das so nicht geht, und er es zumindest in einem gewissen Rahmen (ich erwarte ja nicht, dass er auch zur Plaudertasche wird), lernen muss, so wie ich eben auch lernen musste, nicht alles unbedingt sofortigst klären zu müssen, was mittlerweile auch gut funktioniert. Ich denke ich kann also ganz gut nachvollziehen wie du dich dabei fühlst, und vor allem warum das für dich, jetzt wo es sich wieder abgekühlt hat, nicht mehr so wild aussieht wie für Außenstehende. Ich denke das allerwichtigste in der Situation ist dann, dass ich da eben doch nochmal intensiver drüber redet(ja ich weiß, dass das kompliziert ist), nicht aus Erleichterung nur über die üblichen Themen. Und auch bei den "Hausaufgaben" wie sie hier genannt wurden muss man eben genau das bedenken, was in der Schule auch der Fall ist: Nicht jeder erledigt sie mit dem gleichen Tempo und nicht jedem fallen sie gleich leicht. Das heißt aber nicht automatsich, dass die Person es nicht versucht.
  5. zitierenGewuerzgurke schreibt am 05.11.2013 um 14:30 Uhr:(Tschuldige, Absätze hätten vielleicht geholfen)
  6. zitierenVomFeuerkind schreibt am 06.11.2013 um 00:04 Uhr:@lousalome: ich habe wirklich den ganzen Tag darüber nachgedacht, was seine Hausaufgabe dieses mal ist und außer zu überlegen, warum er so ausgetickt ist, fällt mir nichts ein. Ich fürchte, diesmal hab ich tatsächlich mehr zu tun. Aber ich verspreche Dir, dass das beim nächsten Mal vielleicht wieder anders ist. Der Pferdeflüsterer auch schon oft nachsitzen müssen... ;) Ne... warte: Er muss lernen zu verzeihen. Kommunikationsproblem haben und nachtragend sein, ist echt zu viel.

    @Gewürzgurke: das ist ja genau das Ding, dass der Grund von außen betrachtet keine große Sache ist. Deswegen ist es ja auch so schwer nachzuvollziehen. Mein Papi hatte das mal als wir seinen Autofahrstil kritisiert haben. Ich habs gesagt und er hat den ganzen Tag nicht mit meiner Mutter geredet und schlechte stimmung verbreitet. So kannte ich ihn gar nicht.

    Ich hätte gern sowas wie einen Mittelweg. Eine Woche ist schon echt hart. Vielleicht geht Nachdenken ja auch in einer halben? Hast recht, vielleicht ist es schräg und es fält mir echt schwer zu erklären, warum das genauso wie es ist, in Ordnung ist. Und ich bin wirklich froh, dass wir wirklich miteinander reden können. Viel besser als meine Mutter mit meinem Papi. Ich glaube sie hat aus ihm nie rausgekriegt, was da bei ihm schief gelaufen ist. Echt, mein Papi ist super lieb und alles, aber sich wirklich erklären kann er nicht. Wenn ich also das haben will, was ich gern hätte, muss ich eben warten, bis auch der Pferdeflüsterer seine Hausaufgaben erledigt hat.
  7. zitierenlousalome schreibt am 06.11.2013 um 07:27 Uhr:Musst du mir nicht versprechen aber gut, wenn es so ist. : ) Stimmt, Kommunikationsproblem UND nachtragend ist eine unschöne Mischung! ; )

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