Die Magie des Augenblicks

30.11.2008 um 22:47 Uhr

~> In einem Leben wie diesem

"Geld war der Grund gewesen, nach Amerika zu kommen. Wir waren vor dem Hunger geflohen, der Armut. Wir wollten reich werden. Was für ein bitterer Scherz. Ich war nicht reich geworden hier in Amerika. Und ich hatte es so sehr versucht. Aber das Einzige, was ich erreicht hatte, war, dass Geld und Geldsucht mein Leben beherrscht hatten, mein Leben in ein unentwirrbares Knäuel verändert hatten, das mich in die Tiefe zog. In Belgien hatte ich nie reich werden wollen. Dort war das Leben einfach gewesen.
Ich folgte dem Wasser und spähte grübelnd zum Ozean, der in der Ferne im Schein der Stadt glitzerte. Auf der anderen Seite dieses Ozeans... War es zu lange her? Konnte ich hier noch weg? Weg aus diesem komplizierten und gefährlichen Leben, das einen die Augen vor dem Wichtigen verschliessen liess?
Konnte ich noch zurück zu diesem alten Kontinent?
Ich konnte nicht mehr zurück in mein altes Leben. Ich hatte mich zu sehr verändert. Ich wollte nicht, dass Vater und Mutter, Charlotte und Charles mich als den Menschen kennenlernen, der ich jetzt war. Ich wollte, dass sie sich meiner erinnerten als den guten, unkomplizierten und unschuldigen Adrian, der ich früher gewesen war, nicht den amerikanischen Adrian.
Ich wusste auf einmal, was ich machen musste. Ich würde das Land des Reichtums und der Versprechen hinter mir lassen. Dieses Leben war vorbei. Ich würde nach Antwerpen zurückgehen und dort in der Menge verschwinden. Alles war jetzt ganz klar. Ich würde verschwinden.


Aus "In einem Leben wie diesem" von Aline Sax

 

 

10.11.2008 um 14:37 Uhr

~> Naokos Lächeln

von: Jari   Kategorie: ~ Liebe

"Midori blieb eine lange Weile stumm. So stumm, wie aller Nieselregen der Welt auf alle Rasenflächen der Welt fällt.
Währenddessen presste ich mit geschlossen Augen meine Wange gegen die Scheibe. "Wo bist du jetzt?", fragte sie endlich mit ruhiger Stimme.
Ja, wo war ich überhaupt?
Den Hörer umklammernd, wandte ich mich um und versuchte zu erkennen, was ausserhalb des Telefonhäusschens war. Wo war ich? Ich hatte keine Ahnung. Nicht den blassesten Schimmer. Wo war ich nur? Vor meinen Augen zeichneten sich die Gestalten der zahllosen Passanten ab, die hierhin und dorthin eilten. Immer wieder rief ich aus der Mitte dieses namenlosen Ortes Midoris Namen."


Aus "Naokos Lächeln" von Haruki Murakami

 

 

10.11.2008 um 10:16 Uhr

~> Was treibt Sammy an?

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

"Wie ein Meteor schoss jetzt Sammys Karriere in all ihrem zerstörerischen Glanz durch meinen Sinn, sein Blitzkrieg gegen seine Mitmenschen. Mein Geist hüpfte von Eroberung zu Eroberung, wie das Sammelalbum seiner Heldentaten, welches ich auf jener denkwürdigen Geburtstagsparty im Algonquin angelegt hatte. Es war ein beängstigendes und wunderbares Dokument, die Aufzeichnung, wohin Sammy rannte, und wenn man hinter die Bilder und zwischen die Zeilen sah, mochte man sogar entdecken, was ihn antrieb.
Und eines Tages würde ich es gern veröffentlicht sehen, als Entwurf für einen Lebensstil, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika Dividende abwarf."


Aus "Was treibt Sammy an?" von Budd Schulberg