~> Eine Zeit ohne Tod
"Da stand sie, tod, auf, öffnete ihre Tasche, die sie im Wohnzimmer gelassen hatte, und entnahm ihr den violetten Brief. Sie sah sich um, als suchte sie eine Stelle, um ihn abzulegen, auf dem Klavier, zwischen den Saiten des Cellos oder aber direkt im Schlafzimmer, unter dem Kissen, auf dem der Kopf des Mannes ruhte. Sie tat es nicht. Sie ging in die Küche, zündete ein Streichholz an, ein bescheidenes Streichholz, sie, die das Papier mit ihrem Blick vernichten, zu feinstem Staub zermahlen konnte, sie, die den Brief mit einem schlichten Fingertippen in Brand stecken konnte, bediente sich eines bescheidenen Streichholzes, eines gemeinen, alltäglichen Streichholzes, um ihren Brief zu verbrennen, jenen Brief, den nur tod selbst zerstören konnte. Es blieb keine Asche zurück. tod legte sich wieder ins Bett, umarmte den Mann, und ohne zu verstehen, was ihr, die niemals schlief, geschah, spürte sie, wie der Schlaf ihr sanft die Augenlieder schloss. Am darauffolgenden Tag starb niemand."
Aus: "Eine Zeit ohne Tod" von José Samarago
