Die Magie des Augenblicks

18.06.2009 um 00:35 Uhr

Coraline

Sie bildete sich ein, in der Nachtluft liebliche Musik zu hören - so eine Musik, die nur mit den allerkleinsten Silberposaunen und -trompeten und -fagotten entsteht, mit so zarten kleinen Pikkoloflöten und Tuben, dass nur die winzigen rosa Fingerchen von weißen Mäusen darauf spielen können.

Coraline stellte sich vor, dass sie wieder mit den beiden Mädchen und dem Jungen in ihrem Traum unter der Eiche auf der Wiese war, und sie lächelte.

Als die ersten Sterne am Himmel erschienen, ließ Coraline sich schließlich in den Schlaf hinübergleiten, während sich von oben die sanfte Musik des Mäusezirkus in die warme Abendluft ergoss und aller Welt verkündete, dass der Sommer fast vorüber war.

 


Aus "Coraline " von Neil Gaiman

 

 

14.06.2009 um 00:48 Uhr

~> Die Frau im Mond

"'Aber um auf Ihre Erzählung zurückzukommen: Hören Sie niemals auf, sich Ihrer wunderbaren Vorstellungskraft zu bedienen. Sie sind nicht verrückt. Glauben Sie nie mehr jemandem, der so etwas Ungerechtes und Bösartiges behauptet. Schreiben Sie weiter!'"

 


Aus: "Die Frau im Mond " von Milena Agus 

 

 

 

10.06.2009 um 23:40 Uhr

Der Steppenwolf

Angenehm duftete der süße schwere Rauch, ich fühlte mich ausgehöhlt und bereit, ein Jahr lang zu schlafen.

Oh ich begrifft alles, begriff Pablo, begriff Mozart, hörte irgendwo hinter mir sein furchtbares Lachen, wußte alle hunderttausend Figuren des Lebensspiels in meiner Tasche, ahnte erschüttert den Sinn, war gewillt, das Spiel nochmals zu beginnen, seine Qualen nochmals zu kosten, vor seinem Unsinn nochmals zu schaudern, die Hölle meines Inneren nochmals und noch oft zu durchwandern.

Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich.

 


Aus: "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse

 

10.06.2009 um 23:08 Uhr

Ich und die anderen

von: skindeep   Kategorie: ~ Prosa

Trotzdem sehe ich genau vor mir, wie das Haus aussehen könnte: klein - ein Geschoß würde vollkommen genügen -, aber mit einer großen Veranda oder Terrasse auf der Ostseite, wo ich in der Morgensonne frühstücken würde. Ein bißchen Land drumrum, genug, um ein paar Bäume zu pflanzen, und eine lange offene Zufahrt, so daß ich immer sehen kann, wer da kommt. Nach hinten raus ein Garten. Und drinnen, geschützt, aber nicht versteckt, Unmengen von Regalen und Schränken, so daß alles, was ich besitze, und alles, was ich mir noch zulegen werde, seinen rechtmäßigen Platz findet.

 


Aus: "Ich und die anderen" von Matt Ruff


 

10.06.2009 um 11:49 Uhr

~> Warten auf Godot

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

ESTRAGON Also, gehen wir?
WLADIMIR Zieh deine Hose rauf.
ESTRAGON Wie bitte?
WLADIMIR Zieh deine Hose rauf
ESTRAGON Meine Hose aus?
WLADIMIR Zieh deine Hose h  e  r  a  u  f.
ESTRAGON Ach ja. Er zieht die Hose hoch. Schweigen.
WLADIMIR Also? Wir gehen?
ESTRAGON Gehen wir!
Sie rühren sich nicht von der Stelle.

   Vorhang.


Aus: "Warten auf Godot" von Samuel Beckett