~> Die Kunst des Scheiterns
"Mir scheint die Suche nach dieser absoluten Weisheit sinnvoller als der Versuch, mein unvollkommenes Dasein bis in alle Ewigkeit zu verlängern.
Es genügt mir, meine Fehler während meiner irdischen Zeit wieder und wieder zu machen. Ich habe keine große Lust, sie auch noch bis in alle Ewigkeit zu wiederholen.
Natürlich spekuliere ich auch auf ein Leben nach dem Tod, darauf, dass mein Wesenskern unzerstörbar sei, dass ich aufgefangen werde von himmlischen Kräften. Aber auch dieses letzte große Scheitern am Leben ersehne ich mir als Möglichkeit zu einer Verwandlung meiner Person.
Ich hoffe, mir bleibt noch viel Zeit, um mich in der Kunst des Scheiterns zu üben, um dann beim Finale für das Abenteuer Tod gewappnet zu sein.
Und da nun mal definitiv niemand beweisen kann, was nachher passiert, halte ich es für legitim, sich das Schönste auszusuchen.
Vielleicht wird einem dann ja genau das Schloss gebaut, das man sich im Geiste errichtet hat, und da wäre es doch töricht, aus einer Hybris darauf zu verzichten, dass einen Engel dereinst liebend umfangen werden.
Na also."
Aus: "Die Kunst des Scheiterns" von Konstantin Wecker.

