"Nein!", schrie er. "Ich muss auf dem Kreuz stehen bleiben!"
"Rolf..."
Wer nannte ihn Rolf? Er war doch Rudolf von Amsterdam. Mit den Augen zwinkernd und sich immer noch gegen die Hände wehrend, die ihn festhielten, kreischte er: "Verflucht, so lasst mich doch los! Leonardo, hilf mir!" Er tastete nach seinem Messer.
"O nein, es ist wieder der Falsche!"
Die Stimme kannte er. Auch die fremde Sprache, in der die Worte gesprochen wurde, kam ihm plötzlich bekannt vor. Der Nebel wich, die Hände liessen ihn los. Er wankte einen Augenblick und schaute dann nach unten. Wo war das Kreuz.
Unter seinen Füssen sah er glatten, grünen Boden. Wärme schlug ihm entgegen, Stimmen drangen an sein Ohr.
"Natürlich ist es Rolf! Rolf..."
Die Glocken läuteten nicht mehr. Langsam schlug er die Augen auf und sah eine Frau, eine auffallend grosse Frau mit grauen Augen, die ihn forschend und ängstlich anblickte. Und da waren noch andere Leute, seltsam gekleidet, und alle starrten ihn an...
Waren das nicht Mariechens Augen? Nein, aber er kannte sie von irgendwo her. Die fremde Sprache umsummte ihn, und doch verstand er jedes Wort. Benommen schüttelte er den Kopf.
"Lasst ihn zuerst zu sich kommen."
"Mein Gott, wie sieht er aus!"
"Es ist der Schock..."
"Rolf... lieber Rolf..."
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er mit drohend erhobenem Messer dort stand. Die Frau schluchzte, näherte sich ihm vorsichtig und berührte seinen Arm. Jetzt erst drang allmählich die Wahrheit in sein Bewusstsein. Er stand im Laboratorium von Dr. Simiak. Die Frau mit den schönen grauen Augen war seine Mutter. Der seltsame Geruch, der ihn umgab, stammte von der halb geschmolzenen zeitmaschine, und der Mann, der ihn sanft auf einen Stuhl niederdrückte, war niemand anders als sein eigener Vater. Das Messer entglitt seiner kraftlosen Hand und blieb irgendwo im boden stecken. Rudolf von Amsterdam war zu Hause."
Aus: "
Kreuzzug in Jeans" von
Thea Beckmann