~> Irre! Wir behandeln die Falschen.
"Vor allem aber sollte man sich nicht andauernd mit seiner Psyche befassen. Dafür ist sie nicht gebaut. Und auch nicht mit seinem Psychiater, den sollte man am besten irgendwann vergessen. Lösungsorientierung bedeutet nämlich auch, dass der Patient sich von seinem Psychiater löst, der ja doch nicht mehr getan hat, als auf geschickte Weise dem Patienten wieder Zugang zu den eigenen Kräften zu verschaffen - mit denen er seine Probleme und seine Therapiebeziehung lösen kann. Ein Psychiater, der Dankesbriefe von seinen Patienten erwartet, hat etwas Wichtiges an seiner dienenden Aufgabe nicht verstanden. Wenn er sie dennoch bekommt, sollte er sich freilich nicht allzusehr grämen. Psychiatrie und Psychotherapie liefern bloß nützliche Methoden, um zeitweilige Störungen zu lindern oder zu beseitigen. Das ist ein höchst begrenztes Geschäft. Wege zum Glück haben die Psychowissenschaften nicht im Angebot. Und sicher gilt auch hier der Spruch von Odo Marquard: 'Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt.' Wenn man die Menschen landesweit in Ratgebern und Illustrierten mit einem ununterbrochenen Psychogemurmel berieselt, dann besteht die Gefahr, dass irgendwann auch auf diesem Gebiet das eintritt, was Aldous Huxley der ganzen Medizin warnend voraussagte: 'Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist.' "
Aus: "Irre! Wir behandeln die Falschen." von Manfred Lütz .
