Die Magie des Augenblicks

04.05.2011 um 14:37 Uhr

~> No & ich

"Geneviève ist wieder in ihre Fleischabteilung zurückgekehrt, sie hat uns noch einmal zugewinkt, bevor sie verschwand.

Ich sah wohl ein bisschen traurig aus, denn Lucas strich mir sehr sanft mit der Hand übers Gesicht. Er näherte seinen Mund meinem Mund, ich spürte erst seine Lippen und dann seine Zunge, und unser Speichel mischte sich.

Da begriff ich, dass unter all den Fragen, die ich mir stelle, die nach der Drehrichtung der Zunge nicht die wichtigste ist."


Aus: "No & ich " von Delphine de Vigan .

02.04.2011 um 15:30 Uhr

~> Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte

"Er nahm mich bei den Händen und zog mich hoch.

'Hol deine Sachen', sagte er. 'Träume machen Arbeit.'"


Aus: "Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte" von Paulo Coelho.
 

 

11.03.2011 um 02:27 Uhr

~> Der Alchimist

"Da erhob sich wieder der Wind. Es war der Wind der Levante, der von Afrika her kam. Diesmal brachte er weder den Geruch der Wüste noch die drohende Gefahr einer maurischen Invasion.Er trug vielmehr einen Duft herbei, den er nur allzu gut kannte, und einen Kuss, der sich ganz sachte auf seine Lippen legte. Der Jüngling lächelte. Das hatte der Wind noch nie getan.

'Ich bin schon auf dem Weg zu dir, Fatima', sagte er."


Aus: "Der Alchimist " von Paulo Coelho .

 

03.01.2011 um 19:42 Uhr

~> Die Eleganz des Igels

Als ich heute abend daran denke, mit einem Herz und einem Magen wie Pudding, sage ich mir, dass das Leben letztlich vielleicht das ist: eine Menge Verzweiflung, aber auch ein paar Momente der Schönheit, in denen die Zeit nicht mehr die gleiche ist. Es war, als hätten die Noten einen Spalt innerhalb der Zeit geöffneet, eine Art Unterbrechung, ein Anderswo im Hier, ein Immer im Nie.
Ja, genau, ein Immer im Nie.
 
Keine Angst, Renée, ich werde nicht Selbstmord begehen und ich werde gar nichts anzünden.
Denn für Sie werde ich künftig das Immer im Nie verfolgen.
Die Schönheit in dieser Welt. 

 


Aus: "Die Eleganz des Igels " von Muriel Barbery.

 

  

30.12.2010 um 22:29 Uhr

~> Die rote Couch

"Sind Sie bereit, Ernest?"
Ernest nickte abermals.
"Bestimmt, Ernest?"
Ernest lächelte wissend. Und ein klein wenig selbstgefällig - er hatte immer den Verdacht gehabt, dass sie einiges vor ihm verbarg. Er griff nach seinem Notizblock, kuschelte sich behaglich in seinen Sessel und sagte: "Immer bereit für die Wahrheit."


Aus: "Die rote Couch " von Irvin D. Yalom

 

13.10.2010 um 22:34 Uhr

~> Im Spiegel der Möglichkeiten

"Blätternd liest sie: Das Buch der Wandlung muss jeder für sich selbst schreiben.
Buch schreiben! Die Frau lacht, denkt an Iris' paradoxe Story über Shakespeare, ihren eigenen Wunsch sich in der Zukunft zu besuchen, und die Antwort der Schwester: 'Umgekehrt ist es kein Problem. Warte ab, bis du soweit bist. Dann hast du dich von ganz alleine erreicht.' Erneut lacht sie, liest: Goethe: wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt!
Dschuang Dsi: ich träumte, ich wär ein Schmetterling. Jetzt bin ich aufgewacht und weiß nicht, ob ich ein Mensch bin, der träumte ein Schmetterling, oder ein Schmetterling, der träumt, Mensch zu sein.

Dann beginnt die Frau zu schreiben: 'Nein, nein, nein!', schrie sie im Sturz, im scheinbar unendlichen Fall, den auch kein noch so verzweifeltes Armrudern bremst. Dann ein Schlag gegen die Hand: Schmerz, Erwachen, Angstschweiß. An Wiedereinschlafen ist nicht mehr zu denken, dafür sitzt die Beklemmung zu tief. Zudem dieses Scharren und Klappern, das kein Traum sein kann! - Kuschel! Iris knipst das Licht an, nimmt das Meerschweinchen aus seinem Stall, um sich zu trösten, die Angst wegzustreicheln...


Aus: "Im Spiegel der Möglichkeiten " von Karl-Josef Durwen .

 

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20.05.2009 um 21:10 Uhr

~> Eine Zeit ohne Tod

"Da stand sie, tod, auf, öffnete ihre Tasche, die sie im Wohnzimmer gelassen hatte, und entnahm ihr den violetten Brief. Sie sah sich um, als suchte sie eine Stelle, um ihn abzulegen, auf dem Klavier, zwischen den Saiten des Cellos oder aber direkt im Schlafzimmer, unter dem Kissen, auf dem der Kopf des Mannes ruhte. Sie tat es nicht. Sie ging in die Küche, zündete ein Streichholz an, ein bescheidenes Streichholz, sie, die das Papier mit ihrem Blick vernichten, zu feinstem Staub zermahlen konnte, sie, die den Brief mit einem schlichten Fingertippen in Brand stecken konnte, bediente sich eines bescheidenen Streichholzes, eines gemeinen, alltäglichen Streichholzes, um ihren Brief zu verbrennen, jenen Brief, den nur tod selbst zerstören konnte. Es blieb keine Asche zurück. tod legte sich wieder ins Bett, umarmte den Mann, und ohne zu verstehen, was ihr, die niemals schlief, geschah, spürte sie, wie der Schlaf ihr sanft die Augenlieder schloss. Am darauffolgenden Tag starb niemand."


Aus: "Eine Zeit ohne Tod" von José Samarago

 

 

21.06.2008 um 19:49 Uhr

~> Mister Pip

"Erst kürzlich ist mir in den Sinn gekommen, dass ich ihn nie mit einer Machete sah - seine Überlebenswaffe waren Geschichten. Und einmal, vor langer Zeit und unter sehr schwierigen Umständen, hatte mein Mr. Dickens uns Kinder gelehrt, jeder von uns habe eine besondere Stimme, daran sollten wir immer denken, wenn wir sie benutzten, und uns daran erinnern, dass uns die eigene Stimme, egal was im Leben geschah, nie weggenommen werden konnte.
Eine Zeitlang hatte ich den Fehler gemacht, diese Lektion zu vergessen.
In der andächtigen Stille lächelte ich noch über etwas anderes, was sie nicht wussten. Pip war meine Geschichte, obwohl ich ein Mädchen war und mein Gesicht schwarz wie die glänzende Nacht. Pip war meine Geschichte, und am nächsten Tag würde ich tun, was er versäumt hatte.
Ich würde versuchen, nach Hause zurückzukehren."


Aus: "Mister Pip" von Lloyd Jones

 

 

28.04.2008 um 23:27 Uhr

Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Diese Geschichten, die du gerade gelesen hast,

sind wie ein paar Steine.

Grüne Steine,

gelbe Steine,

rote Steine.

 

Diese Geschichten

sind nur geschrieben worden,

um einen Ort oder einen Weg zu markieren.

 

Die Arbeit, in ihnen,

in der Tiefe jeder Geschichte,

den versteckten Diamenten zu suchen,

ist die Aufgabe jedes einzelnen


Aus "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte " von Jorge Bucay

 

 

 

 

 

13.04.2008 um 14:59 Uhr

Und Nietzsche weinte

Am selben Nachmittag bestieg der Patient von der Nummer 13, Eckhardt Müller, einen Fiaker und ließ sich von der Lauzon-Klinik zur Bahn bringen, um nach dem Süden zu reisen, allein Richtung Italien, der warmen Sonne, dem reinen Himmel und einem Stelldichein entgegen - einem ehrbaren Stelldichein mit einem parsischen Propheten namens Zarathustra.


Aus: "Und Nietzsche weinte " von Irvin D. Yalom.

 

 

 

 

11.04.2008 um 21:02 Uhr

~> Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna...

Von Silencer .

Die eisernen Pforten öffneten sich. Ich sagte: "Die Antwort heißt: In mir drin, ganz in der Mitte. " Und ein kurzer Schreck überfiel mich, als ich Anna sagen hörte:
"Und auf welche Frage ist das die Antwort, Fynn?"

Das ist leicht. Die Frage heißt wo ist Anna?

Ich hatte sie wieder gefunden. Und ich war mir sicher, irgendwo saßen Mister Gott und Anna nebeneinander und lachten.


Aus: "Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna... " von Fynn.

 
 

 

 

17.03.2008 um 17:30 Uhr

Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Heute, da der Begriff des Proletariats, in seinem ökonomischen Wesen unerschüttert, technologisch verschleiert ist, so daß im größten Industrieland von proletarischem Klassenbewusstsein überhaupt nicht die Rede sein kann, wäre die Rolle der Intellektuellen nicht mehr, die Dumpfen zu ihrem nächstliegenden Interesse zu erwecken, sondern den Gewitzigten jenen Schleier von den Augen zu nehmen, die Illusion, der Kapitalismus, welcher sie temporär zu Nutznießern macht, basiere auf etwas anderem als ihrer Ausbeutung und Unterdrückung. Die eingefangenen Arbeiter sind unmittelbar auf die verwiesen, die es eben noch sehen und sagen können. Ihr Hass gegen die Intelektuellen hat sich demgemäß verändert. Er hat sich den verwaltenden gesunden Ansichten angeglichen. Die Massen mißtrauen den Intellektuellen nicht mehr, weil sie die Revolution verraten, sondern weil sie sie wollen könnten, und bekunden damit, wie sehr sie der Intellektuellen bedürften. Nur wenn die Extreme sich finden, wird die Menschheit überleben.

 


Aus: "Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben " von Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno

 

25.02.2008 um 20:37 Uhr

~> Sofies Welt

"Das erinnert mich daran, wie Sofie Albertos Boot geliehen hat. Weißt du noch, wie es auf dem See getrieben ist?"
"Du wirst schon sehen, dass sie auch hier wieder zugeschlagen hat", sagte der Major.
"Du machst doch Witze. Ich habe den ganzen Abend gespürt, dass etwas hier ist."
"Irgendwer muss zum Boot schwimmen."
"Wir schwimmen beide, Papa."


Aus: "Sofies Welt" von Jostein Gaarder

Sofies Welt

24.01.2008 um 21:46 Uhr

~> Die Zeit und das Glück

"'Ich werde im Finstern hin und her taumeln und immer wieder gegen Wände stoßen, bis ich irgendwann den Ausgang, das heißt, den richtigen Mann, gefunden habe.'

'Und wie müsste der sein, der 'richtige' Mann? Vielleicht kenne ich jemanden, der deinen Vorstellungen entspricht, und könnte dich mit ihm bekannt machen.'

'So ungefähr wie du - nur dreißig Jahre jünger.'" 


Aus: "Die Zeit und das Glück " von Luciano de Crescenzo .

 

 

07.01.2008 um 19:58 Uhr

~> Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort

"'Ich finde mich auch schön, wenn ich schlafe', sagte sie.

Ariel hielt ihr eine Hand. Er blickte zu ihr hoch und sagte: 'So wie du hier sitzt, bist du noch schöner.'

'Aber das kann ich nicht sehen, jetzt bin ich doch auf der anderen Seite des Spiegels.'

Erst, als sie das gesagt hatte, ließ Ariel ihre Hand los. 'Du siehst aus wie ein prächtig gekleideter Schmetterling, der von Gottes Hand losgeflogen ist', sagte er.

Sie sah sich im Zimmer um. Ein dünner Streifen Morgensonne zog sich über Schreibtisch und Boden. Unter Cecilies Bett hatten einige Strahlen den Weg zu dem chinesischen Notizbuch gefunden. Sie sah, wie die vielen Seidenfäden glitzerten und funkelten.

 


Aus: "Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort " von Jostein Gaarder .

 


 

 

30.12.2006 um 21:27 Uhr

~> Das Kartengeheimnis

Jederzeit - und überall - kann ein kleiner Narr mit Narrenkappe und klingenden Glöckchen auftauchen. Er blickt uns tief in die Augen und fragt: Wer sind wir? Woher kommen wir?

 


Aus: "Das Kartengeheimnis" von Jostein Gaarder

 


 

30.12.2006 um 20:35 Uhr

~> Der kleine Prinz.

Ich fang einfach mal an...


Aber keiner von den großen Leuten wird jemals verstehen, dass das eine so große Bedeutung hat..




Aus:" Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry