Die Magie des Augenblicks

20.11.2010 um 18:22 Uhr

~> Die toten Seelen

"Als Russe, der durch Bande des gleichen Blutes mit Ihnen allen eng verbunden ist, wende ich mich an Sie und insbesondere an alle die, die eine edle Gesinnung haben. Ich fordere Sie auf, sich der Verantwortung Ihrem irdischen Beruf gegenüber tiefer bewusst zu werden, weil diese uns nur dunkel und unklar vorschwebt und weil wir kaum..."


Aus: "Die toten Seelen " von Nikolaj Gogol.

 

 


 

18.08.2009 um 23:09 Uhr

~> Die Physiker

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

"MÖBIUS: Ich bin Salomo. Ich bin der arme König Salomo. Einst war ich unermesslich reich, weise und gottesfürchtig. Ob meiner Macht erzitterten die Gewaltigen. Ich war ein Fürst des Friedens und der Gerechtigkeit. Aber meine Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht mehr fürchtete, zerstörte meine Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot, über die ich regierte, mein Reich leer, das mir anvertraut worden war, eine blauschimmernde Wüste, und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde. Ich bin Salomo, ich bin Salomo, ich bin der arme König Salomo. Er geht auf sein Zimmer.

Nun ist der Salon leer. Nur noch die Geige Einsteins ist zu hören."


Aus: "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt

 

 

10.06.2009 um 23:40 Uhr

Der Steppenwolf

Angenehm duftete der süße schwere Rauch, ich fühlte mich ausgehöhlt und bereit, ein Jahr lang zu schlafen.

Oh ich begrifft alles, begriff Pablo, begriff Mozart, hörte irgendwo hinter mir sein furchtbares Lachen, wußte alle hunderttausend Figuren des Lebensspiels in meiner Tasche, ahnte erschüttert den Sinn, war gewillt, das Spiel nochmals zu beginnen, seine Qualen nochmals zu kosten, vor seinem Unsinn nochmals zu schaudern, die Hölle meines Inneren nochmals und noch oft zu durchwandern.

Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich.

 


Aus: "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse

 

10.06.2009 um 11:49 Uhr

~> Warten auf Godot

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

ESTRAGON Also, gehen wir?
WLADIMIR Zieh deine Hose rauf.
ESTRAGON Wie bitte?
WLADIMIR Zieh deine Hose rauf
ESTRAGON Meine Hose aus?
WLADIMIR Zieh deine Hose h  e  r  a  u  f.
ESTRAGON Ach ja. Er zieht die Hose hoch. Schweigen.
WLADIMIR Also? Wir gehen?
ESTRAGON Gehen wir!
Sie rühren sich nicht von der Stelle.

   Vorhang.


Aus: "Warten auf Godot" von Samuel Beckett

 

 

01.01.2009 um 21:29 Uhr

~> Die Verwirrungen des Zöglings Törless

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

"Er konnte nicht viel davon erklären. Aber diese Wortlosigkeit fühlte sich köstlich an, wie die Gewissheit des befruchteten Leibes, der das leise Ziehen der Zukunft schon in seinem Blute fühlt. Und Zuversicht und Müdigkeit mischten sich in Törless...
So kam es, dass er still und nachdenklich auf den Abschied wartete...
Seiner Mutter, die geglaubt hatte, einen überreizten und verwirrten jungen Menschen zu finden, fiel seine kühle Gelassenheit auf.
Als sie zum Bahnhof hinausfuhren, lag rechts von ihnen der kleine Wald mit dem Hause Bozenas. Er sah so unbedeutend und harmlos aus, ein verstaubtes Geranke von Weiden und Erlen.
Törless erinnerte sich da, wie unvorstellbar ihm damals das leben seiner Eltern gewesen war. Und er betrachtete verstohlen von der Seite seine Mutter.
"Was willst du, mein Kind?"
"Nichts, Mama, ich dachte nur eben etwas."
Und er prüfte den leise parfümierten Geruch, der aus der Taille seiner Mutter aufstieg."


Aus: "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" von Robert Musil

 

 

10.11.2008 um 10:16 Uhr

~> Was treibt Sammy an?

von: Jari   Kategorie: ~ Klassiker / Weltliteratur

"Wie ein Meteor schoss jetzt Sammys Karriere in all ihrem zerstörerischen Glanz durch meinen Sinn, sein Blitzkrieg gegen seine Mitmenschen. Mein Geist hüpfte von Eroberung zu Eroberung, wie das Sammelalbum seiner Heldentaten, welches ich auf jener denkwürdigen Geburtstagsparty im Algonquin angelegt hatte. Es war ein beängstigendes und wunderbares Dokument, die Aufzeichnung, wohin Sammy rannte, und wenn man hinter die Bilder und zwischen die Zeilen sah, mochte man sogar entdecken, was ihn antrieb.
Und eines Tages würde ich es gern veröffentlicht sehen, als Entwurf für einen Lebensstil, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika Dividende abwarf."


Aus "Was treibt Sammy an?" von Budd Schulberg

 

 

03.09.2008 um 10:32 Uhr

Der Ekel

Ein Buch. Natürlich wäre das zunächst nur eine langweilige und anstrengende Arbeit, es würde nicht verhindern, daß ich existiere, daß ich mich existieren fühle. Aber es würde ein Moment kommen, wo das Buch fertig wäre, hinter mir läge, und ich denke, daß etwas von seiner Klarheit auf meine Vergangenheit fallen würde. Vielleicht könnte ich dann, über das Buch, mich ohne Widerwillen an mein Leben erinnern. Vielleicht würde ich eines Tages, wenn ich genau an diese Stunde denke, an diese trübe Stunde, in der ich mit rundem Rücken darauf warte, daß es Zeit ist, in den Zug zu steigen, vielleicht würde ich mein Herz schneller schlagen fühlen und mir sagen: "An dem Tag, in der Stunde hat alles angefangen." Und es gelänge mir - in der Vergangenheit, nur in der Vergangenheit -, mich zu akzeptieren.

Es wird dunkel. Im zweiten Stock des Hôtel Printania sind zwei Fenster hell geworden. Die Baustelle des neuen Bahnhofs riecht stark nach feuchtem Holz: morgen wird es auf Bouville regnen.


Aus: Der Ekel (La nausée) von Jean-Paul Sartre

 

11.04.2008 um 21:21 Uhr

~> Der Idiot

"Aber jetzt ist es genug, sich berauschen zu lassen; es wird Zeit, zur Vernunft zu kommen. Und alles dies hier, dieses ganze Ausland und dieses euer ganzes Europa, alles das ist nichts als Phantasie, und wir alle sind hier im Ausland nichts als Phantasie ... behalten Sie meine Worte, Sie werden es noch selbst einsehen!" habe sie beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch beinahe zornig geschlossen.

 


Aus: "Der Idiot " von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. 

 


 

 

 

30.03.2008 um 15:58 Uhr

~> Effi Briest

Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte ruhig:" Ach Luise, lass... das ist ein zu weites Feld."


Aus: "Effi Briest " von Theodor Fontane.

 

 


 

06.03.2008 um 23:23 Uhr

~> Romeo und Julia

Prinz. Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen;
Die Sonne scheint, verhüllt vor Weh zu weilen.
Kommt, offenbart mir ferner, was verborgen:
Ich will dann strafen oder Gnad' erteilen;
Denn niemals gab es ein so herbes Los,
Als Juliens und ihres Romeos.


Aus: "Romeo und Julia " von William Shakespeare .

 

 


Und im Original:

Prince. A glooming peace this morning with it brings;
The sun for sorrow will not show his head.
Go hence, to have more talk of these sad things;
Some shell be pardon'd, and some punished;
For never was a story of more woe
Than this of Juliet and her Romeo.

07.01.2008 um 21:44 Uhr

~> Anna Karenina

"Ich werde Kitty auch weiterhin Vorwürfe machen, wenn ich mich selbst ängstige, um es nachher zu bereuen; werde verstandesmäßig nicht begreifen, warum ich bete, und werde doch beten. Aber mein Leben, jeder Augenblick dieses Lebens, was auch immer in Zukunft mit mir geschehen wird, wird nicht mehr sinnlos und vergeblich sein wie bisher; es hat einen unbezweifelbaren Sinn bekommen: Er liegt in dem Guten, das ich in jeden Augenblick meines Daseins hineinzulegen vermag."

 


Aus: "Anna Karenina " von Leo Tolstoi .

 

 


 

 

06.01.2008 um 16:44 Uhr

~> Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

"Die Fesseln fielen. Ich hob sie auf ... Ich wollte sie noch einmal in der Hand halten, sie noch zum letztenmal sehen. Ich wunderte mich gleichsam darüber, dass sie soeben noch an meinen Füßen gewesen waren.

"Nun, mit Gott! Mit Gott" sagten die Sträflinge mit ihren rauhen, trockenen Stimmen, aus denen aber diesmal eine gewisse Zufriedenheit mit irgend etwas klang.

Ja, mit Gott! Freiheit, neues Leben, Auferstehung von den Toten ... Welch ein herrlicher Augenblick!"


Aus: "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus " von Fjodor Michailowitsch Dostojewski