Die Magie des Augenblicks

20.11.2010 um 18:42 Uhr

~> Wünschst du dir keinen Engel?

"Ich aber wusste, dass Großmutters Seele schon längst nicht mehr bei uns war. Vielleicht war sie im See bei den anderen - den irischen Elfen namens Ellylon, die ich mit der Flöte meiner Großmutter zum Tanz gerufen hatte.

Das jedenfalls wünschte ich mir."


Aus: "Wünschst du dir keinen Engel? " von Isabel Abedi.

12.09.2009 um 18:15 Uhr

~> Das geheime Leben der Bücher

"Gott selbst trat jetzt an den Plattenspieler und legte Wolfgang Amadeus Mozart auf.
Der Buchhändler lächelte, als er die Musik hörte.
"Etwas lauter", bat er ihn.
Die Lautstärke erhöhte sich ein wenig.

Die Bücher begannen voneinander zu träumen.
Der Buchhändler schlug sein Buch auf und blätterte vor zur letzten Seite."


Aus: "Das geheime Leben der Bücher" von Régis De Sá Moreira

  

14.06.2009 um 00:48 Uhr

~> Die Frau im Mond

"'Aber um auf Ihre Erzählung zurückzukommen: Hören Sie niemals auf, sich Ihrer wunderbaren Vorstellungskraft zu bedienen. Sie sind nicht verrückt. Glauben Sie nie mehr jemandem, der so etwas Ungerechtes und Bösartiges behauptet. Schreiben Sie weiter!'"

 


Aus: "Die Frau im Mond " von Milena Agus 

 

 

 

16.10.2008 um 21:06 Uhr

~> Im Herzen des Tals

Hier oben, im warmen Abendwind, fühlter er sich dem Himmel näher als dem Tal. Ihm war, als flöge er. Er breitete die Arme aus und stellte sich vor, er wäre ein Vogel. Doch er war keiner.  Vögel flogen. Menschen forschten. Und wenn sie gewissenhaft forschten, lernten sie vielleicht etwas. Er wusste nur, dass er lernen wollte. Die Frage, warum er das wollte, war genauso sinnlos wie für einen Vogel die Frage, warum er fliegen wollte. Er war ganz einfach dazu geboren.

Er hörte den Regen auf die Baumkronen prasseln, bevor ihn selbst der erste Tropfen traf. Er hob den Kopf zum Himmel und ließ sich die warmen Regentropfen über das Gesicht laufen.


Aus: "Im Herzen des Tals " von Nigel Hinton .

 

10.08.2008 um 12:56 Uhr

~> Firmin - Ein Rattenleben

"Die Worte hallten wie Trompeten in meinen Ohren wider: "Ho hänge! Hänge Hoch! Und das Geklirre unsres Gekreisches bis wir entspringen um frei zu sein."
Ich drehte mich einmal in meinem Nest um, faltete die Pfropfen auseinander, bis er wieder ein Stück von einer Seite war, einer Seite aus einem Buch, einem Buch von einem Mann. Ich faltete sie ganz auf und las: "Doch ich verleere sie die hier und alles verlor ich. Einersamm in Lassenehit mein. Für all ihre Fehler. Ich entfleusse. O bittres Ende! Sie werden's nie sehen. Noch wissen. Noch mich vermissen. Und's ist trübe und trübe es ist bejahrt und trübe es ist bejahrt und benommen."
Ich starrte auf die Worte, und sie verschwammen oder verschleierten sich nicht. Ratten haben keine Tränen. Trocken und kalt war die Welt, wunderschön die Worte. Worte des Abschieds und des Lebewohls, adieu und bis dann, von dem Kleinen und dem Grossen. Ich faltete die Passage wieder zusammen und ass sie auf.


Aus: "Firmin - Ein Rattenleben" von Sam Savage

 

 

17.07.2008 um 21:32 Uhr

~> Der Mondhund

"Das sind Sterne", sagte Tirkyneu lachend. "Von nun an werden sie den Liebenden leuchten."
Dann öffnete Monder den zweiten Sack, und Tirkyneu begann, farbige Streifen zum Himmel zu werfen.
"Das ist das Polarlicht", erklärte sie Monder. "Schön, nicht?"
Monder brachte kein Wort heraus. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Bis zu dieser Nacht der Grossen Liebe zwischen Tirkyneu und Monder war der Himmel, wenn der Mond nicht leuchtete, dunkel und undurchdringlich, und es schien, als gäbe es in der Natur nichts, was diesen grossen dunklen Raum erhellen könnte.
"Jetzt wird der Himmel immer so schön sein", sagte Tirkyneu. "Und alle, die die Grosse Liebe erfahren, werden sich am Funkeln der Sterne und an den Farben des Polarlichts erfreuen, und mein Mond wird ihnen leuchten. Und in Grosser Liebe werden neue Menschen gezeugt."
"Ja, Menschen", entgegnete Monder und drückte Tirkyneus zarten Körper an sich."


Aus "Der Mondhund" von Juri Rytcheu

 

 

17.03.2008 um 17:13 Uhr

Der Schrecksenmeister

Und noch etwas, denn ich kann sie schon hören, die Kritiker, die mir angesichts meiner kühnen Bearbeitung Leichenfledderei und geistigen Diebstahl vorwerfen werden. Dazu nur so viel: Das Werk von Gofid Letterkerl ist rechtefrei. Und: Wie kann man etwas stehlen, das allen gehört?

Verklagt mich doch!

 

Hildegunst von Mythenmetz

 


Aus: "Der Schrecksenmeister " von Walter Moers

 

 

 

 

17.03.2008 um 17:05 Uhr

Die Stadt der Träumenden Bücher

Nun erst sah ich mir das Buch an, das ich der Feuerhölle in Phistomefel Smeiks Laboratorium entrissen hatte, und ich schauderte, als ich erkannte, dass es ausgerechnet Das Blutige Buch war. Ich wandte mich ab vom Anblick der brennenden Stadt, marschierte los und sah nie wieder zurück.

Und nun, oh meine geliebten lesenden Schwestern und Brüder, ihr tapfersten aller Freunde, die ihr mich bis hierher so furchtlos begleitet habt - nun wisste ihr, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und wie ich mir das Orm erwarb. Und mehr gibt es nicht zu erzählen.

Denn hier hört die Geschichte auf.

 

 


Aus: "Die Stadt der Träumenden Bücher " von Walter Moers



 

 

 

 

17.03.2008 um 16:59 Uhr

Rumo und die Wunder im Dunkeln

Ja, da war er, der Silberne Faden, und er floß durch die Tür hinein in Ralas Haus.

"Geh schon!", sagte Löwenzahn.

Und Rumo folgte Rala auf unsicheren Beinen, die Hand fest um seinen Schwertgriff geklammert, als suche er Halt.

"Zeig ihr die Schatulle", flüsterte Löwenzahn. "Zeig ihr die Schatulle aus dem Nurnenwaldholz."

"Ja", sagte Grinzold. "Das wird sie umhauen."

 

Und hier schließt sich die Lade mit dem Buchstaben R.

Sie schließt sich aus Diskretion,

weil Rala nun Rumo

in das Wunder der Liebe einweihen muss.

 

Denn es gibt Wunder,

die müssen im Dunkeln geschehen. 

 


 

Aus: "Rumo und die wunder im Dunkeln " von Walter Moers

 

 


 

 

17.03.2008 um 16:52 Uhr

Wilde Reise durch die Nacht

"Diese Zeichnung ist wirklich völlig misslungen", sagte er leise zu sich selbst. "Der Tod hat recht gehabt: Ich muss noch sehr viel üben."

Gustave rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. Dann erhob er sich von der Bettkante, wankte hinüber zum Fenster und öffnete den Vorhang.

Und es wurde Licht.


Aus: "Wilde Reise durch die Nacht" von Walter Moers

 

 

03.02.2008 um 09:47 Uhr

~> Das Haus der sprechenden Tiere

von: Jari   Kategorie: ~ Fabel / Erzählung / Märchen   Stichwörter: Timmerberg, Haus, Tiere

"Schöne Putzi, kluge Putzi. Einen Kampf, den man nicht gewinnen kann, lässt man sein. Und dass Katzen fähig sind, sich in ihrem Schicksal einzurichten, beweisen sie Tag für Tag in allen Gassen von Marrakesch. So fing die Beziehung an. Die Willkür des Zufalls hatte zwei zusammengebracht, die nicht zusammengehören, und weil ich die Klügere von beiden war, gab ich nach. Das Schwein dankte es mir mit einer Vertrauenseeligkeit, die mein Herz zu rühren begann.
Als es verstanden hatte, dass ich es nicht mehr töten, fressen oder zur Haustür hinausjagen wollte (und konnte), sah es mich mit einem Blick an, der mich zerfliessen liess:
"Wollen wir spielen?"


Aus: "Das Haus der sprechenden Tiere" von Helge Timmerberg

 

 

30.12.2006 um 20:50 Uhr

~> Ensel und Krete

"Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, und wer sie fängt, darf sich auf keinen Fall eine Pelzkappe daraus machen oder Suppe daraus kochen, denn das Pelzkappenmachen und Suppekochen aus kleinen Waldtieren ist von heute an verboten auf immerdar."


 Aus: "Ensel und Krete" von Walter Moers