Die Sonne und die Sternchen

31.10.2015 um 02:54 Uhr

my job is my castle

Herrje... Der Titel ist furchtbar. Dass ich das einmal schreiben werde...

Ich hasse meinen Job. Er ist stressig. Überfordert mich. Bringt mich jeden Tag über meine Grenzen. Jeden Tag verschieben sie sich ein bisschen mehr. Aber ich erwisch mich dabei, dass mir das Halt gibt. Indem ich das Bürochaos im Gleichgewicht halte, halte ich irgendwie auch mich im Gleichgewicht. Oder das Ungleichgewicht. Ich halte das Ungleichgewicht im Gleichgewicht. Gleichgewicht des Schreckens. Reiner Escapismus.

Heute war Teamtag. Furchtbar. Furchtbar. Furchtbar.

Und doch ist was Gutes passiert. es wurden einzigartige Kompetenzen gesammelt. Wenn man eine einzigartige Kompetenz eines anderen Kollegen auf eine Karte geschrieben hat, die kein anderer auf eine Karte geschrieben hat, dann bekam man Punkte. Nun.. Ich mochte diese Aufgabe nicht besonders. Zu intim. Brainstorming liegt mir ohnehin nicht. Du hast 5 min Zeit 20 Nudelsorten zu nennen. Sei dir sicher, dass mir bei so einer Aussage keine einzige Nudelsorte mehr einfällt. Gottseidank hatte ich eine ehrgeizige Kollegin in der Gruppe. Die hat uns den Arsch gerettet.

Naja, dann hetzte man also so durch die Aufgabe. Es war auch ganz amüsant. Und dann sagte eine Gruppe meinen Namen und ich wurde rot. Ich werde auf eine Art rot, die sehr selten ist: Ich WERDE nämlich gar nicht rot. Also man sieht es nicht. Innerlich verbrenn ich dann fast, meine Haarwurzeln schmerzen, so sehr erröte ich, aber in meinem Gesicht passiert nüschte. Ich muss also völlig gelassen und freundlich ausgesehen haben, als die Kollegen folgendes sagten:

Sunny kann unfassbar gute Texte schreiben.

???

Wtf?

Das dachten wohl auch andere Kollegen, denn es ging eine kleine Diskussion los, dass dies ja keine EINZIGARTIGE Kompetenz sei, denn andere könnten auch sehr gute Texte schreiben. Ich war im Fokus, verbrannte innerlich und lächelte weiterhin freundlich und gelassen vor mich hin.

Die meinen Texten wohlgesonnenen Kollegen blieben beharrlich: Gute Texte vielleicht, vielleicht auch sehr gute, aber nicht so unfassbar gute wie Sunny.

Das ist alles süß. Und schmeichelhaft. Und auch ein bisschen peinlich.

aber vor allem ist es eines.

Es ist gut.

Weil ich seit ewiger Zeit mal wieder einen privaten Text verfasse. Weil ich darauf gekommen bin, dass ich an meinem Stress im Büro festhalte wie eine Ertrinkender eine Planke.

Der Stress schützt mich. Er schützt mich davor, mich meinem Inneren zu stellen, meiner Traurigkeit und meiner Einsamkeit und meiner Angst vor der Zukunft, Angst zu versagen, Angst nicht gut genug zu sein, Angst nie wieder richtig Frieden zu finden..

Aber das ist ja nun wirklich nicht meine Art.

Mich nicht zu stellen.

Aber die Seele geht zu Fuß.

Und es ist spät.

Nebenan schläft das Sternenmädchen. Eine Freundin ist bei ihr. Und morgen kommen noch mehr. Das Sternchen ist beim Papa. Er nimmt nur noch die Kleine. Das Sternenmädchen möchte nicht mehr hin.

Und das ist nur eine der Unregelmäßigkeiten in meinem Leben.

Ich sollte wieder schreiben.

Einfach weil es gut tut.

Auch wenn es nicht immer unfassbar gut ist.

 

11.01.2015 um 04:35 Uhr

Und die anderen Männer...

...verhalten sich komisch.

Ja, es ist, als hätte ich "getrennt lebend, und zwar frisch" auf der Stirn stehen. Einen neuen Partner hatte ich auch schon. Sogar recht lange am Stück für einen Übergangsmann. Und das war er. Ein Übergangsmann. Weiß der Teufel, was mich da geritten hat. Aber in der Werbephase war ich so empfänglich für Aufmerksamkeit, ach, wie ein vertrocknetes Blümchen habe ich nach Komplimenten und Interesse an mir als weibliches Individuum gedürstet. Und wie gut alles aussah. Ein Designer, gut angezogen, psychologisch interessiert, musikalisch, charmant, ein hübsches Häuschen, zwei Autos, eins davon ein (juchhuh) VW-Bus, drei entzückende Kinder, die ich wirklich sofort sympathisch fand, unglaublich, was da alles gepasst hatte. Jeder vernünftige Mensch hätte mir sagen können, dass es niemals hätte klappen können, aber die Idee, dass ich einfach den alten (unpassenden) gegen einen neuen und perfekt passenden Partner (PPP, grins) austauschen könnte, war zu verführerisch.

Nunja. Das der sich komisch verhalten hat, lag an ihm, nicht an mir.

Aber die anderen? Das ist echt merkwürdig. Dieser Busfahrer neulich, der mir, als ich bezahlen wollte, lächelnd eine gute Fahrt wünschte und mich mit einem eindeutigen Blick in seinen Bus winkte. Hallo? Das ist mir 14 Jahre nicht passiert. Warum jetzt? Oder der alte Bekannte aus der Studienzeit, der diesen komischen Blick bekam, als er mich, wie immer mal wieder alle Jubeljahre, in der Stadt traf, und darauf bestand, mich auf einen Kaffee einzuladen. Hat DER auch noch nie gemacht. Oder die Papas um mich herum, an denen man schon tausend Mal an Kuchentheken und Spielplätzen gestanden hat. Sie haben jetzt dieses Funkeln in den Augen... Und das in einer Phase meines Lebens, in der ich mich am kaum um mein Äußeres kümmere, geschweige denn einen Blick für potentiell passende Partner (PPP, s.o.) habe. Ich bin immer in Hetze, fühl mich verlassen und unattraktiv. Ist es vielleicht genau das? Die Löwen, die ein verletztes Reh wittern? Keine Ahnung, aber offensichtlich muss ich irgendwas Freiwildmäßiges ausstrahlen.

Ich habe jetzt einen Verehrer. Einen Nachbarn. Er ist Anwalt und etwas skurril. Während der Zeit, als der Ex noch hier lebte, haben wir immer gescherzt, dass es der seltsamste, aber einzig unkonventionelle Hausbewohner ist. Sonst wohnen schon sehr sehr ordentliche Menschen hier. Aber Herr Rechtsanwalt läuft auch schon mal in Unterhosen durchs Haus und bringt seine Wäsche in den Keller. Man sieht ihn nie in Gesellschaft. Auch nicht mit Mandanten. Überhaupt muss man sich fragen, wovon er eigentlich lebt...

Zwischen mir und Herrn Rechtsanwalt bestand immer eine gewisse ironische Einigkeit. Wir haben uns bei unseren kurzen zufälligen Begegnungen wissend angegrinst. Weiß der Geier, WAS wir wussten. Vielleicht wussten wir auch nix. Vielleicht war es das Wissen, nichts zu wissen und sich genau deswegen wissend anzugrinsen. Jedenfalls sind wir 8 Jahre aneinander vorbeigelaufen, ohne auch nur jemals ein Wort miteinander zu sprechen. Im letzten Jahr kam es tatsächlich öfter mal vor, dass er ein Paket von mir angenommen hat. Und er hat sie immer brav zu mir runtergebracht. Ich nahm sie freundlich entgegen, ließ das wissende Grinsen weg und beachtete das seine kaum.

Neulich habe ICH ein Paket für IHN angenommen. Eigentlich warte ich ja immer, bis ein Nachbar sie dann abholt, man bekommt ja eine Benachrichtigung. Aber weil sie Herr Rechtsanwalt so bemüht hat, ging ich zwei Mal nach oben - da war er aber nicht da...

Also kam er das Paket abholen, kurz nach Weihnachten. Und hatte einen Marzipanelch mit für die Kinder... Er sagte wissend grinsend, dass er schon mal geklingelt hätte, und ich sagte ihm mit einem abwesenden Lächeln in die Wohnung, aus der das laute Rumpeln und Krähen des Ministernchens ertönte, dass ich auch schon zwei Mal bei ihm oben gewesen wäre. Aha, aha, vielen Dank, guten Rutsch und Tschüss, tauschten wir noch aus, dann wars schon vorbei.

Eine halbe Stunde später wollten wir spazieren gehen. Vor der Tür eine Flasche Rotwein (oha) mit einer Karte (oha!) und Kringelgeschenkband dran (OHA!).

"Sehr geehrte Frau SPunkt, für Ihre vergeblichen "Zustellungsversuche" möchte ich mich nochmals herzlich bedanken. HIer speziell für Sie ein Wein aus meiner Heimat. Herzlichst, Herr Rechtsanwalt."

Dä.

Ich hab das gar nicht verstanden. Herr Rechtsanwalt hat eine ziemlich unleserliche Unterschrift. Und N.N. und "Sehr geehrte Frau SPunkt" hab ich überhaupt nicht zusammen gebracht. Meine Große hat es wieder vor mir gecheckt. "Bestimmt Herr Rechtsanwalt wegen dem Päckchen", grinst sie. Und: "Haha, der steht auf dich."

"Pschscht!" Ich lege meinen Finger auf den Mund, Mann, wir standen doch noch im Treppenhaus.

Heute habe ich Herrn Rechtsanwalt zum ersten Mal seitdem in der Stadt gesehen. Wir haben uns schon von ganz weitem gesehen und erkannt, aber beide schnell so getan, als hätten wir uns nicht gesehen (irgendwie scheinen unausgesprochene Vereinbarungen unser Ding zu sein) und dann im letzten Moment gespielt erstaunt gegrüßt. So auf den letzten Drücker, dass ich nicht in Verlegenheit kam, diese Flasche Rotwein erwähnen zu müssen, zumal ich ja gar keinen Alkohol trinke und mir so auch das nahe gelegenste Thema, nämlich der Geschmack des Weins, genommen ist.

Was macht man denn da? Also wenn man kein Interesse hat? Nix? Das würde ich auch machen, wenn ich Interesse hätte...

Jedenfalls komisch, das alles mit den mittelalten Männern und Frauen... Es ist, als wären wir in einer zweiten Pubertät. Manche SIND wieder auf dem Markt, andere würden sich gern wieder auf den Markt schmeißen. Und ich hab eigentlich gar keine Lust auf dieses unreife Spielchen. Es hat seinen Reiz verloren. Mit Freundinnen darüber reden ist auch längst nicht mehr das, was es war. Vielleicht sind wir dann doch wieder zu abgeklärt dafür, keine Ahnung...

Andererseits: Wie soll ich sonst an das kommen, worauf ich doch am wenigsten im Leben verzichten kann? Geht das ohne das Spiel? Ein Traum! Eine Begegnung auf Augenhöhe mit einem erwachsenen Mann. Gibt es das? Erwachsene Männer? Menschen? Sind wir je erwachsen? Wird mir nochmal die Liebe begegnen? Fragen über Fragen... Kann ich mich grad nicht drum kümmern... 

Jedenfalls mach ich es nicht mehr unter einem VW-Bus.

Ja genau. Das ist das, worauf ich am wenigsten verzichten kann.

Ein VW-Bus. 

 

10.01.2015 um 02:08 Uhr

Ungenügend...

Na. Das hab ich jetzt davon. Ein paar kleine Trennungseinträge und ich werde von Partnerbörsen zugespamt. Ich werde gefragt: "Ihr Herz wurde oft genug gebrochen? Sie wollen endlich einen Partner, der es ernst mit Ihnen meint?"

Ha! Als ob DAS das Problem wäre....

Welch ein Missverständnis! Welch ein Luxus wäre es, mir in diesen Zeiten Gedanken um mein zartes Herzchen zu machen. Nein. Das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist die plötzliche Konfrontation mit der Realität des Alleinseins. Und wer das nicht kennt, der kann hier nicht mitreden. Konnte ich auch nicht vorher. Wie oft habe ich so manches Mal zu Alleinerziehenden hinübergeschielt und den Hut gezogen. Einmal war ich 3 Wochen mit meiner damals schon recht großen Tochter allein. Sie war 5, als der Papa 3 Wochen nach New York reiste. Ich dachte mir nix dabei. Und es war auch nicht schlimm. Im Gegenteil. Ich fand das großartig mal allein zu sein. Alle Handgriffe allein zu machen. Nach MEINER Ordnung zu leben. Niemanden einbinden zu müssen. Eine Auszeit. Aber in der letzten Woche... Da ging es los, mir auf den Nerv zu gehen. Ich kam ein bisschen an meine Grenzen und zählte nun doch die Tage, bis der Herr Papa wieder den Schlüssel im Türschloss klicken ließ.

Danach hatte ich nur einen ganz leisen Hauch einer Ahnung, wie es alleine mit einem Kind ist, und wusste auch, WIE leise dieser Hauch ist, aber ich hatte einen Heidenrespekt vor denen, die das immer machen. Himmel, all diesen vielen Schrittchen und Reaktionen und Entscheidungen, all diese Fragen und Antworten, dieser ganz nicht in Worte zu fassender Prozess - all dies alleine zu tragen? Puh.

Und jetzt isses so. Und die Erkenntnisse purzeln. Es sind nicht die Schrittchen, die Entscheidungen, Handgriffe oder die Belastung. Es ist die erschütternde Erkenntnis, wirklich und wahrhaftig allein damit zu sein. Die Aussicht. Die Perspektive. Die Identität.

Eine Lebenskrise vom feinsten.

Und doch wird es besser. Ich beobachte mich dabei, wie ich Monat für Monat besser damit zurechtkomme. Mich arrangiere. Neue Dinge entdecke. Und ich bin noch nicht so weit, dankbar für diese Erfahrung zu sein. Neinnein. Nee. Wirklich nicht.

Andererseits... War der Zustand vorher WIRKLICH besser? Was würde ich mir also wünschen? Geteilte Verantwortung? Getrenntes Leben? Ein wöchentliches Wechseln/Tauschen? Ach. Unterhalt wär schon schön.

Ich bin heut allein zuhause. Ein Zustand, nach dem ich mich immer wieder sehne. Und von dem ich überfordert bin, wenn er denn mal eintritt.

Ich habe bei allerhand Tests heute mitgemacht. Aus lauter Langeweile.

Jetzt weiß ich, dass ich Katniss Everdeen bin, dass ich bei einer Zeitreise in die Blütezeit des Islams reisen sollte (?), als Wetterphänomen ein Sonnenaufgang wäre, als klassische Schauspielerin Katherine Hepburn, meine Haare rosa färben sollte, das Vierbuchstabenwort, was mich am ehesten beschreibt, 'Sieg' ist, mein Geburtsdatum über mich verrät, dass ich mitfühlend und empathisch bin, mich die Leute auf 36 schätzen, mein zweites Ich Batman ist, ich am ehesten "das Mädchen von nebenan" bin und dass das, worauf ich am allerwenigsten im Leben verzichten kann (und das war wirklich ein Lacher, Achtung jetzt kommt's)

Sex

ist.

Na da habe ich aber in den letzten 15 Jahren bei Weitem nicht alles richtig gemacht...

05.06.2014 um 21:55 Uhr

Neulich an der Wursttheke

Heute liefen erstmalig die Tränen. Ich bin nicht so gut im Weinen. Viele sagen: Lass es doch mal raus. Das tut gut. Es ist nicht gut für dich, das alles zu unterdrücken.

Ist es nicht? Ich behaupte, dass es NICHT gut ist, es rauszulassen. Wenn ich 'es' nämlich rauslasse, dann weiß ich doch gar nicht, was 'es' alles ist. Da is so viel. Am Ende noch meine traurige Kindheit. Alles im Topf. Herbei, herbei, gekocht ist der Brei...

Naja. Heute liefen sie doch, die Tränen... Ob es gut getan hat? Ich weiß nicht. Irgendwie war es klein und erbärmlich. Der Auslöser? Der mitleidige Blick meiner Putzfrau. Und dann stiegen sie hoch, die Tränen, und krochen unbarmherzig in die Augen unter der Brille, die ich auszog, um sie aufzuhalten, wegzuwischen. Ich versuchte zu lachen, doch es gelang mir nicht. Und sie schaute mich nur an und seufzte rumänisch: Och, moin schötzölchön, ochjö, moin schötzölchön.

Auch darüber konnte ich nicht lachen. Ich winkte ab, ging ins Badezimmer und ließ mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Ich hab mal gehört, das stabilisiert den Kreislauf. Vielleicht stabilisiert es ja auch die Seele. Das Herz? Herz-Kreislauf? Is ja alles irgendwie miteinander verbunden. In der Wissenschaft haben wir gelernt: Alles hängt mit allem zusammen. So weit so gut.

Warum schaut mich eigentlich sonst keiner mitleidig an? Wieso bekomme ich so viel positives Feedback: Wahnsinn, wie du das stemmst. Ich bewunder dich. Wenn es einer schafft, dann du! Du hältst dich so wacker! Toll! Super! Wahnsinn!
Das ist nicht wirklich schlecht zu hören. Aber auch nicht wirklich gut. Ich nicke dann. Und mache weiter. Und denke, ja, du MUSST es ja auch schaffen. Es GEHT ja nicht anders. Mach keinen Fehler. Keine Schwäche. Keine Belastung sein. Stark sein. Drüber stehen. Milde und besonnen. Lächeln. Weitermachen.

Der Gitarrenlehrer meiner Großen hat mir eine Mail geschrieben. Er wär gern als 'Freund' für mich da, würds aber mit all seinem eigenen Mist nicht schaffen. Aber er findet es unglaublich, wie (Achtung. Trommmelwirbel.) 'sexy' und 'attraktiv' ich bei all der Belastung noch auftreten würde.

Mh. Das hört man gern. Zuerst. Dann wurde ich nachdenklich. Ja. Wahrscheinlich mach ich genau das. Ich trete selbstbewusst auf (lassen wir das mit sexy und attraktiv, ich bin geschmeichelt, aber das ist nicht der Punkt). Ich trete so auf und deshalb könnte ich sonstwas sagen, die Menschen nehmen mir meine Schwäche nicht ab.

Einmal in einer gruppentherapeutischen Sitzung sagte ich sehr deutlich, dass es mir beschissen geht. Etwas wortgewandter, aber sinngemäß. Daraufhin schwiegen alle. Sehr lange. Ich war versucht, zu relativieren. Noch irgendetwas nachzureichen. Ich schaute in all die Gesichter und fragte mich, ob ich sie mit meinem Leid überfordert hätte. Dann platzte eine Frau heraus: Entschuldige, wenn ich das sage, aber du siehst einfach so VERDAMMT GUT aus.

Dä!

Vielleicht bin ich zu schön für diese Welt? Haha, jetzt muss ich doch grinsen. Das ist doch ein Knallersatz. Zu schön, um bemitleidet zu werden. Aber nicht schön genug, um nicht verlassen zu werden.

Dilemma-haha, muss immer noch grinsen.

Vielleicht hab ich aber auch zu viel Humor?

Ich kann nämlich sogar dann über mich lachen, wenn ich an der Wursttheke stehe und anderen Eltern begegne, die mich (aha. Also doch.) mitleidig ansehen und fragen: Und bei euch? Nich so gut, haben wir gehört.

An der Wursttheke weinen ist nun wirklich nix. Oder?

Also sag ich meine einstudierten Sätze: Es wird sich alles einpendeln. Wir haben ja guten Kontakt. Es ist natürlich weit weg von optimal, aber die Situation wird sich nach und nach verbessern. Nein. Wir ziehen noch nicht um. Ende des Jahres werde ich mich mal umsehen.Die Kinder? Ach. Die Große nimmt es sehr tapfer. Die Kleine hat es noch gar nicht verstanden. Wir werden sehen. Aber so weit geht es uns gut.

Ja, dann..., sagen sie dann meistens in schwebender Intonation. Und ich lächel sie weg, die peinliche Abschiedspause und sage was Nettes oder frage nach dem werten Allerlei und dann gehe ich nach Hause mit zwei übervoll bepackten Plastiktüten, ein Joghurttöpfchen platzt und dessen Inhalt läuft mir an den Innenarmen herunter. Die Kinder sind Gottseidank nicht dabei, weil die Große den Schlaf der Kleinen bewacht für 20 min, Gottseidank hab ich an der Wursttheke nicht geweint, denn sonst hätte alles viel länger gedauert.

Brauch ich mehr oder weniger Selbstmitleid?

Wenn ich mir den Text anschaue, bekomme ich einen ambivalenten Eindruck.

Und wie gut, dass ich ambivalenztolerant bin...

 

11.05.2014 um 01:30 Uhr

der verlassene ist immer schon vorher gegangen...

ach guck, was man nicht alles findet, wenn man sucht:

19.08.2008, vor fast 6 jahren:

 

Lieber Freund,

deine Musik ist gut. Deine Sprache mag ich. Deine Stimme hat etwas helles, freundliches. Deine Augen blicken hellgrau und intelligent in die Welt. Wenn sie blicken. Und das tun sie. Sie blicken in die Ferne. Sie betrachten etwas, das ich nicht sehe. Nicht sehen soll.
Du bist für dich. Und ich mag das. Du stehst, gehst, kommst voran auf deiner Straße. Unabhängig. Für dich. Ich finde das interessant.
Lieber Freund, du hast etwas, was mich reizt. Du hast ein gewisses Flair, etwas Atmosphärisches, eine Ahnung der alten Seelen. Du hast mich neugierig gemacht. Du bist ein Wanderer, ein Sammler, ein Analytiker, ein Beobachter, all das bist du, und ich mag dich dafür.
Sehr.
Wir leben in verschiedenen Welten. Niemals war es mir so klar wie heute.
Auf deiner Straße mitzugehen, ist ein einsames Vergnügen. Weißt du, um ehrlich zu sein, ist es gar kein Vergnügen. Ich mag dich. Oh, wie sehr ich dich mag. Ich tanze. Tanze hinter dir her. Und du schaust dich nicht um. Ich frage. Frage dich all diese Fragen. Und du antwortest nicht. Ich berühre dich. Strecke meine Hände, meine Finger ganz weit nach dir aus. Und du fühlst es nicht. Ich rufe. Rufe laut. Rufe verzweifelt. Und du hörst es nicht.
Ja. Du sprichst. Ich weiß. Doch nicht zu mir.
Ja. Du hörst. Ich weiß. Doch nicht mich.
Ja. Ja. Und nochmals ja. Du fühlst. Ich weiß. Doch mich fühlst du nicht.

Mein Freund, gehe weiter. Wer weiß, wo dein Weg dich hinführen wird. Wandere auf der Straße. Wandere. Sieh nach vorn. Wer weiß, wer dort wartet. Aber wenn du sie, es, ihn erreichst, werde ich die Straße verlassen haben. Du wirst es kaum bemerken. Ich bin der unsichtbare Geist. Der Geist, der nach dir greift, der sich schreiend vor deine Füße wirft, dessen Finger durch dich hindurchgleiten, der dich nicht zu fassen bekommt. Ich bin das, was du abzuschütteln versuchst. Das, was dich am Gehen hindert., das bin ich. Ich bin das Echo in deinen Träumen, der leise Hall, der dich zögern lässt.
Zögere nicht. Zögere nicht mehr. Ich werde die Straße verlassen. In meinen Wald zurückkehren. Nicht mehr rufen. Nicht mehr fragen. Nicht mehr greifen. Nicht mehr mit dir wandern. Die Straße ist nicht meine Welt. Und du brauchst mich nicht.

Mein Freund, lebe wohl. Du kannst es weit bringen, auf deiner Straße. Vielleicht wirst du es nicht bemerken, dass ich fort bin. Vielleicht einfach nur schneller gehen. Vielleicht weinst du irgendwann eine Träne. Eine Träne für ein Echo, dessen Ursprung du nie gekannt hast.

Ich, ich schlage mich in die Büsche. Renne auf finsteren Pfaden. Schlendere singend durch die Wiesen. Träume auf weichem Moos. Verfange mich in Dornen. Suche Schutz in Höhlen oder unter hohen Bäumen. Schwimme im dunklen See. Verirre mich im Moor und jage mit den Wölfen. Ziellos. So mag es für dich scheinen. Nun. Es ist nicht deine Welt. Wie schade, dass du sie nie kennen gelernt hast.

Die Straße, sie spiegelt mich nicht.

Du siehst mich nicht.

Kannst mich nicht sehen.

Such mich nicht.

Ich war nur ein Echo.

Ein Echo in deinem Kopf.