Zwischenwelt(en)

30.11.2005 um 17:12 Uhr

SHT und ST der HWS

Und ein ordentlicher Muskelkater. Aua, ich glaube, der tut am meisten weh. Aber dafür bin ich krankgeschrieben und darf jetzt ein paar Tage mit ärtzlich angeordnetem Schonprogramm verbringen. Wie kam es dazu? Gestern morgen, gegen 6.30 Uhr. Ich bin schon ziemlich spät dran und muss mich dementsprechend beeilen. In die Pedale treten was das Zeug hält also. Nun ist es ja inzwischen sehr winterlich da draußen, was ich zugegebenermaßen nicht bedacht hatte. Witterungsangepasste Fahrweise sollte eben nicht nur für Autofahrer gelten. Und wie ich also in rasantem Tritt über den Gehweg hetze, hat mein Rad nichts besseres zu tun, als mich in einem Moment der Unachtsamkeit linksseitig abzuwerfen.  Noch im Flug denke ich mir: 'Jetzt nicht den Arm brechen.. jetzt nicht den Arm brechen.' Krach. Nein, den Arm habe ich mir nicht gebrochen. Dafür bin ich recht unsanft mit dem Kopf auf dem Pflaster gelandet. Zum Glück hat mich wohl niemand gesehen. Obwohl ich zugeben muss, dass mein Hinfaller dem legendären Kurvensturz von Mikael Rasmussen (wir erinnern uns: letztes Zeitfahren der diesjährigen TdF) sehr ähnlich war. Ein entsetztes "Oh mein Gott" einer spalierbildenden Menschenmenge am Straßenrand wäre also durchaus angemessen gewesen. Ich schweife ab. Zu Tode erschrocken liege ich also auf dem Fußweg, Fahrrad, Umhängetasche samt Bügelschloss auf mir. Scheiße! Und: Aua! Aber ich bin ja spät dran und kann mir langwieriges Herumliegen und Jammern nicht leisten. Kurz den Mantel abklopfen, den Hinterkopf auf Blut untersuchen, nichts finden und mit zittrigen Beinen wieder auf den Weg machen. In der Klinik angekommen entschuldige ich mich für meine dreckige Hose und möglicherweise im Laufe des Tages auftretende grobmotorische Ausfälle, ernte jede Menge verspätetes "Oh mein Gott" und mache mich fleißg an die Arbeit. Allerdings stehe ich den ganzen Tag irgendwie neben mir (weiter als üblich) und manches mal ist mir merkwürdig schwankschwindlig, so dass ich beschließe, nach Feierabend doch mal zum Arzt zu gehen.  Bzw. zur Ärztin. Die gute Frau empfängt mich sogar noch um 19 Uhr.. mit einem etwas abgeschwächten "Oh mein Gott".. und erzählt mir, wie riskant Fahrradfahren sei, und ganz besonders im Winter und dass sie schon so manches mal gedacht habe, hui, die Radfahrer leben aber gefährlich..  Ja. Hmmm, nein, Schmerztabletten brauche ich nicht, Danke. Mit Krankschreibung und Überweisung zum CT gehe ich nach Hause und lege mich wie befohlen ins Bett, um dieses heut morgen beizeiten wieder zu verlassen. In der Radiologie des hiesigen Krankenhauses angekommen, muss ich mir sagen lassen, dass es erst Termine für die nächste Woche gebe. Nicht doch! Irgendwie muss ich eine furchtbar leidende Figur abgegeben haben, plötzlich heißt es nämlich, ich solle Platz nehmen, man könne mich dazwischenschieben, ich müsse allerdings geduldig warten. Kein Problem! (Ich richte mich auf einen Vormittag in der Anmeldezone mit Apothekenrundschau und Prostata-Ratgebern ein). Aber was ist das? Nicht einmal 30 Minuten später darf ich mich auf die grüne Liege legen, meinen verbeulten Kopf in eine enge Kunststoffform pressen und werde in die Röhre geschoben. Das Ding gibt beängstigende Geräusche von sich. Es rauscht, piept und brummt und nebenher flackern lustige rote und grüne Lampen. Eine Computerstimme brüllt mich an: Einatmen, Ausatmen, nicht atmen............ (lange nichts)............. (immer noch nichts)............ (ich kann nicht mehr)............... (kurz vor der Bewusstlosigkeit)........... weiter atmen! Japs.. Ich nehme wieder in der Wartezone Platz, um 45 Minuten später mit der Ärztin mein Innenleben auf dem Rechner zu begutachten. Alle Knochen heil geblieben, keine Blutung, lediglich der oberste Halswirbel irgendwie verschoben. ??? Und das heißt? In den nächsten Tagen mal über ein MRT nachdenken, da könne man das genauer untersuchen. Also morgen nochmal zum Arzt, Überweisung holen und wieder ins Krankenhaus. Wie war das mit "viel liegen und ordentlich ausruhen"? Hmpf. Und das bedeutet auch, dass ich morgen bei der Beerdigung nicht dabei sein werde. Ich glaube, so werd ich das nie wirklich realisieren..

25.11.2005 um 21:30 Uhr

Ich brauche dringend..

.. ein Gerät zum Unterwegsmusikhörenkönnen.  Ich fahre jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit. Eine halbe Stunde hin, eine weitere halbe zurück. Und heute ist mir wieder einmal aufgefallen, dass diejenige Sinnesmodalität, die meine Frustrations-Aggressionsschwelle bedrohlich schnell sinken lässt, zweifelsfrei das Hören ist. Heut Nachmittag also. Ich habe zwei Stunden eher Schluss, bin trotzdem müde und aufgrund der letzten Tage ohnehin in seltsamer Stimmung, egal. Hetzend gelange ich zum Bahnhof, der Bahnsteig voll von Menschen (egal zu welcher Tageszeit.. da sind Massen unterwegs - immer!!). Ich suche mir einen gemütlichen Stehplatz.. zwischen einem anzugtragenden Aktenkofferhalter und einem Pärchen ganz in schwarz und ganz verliebt. 5 Minuten warten. In diesen 5 Minuten darf ich einem ununterbrochenen und dabei lautstarken Schmatzen und Küssen und Liebkosen beiwohnen.. wäre diese Wartestelle nicht die Garantie für einen Sitzplatz, ich hätte die Flucht ergriffen. Warum diese Lärmbelästigung? Kann man sich seine Zuneigung nicht auch lautlos bekunden? Grmpf. Der Zug rollt ein. Ich schlängle mich durch Pendlermengen zu einer freien Bank und mache es mir gemütlich. Zwei Stationen später steigt eine Frau in mittlerem Alter ein und nimmt schräg gegenüber Platz. Und schnieft. Nein, das ist zu harmlos ausgedrückt. Sie zieht ihre Rotze hoch. Permanent. Ekelhaft. Ich bin kurz vorm Ausrasten und stehe vor der Entscheidung: Taschentuch anbieten und in der Klinik antrainierte soziale Kompetenz unter Beweis stellen, oder neuen Sitzplatz suchen. Drei Haltestellen innerer Kämpferei später greife ich meine Tasche und verlasse hochexplosiv geladen das Abteil. What a Glück, da ist ja sogar ein Sitz am Fenster. Und auch noch vorwärts. Prima. Ich lehne meinen Kopf an die Scheibe, mache die Augen zu und freue mich über meinen Fluchtentschluss, als ich es hinter mir räuspern höre. Nein, nein, nicht ein einfachen Räuspern. Sondern eines mit System. Rhythmisch. Und regelmäßig, auch mitten im gesprochenen Satz. Während "--" ein langezogenes Kehlkopfbrummen und "." ein abschließendes kurzes Abhusten lautsprachlich verdeutlichen soll, kann man sich das Gesamtklangmuster dieses Räusperns in etwa so vorstellen: --------------- .. Ja, ganz toll. In meiner Phantasie war ich bereits zur Mörderin mutiert. Wie sehr hab ich mir Kopfhörer herbeigewünscht. Meine Laune auf dem Nullpunkt. Nächste Woche geh ich in den Mediamarkt. Hab zwar keine Ahnung, was es da für Geräte gibt, aber Abhilfe ist notwendig, und zwar dringend!

Und sonst? Hab ich immer noch nicht geweint. Und wundere mich über mich selbst. Dafür bin ich während eines Telefonats mit meinem Schreiberling gestern knapp an einer Panikattacke vorbeigerutscht. Gruselige Alpträume. Was ist eigentlich schon wieder los mit mir? Die letzten Wochenenden waren der Hass... schlechte Laune, Antriebslosigkeit, Langeweile aber keine Lust auf Unternehmungen. Endzeitstimmung, Frustration, Ängste, abstruse Gedanken. Soweit die Symptome. Die Patienten haben mich doch nicht etwa angesteckt? Nein, ausgeschlossen... denn auf Arbeit geht es mir gut. Ich brauche wieder soziale Kontakte. Das ist sicher. Aber gar nicht so einfach. Weil Müdigkeit. Gäääähn. Irgendwas muss sich ändern. Aber ganz schnell. Und wenn es erstmal ein MP3 Player ist...

24.11.2005 um 19:20 Uhr

Opa..

Heut im Laufe des Vormittags ist mein Opa gestorben. Jetzt lebt keiner von meinen Großeltern mehr. Vielleicht dauert es ne Weile, bis so eine Nachricht im emotionalen Zentrum des Gehirns ankommt, geweint hab ich bishher jedenfalls noch nicht. Machs gut, Opa, und grüß mir Omi ganz lieb! Und mischt den Himmel ordentlich auf!

14.11.2005 um 20:29 Uhr

"Es geht mir gut..."

Manche Geschichten aus der Klinik nehme ich rein kopftechnisch mit nach Hause. Die einer Frau zum Beispiel, die bei jeder Visite sagt, dass es ihr gut gehe, ansonsten aber beharrlich schweigt. (Sie ist so unsichtbar im Stationsalltag, dass es beinah unheimlich ist) Therapeutischer Zugang? In diesem Fall ein Ding der Unmöglichkeit. Oder die einer älteren Dame. Ich habe sie heute im Treppenhaus dabei überrascht, wie sie wie in Trance in den Blumentöpfen wühlte, um kleine Ableger von den Pflanzen abzureißen.. sie sagte, sie wolle sie neu einpflanzen, und ich frage mich immer noch: wohin denn eigentlich? Oder die Geschichte eines jungen Mannes, noch nicht einmal 30 Jahre alt, der hat Sachen durch, das machen manche in drei Leben nicht mit. Ich muss schon zugeben, dass mich sein "Schicksal" irgendwie besonders berührt. Vielleicht, weil er einer von den Patienten ist, mit denen ich mich intensiver beschäftigt habe. Vielleicht aber auch, weil er einfach nur sehr sympathisch ist, und ich in seiner Gegenwart die Willkür jeglicher (in diesem Fall natürlich vorrangig psychischer) Erkrankungen als besonders ungerecht empfinde. Tja, und nicht zuletzt die eines Mädchens, mit der ich persönlich noch kein Wort gewechselt habe, allein aus der Befürchtung heraus, ich könnte nichtmal ansatzweise den Schein von professioneller Distanz aufrecht erhalten. Der Grund? Sie liest die Bücher, die ich liebe und malt Bilder, die ich selbst vor ein paar Jahren noch gemalt habe. Es ist so schwierig, eine Grenze zu ziehen... zum Glück ist das (noch) nicht meine Aufgabe.

12.11.2005 um 19:48 Uhr

manisch, hypomanisch, wahnhaft...

Ich bin umgezogen! Nagut, zumindest mein Rechner. Der steht jetzt nämlich auch oben auf dem Hochbett... das bedeutet, theoretisch fehlt mir nur noch ein Chemie-Klo und ich bräuchte meine zweite Etage gar nicht mehr zu verlassen. Schööön. Theoretisch wie gesagt. Praktisch stehe ich immer noch jeden Morgen um 5.30 Uhr auf, verlasse eine Stunde später die Wohnung und kehre mit annähernd zuverlässiger Regelmäßigkeit um 17.30 Uhr in diese zurück. Und mir gefällt's. Ja, in der Tat, die letzte Woche war gut zu tun, die meisten Kollegen werden immer sympathischer und inzwischen hab ich auch sämtliche Patientennamen im Kopf. Na, wenn das kein Fortschritt ist. Kommende Woche ist meine "Mentorin" im Urlaub, was die Stationsärztin zum Anlass nahm, mir die Verantwortung für 3 Patienten aufs Auge zu drücken. *hüstel* Entschuldigung? Sie haben das möglicherweise vergessen, aber ich bin da die studentische Praktikantin. Ich habe weder einen Abschluss noch eine therapeutische Ausbildung! Wollte da nur nochmal dran erinnern! Hmmpf. Vertrauensvorschuss ist ja gut und schön, aber ich habe ein bisschen das Gefühl, das war der Vorrat für ein ganzes Jahr. Zum Glück ist heute erst Samstag (mein Samstag!!), da muss ich noch nicht dran denken. Stattdessen hoffe ich auf Post, von der ich weiß, dass sie nicht kommen wird. Nicht mehr heute. Idiotie auf ganzer Linie! Oder einfach nur das Leben in einer Zwischenwelt. Mit eigenen Gesetzen und so. Da gehört Schwachsinn wohl einfach dazu.

Um mal wieder auf meine vernachlässigten Kategorien zurück zu kommen.. Zu den Dingen, die ich gelernt habe.  Das sind meine aktuellen Lieblingswendungen: "intelligenzgemindert", "distanzgemindert" und "gut führbar", wobei sich mir noch nicht erschlossen hat, was denn "gut führbar" eigentlich zu bedeuten hat.  

06.11.2005 um 15:15 Uhr

Der Rest

Nun ist es ja so, dass meine liebgewonnene Freizeit in ihren Ausmaßen zwar beschnitten, aber eben nicht völlig verschwunden ist. Das heißt, ich habe natürlich weiterhin auch ein Leben außerhalb der Klinikmauern (ha, wie passend doch in diesem Zusammenhang... egal) Ja, und dieses Leben gefält mir außerordentlich gut. Die Fakten.

B. ist in der Stadt. Ich kam am Dienstag nach Hause und entdeckte auf meinem Schreibtisch eine große weiße Lilie (Frauen wissen eben, dass Rosen nicht alles sind, was die Welt der Flora so hergibt). Allerdings vermutete ich trotzdem zunächst J. als Urheber dieser blühenden Überraschung. Falsch gedacht. B. ist hier, zwei Tage früher als angekündigt und die Freude darüber groß. Auch wenn wir nur verhältnismäßig wenig Zeit miteinander verbringen konnten.

Mein Halbweltler und ich arbeiten gemeinsam an einer Geschichte. Wir schreiben die Kapitel abwechselnd. Jeder gestaltet seinen Hauptdarsteller nach seinen Ideen und der Lauf der Dinge ist völlig offen. Ein Experiment also. Eines von den guten.  

A. und ich haben Freitag lange telefoniert. Ich mach mir Sorgen um ihn.

Die Sache mit A II... ich glaube, verschiedener können zwei Menschen nicht sein. Er und ich... nee, inzwischen liegt das jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich muss mir da was einfallen lassen. Sozusagen das Ruder rumreißen, bevor das in die falsche Richtung geht. Noch ist ja gar nix passiert, das mag wohl sein, aber ich hab so das Gefühl, sein Verhalten ist weniger absichtslos als meins. Blöderweise hab ich da auch noch ein weiteres Gefühl. Dass nämlich eine bedingungslose Offenheit im Sinne eines entspannten Gesprächs unter Erwachsenen (ja, da musste ich grad selber lachen) zwischen uns nicht möglich ist. Er schlüpft in die Rolle des aufgesetzt gutgelaunten Entertainers, der meint, mit ein bisschen Zu- und Überreden kriegt er die Frau schon weichgeklopft. Überreden (zu was auch immer) ist der Abtörner schlechthin. Weil man Bitten und Betteln selten etwas adäquates entgegenzusetzen hat. Weil der Gegenüber ein ganzes Stück an Ansehen einbüßt. Oder weil es einfach nervt, keine Ahnung.

Kaffee ist fertig. Danke mein Lieblingsmitbewohner!

06.11.2005 um 14:06 Uhr

griechischer Weeein...

la la la... Ich war gestern auf einer Schlagerparty und habe noch immer das Flackern der billigen Disco-Spots vor Augen, das Gegröhle der wippenden Menschenmassen im Ohr und den Rhythmus im Blut.. sowieso. War in der Tat ne witzige Veranstaltung, jenseits des guten Musikgeschmacks zwar, aber für ein wochenendliches Anspannungsabreagieren bestens geeignet. Anspannung? Aber ja, ich gehe doch arbeiten (!!) Wie isses denn so? Na sagen wir mal so, abgesehen davon, dass ich im Dunkeln aus den Federn krieche und 12 Stunden später im Dunkeln wieder heim komme, könnte es ne gute Sache werden. Natürlich jede Menge Neuland, das es zu betreten gilt. Viel Verantwortung und vor allem Eigeninitiative. Konfrontation mit Dingen, die ich bisher mehr oder weniger geschickt gemieden habe. "Da musst du durch, aber das wirst du schon schaffen." Ja, werde ich. Noch bin ich da also recht zuversichtlich. Muss mich an die Rolle "auf der anderen Seite" erst gewöhnen, und das funktioniert wohl nicht innerhalb von 4 Tagen. Eine Erkenntnis hat mich jedoch schon innerhalb dieser ersten Woche eingeholt: Das Studentendasein ist, zumindest, was die viele frei einteilbare Zeit angeht, eine verdammt luxuriöse Angelegenheit. Nicht lange her, da hab ich mich nach dem Ende des Studiums gesehnt. Arbeiten, arbeiten, arbeiten! So schnell wie möglich! Pffffffff.. Unglaublich, wieviel organisatorisches Geschick es erfordert, die paar Stunden, die man dann für sich hat, möglichst sinnvoll auszufüllen. Man kommt ja zu nix mehr! Und so sieht also der Rest des Lebens aus? Bei der Vorstellung wünsche ich mich doch glatt ins erste Semester zurück..