Das Wasser, die Sonne und die Familie haben mir gut getan - ich sähe tatsächlich erholt aus, habe ich mir am Montag im Laden desöfteren anhören dürfen. Ansonsten gibt es wenig über meinen Urlaub zu berichten. Außer, dass ich mich nach mehr oder minder erfolgreichen Bodyboard-Experimenten, einigen Shoppinganläufen und jeder Menge Erdbeerlimes mit Sekt nach neun Tagen wirklich wieder auf zu Hause gefreut habe.
Und sonst so?
Am Freitag vor meiner Abreise war er zu Besuch. Film gucken, Musik hören, Schwachsinn reden. Was man eben so macht, wenn man einander nicht kennt, und diesen Umstand recht bald zu ändern wünscht. Die physische Fremde war tatsächlich schnell überwunden, und in einem Anfall plötzlicher Geständigkeit teilte er mir ca. zwanzig Minuten vor meinem Dienstbeginn mit, dass er seit achtzehn Monaten liiert sei. Ich solle nicht böse sein, er fühle sich zu mir hingezogen und er habe mich so gern und… ich weiß nicht, er hörte gar nicht mehr auf zu reden.
Eigentlich sollte man annehmen, dass mich seine Eröffnungen in tiefe Traurigkeit hätten stürzen müssen. Hm, das kann ich verneinen. Im Gegenteil. Da aufgrund rationaler Dämme und hin und her überlegter Rückhaltebecken die Welle der anfänglichen Verliebtheit ziemlich bald zu einem mittleren Plätschern geworden ist, hatte seine Offenbarung irgendwie etwas sehr befreiendes. Denn sollte es irgendwann um irgendwelche Entscheidungen gehen, so bin ich bestimmt nicht diejenige, die sie zu fällen hat.
Vielleicht hat sich meine sittliche Denke im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre grundlegend gewandelt, vielleicht hat die Situation auch wenig mit Moral und Anstand zu tun, ein schlechtes Gewissen suche ich bei mir jedenfalls vergeblich. Weder seiner Beziehung (das wär ja noch schöner, mich dessentwegen stellvertretend schlecht zu fühlen) noch meinem Selbstbild gegenüber.
Passend dazu hatte ich gestern ein recht aufschlussreiches Gespräch mit Kollegenfreund S. über diese Thematik. Im weitesten Sinne allerdings. "Ich sag den Frauen, was Phase ist. Solange man einander nichts vormacht, und jeder weiß, woran er ist, ist die Geschichte doch unproblematisch." Fronten beizeiten klären also. Das könnte mit ihm noch interessant werden. Während ich für mich nämlich inzwischen Stellung bezogen habe, hagelt es von ihm immer noch "Ich hab Dich lieb, ich vermisse dich so" -sms. Ich werde mal horchen, wie er sich die Sache so vorstellt. Allerdings erst, wenn er aus dem Urlaub mit seiner Freundin zurück ist.